21.08.2026

Zur Psychologie der Pandemiekrise (2/2)

Von Boris Kotchoubey

Wir leben in einer quasiperfekten Gesellschaft, finden linksautoritäre Kreise. Auch deshalb war Kritik an der Corona-Transformation ungern gesehen. Es gibt dazu Alternativen, aber auch ungeeignete.

Im Teil I haben wir einige bekannte sozialpsychologische Mechanismen der immer noch nicht aufgearbeiteten Pandemiekrise erwähnt, die das Verhalten der Menschen in dieser Krise teilweise erklären können – aber nur teilweise. Denn diese Mechanismen besitzen eine hohe Stabilität besitzen (wie es für alle Mechanismen gehört, die von der Wissenschaft beschrieben werden), während das Verhalten von Menschen in ähnlichen Krisensituationen sehr stark variiert. Was wir im Westen während der Covid-Pandemie beobachtet haben, wäre z.B. während der großen Influenza-Pandemien 1957/58 und 1968-70 unvorstellbar gewesen. Was unterscheidet dann die gegenwärtige Lage von denjenigen, die nur wenige Jahrzehnte zurückliegen?

Die Falle der quasiperfekten Gesellschaft

Rechtsautoritäre Ideologien verteufeln jede Art revolutionäre Bewegung, jeden Widerstand gegen die staatliche Ordnung, denn der Staat ist (nach Hegel) die höchste Einheit der Freiheit, des Wissens und des Wollens und die bestmögliche Verkörperung des absoluten Geistes. Nicht nur ein aktiver Widerstand gegen die staatliche Macht, sondern auch eine Kritik daran ist aus dieser Sicht eine Sünde.

Anders bei linksautoritären Ideologien. Diese verklären den Widerstand gegen den (wie sie oft sagen, „potenziell faschistischen“ oder jedenfalls „reaktionären“) Staat, rühmen alle Rebellen und Aufrührer der Vergangenheit, besingen die revolutionären Bewegungen, rechtfertigen ihre Gewalt selbst dann, wenn offensichtlich nicht nur Vertreter der herrschenden Klassen, sondern auch unschuldige Menschen dieser Gewalt zum Opfer fielen. In diesem Narrativ sind alle Revolutionäre Helden und alle Kritiker der sozialen Ordnung die Vordenker des Fortschrittes – allerdings mit einer Ausnahme. Diese Ausnahme ist die Gegenwart. Wer auch immer in der Geschichte die staatlichen Gewalten bekämpft hat, war ein Held, aber wer dies jetzt tut, ist ein Verbrecher. Die Fähigkeit zur Gesellschaftskritik war immer das ausgezeichnete Merkmal hochrangiger Geister, aber wer heute eine solche Kritik ausübt, ist entweder dumm oder ein Agent feindlicher Kräfte. Die Auflehnung gegen die staatliche Macht war früher gut, weil diese Macht böse war; heute ist sie dagegen böse, weil der Staat gut geworden ist.

Dieser ideologische Spagat gelingt dem linksautoritären Narrativ dadurch, dass es die jeweils aktuelle Gesellschaft als „quasiperfekte Gesellschaft“ definiert. Das Präfix „quasi“ ist nötig, weil es in jeder menschlichen Gesellschaft Probleme und Konflikte gibt, weshalb kein Politiker die Behauptung wagt, unter seiner Regierung sei alles bereits jetzt vollständig und vollendet. Es wird aber gesagt, dass wir jetzt auf dem sicheren Weg zu diesem perfekten Zustand fortschreiten. So wurde in den von Kommunisten regierten osteuropäischen Ländern niemals behauptet, dass der angestrebte Kommunismus schon da sei, sondern dass er sich im erfolgreichen Bauvorgang befinde.

„Der spezielle und ausufernde Minderheitenkult sollte die Tatsache hervorheben, dass die Mehrheit in diesem quasiperfekten Staat keine Probleme mehr habe.“

Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Lagers konnte leicht der Eindruck entstehen, dass nun die westliche Gesellschaft „quasiperfekt“ wird. Die theoretische Grundlage dafür (wie Marx und Engels für den Kommunismus) bildete das Konzept vom „Ende der Geschichte“ von Francis Fukuyama. Obwohl spätestens nach dem 11. September 2001 jedem klar geworden sein müsste, dass dies Quatsch ist, und dass wir von einem Ende der Geschichte so weit entfernt sind wie schon immer, bleibt die These nach wie vor toppopulär, und Fukuyama, dessen Prognosen sich so gut wie immer falsch erweisen, bleibt trotzdem ein Guru der politischen Philosophie. Die enorme Attraktivität der These vom Ende der Geschichte liegt selbstverständlich an deren logischen Folge, dass die gegenwärtigen Eliten nun für ewige Zeiten Eliten bleiben werden, da keine weitere Entwicklung möglich ist, die zu einem Elitenwechsel führen könnte.

So wie die kommunistischen Machthaber im Ostblock bereit waren zu akzeptieren, dass es „einzelne Probleme“ immer noch gibt, die aber „das Wesentliche“ keineswegs in Frage stellen, akzeptieren auch heute die Politiker im Westen die „restlichen Mängel“ u.a. im Umgang mit den Minderheiten. Diese Probleme und Mängel werden immer interpretiert als Reste der vergangenen, ungerechten sozialen Strukturen, die leider immer noch nicht vollständig überwunden werden. Niemals darf man vermuten, dass Probleme und Schwierigkeiten in der gegenwärtigen quasiperfekten Gesellschaft entstehen; nein, sie sind nur die Erbschulden der früheren, nicht perfekten Gesellschaftsformen. Die logische Folge dieser Einstellung ist der „Kampf gegen rechts“, denn rechts bedeutet „konservativ“, also steht jeder Rechte für die Bewahrung und für das Weiterleben der sozialen Mängel, unter denen wir leiden. Der Rechte muss deshalb mit allen Mitteln bekämpft werden.

Der spezielle und ausufernde Minderheitenkult sollte die Tatsache hervorheben, dass die Mehrheit in diesem quasiperfekten Staat keine Probleme mehr habe. Sie habe schon einen quasiparadiesischen Zustand erreicht, nur die kleinen Minderheiten brauchen noch Beihilfe. Wir sollten nicht den Denkfehler begehen, die Sorge um Minderheitenrechte als soziale Selbstkritik zu verstehen. Im Gegenteil weist die tägliche Bestürzung über die Tatsache, dass immer noch zu wenige Frauen Top-Gehälter verdienen, darauf hin, dass unsere Gesellschaft (und v.a. die Millionen Frauen: Arbeiterinnen, Kleinangestellten, Bäuerinnen, Putzkräfte, die sowieso nie im Leben von einem Top-Gehalt träumen konnten) keine größeren Probleme habe als dieses. Es ist keine Selbstkritik, sondern Selbstbeweihräucherung.

Man merke, dass ein rechtsautoritärer Staat im Gegensatz zum linksautoritären eine solche Idealisierung nicht braucht. Im rechtsautoritären Narrativ ist die staatliche Ordnung an sich schon ein hoher Wert. Diese Ordnung muss also nicht quasiperfekt sein, denn sie ist gut per se, gut wie sie ist, und sogar mit allen Mängeln und Schwierigkeiten ist sie doch viel besser als ihre Alternativen, die schließlich im sozialen Chaos münden. „Alle staatliche Autorität kommt von Gott, und jede Regierung ist von Gott eingesetzt. Dem Staat den Gehorsam zu verweigern, heißt also, sich der von Gott eingesetzten Ordnung zu widersetzen“ (Römerbrief 13).

„Weil wir schon im ‚besten Deutschland aller Zeiten‘ leben, kann jede Veränderung nur zum Schlechteren sein.“

Dagegen beginnt das linksautoritäre Narrativ mit der Geschichte von einem menschenunwürdigen Staat, dem man keinen Gehorsam schenken sollte. Den haben die linken Helden niedergeworfen oder so radikal reformiert, dass er seine raubtierische Natur verliert und nun zum Segen für alle Bürger wird. Dies erklärt, warum radikale Kritiker in linksautoritären Staaten oft stärker verfolgt werden als in rechtsautoritären. Wenn die gegenwärtige soziale Ordnung so nah am Ideal liegt, ist jede radikale Opposition1 per Definition schlimm, sie kann nur den von den regierenden Politikern errichteten ‚Garten Eden‘ zerstören. Weil wir schon im „besten Deutschland aller Zeiten“ leben, kann jede Veränderung nur zum Schlechteren sein.

Typisch ist deshalb für alle linksautoritären Ideologien die Psychiatrisierung Andersdenkender. Da der erreichte Zustand quasiperfekt ist, muss man verrückt sein, um das erhellende Licht nicht zu sehen. Das war die Logik der berüchtigten sowjetischen Strafpsychiatrie: Die Vorteile des Sozialismus sind für jeden geistig Gesunden dermaßen offensichtlich, dass jeder, der sie anzweifelt, eine psychiatrische Behandlung braucht. Ähnlicherweise wird in den US-amerikanischen Universitäten schon seit Jahrzehnten gepredigt, dass die Postulate der linken Ideologie (z.B. „wenn es so weiter geht, steht eine ökologische Katastrophe unmittelbar bevor“) für jeden normalen Menschen offensichtlich sind. Deshalb weist jeder, der an diese Postulate nicht glaubt, eine pathologische Persönlichkeitsstruktur oder sogar bestimmte Defekte im Hirnstoffwechsel auf. Dies betrifft die meisten Wähler der Republikanischen Partei und schon sowieso alle Trump-Wähler.

Im Vergleich mit dem „quasiperfekten“ sozialistischen Staat hat allerdings die westliche Gesellschaft ihren Bürgern tatsächlich sowohl einen hohen Wohlstand als auch ein gutes Maß an Bürgerrechten und Bürgerbeteiligung gewährleistet und somit ihren Anspruch auf den Status „quasiperfekt“ untermauert. Auch deswegen muss man Fukuyama und andere Theoretiker nicht gelesen haben, um dieser Ideologie zu verfallen. Eine starke Identifikation eines wesentlichen Teils der Bevölkerung mit dem Staat ist daher nachvollziehbar. Dass die realen Einflussmöglichkeiten der Bürger auf die Politik langsam zugeschnitten wurden, merkte die Mehrheit (weil langsam) kaum, und Einschnitte im Wohlstand waren bis 2020 kaum wahrnehmbar.

Alles hängt mit allem zusammen

Da der Staat aber immer noch nicht perfekt war, sondern nur quasi-, und da die autoritären Tendenzen im Westen zu Beginn der Krise 2020 immer noch weniger ausgeprägt waren als in den meisten Ländern der Welt, waren kritische Einstellungen trotz des Perfektionsanspruchs möglich, und es wäre zu erwarten gewesen, dass die Krise diese kritische Haltung verstärken würde. Zu unserer Überraschung war das Gegenteil der Fall.

Der zweite entscheidende Faktor, der zu einem in der Geschichte der Demokratien beispiellosen Gehorsam führte, war das synchrone Versagen der ganzen zentralen Infrastruktur mit all deren Instanzen: Politik, Medien, Kunst, Wissenschaft, Rechtssystem. Den quasiperfekten Staat kann man kritisieren, aber nur seine einzelnen Aspekte, diese jedem Ossi bekannten „einzelnen Probleme“. Man kann die Politiker angreifen, und dabei auf die Korrektur von deren Fehlern (oder sogar Verbrechen) durch das Justizsystem hoffen. Man kann gierige Kapitalisten kritisieren und dabei auf Gewerkschaften und Öffentlichkeit hoffen. Man kann mit der realen Praxis der Gerichte unzufrieden sein und dabei auf die kritische Arbeit der Medien hoffen. Wie ein intelligenter Mensch mit zwei Universitätsabschlüssen geantwortet hat, als sein Freund ihm die Daten zeigte, dass die Todesmeldungen nach modRNA-Impfungen etwa 100 Mal häufiger waren als nach allen bisherigen Impfungen, „Das kann nicht sein, denn, wenn es wahr wäre, hätten die Medien (etwa Die Zeit oder die F.A.Z.) über einen solchen Skandal schon seit Wochen täglich berichtet“.

„Die zusammenhängende Gleichschaltung aller sozialen Komponenten lähmte den Verstand und ließ ihn die Realität nicht akzeptieren.“

Diese Aussage illustriert, dass man – trotz des Glaubens an den quasiperfekten Staat! – die kritische Haltung nicht gänzlich verloren hat. Dass auch in diesem Staat eklatante Missstände entstehen können, das schließen wir prinzipiell nicht aus. Ein Skandal, eine schlimme Korruption, ein Ausbruch krimineller Energie in den politischen „Eliten“, sogar eine Verschwörung gegen das Volk – alles bleibt denkbar. Aber nur in einzelnen Teilsystemen der Gesellschaft. Andere Teilsysteme würden das aufdecken und korrigieren.

Die einzigartige Eigenschaft der Krise 2020, die in dieser Hinsicht (nur in dieser, nicht allgemein) an die Krise 1933 erinnert, ist die Synchronizität des Versagens in allen Teilsystemen. Somit war die Auflehnung gegen einzelne Facetten der Gesellschaft nicht mehr möglich. Wer z.B. wegen der angelegten Maßnahmen die Regierung kritisieren wollte, musste notwendigerweise auch die Justiz und die Parlamente, die Medien und die Kunstwelt, die Medizin und die Wissenschaft in die Kritik aufnehmen; was wäre dann geblieben? Die zusammenhängende Gleichschaltung aller sozialen Komponenten lähmte den Verstand und ließ ihn die Realität nicht akzeptieren. Ein Fiasko in einem oder anderen Organ der Gesellschaft hätte noch die Widerstandkräfte mobilisieren können, aber ein soziales ‚Multiorganversagen‘ war unvorstellbar, weil es bedeutet hätte, dass alle Hoffnungen verloren gehen, dass alle Stützen, auf denen die individuelle Sicherheit gegründet worden war, zusammenbrachen, und dass der Boden unter den Füßen verschwand: „The time is out of joint“ (Hamlet, Akt 1, Szene 5).

Fehlende Alternative

Eine solche existentielle Krise ist unerträglich. Genauer, sie kann ertragen werden, wenn eine positive Alternative in Sicht ist. Und hier liegt das letzte und entscheidende Problem unserer Zeit.

Der Umbruch 2020 war schwer, aber wenn wir zurückblicken, nicht einzigartig. Erinnern wir uns daran, dass die katholische Kirche fast 1000 Jahre lang die absolute moralische Autorität in Europa besaß. Nicht mal Könige und Kaiser wagten, der Meinung des Papstes und der Bischöfe öffentlich zu widersprechen. Insbesondere nach der Niederwerfung der ketzerischen Lehren zu Beginn des 13. Jahrhunderts blieb die offizielle Kirche die letzte und endgültige Macht über das Verhalten und das Gewissen eines jeden Europäers. Sogar für einen solchen Freigeist wie Jeanne d’Arc war der Gedanke unvorstellbar, dass ihr Verhalten der Lehre des Papstes widersprechen könnte. Auch Jeannes Zeitgenosse, der reichste Mann des Mittelalters, Jacques Coeur (ca. 1397-1456), dessen Vermögen etwa 50 Prozent größer war als das der Familie Medici, war stolz darauf, dass er seinen unermesslichen Reichtum erwarb, ohne nur einmal gegen päpstliche Gebote zu verstoßen.

Aber schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts brach dieses tausendjährige Gebäude innerhalb kurzer Zeit zusammen. Keine mächtige Oppositionspartei, sondern ein einziger Mann namens Martin Luther kritisierte nicht bloß die katholische Kirche, sondern bezeichnete ihre höchsten Amtshalter, die absoluten und unangreifbaren moralischen Autoritäten der Epoche, mit schlimmsten Schimpfwörtern wie „Hurensöhne“, „Teufelsdiener“, „Ausgeburten der Hölle“ – alles Ausdrücke, die heute nur die wenigsten Gesellschaftskritiker in den Mund nehmen. Dass Millionen Menschen sehr schnell seiner Kritik folgten, zeigt, dass die Bevölkerung auf das Versagen der tragenden Stützen der Gesellschaft auch anders reagieren kann.

Das Geheimnis der erfolgreichen Reformation lag daran, dass Luther nicht nur Missstände offengelegt, sondern im gleichen Atemzug auch eine positive Alternative dargeboten hat, nämlich die Bibel. Er hat nicht nur in härtesten Worten gebrandmarkt, was Lüge ist, sondern sofort auch gezeigt, was die Wahrheit ist, nämlich das Wort Gottes. Er hat dem Menschen erklärt, dass er der offiziellen Moral kein Vertrauen mehr schenken soll, aber auch gezeigt, worauf er bedingungslos vertrauen können – nämlich, seinem Glauben an Gott und Jesus Christus als seinen persönlichen Retter: sola fide (allein durch den Glauben).

„Alle Krankheiten der westlichen Zivilisation können nur auf der Wertebasis derselben Zivilisation durch ihre inneren Kräfte geheilt werden.“

Das Gleiche gilt ebenfalls für andere große Kritiker und Reformer der Vergangenheit, v.a. für Jesus selbst. Auch er hat die sozialen und moralischen Autoritäten seiner Epoche, die priesterliche Kaste der Sadduzäer (Schriftgelehrte) in schärfsten Worten als Heuchler und Betrüger („weiß betünchte Gräber“, „Schlangenbrut“ usw.) verurteilt. Aber er hat nicht nur die Lüge ihrer Scheinmoral offenlegt, sondern ihr die wahren moralischen Prinzipien (Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten), die damals schon aus den rabbinischen Lehren bekannt waren, gegenübergestellt.

In all diesen Fällen waren die positiven Alternativen, die die Kritiker der Masse anboten, weder überraschend noch exotisch, sondern eigen. Es scheint ein Paradox zu sein, aber die erfolgreichsten Reformen, die den Weg in die Zukunft wiesen, wurden über traditionelle Konzepte vermittelt. Zentral an diesen Alternativen war eine Rückbesinnung auf eigene Werte und eigene Geschichte. Jesus sagte: „Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz zu brechen, sondern um es zu erfüllen.“ Martin Luther lebte in der Zeit, in der das Osmanische Reich so viel effizienter im Vergleich zu europäischen Staaten funktioniert hat wie heute China; er hat aber in seiner Ablehnung der katholischen Tradition nicht dazu aufgerufen, zum türkischen Glauben zu wechseln, sondern bezog sich auf die lebendige christliche, biblische Tradition. Auch der andere Martin Luther (King) träumte nicht davon, dass schwarze Amerikaner Zuflucht in der Exotik afrikanischer Urwälder suchen würden, sondern dass alle US-Bürger unabhängig von ihrer Hautfarbe volle Teilhabe am American Way of Life bekommen sollen.

Einer der schärfsten Kritiker in der Geschichte des Westens war Karl Marx. In seinem Geißeln der sozialen Geschwüre der frühkapitalistischen Gesellschaft schreckte er auch von Aufrufen zum gewaltsamen Widerstand nicht zurück. Seine Alternative zum Übel der kapitalistischen Ausbeutung war aber keine Wendung zu nicht-kapitalistischen Formationen asiatischer Despotien, sondern die Weiterentwicklung desselben Kapitalismus, dessen höchste Entwicklungsstufe seiner Meinung nach den Übergang zu einer besseren Gesellschaftsform einleiten sollte. Obwohl wir heute wissen, dass vieles in seinen Theorien Fantasiegebilde war, und viele Tendenzen, die er im 19. Jahrhundert gesehen hatte, schon 50 Jahre nach seinem Tod verschwanden, eines hat er richtig verstanden: Alle Krankheiten der westlichen Zivilisation können nur auf der Wertebasis derselben Zivilisation durch ihre inneren Kräfte geheilt werden.

Zurück in die Zukunft

Nicht alle verhielten sich so gehorsamst in der Krise wie die Mehrheit. In zahlreichen ‚alternativen‘ Medien erschienen in dieser Zeit scharfe kritische Analysen sowohl der einzelnen Aspekte der immer noch ungelösten Krisenproblematik als auch des gesamten Zusammenhangs, in dem die repressive Politik stand und immer noch steht. Aber neben den überzeugenden kritischen Argumenten finde ich in diesen Publikationen mit einer einzigen Ausnahme kaum eine Knospe einer positiven Alternative, die mit den obigen vergleichbar wäre. Stattdessen werden in den kritischen Kreisen Alternativen zu den aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen u.a. im despotischen Regime Russlands mit seinem fanatischen Militarismus, in der Effizienz des chinesischen Überwachungsstaates, im Personenkult einer Kommunistin oder in primitiver De-Individualisierung der im Sinne eines Rousseaus aufgefassten Naturvölker gesucht.

All diese Alternativen sind kollektivistisch, alle sind totalitär, alle sind untauglich. Ihre Anhänger kann ich enttäuschen: Keine von diesen Ideen wird je aus einer Blase herauskommen und die Gesellschaft bewegen – und das ist gut so. Psychologisch gesehen handelt es sich um eine pubertäre kritische Einstellung, in der eine ‚nackte‘ Negation gegenüber dem Eigenen mit einem ausgesprochenen Interesse am Fremden, Exotischen zusammenhängt. Das kleine Kind akzeptiert unkritisch alles, was ihm Eltern sagen; ein Heranwachsender lehnt genauso unkritisch alles ab, was ihm Eltern sagen – im Grunde dasselbe multipliziert mit -1. Wenn die Eltern einem Teenager täglich sagen, dass in der Ukraine alles gut ist und in Russland alles schlimm, dann weiß er genau, dass in der Ukraine alles schlimm und in Russland alles gut ist; so einfach ist der Weg zur Wahrheit.

„Die einzige plausible Alternative in Sicht scheint das Konzept von Selbstbestimmung als Gegenprogramm gegen alle kollektivistischen Tendenzen zu sein.“

Läge nun stattdessen eine plausible Alternative vor, eine für erwachsene Menschen, so könnte man sich auch in der Mattsituation des institutionellen Totalversagens von der Fata Morgana des quasiperfekten Staates befreien und die Verlogenheit der herrschenden Klassen erkennen. Die Erfahrung erfolgreicher Erneuerungen in der Geschichte zeigt, dass eine solche Alternative die folgenden Charakteristiken haben müsste:

Immanenz. Sie soll aus dem Innern unserer Kultur kommen und nicht von außerhalb. Man braucht die Weisheiten fremder Kulturen (v.a. der ostasiatischen) nicht leugnen. Aber sie sind nicht unsere. Sie können bestenfalls an dem einem oder anderen Punkt behilflich sein. Die Lösung der Krise können aber nur die immanenten Kräfte der eigenen Zivilisation hervorbringen.
Verständlichkeit. Das bedeutet nicht, dass wir keine philosophischen Texte brauchen, deren ausführliche Analyse Experten überlassen werden müsste. Schließlich ist die Heilige Schrift, deren Wahrheit Martin Luther auf seine Fahne setzte, auch kein einfacher, jedem ungebildeten Bauer sofort verständlicher Text. Aber es muss im Ideenkomplex, der als Alternative dem gegenwärtigen Zustand dargestellt wird, eine Schicht geben, für deren Verständnis man keine Fachausbildung benötigt, sondern allein den gesunden Menschenverstand, elementare Lebenserfahrung und, ja, vielleicht ein bisschen Grundschulmathematik.
Zeitklammer. Die alternativen Konzepte sollen sowohl geläufig und damit „konservativ“ sein als auch Türen in die Zukunft öffnen. Alle oben besprochenen Beispiele: – die Bibel als Wahrheitsquelle und der bedingungslose Glaube an Gott bei Luther, der industrielle und soziale Fortschritt bei Marx, die Gottesliebe und Nächstenliebe bei Jesus, die allgemeine Teilhabe am amerikanischen Lebensstil bei M. L. King, auch die Vernunft bei Immanuel Kant – zeigen, wie diese Synthese von Tradition und Innovation realisiert werden kann. Diese Konzepte waren im positiven Sinne nicht neu bis sogar an die Grenze der Trivialität: Wahrlich, welcher Christ hätte im 16. Jahrhundert geleugnet, dass die Bibel wahr ist? Welcher Amerikaner hätte in den 1960er Jahren den amerikanischen Lebensstil schlechtgeredet? Welcher fromme Jude hätte etwas gegen die Gottesliebe gesagt? Und dennoch führte die konsequente Durchsetzung dieser Ideen zu nahezu revolutionären Folgen, die grundliegende Neugestaltung des Denkens und des Lebens ermöglich haben.

Die einzige plausible Alternative in Sicht scheint das Konzept von Selbstbestimmung als Gegenprogramm gegen alle kollektivistischen Tendenzen zu sein. Wie in diese Richtung weitergearbeitet werden kann, ist die Frage, die über die Ziele dieses Artikels weit hinaus geht. Hier könnte lediglich vermutet werden, dass, damit die Rückbesinnung auf die Aufklärung das Niveau der obengenannten historischen Beispiele erreicht, auch die spätere Kritik am Hyperrationalismus der Aufklärung dort einfließen sollte.

Um zu den oben zitierten Worten von Hamlet zurückzukehren: Die Zeit ist in einer schweren Krise „out of joints“, d.h. sie ist aus den Gelenken ausgekugelt. Eine positive Alternative verbindet Vergangenheit mit Zukunft, stellt die Kontinuität der Zeit wieder her und heilt die Verrenkung.

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