19.05.2016

Zu viel Empathie in der Politik

Essay von Omar Adam Ayaita und Johannes Mellein

Kritische Stimmen aus der Wissenschaft lassen daran zweifeln, ob mehr Empathie wirklich bei der Bewältigung gesellschaftlicher und politischer Probleme helfen kann.

Rostock, 14. Juli 2015: Deutschlands Regierungschefin Angela Merkel trifft bei einem Bürgerdialog auf ein weinendes palästinensisches Mädchen, das mit ihrer Familie aus dem Libanon geflohen ist – und das nicht weiß, ob es in Deutschland bleiben darf. Merkels Aussage, man könne nicht alle Flüchtlinge aufnehmen und müsse Entscheidungen schneller herbeiführen, hatte die Tränen ausgelöst. Auf die Gefühle reagiert Merkel sachlich differenziert und bemüht sich um freundliche Symbole, bleibt in der Sache aber konsequent. Dafür erntet sie damals – knapp zwei Monate vor dem Selfie an einer Berliner Flüchtlingseinrichtung und der Betonung des freundlichen Gesichts – heftige Kritik. Wo, so fragte man damals, bleibt die Empathie in der sachlich orientierten Politik der Kanzlerin? Und es schließt sich die Frage an: Wie viel Empathie brauchen wir allgemein in Politik und Gesellschaft?

Seit einigen Jahren lässt sich beobachten, wie Empathie zu einem moralischen Leitwert aufsteigt. (Mehr) Empathie gilt vielen als Zauberformel für die Herstellung einer besseren Welt. Journalisten und Intellektuelle zeigen sich angetan: Empathie sei „die wichtigste Eigenschaft des Augenblicks“, schrieb der Feuilletonist Philipp Holstein in einem Essay für die Rheinische Post. Sie allein bilde die adäquate Antwort der Gesellschaft auf Terror, Flüchtlingselend und Armut. In den USA avancierte Leslie Jamisons Essaysammlung „Die Empathie-Tests“ zu einem Bestseller. Zeit-Rezensentin Susanne Mayer sprach in diesem Zusammenhang von Empathie als einer „den Menschen adelnden Seelenlage.“ Sie erst sei der Stoff, der „eine Horde zur Gesellschaft befähigt.“ Der Zeitgeist gibt sich empathisch. Kein Wunder also, dass im Kielwasser dieses Trends auch didaktische und therapeutische Angebote Konjunktur haben: Empathie-Trainings und Seminare für Führungskräfte und Normalos verzeichnen eine steigende Nachfrage.

Mit dem überschwänglichen Lob der Empathie geht eine anti-rationale Stoßrichtung im medialen Diskurs einher: Holstein nimmt in seinem oben genannten Essay die Begegnung mit einem Bettler zum Anlass, um den Wert von Empathie in Entscheidungsprozessen hervorzuheben. Dabei kontrastiert er den primären „empathischen“ Impuls (nämlich dem Bettler eine Münze zu geben) mit dem darauffolgenden Prozess des Abwägens. Der Autor bezeichnet letzteren als „anderes Ich“, welches „in Frage stellt, zu bedenken gibt und Gutes verhindert.“ In Frage stellen? Bedenken? Man kommt kaum umhin, Holsteins „zweites Ich“ als Vernunft zu bezeichnen. Gerade sie sei nun aber „die Hürde, die man überwinden muss, um ein empathischer Mensch zu sein.“ Andere stoßen ins gleiche Horn: In der SZ beklagt der Mediziner und Buchautor Werner Bartens den Zustand unserer Welt und propagiert zugleich die Überlegenheit des (empathischen) Instinktes über den Verstand: „Wer angesichts dieses Kaleidoskops des Schreckens das Gute im Menschen finden will, hat kein leichtes Spiel. Und muss sich wohl besser an die Instinkte halten, an das, was ‚von Natur aus‘ hervorbricht, wenn der Mensch nicht lange überlegt. Dann ist er nämlich durchaus hilfsbereit – und menschlich.“

„Lieber nicht zu viel nachdenken, sonst droht Übles“

Hier grüßt den Leser Zivilisationskritik à la Jean Jaques Rousseau. Im Klartext: lieber nicht zu viel nachdenken, sonst droht Übles. So knüpft der zeitgenössische Empathie-Diskurs an bekannte (und meistens in der Praxis gescheiterte) Denkmuster an: Die romantische Tradition der Vernunftkritik ist in Deutschland von jeher stark ausgeprägt gewesen. Ihren Kern bildet die „Kritik am aufklärerischen Fundamentalanspruch der Vernunft (…) im Namen anderer Instanzen“, vor allem des Glaubens, der Gefühle oder der Fantasie. 1 Bereits im 19. Jahrhundert einte die Skepsis gegenüber der Aufklärung Vertreter der Lebensphilosophie wie Wilhelm Dilthey, Friedrich Nietzsche und Ludwig Klages (letzterer bezeichnenderweise ein Pionier des Naturschutzes). Weitere Eruptionen der „Vernunftkritik“ fielen in die 60er- und 70er-Jahre, als Hippies, Gegenkultur und Neue Soziale Bewegungen Orientierung jenseits der industriellen Moderne und ihrer technokratischen Politikansätze suchten.

Eine der Säulen der gegenwärtigen Empathie-Euphorie bilden die Arbeiten des US-amerikanischen Soziologen und Zukunftsforschers Jeremy Rifkin. Er feiert die Empathie als moralischen Kitt für eine neue Weltgesellschaft: „Mehr Empathie wird Menschen zusammenbringen, um globale Probleme zu lösen.“ Um Geißeln wie Krieg, Armut und Klimawandel zu besiegen, möchte Rifkin der Menschheit den Weg in die „Empathische Zivilisation“ weisen. 2 Der erste Schritt bestehe in einem Wandel des Menschenbildes vom egoistischen Nutzenmaximierer hin zum sozialen Individuum. Sodann sollten alle relevanten gesellschaftlichen Institutionen, insbesondere das Bildungssystem, auf das Ziel hin ausgerichtet werden, die vorhandene empathische Veranlagung des Menschen zu fördern und zu kultivieren. So ließe sich die traditionell limitierte Reichweite der Empathie von spezifischen Gemeinschaften (z.B. Familie, Religion oder Nationalstaat) auf die gesamte Menschheit ausdehnen.

Schattenseiten der Empathie

Ist so etwas möglich? In der Tat ist gegenüber Rifkins Ideen Vorsicht angebracht, denn sie blenden die Schattenseiten der Empathie vollkommen aus: Paul Bloom, Professor für Psychologie an der Yale University, erregte Aufsehen mit seinem Aufsatz „Against Empathy“, der 2014 im Boston Review erschien. Darin kommt er auf Grundlage empirischer Befunde zu dem Schluss, dass Empathie – verstanden als das emotionale Hineinfühlen in andere – oftmals ein schlechter, sogar schädlicher Ratgeber ist. Empathie ist erstens nicht unparteiisch (sie ist „biased“): Es fällt uns leichter, Empathie für diejenigen aufzubringen, die uns gefallen oder die so ähnlich sind, so ähnlich aussehen wie wir. Gesellschaftlich und politisch betrachtet kann daraus schnell eine massive Ungerechtigkeit und Diskriminierung entstehen, wenn andere, die uns nicht so sehr ähneln, dadurch missachtet werden. Ein kleines Flüchtlingskind wird im Maßstab der Empathie häufig einen höheren Rang einnehmen als ein junger Mann mit vergleichbarem Hintergrund, der von vielen eher als Bedrohung empfunden wird.

Zweitens ist Empathie eher auf einzelne Individuen gerichtet und beachtet nicht das große Ganze: Wir fühlen uns in Einzelne hinein, die uns nah sind, und verlieren dadurch schnell das Bewusstsein für die größeren gesellschaftlichen Zusammenhänge. Wir beachten dann möglicherweise nicht mehr, was für die vielen gut ist, und sind stärker geneigt, statistische Fakten zu ignorieren. Wer dem Gefühl folgt und etwa einem Straßenkind Geld in die Hand drückt, tut damit nicht unbedingt etwas Gutes, sondern unterstützt womöglich eine kriminelle Bande.

Solche Unvollkommenheiten sind nicht das Einzige, was die Empathie als gesellschaftlichen und politischen Ratgeber problematisch macht. Neue Ergebnisse deuten auch darauf hin, dass besonders empathische Menschen tendenziell rachsüchtiger sind. Sie versetzen sich stark in die Opfer hinein und wollen, dass die Täter leiden – auch wenn damit niemandem geholfen wird. Zudem ist Empathie dadurch, dass sie auf das Einzelne gerichtet ist, besonders empfänglich für Manipulation. Wer sich von Empathie leiten lässt, kann geblendet und sogar fanatisch werden.

„Wer mitfühlt, sucht auf der Grundlage der Motivation, zu helfen, nach den besten Methoden.“

Öffentliche Entscheidungen, so Bloom in seinem Aufsatz, werden deshalb gerechter und moralisch besser sein, wenn sie nicht auf Empathie gegründet sind. Bloom schlägt als Alternative das Mitgefühl vor („compassion“). Während Empathie („empathy“) das Hineinfühlen in andere bezeichnet und meist als essentiell emotionaler Vorgang verstanden wird, ist das Mitfühlen ein explizit nicht empathischer, vergleichsweise distanzierter Vorgang. Wer mitfühlt, spiegelt nicht einfach das Leid und den Zorn anderer wider, sondern sucht auf der Grundlage der Motivation zu helfen, nach den besten Methoden.

Für seine Kritik der Empathie ist Bloom in der Öffentlichkeit und im Internet scharf angegriffen worden. Naturwissenschaftliche Befunde stützen aber die Grundlagen seiner Argumentation. Wissenschaftler des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Hirnforschung haben in einer internationalen Zusammenarbeit herausgefunden, dass Empathie und Mitgefühl („empathy“ und „compassion“) tatsächlich biologisch verschiedene Vorgänge sind. Zudem bestätigte die Studie, dass Mitgefühl eigenes Leid verhindert und die Ausdauer in der menschlichen Kooperation verbessert. Empathie kann dagegen, wenn sie zu umfassend ist, Burnout begünstigen. 3 Aus demselben Institut stammt eine Studie, die untersucht, wie sich ein Training im Mitgefühl auf soziale Verhaltensweisen auswirkt. Wer im Mitgefühl geübt war, wurde im Durchschnitt weniger zornig, wenn er selbst kleinere Geldsummen erhielt als andere, und bestrafte die Mitspieler weniger. Gleichzeitig waren jene Individuen aber mehr als andere bereit, sich für benachteiligte Mitspieler einzusetzen und dadurch gerechtere Verteilungen zu bewirken. 4 Die Studie legt nahe, dass moralisches Verhalten keinesfalls auf Empathie gründen muss, sondern im Gegenteil gut durch das überlegtere und gerechtere Mitgefühl erzielt werden kann.

Bloom erhält auch Unterstützung aus der Philosophie. Peter Singer, der bekannte Vertreter einer utilitaristischen Ethik und Professor an der Princeton University, hat mit einer zustimmenden Replik auf den „Against Empathy“-Artikel reagiert: Diejenigen, welche wirksam Gutes tun, sind selten besonders sentimental; stattdessen richten sie sich eher nach Zahlen. Das ist kein Zufall, denn wer wirklich etwas für die Menschen erreichen möchte, muss neben dem Blick auf den Einzelnen auch das große Ganze zur Kenntnis nehmen – und manchmal Entscheidungen treffen, die zunächst weniger sympathisch wirken. Als Beispiel nennt Singer einen Princeton-Absolventen, der statt an eine Universitätsstelle in Oxford lieber an die Wall Street ging – und dort so viel verdiente, dass er nach einem Jahr 100.000 Dollar an Hilfsorganisationen spenden konnte. 5

Nun ist das von Singer befürwortete Konzept, der auf seinem Utilitarismus aufbauende „effective altruism“, selbst höchst umstritten. Der Philosoph Andreas Müller hat kritische Punkte deutlich angesprochen: Wer das Handeln an bloßen Kosten-Nutzen-Erwägungen ausrichtet, läuft Gefahr, moralisch inakzeptable Konsequenzen zu tolerieren oder sogar zu fordern, etwa das Begehen „kleiner“ Verbrechen zum Wohl des großen Ganzen. Stattdessen weist Müller darauf hin, wie wichtig es ist, das individuelle menschliche Leben zu achten und Unterschiede in den Präferenzen zu respektieren.

Gefühl und Vernunft

Politische und gesellschaftliche Entscheidungen müssen den Menschen, auch den individuellen Menschen, dienen. Das bedeutet aber nicht, dass sie durch Gefühlsregungen zustande kommen sollten. Vielmehr sind es die Argumente, die in einem wohlverstandenen Humanismus zählen müssen.

Bei der Frage, ob Moral sich eher auf Gefühle oder die Vernunft gründen sollte, fällt einem unweigerlich Immanuel Kant ein. Der Philosoph der Aufklärung war insgesamt ein Anhänger der Vernunftethik. Zwar zeigte er in seiner theoretischen Philosophie angebliche Grenzen der Vernunft auf („Kritik der reinen Vernunft“): Die Vernunft muss sich immer an dem sinnlich Wahrnehmbaren messen und darf nicht für sich beanspruchen, die „Dinge an sich“ erkennen zu können. Die Überlegung, dass Vernunft und Sinneswahrnehmung beide notwendig für die Erkenntnis seien, führte zu dem Satz: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ 6 Doch er meinte keinesfalls, dass Gefühlsregungen und Empathie gute Ratgeber seien. Vielmehr wird der Vorrang der Vernunft gerade in seiner praktischen Philosophie, also in seiner politischen Philosophie und Ethik, sehr deutlich – so etwa in dem berühmten Ausspruch von 1784: „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ 7

Kants „Kritik der praktischen Vernunft“ macht schließlich den kategorischen Imperativ zur Grundlage seiner Ethik: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ 8 Wer soziale Entscheidungen trifft, sollte also erst einen Schritt zurücktreten und sich überlegen, was passieren würde, wenn alle so handelten. Mit diesem Appell an die Vernunft hebt sich Kants Ethik klar von denen ab, die glauben, mit der Empathie am besten Probleme lösen zu können.

Vorrang der Vernunft

Angela Merkel ist offenbar eine Politikerin, die, jedenfalls beurteilt an ihrer Reaktion auf das Flüchtlingsmädchen, eher an den Vorrang der Vernunft als an den Vorrang der Empathie glaubt. Auf ihre als unterkühlt kritisierte Reaktion beim Bürgerdialog mit dem Flüchtlingsmädchen angesprochen, sagte sie in einem Interview: „(…) Ich glaube, dass es individuell immer schwierig bleiben wird. Und ich glaube auch, dass es wichtig ist, wenn eine Bundeskanzlerin mit Menschen diskutiert, wo sie die Sachlage nicht ganz genau kennt, dass ich dann nicht sage: Weil Du jetzt gerade die Bundeskanzlerin getroffen hast, ist aber Dein Schicksal schneller zu lösen als das von vielen, vielen anderen. Wir sind da ein Rechtsstaat, und ich glaube, dass das so okay war. Und trotzdem möchte man ein weinendes Mädchen trösten, aber ich kann damit nicht die Rechtslage verändern.“ 9

„Eine Demokratie muss Vertrauen in die Kraft des Denkens und Argumentierens haben.“

Damit hat die Regierungschefin der Bundesrepublik deutlich gemacht, dass die Prinzipien des Rechtsstaats und der Demokratie nicht ausgehebelt werden dürfen von spontanen Reaktionen der Empathie. Die Forschungslage unterstützt diese Grundeinstellung: Gesellschaftlich, politisch und sozial sind gute Entscheidungen dann zu erwarten, wenn wir uns von moralischen Werten leiten lassen, mitfühlen, nachdenken und rational über das Für und Wider bestimmter Positionen debattieren – aber nicht, wenn wir unser Verhalten aus den emotionalen Impulsen der Empathie ableiten.

Eine Demokratie, die von der mündigen Bürgerin und dem mündigen Bürger ausgeht, muss Vertrauen in die Kraft des Denkens und Argumentierens haben. Würde dieses Vertrauen aufgegeben und die Empathie zum obersten Maßstab erhoben, dann bräche nicht nur die humanistische Kategorie der Mündigkeit zusammen, sondern es würde auch der Willkür und Manipulation von Gefühlen Tür und Tor geöffnet.