20.11.2014

Globalisierung: Lokale Produktion ist rückschrittlich

Essay von Colin McInnes

Produkte aus der Region und Energieerzeugung im eigenen Dorf sind so beliebt wie nie. Warum lokale Produktion nicht unabhängig macht, sondern gesellschaftlichen Rückschritt bedeuten. Menschlicher Wohlstand braucht weltweite Arbeitsteilung und billige Energie

Meine beiden jüngsten Söhne verbrachten einen vergnüglichen, wenn auch feuchten Sommer damit, sich um zwei Tomatenpflanzen zu kümmern. Eigenes Gemüse anzubauen war eine interessante Ablenkung, die ihnen eine Menge darüber beibrachte, wie unser Essen mit dem Boden, auf den wir alle angewiesen sind, zusammenhängt.

Glücklicherweise können sich meine Kinder auf viele weitere Jahre Bildung freuen. Die Nahrungsmittelproduktion ist heute in einem so großen Maßstab organisiert und wird mit kohlenwasserstoffbetriebenen Maschinen betrieben, dass menschlicher Arbeitskraft dabei nur noch eine relativ gering Rolle zukommt. Im Gegensatz zu früheren Generationen oder Menschen, die in Entwicklungsländern für den Eigenbedarf Ackerbau betreiben, wurden wir durch die moderne Agrarindustrie von den Mühen des Landlebens weitestgehend befreit.

In den Industrieländern hat diese Befreiung durch Produktionsüberfluss und den globalen Handel von Gütern und Dienstleistungen zu weitläufiger Arbeitsteilung und allgemeinem Zugang zu Bildung und moderner Medizin geführt. Das ist die Grundlage unseres heutigen Wohlstands. Aber um eins klar zu stellen: Wohlstand muss sich nicht bloß ums Konsumieren drehen. Es geht auch darum, über die Ressourcen zur Verbesserung des Menschseins zu verfügen. Krankenschwestern und Lehrer können nur deswegen ihrem Beruf nachgehen, weil andere für ihre Nahrung, Energie und andere materielle Güter sorgen.

„Lokalismus bedeutet letztlich den gesellschaftlichen Rückschritt in Subsistenzwirtschaft und Armut“

Während erhöhter Energieverbrauch und globaler Handel vielen Menschen auf dieser Erde höhere Lebensstandards ermöglichen, fordern einige die Rückkehr zu regionaler oder lokaler Produktion. So gelten der Anbau eigener Lebensmittel im Garten, die Energieversorgung durch Windräder auf dem Dach und die Herstellung von Verbrauchsgütern in Eigenarbeit als Lösung für eine Reihe aktueller Wirtschafts- und Umweltprobleme. Letztlich würde dies aber einen gesellschaftlichen Rückfall in Subsistenzwirtschaft und Armut bedeuten. Schließlich ist Subsistenz, also alle Anstrengung in sein Überleben zu stecken, die Definition von Armut.

Rückschritte hin zu regionaler Produktion sind nichts Neues. Während des „Großen Sprungs nach vorn“ im China der späten 1950er-Jahre mussten Menschen Stahl in kleinen Gemeinschaftsöfen herstellen. Das Resultat war nutzloser Stahl von geringer Qualität und die massive Fehlzuweisung ökonomischer Mittel. Selbst als Mao persönlich das Scheitern einsah, wurde das Programm noch fortgesetzt, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf „nationale Bedürfnisse“ zu lenken.

Politiker, die fordern, zu lokaler Energieerzeugung zurück zu kehren, reihen sich in dieses Denken ein. Große Energieunternehmen seien der Feind, deren Tyrannei wir offenbar nur durch Selbstversorgung entkommen könnten. Auf den ersten Blick wirkt lokale Energieproduktion reizvoll. Wie Maos Hinterhofschmelzen soll sie durch eine unmittelbare Verbindung zu den Produktionsmitteln unser Bewusstsein verändern. Das britische Ministerium für Klima und Energie unter seinem ehemaligen Leiter Chris Huhne wusste etwa ganz genau, wie wenig Sinn lokale Energieproduktion ökonomisch macht, förderte sie aber trotzdem, weil sie „Menschen Macht verleiht“ und „als Hebel für Verhaltensänderungen benutzt werden“ [1] kann. Einige mögen sich vielleicht mächtiger fühlen, doch dafür werden alle anderen ärmer.

„Einspeisevergütungen für lokale Energieproduktion führen zu einer rückschrittlichen Umverteilung von Arm zu Reich“

So erhalten zum Beispiel kleine, auf dem eigenen Hausdach montierte Windräder eine Einspeisevergütung von 43 Cent für eine Einheit erzeugten Stroms, auf 25 Jahre plus Inflationsausgleich garantiert. Der Durchschnittspreis in der Stromproduktion lag 2009 jedoch bei 5 Cent pro Einheit. Windrad-Besitzer können ihren überschüssigen Strom also für fast zehnmal mehr verkaufen, als dieser tatsächlich wert ist. Selbst zur Erreichung des Ziels, Kohlenstoff aus der Energieproduktion zu verbannen, ist dies drastisch überteuert und ineffektiv.

Einspeisevergütungen für lokale Energieproduktion werden zu einer wenig fortschrittlichen Umverteilung von Arm zu Reich führen, da die Kosten gleichmäßig auf alle Verbraucher verteilt werden. Um an einem Windrad zu verdienen, muss man nämlich erst mal ein Dach besitzen und das Geld für den Erwerb der Anlage.

Diese Art der lokalen Energieproduktion mag zwar Menschen mehr Macht verleihen, doch ohne großzügige Konsumenten und die Unterstützung durch Einspeisevergütungen, die von einer produktiven Wirtschaft finanziert werden, funktioniert sie nicht. Wie bei der Landwirtschaft kann effiziente Energieproduktion nur in großem Maßstab erfolgen. Dies wird erreicht durch die Kooperation vieler Menschen und große Energieversorger, die Wärmekraftwerke mit immenser Energiedichte oder riesige Offshore-Windparks errichten.

„Das Goldene Zeitalter der regionalen Produktion hat es nie gegeben.“

Natürlich können sich Menschen mit heimischen Windrädern zu ihrer scheinbaren Autarkie gratulieren. Sie sind jedoch vollkommen abhängig von internationalen Halbleiter-Herstellern, Produzenten von thermoplastischen Rotorblättern, chinesischen Bergarbeitern (für Neodym-Eisen-Bor-Magneten) und der Ölindustrie, die die Tanker antreibt, die die einzelnen Teile transportieren. Es gibt absolut nichts Regionales oder Autarkes an einer modernen Windkraftanlage.

Beunruhigender Weise glauben viele Menschen, durch diese neue Form des Lokalismus allen Problemen, von Klimawandel bis zum globalen Ölfördermaximum (dem Zeitpunkt, an dem die Nachfrage nach Öl das Angebot weit übersteigt) entkommen zu können. Sie argumentieren, dass je dichter wir uns dem Ölfördermaximum annähern, die Kosten des internationalen Transports rapide steigen und internationaler und sogar regionaler Handel zusammenbrechen werden. Um diese bevorstehende Krise zu überstehen, müsse man vorsorgen, durch Schaffung widerstandsfähiger Gemeinschaften, die sich zu großen Teilen selbst versorgen können und mit drastisch gesenktem Energieverbrauch auskommen. Solche Initiativen zur Senkung des Energieverbrauchs von Gemeinschaften treten immer öfter in Erscheinung, teilweise inspiriert durch die Transition-Town-Bewegung.

Die Transition-Town-Bewegung kann man als harmloses Hobby von Menschen mit zu viel Freizeit abtun. Eine Gefahr entsteht jedoch dadurch, dass Personen mit Macht und Einfluss die zu Grunde liegende Philosophie übernehmen. Ihre Vision lokaler Produktion besteht aus einer nachhaltigen Gesellschaft der ewigen Bauernmärkte. Für manch einen bedeutet dies einen willkommenen Rückzug von den Herausforderungen der Moderne in ein sagenhaftes Goldenes Zeitalter – das es tatsächlich nie gegeben hat. Diese zukünftige nachhaltige Energiespar-Gesellschaft soll eine Neuerfindung einer landwirtschaftlichen Idylle sein, aber mit Internetanschluss und moderner Medizin. Doch das ist naiv und gefährlich. Eine Gemeinschaft, die mit ständiger Energieknappheit abgeschnitten vom regionalen oder internationalen Handel lebt, würde sich in Windeseile zurückentwickeln. Die Lebenserwartung würde sinken und die Jugend würde Ackerbau betreiben, statt zur Schule zu gehen.

„Dass Lokalismus widerstandsfähig mache, ist ein Irrtum“

Ohnehin besteht keine Knappheit qualitativ hochwertiger Energie. Während die Ölproduktion in den nächsten Jahrzehnten wohl abnehmen wird, nehmen die Erdgasreserven stark zu, da innovative Tiefbohrtechnik es uns ermöglicht, Schiefer- und Grundgestein zu nutzen. Erwartungen zufolge wird Schiefergas eine wichtige neue Quelle kohlenstoffarmer Energie, die im Transport Öl fast eins zu eins ersetzen kann, besonders bei Flottenfahrzeugen. Viele Länder, wie etwa Pakistan und Argentinien, nutzen bereits komprimiertes Erdgas für den Antrieb konventioneller Verbrennungsmotoren. Dazu kommen Uran und riesige Mengen ungenutzten Thoriums, die uns bis in ferne Zukunft mit billiger und sauberer Energie versorgen können – selbstverständlich nur, wenn wir uns auch trauen sie zu nutzen.

Ebenso ist es ein Irrtum, dass Lokalismus widerstandsfähig mache. Für eine Inselgemeinschaft, die keinen regionalen oder internationalen Handel betreibt, sind Ernteausfälle durch Unwetter eine ständige Bedrohung. Das veranschaulichen Entwicklungsländer oft genug. In einer globalen Gemeinschaft muss wegen örtlicher Ernteausfälle niemand sterben, weil Nahrung im Austausch für andere Güter und Dienstleistungen erworben werden kann. In Zeiten des Überflusses können Überschüsse verkauft werden, und Defizite werden auf lange Sicht ausgeglichen. Die Gemeinschaft ist durch Welthandel vor den Launen der Natur sicher. Während eine isolierte Gemeinschaft nur den eigenen Getreidespeicher hat, um Hunger und Überfluss auszugleichen, steht einem Land, das Handel treibt, die ganze Welt zur Verfügung.

Noch wichtiger: Lokalismus schottet eine Gemeinschaft von Neuerungen ab. Lokale Produktion genügt nicht für hochkomplexe Produkte wie Röntgengeräte, Impfstoffe, Insulin oder selbstverständlich gewordenen Luxus wie etwa Lokalanästhesie in der Zahnmedizin, ganz zu schweigen von Solarzellen für gemeinschaftliche Energieproduktion.

„Wem die Menschheit etwas bedeutet, der weiß die Globalisierung als Ausdruck gemeinsamer menschlicher Werte zu schätzen.“

Lokale Produktion und Initiativen wie die Transition-Town-Bewegung sind nicht die Zukunft, sondern bieten nur eine verklärende Sicht der Vergangenheit. Unsere bäuerlichen Vorfahren waren vielleicht stärker mit der Erde verbunden, aber sie sind früher gestorben, haben wenig Zeit mit Bildung und viel Zeit mit Arbeit verbracht und sind selten weit von ihrem Geburtsort gereist. Außerdem haben sie das Land und die Naturressourcen nur sehr ineffizient genutzt. Zu einer wirklich fortschrittlichen Zukunft gehört mehr billige, saubere Energie und technische Innovation, die menschliche Bedürfnisse von den Zwängen unserer Umwelt befreit.

Im Kern ist Lokalismus eine selbstgefällige Form von Eigennutz. Eine autarke Gemeinschaft braucht sich nicht um die Bedürfnisse und Interessen anderer zu kümmern und beteiligt sich nicht an übergreifenden Vorhaben der Menschheit. Wem die Menschheit und ihre gemeinsame Zukunft etwas bedeutet, der weiß die Globalisierung in ihrer breitesten Definition als Ausdruck gemeinsamer menschlicher Werte zu schätzen.

Wir sollten diese neuen Formen des Lokalismus ablehnen. Wir sollten genauso wenig daran interessiert sein, unser eigenes Essen anzubauen oder unsere eigene Energie zu erzeugen, wie wir unseren eigenen Stahl produzieren wollen. Wenn wir die Energie den Energieversorgern und die Nahrung den effizienten Großbauern überlassen, können wir die Produkte beider genießen und gleichzeitig unzähligen anderen produktiven Aufgaben nachgehen, um so wachsenden Wohlstand für alle zu gewährleisten.