17.02.2021

Wie viele Lebensjahre raubt uns das Virus?

Von Thilo Spahl

Titelbild

Foto: Witizia via Pixabay / CC0

Je älter wir werden, desto näher kommen wir dem Tod. Das gilt auch in Zeiten von Corona.

Das RKI hat es ausgerechnet und die Medien haben es uns mitgeteilt: Fast 10 Jahre seines Lebens verliert, wer an einer Covid-19 Erkrankung verstirbt.

Aber stimmt das wirklich, fragt man sich. Denn man kennt ja auch andere Zahlen, die da lauten: Das mittlere Sterbealter von Menschen, die an oder mit Covid sterben beträgt 82,3.1 Und das durchschnittliche Sterbealter derer, die ohne Covid sterben, liegt bei 79. Wie kann es dann sein, dass die Corona-Patienten fast zehn Jahre ihres Lebens verlieren, wenn sie gleichzeitig drei Jahre später sterben als der Durchschnitt der Bevölkerung?

Werner Bartens berichtet in der Süddeutschen Zeitung über das Phänomen und beginnt seinen Artikel mit den Worten „Das Gesamtergebnis entzieht sich weitgehend der menschlichen Vorstellungskraft …“. Will heißen: Unvorstellbar, aber wahr!

Wie sind die Forscher dennoch zu diesem Ergebnis gekommen? Wir erfahren es weiter unten im Text: „Um die ‚Krankheitslast' – so der medizinische Ausdruck – von Covid-19 zu berechnen, wurde das Sterbealter mit der statistischen Restlebenserwartung abgeglichen.“ Das ist im Grunde ein einfaches Verfahren. Man nimmt das Alter zum Zeitpunkt des Todes, zum Beispiel 64, und schaut dann in der Tabelle nach, welche Lebenserwartung ein 64j-ähriger in Deutschland im Jahre 2020 (bzw. 2019) hatte.  

Bei der Lebenserwartung gilt: Mit jedem Jahr, das man schon geschafft hat, wächst die Gesamtlebenserwartung. Wenn man für die 60-Jährigen das durchschnittliche zu erwartende Sterbealter ausrechnet, ist dies mit 81,77 höher als bei den 50 Jährigen, die nur auf 80,34 kommen. Denn alle, die zwischen 50 und 60 gestorben sind, gehen ja nicht mehr in die Rechnung ein. Daher hat ein 82-Jähriger Mann in Deutschland noch eine durchschnittliche Lebenserwartung von 7 Jahren und eine 82-jährige Frau kann laut Statistischem Bundesamt (ermittelt mit Genesis Datenbank, Tabelle 12621-0002) mit weiteren 8,3 Jahren rechnen.

Aber gilt das auch für die Menschen, die an Covid gestorben sind?  Das wäre nur der Fall, wenn es komplett dem Zufall überlassen wäre, wer in Folge der Infektion stirbt und wer nicht. Genau das hat man aber offenbar angenommen. Tatsächlich steht in der Studie: „Vorerkrankungen bei COVID-19-Verstorbenen werden nicht berücksichtigt.“ Da aber die Covid-Toten größtenteils sogar mehrere Vorerkrankungen hatten, wäre eher damit davon auszugehen, dass sie mit weniger verbleibender Lebenszeit zu rechnen gehabt hätten als der Durchschnitt ihrer Altersgenossen. Erstaunlicherweise sind die RKI-Wissenschaftler zu einem gegenteiligen Ergebnis gekommen. Frauen verloren demnach 8,1, Männer sogar 11 Jahre.

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer verweist in einem Facebook-Post zu Recht darauf, dass die durchschnittliche Lebenserwartung von Menschen, die in Deutschland in ein Pflegeheim kommen, zum Zeitpunkt der Aufnahme 18 Monate beträgt.  Bei Altenheimen sind es zwei Jahre. Geht man davon aus, dass die dort Verstorbenen nicht alle gerade frisch aufgenommen wurden, dann liegt ihre durchschnittliche Lebenserwartung bei etwa 9 bzw. 12 Monaten. Und viele der an und mit Covid Verstorbenen lebten in Heimen.

Aber wie gesagt, die Forscher sind einfach davon ausgegangen, dass die, die die Infektion nicht überlebt haben, durchschnittlich gesund waren. Sie merken an: „Andere Krankheitslaststudien zu COVID-19 adjustieren bei Berechnung der YLL [verlorenen Lebensjahre] die Restlebenserwartung für bestehende Vorerkrankungen. Demgegenüber wurde hier, angelehnt an die ‚Global Burden of Disease'-Studie, für alle Verstorbenen eine krankheitsunabhängige altersspezifische Restlebenserwartung angelegt. Dadurch wird die mittlere erreichbare Lebenserwartung zum Maßstab für den Verlust an Lebenszeit. Quantifiziert wird ein durch Prävention und Versorgung ‚idealerweise' potenziell vermeidbarer Verlust an Lebensjahren.“

Es wird also von einem Idealfall ausgegangen, der aber in der Realität nicht gegeben war. Mit anderen Worten: Die Covid-Toten hätten nur dann noch durchschnittlich 9,6 Jahre leben können, wenn sie in dieser Zeit nicht an etwas anderem gestorben wären.

„Die Covid-Toten hätten nur dann noch durchschnittlich 9,6 Jahre leben können, wenn sie in dieser Zeit nicht an etwas anderem gestorben wären."

Das gilt aber dann auch für alle anderen 2020 Gestorbenen, die es im Durchschnitt nur auf 79 Jahre brachten. Und so landen wir am Ende wieder bei dem, was wir schon am Anfang beim Vergleich der Zahlen 79 und 82,3 gedacht haben. Wer an Covid stirbt, mag theoretisch 9,6 Jahre seines Lebens verloren haben, er ist aber dennoch ein paar Jahre älter geworden als der Durchschnitt derer, die an etwas anderem gestorben sind.

In ihrer Zusammenfassung wagen die Autoren dann noch einen Vergleich mit der Grippe: „Kumulativ betrachtet blieben die YLL durch COVID-19 im Jahr 2020 unterhalb des üblichen Verlusts an Lebenszeit durch weitere wichtige Todesursachen. Die Analyse der Übersterblichkeit legt aber nahe, dass die COVID-19-Pandemie am Ende des Jahres 2020 etwa das Niveau schwerer Influenzawellen erreicht hat.“

Mir bleibt abschließend zu betonen: Jedem einzelnen hätte ich ein längeres Leben gewünscht. Einige der Covid-Toten sind um Jahrzehnte „zu früh“ gestorben. Wir sollten versuchen, den Tod durch Covid zu verhindern. Es ist aber gleichzeitig geboten, den Tod durch Krebs, Alzheimer, Herzinfarkt, usw. zu verhindern. Wir können nicht so tun, als gäbe es nur eine Krankheit. Wenn Corona überstanden ist, wird das Sterbealter in Deutschland immer noch bei rund 79 Jahre liegen und nicht bei „idealen“ 92.