14.08.2026

Zur Psychologie der Pandemiekrise (Teil 1/2)

Von Boris Kotchoubey

Titelbild

Foto: x3 via Pixabay

Konformismus, massenpsychologische Manipulation und der Umgang mit kognitiver Dissonanz gehören zu den Faktoren, die das Verhalten breiter Kreise zu Corona-Zeiten teilweise erklären können.

Zu der (leider sehr schleppend vorankommenden) Aufarbeitung der Pandemiekrise 2020 bis 2023 gehört u.a. die Analyse der Frage, warum Millionen Menschen, die mit den Prinzipien der Menschenwürde, der unantastbaren bürgerlichen Freiheiten und der Verachtung für Diktatur und Despotie aufgewachsen waren, plötzlich nahezu widerstandslos allen (auch offensichtlich widersinnigen) Anordnungen gehorchten und Eingriffe in ihre Menschenrechte hinnahmen, die noch wenige Jahre davor unvorstellbar waren.

Meine Überlegungen darüber schließen zwei Teile ein. Im ersten Teil beschreibe ich sehr kurz einige gut erforschte sozialpsychologische Mechanismen, die in den sozialen Krisen, ähnlichen wie der besagten Pandemiekrise, ausgenutzt werden können, um die Bevölkerung zu lenken. Dies führt uns allerdings zu der Frage, warum diese Mechanismen, wenngleich sie zu den natürlichen Funktionen des menschlichen Verhaltens gehören, unter einigen Umständen funktionieren, unter anderen jedoch nicht. Einen Blinddarm haben wir alle, aber nur bei einigen kommt es zu dessen lebensgefährlichen Entzündung. Im zweiten Teil des Artikels weise ich auf besondere Umstände der gegenwärtigen Epoche hin, welche die Wirksamkeit dieser Mechanismen erheblich verändern konnten.

Kognitive Dissonanz

Unser Wissen besteht aus vielen einzelnen Komponenten – Fakten, Meinungen, Glaubensinhalten. Zu diesen Komponenten gehören auch unsere Handlungen, denn wir wissen ja (oder jedenfalls meinen zu wissen), was wir tun. Die kognitive Dissonanz im breitesten Sinne ist jede Art Widerspruch zwischen zwei Komponenten des Wissenssystems: In einer Zeitung steht z.B. XYZ, in der anderen aber Nicht-XYZ. Diese Dissonanz wird dadurch gelöst, dass wir eine der Zeitungen für wenig vertrauenswürdig erklären.

Die spezielle Kognitive Dissonanztheorie (weiterhin: KD-Theorie) meint aber ausdrücklich nur den Widerspruch zwischen Wissen und Handeln. Typisch dafür sind unsere Gewohnheiten, von denen wir annehmen, dass sie uns schädlich sein können, z.B. Rauchen oder ungesundes Essen. Die Information über den gesundheitlichen Schaden von Rauchen ist dermaßen allgegenwärtig, dass kein Raucher sie ignorieren kann. Dennoch wird weiter geraucht oder massenweise Milchschokolade gegessen.

Die KD-Theorie behauptet, erstens, dass der Dissonanzzustand unangenehm ist, und dass deshalb das Wissenssystem immer nach einer Konsonanz (d.h. nach der Auflösung des Widerspruchs) strebt. Das bedeutet, dass ich entweder meine Wissensinhalte korrigieren und an mein Verhalten anpassen oder andersherum mein Verhalten im Lichte meines Wissens ändern soll. Und hier behauptet die KD-Theorie, zweitens, dass in der Regel das Wissen an das Verhalten angepasst wird und nicht umgekehrt (das Prinzip „Tat schlägt Wissen“). Man kann die Informationen, die dem gewöhnlichen Verhalten widersprechen, ignorieren, oder, wenn das Ignorieren nicht möglich ist, für sich Ausnahmen formulieren. So meint der Raucher z.B., dass er sich in einem schweren Stress befinde, und dass ohne Rachenpausen dieser Stress noch schädlicher wäre als die paar Zigaretten. Die Person findet also Pseudoerklärungen (im Fachjargon: Rationalisierungen), um die Wissensinhalte so abzuändern, dass sie jetzt das Verhalten rechtfertigen würden.

„Insgesamt bringt uns Wissenschaft eher näher an die Wahrheit als weg von ihr.“

Dieses Phänomen wird in der Regel als kontraproduktiv angesehen, aber zwingend ist es nicht, denn unser Wissen ist immer fehlerbehaftet und nie absolut sicher. Nehmen wir einen, der täglich Eier gegessen hat trotz zahlreicher Warnungen, dass Eier das Cholesterin im Blut und damit sein persönliches Herzinfarktrisiko erhöhen. Inzwischen wissen wir aber, dass er Recht hatte: Die Hypothese über die Verbindung zwischen cholesterinreicher Nahrung (wie Eier) und Cholesterinspiegel im Blut ist heute so gut wie widerlegt.

Auch Ausnahmen können Realität sein. In Ausnahmefällen kann auch Tötung (in Notwehr) oder Beihilfe zur Tötung (Beihilfe zum Suizid) erlaubt sein. Aber Massenauftreten dieser Phänomene ist ein Alarmsignal. Wissen kann fehlerhaft sein, insgesamt bringt uns Wissenschaft eher näher an die Wahrheit als weg von ihr. Wenn viel zu viele Tötungsfälle als Notwehr heruntergespielt werden, dann stimmt im Justizsystem wahrscheinlich etwas nicht.

Wir haben gesagt, dass das Verhalten „in der Regel“ das Wissen schlägt, aber wovon hängt es ab? Aufgrund von Ergebnissen zahlreicher Experimente macht die KD-Theorie die dritte, vollkommen kontraintuitive Behauptung: Das Verhalten ist umso stabiler, je kleiner (!) die Belohnung für dieses Verhalten ist. Das ist „das Prinzip der hinreichenden Erklärung“.

In einem klassischen Experiment wurden Versuchspersonen, die eine aus ihrer Sicht sehr langweilige Tätigkeit bewältigt haben, danach überredet, weiteren Versuchspersonen doch mitzuteilen, dass das Experiment spannend war. Für diese „kleine Unwahrheit“ wurde eine Gruppe A großzügig belohnt (20 US-Dollar), die andere (Gruppe B) nur geringfügig (1 Dollar). Noch eine dritte Gruppe C bekam keinen Auftrag, mit weiteren Versuchspersonen über das Experiment zu sprechen. Diese „weiteren Versuchspersonen“ nahmen am Experiment in der Tat nicht teil, sondern dienten nur als Gesprächspartner für die Gruppen A und B. Als am nächsten Tag die Meinung der Versuchspersonen über das Experiment wieder abgefragt wurde, haben die Personen der Gruppen A und C es wieder als total langweilig eingeschätzt, aber die aus der Gruppe B fanden es plötzlich spannend – trotz der niedrigen Belohnung.

„Dass die Impfstoffe absolut neuartig sind und dennoch nur sehr oberflächlich geprüft wurden, wusste eigentlich jeder.“

Experimente dieser Art wurden inzwischen in verschiedenen Ländern und in verschiedenen Designs durchgeführt, und sie zeigen die gleiche Tendenz. In der Gruppe A war das Geld die hinreichende Erklärung, warum sie anderen Unwahrheit gesagt haben. Die 20 Dollar überbrückten die Lücke zwischen den zwei einander widersprechenden Inhalten: Ich fühlte, dass das Experiment langweilig war, aber ich sagte, dass es spannend war. Für diese Summe würde sich jeder mal eine kleine Unwahrheitssünde erlauben. Die Belohnung von einem Dollar reicht dagegen als Erklärung nicht hin, die Dissonanz bleibt und muss unbedingt durch eine weitere Erklärung überwunden werden: Nein, ich habe nicht gelogen, das Experiment war wirklich nicht so langweilig, wie ich es im ersten Moment empfunden habe.

Aus dem Prinzip der hinreichenden Erklärung folgt deshalb konsequenterweise das Prinzip der minimalen Belohnung: Damit eine Handlung nicht bloß eine Reaktion auf die Aufforderung, sondern eine innere Angelegenheit der Person wird, soll die Person für diese Handlung die kleinstmögliche Belohnung erhalten, die überhaupt noch eine Wirkung hat.

Die Wirkung dieser Prinzipien können wir am Verhalten der Menschen während der Corona-Krise beobachten. Menschen, die dem Impfdruck gegen ihr Wissen und v.a. gegen ihr Wollen nachgegangen sind, wurden dafür kaum belohnt. Lediglich ein kleiner Teil ihrer Bürgerrechte, die ihnen laut Grundgesetz ja gehören sollten, wurde ihnen befristet zurückgegeben. In psychologischen Begriffen wurde ihnen lediglich eine Strafe abgemildert, aber keine Belohnung dargeboten. Sie können ihr Impfverhalten nicht durch die großen Vorteile rechtfertigen, die ihnen dieses Verhalten gebracht hätten. Das Verhalten ist schon da, es ist weder veränderbar noch einfach erklärbar.

Die Dissonanz wird gelöst durch die Leugnung der vorliegenden Information über die potentiellen Schadenwirkungen der neuartigen, ungeprüften genetisch modifizierten Substanzen. Die jüngste Datenauswertung von mehr als 99 Millionen geimpften Personen zeigt ein stark erhöhtes Risiko schwerer bis lebensgefährlicher Nebenwirkungen wie Guillain-Barre-Syndrom und Rückenmarkentzündung (v.a. nach vektorbasierten Impfstoffen), Facialislähmung, disseminierte Enzephalomyelitis, Herzmuskelentzündung (v.a. nach modRNA-basierten Impfstoffen), Thrombozytopenie, Thrombosen von wichtigsten Gehirn- und Bauchvenen, Lungenembolie, Herzbeutelentzündung (nach den beiden Impfstoffarten). Besonders tragisch war die Lage der jungen Männer (Altersspanne ca. 12 bis 30 Jahre), die von den Corona-Impfungen gar nicht profitierten, aber die ganze Last schwerer Nebenwirkungen tragen mussten.

Man konnte zwar nicht vom Beginn an die genauen Daten kennen, die wir jetzt haben, aber hinreichende Gründe, die Schaden-Nutzen-Balance der Corona-Impfungen als eindeutig negativ einzuschätzen, lagen spätestens Mitte 2021 bereits vor (Zusammenfassung hier). Z.B. war bereits zu diesem Zeitpunkt die Gesamtzahl der nur in den hochentwickelten Ländern (in Nordamerika und Europa) gemeldeten Verdachtstodesfällen 157 Mal höher, als die höchste bisherige Zahl von Verdachtstodesfällen, nach welchen ein medizinisches Produkt aus dem Verkehr genommen worden war. Dass die Impfstoffe absolut neuartig sind und dennoch nur sehr oberflächlich geprüft wurden (sie wurden u.a. nie bei Alten, chronisch Kranken, Schwangeren getestet, bevor sie an diesen Populationen massenweise angewendet wurden), wusste eigentlich jeder.

„Die wissenschaftliche Erforschung des Konformismus begann mit dem klassischen Experiment von Solomon Asch in den 1950er Jahren.“

Aber nicht nur Menschen, die das wussten (oder wissen oder mindestens vermuten konnten), sondern auch diejenigen, die selbst an schweren Impfnebenwirkungen (Myokarditis, Schlaganfälle, retinale Thrombosen, Chronic Fatigue Syndrom o.ä.) leiden, finden es psychologisch leichter, die Verbindung der eigenen beschädigten Gesundheit mit den Impfstoffen zu verneinen, als anzuerkennen, dass sie betrogen wurden und einen schweren Fehler gemacht haben.1

Anders spielt sich die kognitive Dissonanz bei Impfärzten ab. Sie wurden für ihr Verhalten wohl entlohnt, manche haben sich durch Massenimpfung ganze Vermögen aufgebaut. Aber auch in ihrem Fall ist die Belohnung keine hinreichende Erklärung. Die Dissonanz entsteht dadurch, dass diese hohe Belohnung im Widerspruch sowohl zu den jedem Arzt bekannten ethischen Prinzipien der Heilungsberufe steht als auch mit dem geltenden Gesetz2, das eindeutig vorschreibt, jeden Patienten bei jedem, auch minimalen körperlichen Eingriff ausführlich aufzuklären, was die meisten Impfärzte nicht getan haben. Dieser Widerspruch kann nur gelöst werden, indem sich die Ärzte gegen ihr Wissen von einer absoluten Notwendigkeit und der unbedingten Nebenwirkungsfreiheit des Eingriffs überzeugen.

Mir ist ein Fall bekannt, in dem ein Arzt, der während der Pandemie bis zu acht Personen pro Stunde (selbstverständlich ohne ausreichende Aufklärung) geimpft hatte, später sein wildes Impfverhalten damit begründete, dass er zweimal ein Zeuge vom Tod am Covid zweier junger Patienten gewesen war. Diese Erfahrung habe ihn zur Überzeugung gebracht, Massenimpfung sei die Rettung für Menschen. Aber Erfahrung von menschlichen Tragödien ist ein ganz normaler Teil der Arbeit eines jeden Arztes; sie gehört einfach zum medizinischen Beruf, genauso wie die Erfahrung von schweren und schwersten Verbrechen zum Beruf eines Kriminalpolizisten gehört. Wenn nach jedem tragischen Vorfall ein Arzt bereit wäre, alle im Studium erlernten Grundnormen der Heilberufe über den Haufen zu werfen, dann hätten wir keine Medizin mehr. Selbstverständlich war die Erklärung des Arztes eine Rationalisierung.

Konformismus

Die wissenschaftliche Erforschung des Konformismus begann mit dem klassischen Experiment von Solomon Asch in den 1950er Jahren, in dem die Teilnehmer eine Standardlinie mit drei anderen Linien vergleichen mussten, wovon die eine genau die gleiche Länge hatte wie der Standard, während zwei andere sich deutlich von dieser Länge unterschieden. Die drei Linien wurden nummeriert, und jeder Teilnehmer musste einfach die Nummer der Linie nennen (1, 2 oder 3), die seiner Meinung nach dem Standard gleich war. Die Aufgabe war so leicht, dass die Teilnehmer, die einzeln diese Linien betrachteten, von insgesamt 444 Durchgängen nur drei Fehler gemacht haben (0,7 Prozent).

Anders war es, wenn sich der wahre Proband in einer Gruppe der „Schauspieler“ befand, die einstimmig eine bestimmte Linie wählten. Nach dem experimentellen Szenario gaben sie in einigen Durchgängen die korrekte Antwort, und der Proband machte dasselbe. In anderen Durchgängen nannten sie eine offensichtlich falsche Linie. Die Zahl der Fehler stieg von 0,7 Prozent auf fast 40 Prozent an. Im Gegensatz zu vielen populären Erzählungen über dieses Experiment bestanden allerdings die meisten Fehler nicht im Folgen der Mehrheit. 24 Prozent der Probanden gaben korrekte Antworten, 27 Prozent folgten systematisch der Absurdität der Mehrheit, andere begangen immer wieder Fehler verschiedener Art. Sie wurden von der Mehrheit nicht unterdrückt, aber radikal verunsichert.

Zu betonen wäre, dass die Mehrheit in Aschs Experimenten sich immer ruhig und neutral verhielt und außer der Nennung der (richtigen oder falschen) Linie keinen Druck auf den Probanden ausübte. Spätere Experimente bestätigten, dass aggressive Mehrheit stärkere Konformitätsreaktionen auslöst. Auch die objektive Lage (d.h. der objektive Unterschied zwischen den Linien) war eindeutig. Viel stärkeres Befolgen der Mehrheit wurde z.B. im Experiment von Muzafer Sherif (1935) gefunden, in dem die Menschen das Ausmaß ihrer optischen Illusionen vergleichen mussten, d.h. in der Situation, in der es keine objektiv richtige Antwort gab.

„Eine Masse von Politikern, eine Masse von Juristen, eine Masse von Professoren verhält sich laut Le Bon nicht rationaler als eine Masse von ungelernten Arbeitern.“

Wichtiger ist aber, dass Konformitätseffekte abnehmen, wenn mindestens ein Zweiter der Minderheitsmeinung zustimmt. Mit anderen Worten handelt es sich weniger um „Mehrheit gegen Minderheit“ als um „Alle gegen einen“. Gute Illustration dafür bieten die Tagebücher russischer Intellektueller in den 1930er Jahren. Sie waren entsetzt vom tragischen Widerspruch zwischen der offiziellen Propaganda vom allgemeinen Glück und der Dankbarkeit des Volkes gegenüber der geliebten Partei und ihrem weisen Führer einerseits, und dem katastrophalen Zustand armer, hungernder Menschen, den sie mit eigenen Augen beobachteten, andererseits. Doch dabei empörten sie sich nicht über die Lügen der stalinistischen Propaganda; nein, jeder hat sich selbst gefragt: „Warum bin ich unfähig, hinter dem wahrgenommenen Elend die tiefere Wahrheit, von der die Zeitungen und der Funk berichten, zu erkennen?“ Das ist genau die Frage, die sich die Teilnehmer im Experiment von Asch stellten: Was ist los mit meinem Sehvermögen, dass ich nicht in der Lage bin zu erkennen, was jeder andere sieht, nämlich dass die Linien A und B gleich sind?

Daraus folgt praktisch, dass sich Menschen, die anders sehen und anders denken, Einsamkeit nicht leisten können und sollen. Im Gegenteil sollten sie Kontakt miteinander suchen und pflegen, Interessengruppen bilden. Alleinsein kann in der Situation einer tiefen sozialen und politischen Krise zur vollständigen Selbstaufgabe führen, während ein Zusammenschluss sogar weniger Gleichgesinnten eine Stabilität und Widerstandsfähigkeit entwickeln kann, die sich möglicherweise keiner von ihnen sich vorstellen konnte.

Massen- und Gruppenpsychologie

Den Grundstein dieser Forschungsrichtung legte 1895 der französische Arzt Gustave Le Bon in seinem Traktat „Psychologie der Massen“, in dem er beschrieb, wie Menschen in größeren Gruppen ihre Individualität aufgeben und unter dem gegenseitigen Einfluss „aller auf alle“ sich irrational verhalten. Sie handeln unter dem Einfluss von Emotionen, die sie teilen, einfach weil sie Ausdrücke derselben Emotionen bei den anderen sehen, und glauben an die Aussagen, an die jeder Einzelne von ihnen wahrscheinlich niemals glauben würde, weil sie von keinen guten vernünftigen Argumenten untermauert werden – aber in der Masse glauben sie doch daran, weil diese Aussagen immer wieder von den anderen wiederholt werden. Im übertragenen Sinne stecken Menschen in der Masse einander an.

Es muss allerdings unterstrichen werden, dass die gängige Gegenüberstellung „Masse versus Elite“ Le Bon vollkommen fremd war. Entscheidend ist aus seiner Sicht die Bildung einer Masse und nicht der Status, die Ausbildung oder der Intellekt derjenigen, aus deren sie besteht. Eine Masse von Politikern, eine Masse von Juristen, eine Masse von Professoren verhält sich laut Le Bon nicht rationaler als eine Masse von ungelernten Arbeitern. Eine andere denkbare Einschränkung wäre, dass massenpsychologische Dynamik in den Jahrhunderten des rasanten Fortschrittes, die der Gegenstand der bisherigen Forschung bildete, eine andere war als in der heutigen Epoche der Stagnation.

Einerseits funktionieren die in der klassischen Literatur (u.a. von Elias Cannetti) sehr gut beschriebenen Mechanismen der Massenpanik nach wie vor und werden von Politikern in ihren Panikprogrammen („ohne Lockdown sind wir in wenigen Monaten alle tot!!!“) ausgenutzt. Dabei war Deutschland trotz des verbreiteten englischen Begriffs German Angst bei Weitem kein Weltmeister: In einigen südamerikanischen Ländern standen Menschen, deren objektive Wahrscheinlichkeit, an einer Covid-Pneumonie zu sterben, unter einem Promille lag, die ganze Nacht in der Warteschlange, um ein Sauerstoffkissen zu kaufen, dessen Sauerstoffinhalt höchstens für sieben bis acht Minuten reichen würde.

Andererseits scheinen die heutigen Massen zu einer Massenbegeisterung (im Gegenteil zur Panik) weniger fähig zu sein als früher. Diese Begeisterung, die oft auf eine einzelne Person, einen sog. charismatischen Führer fokussierte, ergab im 20. Jahrhundert solche Phänomene wie Mussolini und Hitler, Stalin und Mao. Heute könnte man vielleicht in Donald Trump eine schwache Annäherung an ein ähnliches Phänomen erkennen; alle anderen von Putin über Wagenknecht bis Lauterbach sind eher Karikaturen des Typs der charismatischen Persönlichkeit. Nach wie vor suchen die Massen eine Führung, die ihnen erklären wird, was gut und was schlecht, was richtig und was falsch ist; aber in unserer Zeit trauen sie weniger einer Person mit einem großen Namen, sondern vielmehr einer anonymen Gruppe von „Experten“ (was auch immer dieses Wort bedeuten mag; denn heute bestimmen hauptsächlich Talkshows, wer als Experte gilt).

„Daraus entsteht das sogenannte Gruppendenken, in dem die innere Bindung der Gruppe a priori höheren Wert genießt als die Entscheidungen.“

In diesem Zusammenhang kann von größerem Belang sein, dass viele Massenphänomene keine Ansammlungen von Tausenden Menschen brauchen, sondern sich auch in kleineren Gruppen zeigen, u.a. auch in den Gruppen von Experten. Dazu gehört v.a. die „Auflösung der Verantwortung“, denn, wenn die Zuständigkeit jedes Einzelnen nicht genau definiert wird, wird die Verantwortung unter allen geschmiert wie die Butter auf der Brotscheibe. Wenn z.B. ein Parlament aus 750 Abgeordneten eine falsche Entscheidung trifft, dann trägt jeder Abgeordneter 0,13 Prozent Verantwortung, d.h. praktisch gar keine.

Menschen sind soziale Tiere, sie entstanden in der Evolution von affenähnlichen Primaten, die in Gruppen lebten und ohne die Gruppe oft nicht überlebensfähig waren. Daher ist nachvollziehbar, dass der Zusammenhalt der Gruppe einen Eigenwert hat. In einigen, nicht besonders schwerwiegenden Fällen kann eine zweit- oder drittbeste Lösung eines Problems weniger schädlich sein als der Streit um die beste Lösung, der zum Zerfall der Gruppe führen kann. Aber das Festlegen der genauen Grenze, von welcher ab die Gesamtkosten einer suboptimalen Entscheidung die Risiken einer prinzipiellen Diskussion übersteigen, ist nicht einfach.

Daraus entsteht das sogenannte Gruppendenken, in dem die innere Bindung der Gruppe a priori höheren Wert genießt als die Entscheidungen. Sobald eine gewisse Meinung zu überwiegen beginnt, schließen sich alle dieser Meinung an, und keiner wagt, der Meinung zu widersprechen aus Angst davor, die Atmosphäre in der Gruppe zu ‚vergiften‘; schließlich wollen alle zueinander nett sein, und niemand will, dass seine Kritik oder Zweifel, ob die bereits vorgefertigte Meinung stimmt, von den anderen im persönlichen Sinne (als ‚Machtkampf‘ oder als Anspruch auf eine bevorzugte Stellung) wahrgenommen wird. Jeder findet in dem Fluss der Information, die mit dem diskutierten Problem zusammenhängt, zahlreiche Inhalte (Fakten, Erinnerungen, ähnliche Fälle, wissenschaftliche Befunde), die mit der vorgefertigten Problemlösung übereinstimmen und die vorherrschende Denkrichtung bestätigen; andere Inhalte, die diesem Ansatz widersprechen, werden ignoriert oder heruntergespielt. Ebenso werden Gedanken darüber vermieden, was in einem Notfall getan werden soll, falls doch in dem bereits eingeschlagenen Plan etwas schief gehen würde (Plan B).

„Indem sich immer mehr Menschen der vorherrschenden Denkweise und Emotionslage anschließen, und indem alternative Äußerungen immer häufiger wegbleiben, überwiegt die vorherrschende Meinung noch stärker.“

In allen solchen Fällen, ob in formlosen Massen oder in Entscheidungsgremien, haben wir mit selbstverstärkenden Effekten zu tun. Sobald eine Meinung, ein Lösungsansatz oder einfach eine Stimmung überwiegt, oder auch nur zu überwiegen scheint, wird es für Menschen aufgrund des Bedürfnisses nach sozialer Kohäsion immer leichter, diese Meinung oder Stimmung mit anderen zu teilen und immer schwieriger, andere Meinungen zu vertreten, andere Ansätze vorzuschlagen oder eine andere Stimmung auszudrücken. Indem aber sich immer mehr Menschen der vorherrschenden Denkweise und Emotionslage anschließen, und indem alternative Äußerungen immer häufiger wegbleiben, überwiegt die vorherrschende Meinung noch stärker. Es bildet sich, was in der Kybernetik positiver Regelkreis heißt. Solche Rückschleifen haben systemzerstörende Wirkung.

In Bezug auf materiellen Reichtum spricht man in ähnlichen Fällen vom „Matthäus-Effekt“: Wer bereits viel hat, dem wird noch mehr gegeben. Aber dasselbe gilt auch im psychologischen Bereich: Je häufiger, aufzwingender, artikulierter bestimmte Gedanken und Gefühle geäußert werden, umso stärkere Wirkung haben sie auf andere Menschen, und je stärker die Wirkung dieser Gedanken und Gefühle auf Menschen ist, umso häufiger, aufzwingender und artikulierter werden sie ausgedrückt. Dieser Effekt wird noch zusätzlich verstärkt durch eine ethische Färbung des Diskurses, d.h. wenn die vorherrschende Meinung und Stimmung nicht nur richtig, sondern auch moralisch gut ist, und dementsprechend sind abweichende Strömungen nicht nur falsch, sondern auch böse. Nach einer in der Kommunikationswissenschaft verbreiteten, wenn auch kontrovers diskutierten Theorie sind die Medien in der Lage, eine Meinung einer kleinen Minderheit als Mehrheitsmeinung darzustellen, die infolge des oben beschriebenen selbstverstärkenden Mechanismus immer mehr Menschen an sich zieht und dadurch am Ende tatsächlich Mehrheitsmeinung wird.

Notwendig, aber nicht hinreichend

Man kann diese Liste von plausiblen sozialpsychologischen Mechanismen der Krise fortsetzen, wahrscheinlich ein ganzes Buch damit füllen. Doch besinnen wir uns: Der Gegenstand jeder Wissenschaft ist allgemein, und die Sozialpsychologie ist keine Ausnahme. So wie z.B. die Festkörperphysik die Gesetzmäßigkeiten aller festen Körper beschreibt und nicht nur etwa die festen Körper in Deutschland im Winter 2025, so versucht die Sozialpsychologie allgemeine Regelmäßigkeiten des menschlichen Sozialverhaltens zu erfassen.

Und da haben wir ein Erklärungsproblem, denn die aus der sozialpsychologischen Literatur bekannten Mechanismen sind zwar für das Verstehen unseres Verhaltens in der aktuellen Krise vielleicht notwendig, aber nicht hinreichend. Sonst würde sich dieses Verhalten von dem in anderen ähnlichen Situationen nicht unterscheiden, was nicht der Fall ist. Zweimal innerhalb einer kurzen Zeit (1957/58 und 1968-1970) wurde die Welt von gefährlichsten Influenza-Pandemien überzogen. In der letzteren Pandemie („Hongkong-Grippe") starben in der BRD (also nur Westdeutschland) schätzungsweise zwischen 40.000 und 50.000 Menschen (die meisten Ende 1969/Anfang 1970), weltweit ca. 4 Millionen. Die Pandemie 1957/58 („asiatische Grippe") forderte über 2 Millionen Opfer weltweit, fast 30.000 in der Bundesrepublik. Das sind zwar keine genauen Angaben, aber auch keine bloße Modellierungsfantasien wie bei Covid-19, bei denen auch Opfer von Verkehrsunfällen als Corona-Tote registriert wurden. Deutsche Krankenhäuser wurden bei jenen Pandemien überfüllt im krassen Gegensatz zur einzigartigen Unterbelegung 2020, denn die Covid-Pandemie war die einzige in der langen Geschichte der Epidemien, während der die Krankenbetten sogar abgebaut werden mussten.

„Kultur ist nicht etwas, was sich von einem Tag auf den andern ändern könnte.“

Dennoch hätte man sich damals nicht vorstellen können, dass vergleichbare Grundrechtseinschränkungen inklusive langer Schließungen von Geschäften, Schulen und Universitäten, jahrelanger Verbote für Kinder, mit Gleichaltrigen zu spielen, und für Erwachsene, sterbende Familienmitglieder zu besuchen, inklusive eines beispiellosen Impfzwangs (1968 waren die Grippe-Impfstoffe jedenfalls besser untersucht geworden als Covid-Impfstoffe 2021) durchgesetzt oder gar versucht werden könnten. Es ist umgekehrt vorstellbar, dass solche Maßnahmen wahrscheinlich schon 1957 und mit Sicherheit 1968 zu einem dermaßen heftigen Widerstand geführt hätten, dass die Krankenhäuser außer den Grippe-Kranken auch Tausende von verletzten Protestierer und Polizisten Hilfe hätten leisten müssen. Allein die Reaktion der Studenten auf Einschränkungen für Ungeimpfte, Vorlesungen und Seminare zu besuchen, hätte 1968 jede westeuropäische Regierung zum Fall bringen können. Die Medien, insbesondere die des linken Spektrums, hätten damals nicht die geringsten Skrupel gehabt, schon am Tag nach der Einführung solcher Maßnahmen von einer „faschistischen Diktatur“ zu sprechen und zum Aufstand gegen diese aufzurufen.

Es stimmt zwar, dass die Gesetze des Sozialverhaltens weniger universell sind als die der Festkörperphysik, und dass die meisten Daten von Probanden aus der westlichen Stadtbevölkerung gewonnen wurden. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass die oben beschriebenen Phänomene in den asiatischen Kulturen eher noch stärker ausgeprägt sind. Aber das ist nicht der Punkt: Auch wenn diese Phänomene kulturspezifisch sind, hat eine „Kultur“ (wie ein „Klima“) per Definition eine gewisse Stabilität. Kultur ist nicht etwas, was sich von einem Tag auf den andern ändern könnte. Und wenn wir uns doch heute anders verhalten als gestern, so müssen dafür außer der allgemeinpsychologischen auch spezifische – wenn auch spekulative – Erklärungen vorgeschlagen werden.

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