19.04.2021

Auf der Suche nach den verlorenen Jahren

Von Boris Kotchoubey

Titelbild

Foto: RitaE via Pixabay / CC0

Durch die Coronapolitik verliert die Menschheit viel mehr Lebensjahre als durch das Coronavirus. Eine vorsichtige Abschätzung einiger Lockdown-Gesundheitsschäden und der (künftigen) Todesfälle.

Wenn im Land A ungewöhnlich viele Äpfel geerntet wurden, während im Land B die Birnenernte besonders gut ausfiel, welches Land hatte den größeren Erfolg? Diesen sprichwörtlichen Vergleich können wir dann ausführen, wenn die Mengen der beiden Obstarten in eine gemeinsame Währung (Dollar oder Euro) übersetzt werden. Wenn im Land C ein Erdbeben passierte und im Land D die Anzahl der Ehescheidungen anstieg, welches Land leidet mehr? Auch dafür gibt es eine gemeinsame Währung, nämlich die Zahl der verlorenen Lebensjahre (engl. Years of Life Lost, kurz YLL), denn nicht nur ein schweres Erdbeben kann das Leben kosten, sondern auch die Geschiedenen (und, nicht zu vergessen, ihre Kinder) sterben im Schnitt früher als Menschen aus intakten Familien.

Ein verbreiteter und, wie wir unten sehen werden, verhängnisvoller Irrtum besteht darin, dass, während das SARS-Cov-2-Virus Menschen umbringt, die antiepidemischen Maßnahmen lediglich irgendeiner abstrakten „Wirtschaft" schaden. Diese Wirtschaft wird dargestellt als eine Menge lebensfremder Indizien, als „Wirtschaftsdaten“ oder als vollkommen unvorstellbare Summen (bei denen wir uns nicht einmal die Anzahl der Nullen merken können), welche Herr Bundesfinanzminister täglich aus dem Ärmel herausholt und zum Fenster hinauswirft.

Dem ist nicht so. Jeder Euro, der zu einem bestimmten Zweck ausgegeben wird, fehlt an einer anderen Stelle. Und jeder wirtschaftliche oder gesellschaftliche Verlust, wie wir am Beispiel Ehescheidungen sehen, ist nicht bloß eine annehmbare Unannehmlichkeit, sondern findet einen Ausdruck in den verlorenen Jahren menschlichen Lebens: in YLL, der gemeinsamen Währung aller sozialen Erkrankungen. Jede Einschränkung, die wir als Gesellschaft erleben, bedeutet, dass ganz konkrete Menschen, möglicherweise Ihre Freunde oder Kinder (vielleicht auch Sie, ja, Sie persönlich!) früher sterben werden als ohne diese Einschränkung.

Leichter gesagt als getan. Denn obwohl jeder wirtschaftliche oder soziale Verlust prinzipiell in den Verlust der menschlichen Lebensjahre umrechenbar ist, ist das Konzept von YLL „weder einfach zu verstehen noch zu berechnen“.1 Warum, das wird unten erklärt. Hier reicht, dass jede Modellrechnung immer auf gewissen Annahmen baut, die nicht genau überprüft werden können. Ein ehrlicher Forscher versucht immer mehrere verschiedene Annahmen und bekommt eine Bandbreite möglicher Ergebnisse, nicht DAS einzig wahre Ergebnis.

Hundertjährige sterben zu früh

Der Verlust der Lebensjahre wegen Covid wird anscheinend einfach berechnet: Die Anzahl der Covid-Verstorbenen für jeden Jahrgang wird mit verbliebenen Lebensjahren für diesen Jahrgang verrechnet. Je älter die Menschen sind, umso weniger Jahre bleiben ihnen im Schnitt, doch umso höher ist das Alter, dass sie beim Sterben erreichen. Das ist kein Paradox: Einem 60jährigen bleiben zwar weniger Jahre bis zum Tod als einem 40jährigen, aber seine Lebenserwartung ist trotzdem höher, weil für ihn (im Gegensatz zum 40jährigen) die Wahrscheinlichkeit, zwischen 40 und 60 zu sterben, bereits gleich Null ist.

Der Pferdefuß ist hier aber, dass nach diesem durchaus üblichen Verfahren jeder Mensch früher stirbt als er statistisch sterben sollte.2 Angenommen, die 60jährigen können im Schnitt bis 80 leben; stirbt einer mit 60, dann hat er 20 Jahre verloren. Aber die 80jährigen können im Schnitt noch bis 88 leben; also verliert jeder, der mit 80 stirbt, auch 8 Jahre. Wer allerdings 88 erreicht hat, hat noch eine Lebenserwartung von 4 Jahren! In welchem Alter man auch stirbt, stirbt man zu früh, einfach weil die Lebenserwartung mit dem Alter zwar abnimmt, aber nie gleich Null ist. Wenn Sie mit 100 sterben, haben Sie statistisch gesehen 1,9 Jahre verloren.

„Jede Einschränkung, die wir als Gesellschaft erleben, bedeutet, dass ganz konkrete Menschen früher sterben werden als ohne diese Einschränkung.“

Man könnte über dieses Paradox lächeln, wenn nicht die Frage nach dem Beitrag verschiedener Faktoren aufträte. Wenn 100 Hundertjährige gestorben sind, nachdem sie Bier getrunken haben, dann hat Bier 190 verlorene Lebensjahre verursacht. Addiert man alle 99-, 98- usw. nach unten -Jährige, die vor dem Tod Bier getrunken haben, bekommt man eine stattliche Zahl YLL und gelangt zu dem Schluss, dass Bier zu den wichtigen Todesursachen gehört.

Bedeutet das, dass die Kalkulation von YLL keinen Sinn hat? Nein. Das bedeutet aber, dass ein Statistiker, bevor er diese Kalkulation vornimmt, zuerst den Arzt fragen soll, ob nach medizinischen Kenntnissen Bier tatsächlich eine direkte Todesursache sein kann. Genauer gesagt, jede Unsicherheit bezüglich des Ursache-Wirkung-Zusammenhangs bläst die Schätzung von YLL auf. Zwei wichtigste Ursachen der Unsicherheit sind Alter und die Genauigkeit der Diagnose. Kommt ein gesunder 20jähriger, der noch 60 Jahre leben könnte, bei einem Autounfall mit gebrochenem Schädel ums Leben, so bleibt so gut wie keine Unsicherheit, dass er nicht bloß nach, sondern wegen der schwersten Kopfverletzung starb. Es könnte zwar sein, dass er ohne klare Ursache mitten auf der Straße zusammengebrochen wäre, aber die Wahrscheinlichkeit dessen ist zu gering, um an der ursächlichen Rolle des Unfalls ernsthaft zu zweifeln. Stirbt dagegen ein 80jähriger, der bereits seit Jahrzehnten Bluthochdruck, schwere Arteriosklerose und Diabetes hat, an einer Lungenentzündung, wobei in seinen Lungen drei Arten gefährlicher Mikroorganismen festgestellt werden, dann kommen schon sechs verschiedene Faktoren als Todes(mit)ursachen in Frage. Welchem dieser Faktoren sollen wir YLL zurechnen?

Das muss man über YLL wissen: 1. Weil die Lebenserwartung immer eine positive Zahl ist, neigt jede YLL-Schätzung zur Überschätzung. 2. Diese Überschätzung ist umso stärker, (i) je älter die Personen sind, (ii) je mehr verschiedene Erkrankungen sie haben und (iii) je schwieriger die Diagnose der Erkrankung ist, deren Wirkung wir einschätzen wollen. Nicht schwer zu sehen, dass alle drei Bedingungen für Covid-19 gelten, das v.a. für ältere Personen mit zahlreichen Komorbiditäten tödlich ist, und dessen klinisches Bild, besonders dessen Differenzialdiagnose,3 auch nach mehr als einem Jahr Pandemie unklar bleibt.

YLL wegen Covid

In einer der ersten Studien hat die Gruppe unter der Leitung von Harry Wetzler (Ofstead & Associates, Inc.) die übliche Methode verwendet: Für jeden an Covid Verstorbenen in den USA von März bis Mai 2020 wurde die seinem Alter entsprechende Lebenserwartung gefunden und die verlorenen Jahre wurden summiert. Die Autoren kamen auf 376.000 YLL pro Monat Epidemie und sahen ca. 8,64 Millionen YLL bis Ende 2020 voraus (864.000 YLL/Monat). Später untersuchten Quast und Mitarbeiter auf die gleiche Weise alle Covid-Sterbefälle in den USA zwischen dem 1. Februar und dem 11. Juni 2020 und kamen auf 1,2 Millionen YLL – oder ca. 222.000 YLL/Monat. Die umfangreichste Studie führte eine internationale Gruppe unter der Leitung von H. Pifarre i Arolas (Barcelona) durch, die Daten von 81 Ländern zwischen Februar 2020 und dem 6. Januar 2021 zusammenfasste. Ihr Endergebnis waren 20,5 Millionen YLL (ca. 1,8 Millionen YLL / Monat) weltweit, was einem durchschnittlichen Lebensverlust von 16 Jahren pro Covid-Verstorbenen gleichkäme.

„Patienten, die sich dort befinden, haben allgemein eine wesentlich kürzere Lebenserwartung als Gleichaltrige außerhalb dieser Einrichtungen.“

Es gab ein paar weitere Studien, die zu ähnlichen Ergebnissen kamen. Keine von ihnen unternahm auch den geringsten Versuch, zwischen „an“ und „mit“ Corona Verstorbenen zu unterscheiden. Dabei ist der Unterschied schon deshalb wichtig, weil allein in Deutschland täglich 2500 Menschen „an oder mit Herzstillstand“ sterben, was nichts anderes bedeutet, als dass am Ende jedes Lebens unabhängig von der Todesursache schließlich das Herz stillsteht. Ebenfalls ignorieren die Forscher die Tatsache, dass sehr viele Covid-Todesfälle (in den USA z.B. 45 Prozent) in Alters- und Pflegeheimen oder in den geriatrischen Abteilungen von Krankenhäusern eintraten. Patienten, die sich dort befinden, haben allgemein eine wesentlich kürzere Lebenserwartung als Gleichaltrige außerhalb dieser Einrichtungen. Das o.g. mathematisch bedingte Aufblasen der YLL-Werte durch Diagnoseunsicherheit hat keinen gekümmert. Quast und Mitarbeiter haben versucht, die Komorbidität zu berücksichtigen, und dementsprechend die geschätzte Lebenserwartung der „an oder mit Corona“ Gestorbenen um 25 Prozent nach unten korrigiert. Aber auch sie gingen davon aus, dass bei jedem mit Covid diagnostizierten Patienten Covid die Todesursache war, auch wenn er Krebs im Endstadium hatte. Pifarre i Arolas und Mitarbeiter schmetterten das Argument über die häufige Komorbidität bei Covid-Patienten mit der Entgegnung ab, dass sie sich nicht für absolute, sondern nur für relative (im Vergleich mit anderen Todesursachen) Anzahl von YLL interessierten. Mit diesem Gegenargument setzen sie voraus, dass sich der relative Anteil schwerer Vorerkrankungen zwischen Covid-Toten und Opfern von Verkehrsunfällen nicht wesentlich unterschiedet.

Diese Autoren gingen noch einen Schritt weiter und nahmen an, dass die Länder ihre offiziellen Zahlen der Coronatoten systematisch unterschätzen. Die richtigen Zahlen sollten ihrer Meinung nach viel höher liegen und der Übersterblichkeit im Jahr 2020 im Vergleich mit den Vorjahren entsprechen. Länder wie Griechenland und Südkorea hätten die Zahl ihrer an Covid Gestorbenen 12 Mal nach unten gedrückt. In anderen Worten vermuteten sie, dass keine anderen Faktoren die Übersterblichkeit (dort, wo es eine gibt) verursachen konnten als Covid-19. In den Ländern mit Untersterblichkeit haben sie die Daten allerdings nicht nach unten korrigiert, sondern sich wie in der ersten Analyse an den offiziellen Angaben orientiert, was eine weitere interessante Annahme voraussetzt, dass nämlich Covid-19 andere Todesursachen unterdrücken kann.

Unter diesen maximierenden Bedingungen sind Pifarre i Arolas und Mitarbeiter auf die Zahl von ca. 60 Millionen YLL bzw. 5,4 Millionen YLL pro Monat gekommen. Wir sollten uns diese Zahl merken, denn sie ist die absolut höchste, die man bei solchen fast fantastischen Annahmen bekommen kann, dass jeder gegenüber 2015-2019 zusätzliche Tote in 2020 nur an Covid-19 und an keiner anderen Ursache sterben konnten, und dass selbst in den hochentwickelten Ländern Covid-19 als Todesursache im Durchschnitt bei zwei Dritteln der Patienten übersehen wird (d.h. die falsch negative Rate erreicht 67 Prozent). Diese Vermutung steht im Kontrast zu pathologisch-anatomischen Daten, die im Gegenteil auf eine falsch positive Rate von bis zu 29 Prozent hinweisen.

Warum Anticoronamaßnahmen Lebensjahre kosten

Einfachheitshalber bleiben wir in diesem Artikel nur bei den Folgen der krudesten Maßnahmen wie Ausgangssperren, Quarantänen, Reise- und Kontaktverbote, Schul- und Geschäftsschließungen. Natürlich können auch andere Maßnahmen wie z.B. Maskentragen oder Desinfektionen mit neuen, ungetesteten Mitteln krank machen und damit das Leben verkürzen. Wir klammern das aber im Moment aus. Auch mögliche langfristige Folgen der Covid-Infektion sowie langfristige Nebenwirkungen der Impfungen lassen wir weg, da wir z.Z. nicht die geringste Basis besitzen, diese vollkommen neuen Erscheinungen quantitativ zumindest annähernd einzuschätzen. Wir sprechen lediglich über die Gruppe von Maßnahmen, die unter dem gemeinsamen Namen „Lockdown“ bekannt sind. Die zahlreichen Mechanismen, wodurch ein Lockdown zum Verlust von Lebensjahren führt, können grob in drei Klassen unterteilt werden:

  1. Relativ unmittelbare, kurz- bis mittelfristige Reaktionen auf Isolationsmaßnahmen: (1) Suizide; (2) Depressionen und andere psychische Syndrome (Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen) ohne unmittelbaren Suizid; (3) allgemeine Lebensverkürzung durch Isolation von Mitmenschen (ohne dass dies durch eine psychiatrische Störung vermittelt wird); (4) Alkoholismus und andere Substanzabhängigkeiten; (5) Ehescheidungen und sonstige Familienkonflikte einschließlich Kindesmissbrauch.
  2. Weitere, verzögerte, mittel- bis langfristige Konsequenzen des Lockdowns: (6) Aufschiebung lebenswichtiger medizinischer Untersuchungen und Eingriffe bei Nicht-Covid-Kranken, v.a. bei Patienten mit Krebs und chronischen Herzkreislauf- und Nierenerkrankungen sowie Diabetes; (7) Alkohol-, Nikotin- und sonstiger Substanzmissbrauch, der unterhalb des Niveaus einer entsprechenden Krankheit [siehe (4)] liegt, aber die körperliche Gesundheit unterminiert; (8) ungesunder Lebensstil, v.a. die Einschränkung der körperlichen Mobilität in der Isolation; (9) Absinken des Bildungsniveaus wegen Schulschließungen; (10) Verhaltensstörungen bei Kindern wegen der sozialen Deprivation einschließlich des fehlenden Rollenspielverhaltens, was die Unterentwicklung sozialer Kompetenzen verursachen kann (11) wirtschaftliche Rezession mit all den bekannten, aber oft verzögerten Konsequenzen wie Massenarbeitslosigkeit und Verarmung der Älteren; (12) allgemeine Störungen im Gesundheitswesen wegen der Unmöglichkeit, das Gesundheitssystem ausreichend zu finanzieren wie auch wegen Personalverlustes; (13) langfristige Folgen der dauerhaften Panik, Verunsicherung, der Zerstörung der Lebensplanung, des Vertrauensverlustes gegenüber sozialen und politischen Institutionen; und schließlich
  3. (14) globale Konsequenzen, d.h. die Auswirkungen auf die Bevölkerung anderer Länder außerhalb des Landes, in dem die Lockdown-Maßnahmen verhängt werden.

Kurz- bis mittelfristige Probleme

Eine ausführliche Studie zu den Problemen der Klasse I am Modell der Schweiz (mit der Bevölkerung von 8,57 Millionen) veröffentlichte vor kurzem eine Forschergruppe unter der Leitung von Dominik Moser von der Universität Bern. Die Forscher rechneten mit einer typischen (allerdings nicht für Deutschland) Lockdowndauer von 3 Monaten. Sie kalkulierten zuerst die Anzahl von Personen, die von den Faktoren (1) bis (5) betroffen werden (für die Schweiz – 179.521 Fälle oder 2,1 Prozent der Bevölkerung). Sie führten eine Literatursuche für die Einschätzung, wie viele verlorene Jahre jeder dieser Faktoren kosten kann, und aus dem gesamten (manchmal sehr breiten) Spektrum der Schätzwerte wählten sie immer den niedrigsten Wert. Beim Faktor „psychische Erkrankungen“ begrenzten sie sich nur auf eine Erkrankung (Depression) und beim Faktor „Substanzabhängigkeit“ nur auf eine Art davon: Alkoholismus. Somit haben sie explizit das Ziel gesetzt, eine möglichst niedrige Einschätzung der lockdownbedingten YLL zu erhalten.

Bleiben wir kurz beim Beispiel Depression. Das Vorgehen war wie folgt: In den „normalen“ (vorepidemischen) 3 Monaten liegt das Depressionsrisiko in der Schweiz bei 3,45 Prozent (295.655 Personen). Frühere Studien zeigen, dass depressive Männer im Schnitt 7,91 Lebensjahre und Frauen 6,22 Lebensjahre verlieren. Da 64,7 Prozent der Depressionspatienten Frauen sind, bekommt das den gewichteten Mittelwert von 6,82 Jahren. Drei Jahre nach der krankheitsbedingten Isolation wegen Grippeepidemien bleibt die Häufigkeit der Depressionen mindestens dreifach gegenüber nicht-isolierten Personen, was rechnerisch 591.000 zusätzliche Depressionspatienten ergeben würde. Dennoch nahmen die Autoren an, dass bei der besten Therapie 84 Prozent von ihnen die Krise erfolgreich (ohne Lebensverkürzung) überstehen. Damit bleiben nur 16 Prozent, d.h. 94.613 zusätzliche Patienten. Die Multiplikation mit dem individuellen YLL von 6,82 ergibt 645.260 YLL.

Wenn wir nun diese Daten mit YLL durch Covid vergleichen möchten, sollten wir sie auf die ganze Welt extrapolieren. Das geht aber nicht, weil wir nicht wissen können, ob Menschen anderer Kulturen genauso depressiv reagieren wie die Schweizer. Ich habe deshalb die Zahlen nur auf die sieben größten westlichen Länder (USA, Kanada, Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Großbritannien) extrapoliert unter der Annahme, dass die medizinischen Bedingungen in diesen Ländern jedenfalls nicht (noch) besser sind als in der Schweiz. Die Bevölkerung dieser Länder ist 80,854 Mal größer als die der Schweiz, woraus 52,17 Millionen YLL folgen bzw. 17,39 Millionen YLL pro Monat Lockdown.

„Im Koreakrieg wurden in nordkoreanischen Gefangenenlagern plötzliche, willkürliche Lockerungen, begleitet von genauso willkürlichen, unerwarteten und anscheinend sinnlosen Verschärfungen, sogar absichtlich als eine Art Folter eingesetzt.“

Ein aufmerksamer Leser kann aber merken, dass, obwohl die Autoren alles in ihren Kräften Liegende gemacht haben, um die YLL zu unterschätzen, an einem Punkt auch eine Überschätzung entstehen könnte. Die Anzahl der angenommenen zusätzlichen Suizidfälle setzt nämlich einen vollständigen Ausgangs- und Kontaktverbot voraus, während in der Schweiz wie in Deutschland diese Verbote nicht vollständig umgesetzt worden sind, denn Menschen können z.B. im Lebensmittelgeschäft oder beim Spaziergang andere treffen und sich mit ihnen unterhalten. Die Bedeutung dieser Unvollständigkeit ist schwer zu beurteilen. Eine regelmäßige, periodische oder sachlich begründete Lockerung des Kontaktverbots würde zweifellos dieses Verbot als weniger belastend empfinden lassen. Wir können aber bezweifeln, dass eine unregelmäßige und willkürliche Lockerung dieselbe Wirkung hat. Im Koreakrieg 1950-53 wurden in nordkoreanischen Gefangenenlagern plötzliche, willkürliche Lockerungen, begleitet von genauso willkürlichen, unerwarteten und anscheinend sinnlosen Verschärfungen, sogar absichtlich als eine Art Folter eingesetzt, damit die Gefangenen nie wissen konnten, was sie morgen erwarten würde.

Dennoch würden wir die angenommene Suizidzahl wegen dieser, zwar unwahrscheinlichen, aber nicht unmöglichen, Überschätzung halbieren. Damit reduziert sich die Gesamtzahl der Schweizer YLL von 1,757 Millionen auf 1,731 Millionen. Da diese Abnahme durch die kleinere Zahl der Suizidenten erfolgt, verringert sich die Gesamtzahl der Betroffenen auf 178.760 Fälle (2 Prozent der Bevölkerung). Jeder Betroffene verliert im Schnitt 9,79 Lebensjahre (in der Originalstudie) bzw. 9,68 Lebensjahre (nach unserer Korrektur).

Folgen wir unserer Regel „lieber stark unterschätzen als ein bisschen überschätzen“ und nehmen wir die niedrigere Zahl. Umgerechnet auf nur die sieben o.g. größten Industrieländer bedeutet das 14,4 Millionen betroffene Personen und einen Gesamtverlust von fast 140 Millionen Lebensjahren bzw. 46,6 Millionen YLL/Monat. Das ist die absolut niedrigste Schätzung für die sieben größten westlichen Nationen, die nur unmittelbare Konsequenzen des Lockdowns (Pp. (1) bis (5) oben) berücksichtigt, und auch diese unvollständig. So haben Moser und Mitarbeiter z.B. die posttraumatische Belastungsstörung, eine sehr häufige Folge der sozialen Isolation, ausgeschlossen, weil sie diagnostisch mit Depression verwechselt werden kann. Diesen 46,6 Millionen gegenüber steht die Zahl von 5,1 Millionen YLL / Monat als höchstmögliche Schätzung der Covid-bedingten verlorenen Lebensjahren weltweit, berechnet unter der Bedingung, dass die tatsächliche Zahl der Covid-Toten dreimal höher ist als offiziell berichtet (sonst wären es 1,8 Millionen YLL/Monat).

„Die Rettung eines Lebensjahres bei einem Covid-Patienten in Großbritannien kostet zwischen 7 und 120 Lebensjahre anderer Menschen.“

Interessant ist die Zahl der ca. 9,79 (Moser und Mitarbeiter) bzw. 9,62 (nach meiner Korrektur) YLL pro betroffene Person. Diese Zahl stimmt gut mit der Mitte zwischen 4 und 14 Jahren überein, die in den Industrieländern ein Covid-Verstorbener verliert. Nehmen wir an, dass diese Zahlen gleich sind, so können wir einfach 46,6 durch 5,1 (oder 1,8) teilen. In anderen Worten kommen auf einen Covid-Toten mindestens 9 (absolut niedrigste Rechnung) oder 26 (plausibelste Rechnung) Lockdown-Tote.

David Miles (Imperial College Business School, London) kommt aufgrund anderer Überlegungen zu einem ähnlichen Ergebnis. Das National Institute for Health and Care Excellence empfiehlt die maximalen Kosten der Behandlung von 30.000 britischen Pfund pro gerettetes Lebensjahr; höhere Kosten, so das Institut, würden das Gesundheitssystem überlasten und unvermeidlich zum Nachteil für andere Patienten gehen. Je nach der Berechnung der Covid-bezogenen YLL liegen die Ausgaben für ein gerettetes Jahr in Großbritannien zwischen 220.000 und 3,7 Millionen Pfund. Das bedeutet, dass die Rettung eines Lebensjahres bei einem Covid-Patienten in Großbritannien zwischen 7 und 120 Lebensjahre anderer Menschen kostet.

Weil die meisten der Betroffenen (mit Ausnahme der Suizidenten) nicht gleich heute sterben, sondern hauptsächlich während der nächsten zehn Jahre, könnte man meinen, diese YLL sind bloß „errechnete Zahlen“ aber keine tatsächlich sterbenden Personen. Das ist ein Fehler. Wenn Deutschland heute z.B. einem anderen Staat einen Krieg erklärt, ist durchaus möglich, dass am Tag der Kriegserklärung und an den nächsten paar Tagen kein Mensch zum Schaden kommt. Dennoch würden wir in diesem Fall genau wissen, dass als Ergebnis dieses Schrittes hochwahrscheinlich sehr viele Menschen, u.a. unsere Geschwister und Kinder, oder auch Sie und ich, sterben würden.

Langfristige Konsequenzen

Wenn schon kurzfristige Konsequenzen des Lockdowns sehr schwierig quantitativ einzuschätzen sind, so gilt das umso mehr für die langfristigen. Dimitri Christakis von der Universität Washington (Seattle) wandte sich dem Faktor Schulschließungen zu, und zwar nur für die Kinder im Grundschulalter (unter der Voraussetzung, dass bei den älteren Schülern Online-Lernen das Ausbleiben des Schulunterrichts zumindest teilweise kompensieren kann). In Europa und Nordamerika haben 24,2 Millionen Grundschulkinder im Frühjahr 2020 je 54 Unterrichtstage (Medianwert) verloren, was zum Absinken ihres Bildungsniveaus um 0,15 Prozent (Jungen) oder 0,12 Prozent (Mädchen) führt. Ein Verlust am Bildungsniveau hängt empirisch mit einem Verlust an folgenden Lebensjahren zusammen, wenn auch dieser Zusammenhang ungenügend untersucht wurde und in den USA viel stärker ist als in Europa. Deshalb ergab die Schließung der Grundschulen im ersten Lockdown 13,8 Millionen YLL in Nordamerika und „nur“ 0,8 Millionen YLL in Europa. Darunter werden nur die Konsequenzen der fehlenden Bildung berücksichtigt, aber kein Verhaltensstörungen wegen Isolation.

Britische Autoren analysierten die Folgen der Aufschiebung wichtiger Untersuchungstermine für Krebspatienten. Im Best-Case-Szenario führte die Aufschiebung bei nur 25 Prozent der Patienten zum unmittelbaren Verlust von 3316 Lebensjahren plus 7332 Lebensjahren wegen der Überlastung des Gesundheitssystems nach Lockdownende. Im Worst-case-Szenario (Aufschiebung bei 75 Prozent der Patienten) sind die entsprechenden Zahlen 9948 und 22635 Lebensjahre. Für den gesamten „Westen“ (EU, UK, die Schweiz, Norwegen, USA, Kanada) bedeutet das ca. 145 Tausend YLL im Best case und ca. 440 Tausend YLL im Worst case (in 3 Monaten). Die Gesamtzahl der von Aufschiebungen betroffenen Patienten einschließlich Nieren, Herz-, Kreislauf- und endokrinologischer Erkrankungen ist etwa dreimal so hoch wie die Anzahl der onkologischen Patienten; allerdings sind die negativen Konsequenzen der Aufschiebung für die anderen Diagnosen möglicherweise weniger fatal. Deshalb kann eine vorsichtige Schätzung von 0,3 Millionen aufschiebungsbedingten YLL in den westlichen Industrieländern angenommen werden.

„Arbeitslosigkeit verkürzt das Leben im Schnitt um 1,5 Jahre, auch ohne dass der Betroffene sich umbringt.“

Ein großer Brocken sind die mittel- und langfristigen Konsequenzen der wirtschaftlichen Rezession. Sie bestehen aus mehreren Komponenten, eine davon ist die steigende Arbeitslosigkeit. Die Daten über die Rezession 2008-2010 zeigen, dass die Arbeitslosigkeitszunahme um ein Prozent im Durchschnitt mit einem Zuwachs der Suizidrate bei Männern um 0,06 Prozent im gleichen Jahr zusammenhängt. Allerdings stecken hinter diesem Mittelwert sehr unterschiedliche Tendenzen in verschiedenen Ländern, von einer sehr starken Zunahme (v.a. Ost- und Südeuropa) bis zu einem Nulleffekt (in Deutschland und Skandinavien).

Das Problem ist aber, dass die meisten Suizide nicht im Jahr des Jobverlustes bzw. der Pleitewelle begangen werden, sondern mit einer Verzögerung von etwa zwei bis fünf Jahren (vgl. hier und hier). Der quantitative Zusammenhang ist nahezu unmöglich im Voraus einzuschätzen, da zu viele Parameter von den zwischenzeitlichen politischen Entscheidungen abhängen. Die Rezession 2008-2010 ergab ca. 6750 zusätzliche Suizidfälle in den USA, Kanada und der EU, also ca. 231.000 YLL (hier und hier).

Arbeitslosigkeit verkürzt das Leben im Schnitt um 1,5 Jahre, auch ohne dass der Betroffene sich umbringt. Deshalb ergibt die gegenwärtige Wirtschaftskrise in den USA nach März 2020 unmittelbar 5,4 Millionen YLL als Folgen der massiven Arbeitsplatzverluste. Dieser Autor projiziert die Daten auf weitere Jahre und kommt auf die Gesamtzahl von 24 Millionen Lebensjahren, die durch Covid- und Lockdown-bedingte Arbeitslosigkeit in den USA verloren gehen. Leider bleibt unklar, mit welchem Verfahren er diese Projektion erreicht, so dass ich die letztere Zahl mit Vorsicht betrachten würde.

Wirtschaftliche Rückgänge führen nicht nur zu einem Anstieg von Suizidfällen, sondern auch zur Zunahme (um ca. 10 bis 30 Prozent) von Herzkreislauf- und Lungenkrankheiten sowie Diabetes. Diese Effekte sind nicht gleichmäßig verteilt. Bei milden Rezessionen in Milieus mit gutem Einkommen sind sie so gut wie nicht vorhanden (die Sterberate kann sogar zurückgehen!). Aber je tiefer die Rezession und je niedriger die soziale Schicht, desto stärker schlagen wirtschaftliche Probleme auf die Gesundheit. Jeder Wachstumsrückgang vertieft die Kluft zwischen Arm und Reich sowohl innerhalb eines Landes als auch zwischen den Ländern. Arbeitsverlust ist zwar eine wichtige, aber bei Weitem nicht die einzige Mediatorvariable. Zu besonders schwerleidenden Gruppen gehören Arbeitsmarktanfänger und Menschen im Rentenalter, obwohl die letzteren kaum von der Arbeitsmarktlage betroffen sind. Das Absinken des Bruttosozialprodukts in einem Land führt zum Anstieg der Suizidrate unter den Rentnern unabhängig vom Beschäftigungslevel.

Globale Konsequenzen

Bisher sind wir stillschweigend davon ausgegangen, dass ein Lockdown z.B. in Deutschland die deutsche Bevölkerung trifft, ein Lockdown in den USA die amerikanische usw. Aber die Lockdown-Politik trifft eine globalisierte Welt. Deshalb haben alle wichtigsten Einschränkungen in jedem der hochentwickelten Länder Auswirkungen auf viele andere Länder – auch auf solche, die keinen Lockdown oder evtl. keine vergleichbaren Anticoronamaßnahmen eingeführt haben.

Eine sehr schwache Vorstellung vom Ausmaß der YLL durch diesen Kollateralschaden liefern die Zahlen des Bundesentwicklungsministers; infolge der harten Anti-Covid-Maßnahmen im Westen von März bis Mai 2020 werden in Afrika ca. 900.000 mehr Todesfälle an drei der dort verbreiteten Infektionskrankheiten (Malaria, AIDS, TBC) erwartet. In Anbetracht der Bevölkerungsstruktur Afrikas und der altersbedingten Empfindlichkeit dürften mindestens 300.000 davon Kinder sein, die noch mindestens 55 Jahre leben könnten (die hohe Lebenserwartung in Nordafrika schließe ich aus, da diese Länder am wenigsten von den genannten drei Krankheiten betroffen sind). Wenn wir sehr konservativ schätzen, dass die meisten verstorbenen Erwachsenen im Schnitt nur 10 Jahre länger leben könnten, bekommen wir insgesamt 7,5 Millionen YLL/Monat. Nun, in der Subsahararegion Afrikas leben 920 Millionen Menschen, insgesamt aber in den sogenannten Entwicklungsländern 5,6 Milliarden, davon 1,75 Milliarden in drei Ländern Indien, Pakistan und Bangladesch. Selbst bei der eher übertriebenen Schätzung, dass andere Dritte-Welt-Länder in epidemiologischer Hinsicht 10 Mal besser dastehen als Afrika, muss man noch 4,8 Millionen YLL/Monat addieren.

„Wenn sich die Lage mit fortschreitender Zeit weiter verschlechtert, kann die Zunahme der Todesfälle nicht mehr linear, sondern exponentiell sein.“

Dabei handelt es sich nur um die Übersterblichkeit an drei großen Infektionskrankheiten, die deshalb gefährlicher wurden, weil alle Ressourcen der WHO ausschließlich im Sinne der Covid-Bekämpfung umdisponiert wurden. Eine Gruppe aus der Johns Hopkins University stellte fest, dass die vorangegangenen Epidemien (SARS, MERS, Ebola) zur substantiellen Kürzung aller Leistungen für gebärende Frauen und Kinder unter 5 Jahren geführt hat. Die Forscher berechneten, dass, wenn die SARS-Cov-2-Pandemie zu der Kürzung im gleichen Ausmaß (mind. 25 Prozent) führt wie bei den früheren Epidemien, innerhalb eines Jahres 113.000 Frauen und 2.313.000 Kinder mehr sterben als ohne die Kürzung. Wenn wir im Durchschnitt mit mindestens 25 verlorenen Jahren pro Frau und mindestens 55 Jahren pro Kind rechnen und 20 Prozent abziehen, die möglicherweise mit Malaria zusammenhängen (also oben bereits berücksichtigt wurden), müssen wir weitere 104 Millionen YLL durch Todesfälle bei Müttern und kleinen Kindern in Afrika addieren.

Dazu kommt die Übersterblichkeit durch Unterernährung, aber ich besitze keine Zahlen, um diese auch nur sehr grob einschätzen zu können. Oxfam hat gemeldet, dass die Anzahl der Hungertoten 2020 die der Covid-Toten übersteigen sollte, was in Anbetracht der Altersstruktur mindestens 16-18 Millionen YLL/Monat bedeuten würde, und dass in Indien infolge des ersten Lockdowns 40 Millionen Menschen Arbeit verloren haben (mindestens 60 Millionen YLL); inwieweit die Schätzung von Oxfam zuverlässig ist, vermag ich nicht zu beurteilen.

Da die internationale Mobilität im Sommer 2020 kaum wiederbelebt und im Herbst wieder weitestgehend stillgelegt wurde, gibt es keinen Grund zu behaupten, dass sich die Lage in der Dritten Welt nach Mai 2020 verbessert hat. Im besten Fall (keine Veränderung) fand eine lineare Zunahme der Todesfälle statt, was bis März 2021 mindestens 53 Millionen YLL allein durch die Zunahme der Infektionskrankheiten bedeutet; Hungertote sowie Menschen, deren Leben durch extreme Armut verkürzt wurde, die aber nicht sofort gestorben sind, werden dabei nicht mitgerechnet. Wenn sich die Lage mit fortschreitender Zeit weiter verschlechtert, kann die Zunahme der Todesfälle nicht mehr linear, sondern exponentiell sein; das Ergebnis wird dann von den Parametern der Exponente abhängen.

Insgesamt beläuft sich die minimale Schätzung des „kollateralen Schadens“ auf 21 Millionen YLL/Monat allein durch Krankheiten. Die Konsequenzen der mangelnden Ernährung, des Arbeitslosigkeit, des wirtschaftlichen Einbruchs in den Entwicklungsländern sind darunter nicht berücksichtigt.

Viel oder wenig?

Wenn wir feststellen, dass der Lockdown mehr Lebensjahre kostet als die Pandemie selbst, stellen sich zwei Fragen. Erstens: Könnte es aber sein, dass ohne Lockdown die Covid-bedingte Sterblichkeit viel höher wäre und damit die Covid-bedingten YLL in die Höhe getrieben worden wären? Die Antwort ist nicht schwierig: Für eine solche Behauptung gibt es einfach keine brauchbaren Daten. Was einzelne harte Maßnahmen betrifft, so könnte höchstens die Schulschließung noch diskutiert werden: Es gab ein paar seriöse Modellstudien, deren Ergebnisse allerdings völlig auseinander gehen (z.B. hier und hier). Für einen möglichen Effekt von Geschäftsschließungen, Reiseverboten und Ausgangssperren gibt es dagegen gar kein wissenschaftliches Argument. Im Gegenteil stimmen zahlreiche Studien, die übrigens sehr verschiedene Methoden verwenden (und deshalb verschiedene Aspekte des Geschehens betonen) darin überein, dass solche Maßnahmen in Bezug auf die Verbreitung des Virus so gut wie nichts bewirken (vgl. hier, hier, hier, hier und hier). Einige frühere Modellrechnungen (von Frühjahr 2020), die angeblich solche Wirkung untermauert hätten, beruhten auf einer Selektion der „passenden“ Daten und sind inzwischen widerlegt (hier, hier und hier). Datenbasierte Schätzungen, selbst nicht sehr präzise, können nicht durch eine bloße Behauptung „aber es könnte vielleicht doch sein, dass…“ in Frage gestellt werden.

„Insgesamt gehören Lungenentzündungen unabhängig von größeren Epidemien zu den wichtigsten Todesursachen.“

Zweitens bedeutet diese Feststellung, dass das Virus „ungefährlich“ oder dass der Lockdown „sehr gefährlich“ ist? Diese Frage ist schwieriger, denn was ist „viel“ und was ist „wenig“? Ein absolutes Maß dafür steht nicht zur Verfügung, und wir können eine Vorstellung von „viel“ und „wenig“ nur durch Vergleiche mit anderen Todesursachen bekommen. Eine durchschnittliche Grippewelle kostet zwar etwa so viele YLL pro Monat wie Covid, aber der Vergleich pro Monat ist in diesem Fall irreführend, weil die typische Grippewelle wesentlich kürzer ist als die Covid-Pandemie; die Gesamtzahl der verlorenen Lebensjahre bis jetzt ist bei Covid mindestens zwei, eher fünf bis zehn Mal höher als bei der Grippe. Dies ist anders bei besonders schweren Grippeepidemien und in den besonders schwer betroffenen Gebieten. Bei vergleichbarer Mortalität kostete die Schweinegrippe (H1N1) im Winter 2009 in Australien 11 Mal mehr Lebensjahre pro Monat als Covid im Winter 2020.

Insgesamt gehören Lungenentzündungen unabhängig von größeren Epidemien zu den wichtigsten Todesursachen (im Jahr 2016 wurden z.B. weltweit ca. 7,6 Millionen Jahre/Monat wegen akuter und weitere 5,1 Millionen Jahre/Monat wegen chronischer Pneumonien verloren). Malaria verursachte in jenem Jahr weltweit ca. 4,5 Millionen YLL/Monat, Tumore ca. 17,3 Millionen YLL/Monat, alle Herz- und Kreislaufkrankheiten zusammen ca. 26,6 YLL/Monat, Unfälle insgesamt ca. 16,7 Millionen YLL/Monat, Nervenerkrankungen (ohne Schlaganfall, der zu den Kreislaufkrankheiten zählt) ca. 2,8 Millionen YLL/Monat, zwei Drittel davon Demenzerkrankungen. Da die entsprechenden Diagnosen längst bekannt und die diagnostischen Prozeduren bewährt sind, kann man davon ausgehen, dass diese Zahlen im Vergleich mit Covid die realen Werte nur geringfügig überschätzen.

Große Verursacher von YLL sind natürlich Kriege. Die YLL im 1.Weltkrieg habe ich folgenderweise geschätzt: ca. 5 Millionen gefallene Soldaten aus den Ländern mit höherer Lebenserwartung (z.B. Deutschland, Frankreich), meistens jüngere Männer, von denen jeder im Schnitt noch 32 Jahre leben könnte = 160.000.000; ca. 4 Millionen gefallene Soldaten aus den Ländern mit niedrigerer Lebenserwartung (z.B. Russland), von denen jeder noch 22 Jahre leben könnte = 88.000.000; bis zu 13 Millionen Zivilisten, von denen die meisten an Hunger und Krankheiten gestorben sind, darunter viele ältere Personen, aber auch Kinder; möglicherweise könnte jeder im Schnitt noch 15 Jahre leben = 195.000.000; schließlich 21 Millionen Verwundete, deren Leben um ca. 10 Jahre verkürzt würde = 210.000.000. Insgesamt zwischen 650-660 Millionen verlorener Lebensjahre bzw. ca. 13 Millionen YLL/Monat. Darunter sind die Opfer der Seuchen (z.B. Typhus, außer der Spanischen Grippe) mitgezählt. Allerdings war die Gesamtbevölkerung der Erde damals fast 4,5 Mal kleiner als heute.

„Auf lange Sicht verursacht der Lockdown mindestens um eine, möglicherweise um mehrere Größenordnungen mehr verlorene Lebensjahre als die Viruskrankheit selbst.“

Selbstverständlich hat diese Schätzung keinen Anspruch auf Genauigkeit. Sogar in einem für seine gute Statistik berühmten Land wie Großbritannien werden die Angaben zu den Todeszahlen im Ersten Weltkrieg, geschweige denn YLL, nur geschätzt. Die Zahl 650-660 Millionen gibt uns lediglich eine ungefähre Vorstellung, in welchem Rahmen wir uns befinden.

Fazit

Die genaue Berechnung der Lebensjahre, die wegen des andauernden weltweiten Lockdowns und des damit verbundenen Zusammenbruchs des sozialen Lebens verlorengehen, hat gerade erst begonnen. Von den 14 oben aufgelisteten Ursachen der Lebensverluste sind erst fünf einigermaßen gut und weitere drei lediglich in geringen Teilen untersucht, die anderen sieben liegen noch brach. Vor allem warten (a) die langfristigen Gesundheitsfolgen der wirtschaftlichen Rezession, die sich erst in etwa fünf Jahren voll entfalten, (b) die Konsequenzen der schweren Verhaltensstörungen von Millionen Kindern, die bereits jetzt monatelange Warteschlangen zu psychiatrischen Ambulanzen bilden, und (c) die Folgen der steigenden Unterernährung und der zunehmend verbreiteten tödlichen Infektionskrankheiten in Afrika, Südasien und Lateinamerika immer noch auf ihre quantitative Erfassung.

Dennoch lassen bereits die anfänglichen Analysen der wenigen (und wahrscheinlich nicht der schwerwiegendsten) Todesursachen die ersten Schlussfolgerungen zu. Auf lange Sicht verursacht der Lockdown wesentlich (d.h. mindestens um eine, möglicherweise um mehrere Größenordnungen) mehr verlorene Lebensjahre (YLL) als die Viruskrankheit selbst – auch dann, wenn man alle positiv getesteten unabhängig von Komorbidität als Covid-Verstorbene zählt. Die Gesamtzahl der lockdownbedingten YLL ist deutlich höher als die Zahl der YLL für solche verbreiteten Todesursachen wie Krebs und Herzkreislauf-Erkrankungen und zumindest vergleichbar mit der YLL in großen Kriegen und anderen bekannten Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu den letzteren verteilt sich aber die Lebensverkürzung auf viele Jahrzehnte; die heute betroffenen 4-6-jährigen Kinder werden vielleicht erst in 50-70 Jahren früher sterben, als sie im Falle ihrer normalen Entwicklung gestorben wären. Eines ist sicher: Von all denen, die jetzt diesen Artikel lesen, wird keiner die Zeit erleben, in der alle negativen Konsequenzen der Lockdown-Politik behoben sind.