11.05.2016

Für eine universalistische Ethik

Essay von Kolja Zydatiss

Titelbild

Foto: Guillaume Paumier (CC BY 3.0 / bearbeitet)

Die Suche nach universellen Werten steht unter Generalverdacht. „Eurozentristisch“ oder gar „rassistisch“ soll der Universalismus sein. Das ist ein schwerwiegender Irrtum.

„Unsere Gesellschaft wird immer humanistischer“, erklärte mir neulich eine Freundin. Auf den ersten Blick scheint dies zu stimmen. „Ethische“ Gesichtspunkte spielen bei Entscheidungen eine immer größere Rolle. Im Bereich des persönlichen Konsums kann dies der Kauf von Fairtrade- oder Bioprodukten sein, in der Unternehmenswelt die Corporate Social Responsibility. „Gerechtigkeit“ ist ein zentrales Thema unserer Tage, verschiedenste Formen („soziale Gerechtigkeit“, „Klimagerechtigkeit“ …) werden quer durchs politische Spektrum gefordert.

Für mich sprechen diese Entwicklungen mitnichten für eine neue humanistische Ethik. Sie können auf individueller psychologischer Ebene als Ausdruck von Empathie oder Mitleid gewertet werden. Nun hat Mitleid seine Berechtigung, sonst würden wir alle als gefühllose Zombies herumlaufen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass die heute vor allem in den gebildeten Schichten verbreitete Betonung von Empathie und „sozialem Engagement“ losgelöst ist von einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung über Werte, Überzeugungen und moralische Prinzipien. Das ist bedauerlich, denn erst Werturteile ermöglichen das Entstehen einer universalistischen Ethik. Ohne eine solche ihr zu Grunde liegende Ethik droht Mitleid, wie ich in diesem Aufsatz argumentieren möchte, antihumanistische Tendenzen voranzutreiben.

Was bedeutet Universalismus? Grundlage eines universalistischen Wertesystems ist die Vorstellung, dass alle Menschen prinzipiell gleich und ebenbürtig sind. Natürlich unterscheiden sich Menschen in ihren Fähigkeiten sowie in ihren geistigen und materiellen Bedürfnissen. Persönliche Vorlieben und Neigungen sollten jedoch nicht den Blick auf allgemeingültige Standards verstellen. Einige Beispiele: Ich möchte nicht willkürlich verhaftet und meiner Freiheit beraubt werden, kann also davon ausgehen, dass andere genauso darunter leiden würden. Ich bin dankbar, in einer Gesellschaft mit moderner medizinischer Versorgung zu leben, fordere eine solche also für alle Menschen. Meine Kultur, die europäische, drängte ab dem 17. Jahrhundert religiöse und monarchische Autoritäten zurück und wandte sich naturwissenschaftlichen und rationalen Erklärungsmustern zu, also bin ich überzeugt, dass prinzipiell jede Kultur einen solchen Aufklärungsprozess durchlaufen kann.

„Das moderne Denken ist im Wesentlichen ein Kind des Westens, aber seine Errungenschaften stehen jedem Menschen offen.“

Leider wird diese Suche nach den universellen gesellschaftlichen oder kulturellen Voraussetzungen, unter denen sich das menschliche Potential am besten entfalten kann, heute oftmals von wohlmeinenden westlichen „Progressiven“ als anmaßender Eurozentrismus, oder gar Rassismus, dargestellt. Tatsächlich brachte der Westen – aufbauend auf seiner antiken und christlichen Geschichte – Renaissance, Aufklärung und die naturwissenschaftlich-technische Revolution hervor. Doch die „westliche“ Tradition ist, wie der britische Publizist Kenan Malik schreibt, „nicht in irgendeinem essenziellen Sinne westlich, sondern nur durch geografischen und historischen Zufall“. 1 Die wissenschaftlichen Arbeiten islamischer Gelehrter waren zum Beispiel bedeutende Quellen der europäischen Renaissance. Kurzum: Das moderne Denken ist im Wesentlichen ein Kind des Westens, aber seine Errungenschaften stehen jedem Menschen offen.

Was also passiert, wenn die prinzipielle Gleichheit aller Menschen in den Hintergrund tritt und unser ethisches Empfinden in erster Linie von vagen Mitleidsgefühlen gegenüber Benachteiligten geprägt ist? Vier Entwicklungen bieten Anlass zur Sorge:

1. Niedrige Erwartungen

Wer seine Mitmenschen nicht als Gleiche ansieht, wird für sie nicht dasselbe Maß an Wohlstand und Komfort einfordern wie für sich selbst. Die aktuellen Debatten über „soziale Gerechtigkeit“ zeigen dies eindrucksvoll. Der Fokus liegt auf Umverteilung und dem Ausbau des Sozialstaats. Zusätzlich werden staatliche Maßnahmen gefordert, die das subjektive Wohlbefinden fördern sollen (Glückspolitik). Großangelegtes Wirtschaftswachstum, das die Lebensbedingungen für alle grundlegend verbessern würde, ist unerwünscht. Im „sozial“ eingestellten Bürgertum kommt niemand auf die Idee, dass zum Beispiel eine Putzfrau denselben Lebensstandard wie man selber haben könnte und sollte (z.B. die Möglichkeit, auf einem anderen Kontinent Urlaub zu machen).

Ähnlich ist der Umgang mit der sogenannten Dritten Welt. Der verbreitete Ruf nach mehr Entwicklungshilfe lässt leicht vergessen, dass kein Aufholen zum industrialisierten Westen vorgesehen ist. Im Gegenteil: die westliche Unterstützung ist oft an Auflagen geknüpft, die verhindern sollen, dass die Entwicklungsländer unsere „Fehler“ – etwa in der Energiepolitik – wiederholen. Neben dieser „Hilfe“ wird vor allem die Drosselung des westlichen Konsums gefordert, der vermeintlich auf Kosten „der Armen“ geht (exemplarisch für diese Haltung ist der englische Slogan „live simply, so that others may simply live“).

Bezeichnend finde ich in diesem Zusammenhang das Konzept der „Klimagerechtigkeit“ („climate justice“). Die industrialisierten Staaten sollen an der Verringerung ihres CO2-Ausstoßes arbeiten. Traditionelle Lebensstile der „globalen Armen“ („global poor“) sollen bewahrt werden. Ihnen werden „angemessene“ Technologien wie Solarlämpchen zugestanden, die ihre Armut mildern sollen (siehe z.B. die Definition des Global Justice Ecology Project 2). Nur eine Gesellschaft, die sich vom Universalismus verabschiedet hat, könnte auf die Idee kommen, dass dies (und nicht etwa ein afrikanischer Kontinent mit Waschmaschinen, MRT-Scannern und Jugendlichen, die ihre Zeit mit Spielkonsolen statt mit Feldarbeit verbringen) „Gerechtigkeit“ ist.

„Losgelöst von einer universalistischen Weltanschauung zementiert Mitleid den gesellschaftlichen Stilstand.“

Losgelöst von einer universalistischen Weltanschauung zementiert Mitleid den gesellschaftlichen Stilstand. Anstatt mit Erfindungsgeist und Schaffenskraft nach technologischen Lösungen für die Probleme zu suchen, die als Nebenprodukt der Erfüllung universeller menschlicher Bedürfnisse entstehen (im Bereich des Klimaschutzes könnten dies z.B. die CO2-Sequestrierung oder die Förderung der Kernenergie sein), wird ein statisches Weltbild propagiert. Die 1-Euro-Jobber bleiben in der tristen Plattenbausiedlung, die Afrikaner in ihren Lehmhütten, und sie dürfen sich über die gelegentlichen Zuwendungen Bessergestellter (Erhöhung des Hartz-IV-Satzes, eine handbetriebene Wasserpumpe …) freuen.

Die Abkehr vom Universalismus führt nicht nur zu niedrigen materiellen Erwartungen. Seit Jahren wird versucht, das Bildungssystem an die vermeintlichen Bedürfnisse bestimmter Gruppen (Arbeiterkinder, Schüler mit Migrationshintergrund) anzupassen. Dabei brauchen sozial benachteiligte Schüler weder herabgesetzte Standards noch speziell auf ihre Lebenssituation zugeschnittene Lehrinhalte. Initiativen wie das „Knowledge Is Power Program“ (KIPP) oder die Lernmethoden des amerikanischen Mathelehrers Jaime Escalante haben gezeigt, dass solche Schüler Höchstleistungen erbringen können, wenn man sie entsprechend fordert.

2. Einschränkung von Bürgerrechten

Wer seine Mitmenschen nicht als Gleiche ansieht, neigt dazu, sie zu bevormunden. Statt als mündige Erwachsene, deren Entscheidungen man akzeptieren muss, selbst wenn sie einem persönlich missfallen, gelten sie als Opfer, die beispielsweise vor der Tabak- oder Fastfoodindustrie geschützt werden müssen. Dieses Menschenbild infantilisiert die Bürger und zieht staatliche Einmischung in deren private Lebensführung nach sich. Auf die Folgen für das humanistische Freiheitsideal, und damit auch für die Demokratie, ist bei Novo schon ausführlich eingegangen worden.

Auch der willkürliche Umgang mit Flüchtlingen verdeutlicht die Schwächen einer mitleidszentrierten Ethik. Oft wird zwischen „guten“ Kriegsflüchtlingen und „schlechten“ Wirtschaftsmigranten unterschieden. Selbst der neue, von vielen „Progressiven“ gefeierte, kanadische Premier Justin Trudeau glaubt, dass Familien, Frauen und Kinder Asyl verdienen, allein reisende Männer jedoch nicht. 3 Wer an die Gleichheit aller Menschen und ihrer Bedürfnisse glaubt, wird ihr prinzipielles Recht verteidigen, die eigene Lebenssituation durch einen Wechsel des Wohnortes zu verbessern, egal ob sie vor Krieg oder ökonomischer Perspektivlosigkeit fliehen.

3. Therapeutische Außenpolitik

Die Abkehr vom Universalismus hat dazu geführt, dass der Westen den Rest der Welt zunehmend durch eine Täter-/Opfer-Brille sieht. Ganze Völker gelten als hilflos und müssen gerettet werden, wobei die Retter je nach persönlicher Neigung Bono, Blauhelme oder die Söldner von Blackwater sind. Von Äthiopien bis Irak hatte dieses Denkschema oft desaströse Konsequenzen für die Betroffenen. Seine Beschränktheit wird deutlich, sobald ein Volk wie die Kurden die Bühne betritt, die sich vom Westen nicht Mitleid oder Intervention wünschen, sondern die militärische Ausstattung, mit der sie ihre Zukunft selbst bestimmen können.

4. Demoralisierung und Entsolidarisierung

Der britische Dokumentarfilmer Adam Curtis identifizierte mit Blick auf die Fernsehberichterstattung ein Phänomen, das er „Oh Dearism“ (zu Deutsch etwa: „Ojeminismus“) taufte. Laut Curtis präsentierten westliche Journalisten seit den 1990ern Auseinandersetzungen nicht mehr als politische Interessenkonflikte, sondern als Kämpfe zwischen „Gut“ und „Böse“. Die Zuschauer, die nicht mehr verstehen, warum die Ereignisse passieren, interpretieren sie als Ausdruck der menschlichen Verdorbenheit, auf die die einzig mögliche Reaktion ein resigniertes „oh dear“ („oh je“) ist. 4

Die Aufteilung von Menschen in Opfer- und Tätergruppen wirkt generell demoralisierend. Wie der britische Soziologe Frank Furedi anmerkt, gibt es kaum etwas Antihumanistischeres, als Menschen pauschal als verletzlich abzustempeln. 5 Die Betroffenen werden abhängig von Experten, Selbstvertrauen und Eigeninitiative werden unterhöhlt. Womöglich gelangen sie gar zu der Ansicht, dass ihr Schicksal komplett fremdbestimmt ist.

„Nur ein radikaler Humanismus kann die Menschheit jetzt voranbringen.“

Letztlich kann eine Gesellschaft, in der wir ständig um Mitleid und die Anerkennung des eigenen Opferstatus buhlen, auch keine besonders solidarische sein. So deklarieren sowohl der neue Feminismus als auch der paranoide Flügel der Männerrechtsbewegung eine breite Palette an gesellschaftlichen Fragen pauschal zu „Männer-“ oder „Frauenthemen“. Dabei verhindert das Selbstverständnis als Opfer des Patriarchats beziehungsweise der feministischen Weltverschwörung eine differenzierte Analyse (bei schlechten schulischen Leistungen von Jungs z.B. die Berücksichtigung sozioökonomischer Faktoren).

„Eine andere Welt ist möglich“, besagt ein alter politischer Slogan. An allen Ecken scheint an dieser anderen Welt gebastelt zu werden. Zweifellos meinen die heutigen Weltverbesserer, humanistische Ziele zu verfolgen. Doch Weltverbesserung, der kein universalistisches Wertesystem zu Grunde liegt, droht niedrige Erwartungen, Bevormundung und willkürliche Maßnahmen hervorzubringen, die schlimmstenfalls spaltend und demoralisierend wirken. Nur ein radikaler Humanismus, der die Idee von der Gleichheit aller Menschen, ihrer Fähigkeiten und Bedürfnisse, wirklich ernst nimmt, kann die Menschheit jetzt voranbringen.

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