01.09.2002

Menschen sind potenziell gleich, Kulturen nicht

Analyse von Kenan Malik

Kulturrelativisten glauben weder an gesellschaftlichen Fortschritt noch an den Menschen.

„Ich verabscheue den europäischen Kolonialismus“, schrieb C.L.R. James, „aber ich bewundere die Bildung und bahnbrechenden Entdeckungen der westlichen Zivilisation.“[1]
C.L.R. James war einer der großen radikalen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Er war Anti-Imperialist, ein hervorragender Historiker der schwarzen Befreiungskämpfe und ein Marxist, der auch dann noch Marxist blieb, als das aus der Mode kam. Heute indessen würden viele seine Verteidigung der „westlichen Zivilisation“ wahrscheinlich als eurozentristisch oder gar rassistisch werten.

Radikal sein bedeutet heute, gegen alles zu sein, das als „westlich“ gilt, und unter Berufung auf „Vielfalt“ und „Differenz“ gegen die Moderne und die Ideen der Aufklärung Stellung zu beziehen. Das Projekt der Moderne bestand darin, die natürliche und soziale Welt rational und wissenschaftlich zu ergründen. Heute gilt es weitgehend als gefährliche Illusion, wenn nicht als totalitär.

Für den Philosophen David Goldberg ist „Unterwerfung“ das prägende Kennzeichen der Aufklärung: „Unterwerfung der Natur durch den menschlichen Intellekt, koloniale Herrschaft durch physische und kulturelle Dominanz und wirtschaftliche Überlegenheit durch Beherrschung der Marktgesetze.“[2]
Die Beherrschung der Natur und die rationale Organisation der Gesellschaft galten einst als Grundlage der Emanzipation des Menschen – heute gelten sie als Quelle der Versklavung.

Kritiker dieses Typus halten den Universalismus der Aufklärung für rassistisch, weil er darauf abziele, anderen Völkern euro-amerikanische Konzepte von Rationalität und Objektivität vorzuschreiben. „Die universalistischen Diskurse des modernen Europa und der Vereinigten Staaten“, so Edward Said, „setzen auf das freiwillige oder unfreiwillige Schweigen der nicht-europäischen Welt.“[3]
Nicht nur radikale Denker, sondern auch viele gemäßigte Liberale glauben heute, der Weg, der mit der Aufklärung begann, führe geradewegs zu Barbarei und Massenmord. Der Soziologe Zygmunt Baumann meint: „Alle Elemente des Holocaust ... waren normal ... in dem Sinn, dass sie mit allem, was wir über unsere Zivilisation wissen, in Einklang standen – mit ihren Leitbildern, ihren Prioritäten, ihrer immanenten Weltanschauung und ihren Vorstellungen darüber, wie menschliches Glück und eine perfekte Gesellschaft zu erreichen sind.“[4]

“Wir sollten nach dem 11. September nicht die Frage stellen: „Warum hassen sie uns so sehr?“, sondern: „Warum hassen wir uns selbst so sehr?“

Die Überzeugung, die Moderne sei die Ursache allen Übels, ist inzwischen so fest im Mainstream verankert, dass es oft scheinen will, nur Reaktionäre wie Silvio Berlusconi, Margaret Thatcher oder der kürzlich ermordete Pim Fortuyn seien noch gewillt, C.L.R. James’ Glaube an die Überlegenheit der „Bildung und bahnbrechenden Entdeckungen der westlichen Zivilisation“ zu teilen.

Wir sollten nach dem 11. September daher nicht, wie viele vorschlagen, die Frage stellen: „Warum hassen sie uns so sehr?“, sondern: „Warum hassen wir uns selbst so sehr?“ Warum sind Liberale und Radikale über die moderne Zivilisation derart verbittert, dass manche den Anschlag auf das World Trade Center sogar als Schlag gegen den Imperialismus willkommen hießen?

Wie die meisten Anti-Imperialisten der Vergangenheit begriff C.L.R. James, dass jede fortschrittliche Politik in der „westlichen Tradition“ verwurzelt ist – insbesondere in den Vorstellungen über Vernunft, Fortschritt, Humanismus und Universalität, die im Zeitalter der Aufklärung entstanden. Die wissenschaftliche Methodologie, Demokratie und das Konzept des Universalismus sind alle deutlich besser als das, was ihnen vorausging oder heute in anderen politischen und kulturellen Traditionen besteht. Nicht, weil Weiße oder Europäer etwa überlegene Menschen wären, sondern weil aus der Renaissance, der Aufklärung und der wissenschaftlichen Revolution überlegene Ideen hervorgingen.

“Das Problem des Imperialismus bestand nicht darin, dass er westlich war, sondern dass er die Umsetzung der fortschrittlichen Ideale der Aufklärung behinderte.”

Die westliche Tradition ist ohnehin nicht in irgendeinem essenziellen Sinne westlich, sondern nur durch geografischen und historischen Zufall. Die islamische Wissenschaft und ihre Gelehrten waren bedeutende Quellen der Renaissance und der Entstehung der modernen Naturwissenschaften. Die Ideen, die wir „westlich“ nennen, sind in Wirklichkeit universell, und sie bilden die Grundlage für menschliche Emanzipation. Daher war über weite Strecken des vergangenen Jahrhunderts für Revolutionäre und Linke – gerade auch in der Dritten Welt – immer klar, dass das Problem des Imperialismus nicht darin bestand, dass er westlich sei, sondern dass er die Umsetzung der fortschrittlichen Ideale der Aufklärung behinderte.

Frantz Fanon, der auf Martinique geborene algerische Unabhängigkeitskämpfer, drückte es so aus: „Alle Elemente, die für die Lösung der drängenden Fragen der Menschheit erforderlich sind, waren zu verschiedenen Zeiten Bestandteil des europäischen Denkens. Aber in der Praxis haben die Europäer die Mission, die ihnen zufiel, nicht erfüllt.“[5]Denker wie Fanon und James lehnten die Ideen des Westens nicht ab, sondern reklamierten sie für die ganze Menschheit.

Westliche Liberale waren nicht selten über das Ausmaß überrascht, in dem anti-koloniale Bewegungen Ideen aufgriffen, die ihnen selbst als kompromittiert galten. Der französische Anthropologe Claude Levi-Strauss beobachtete, dass Konzepte der Aufklärung wie Universalismus und sozialer Fortschritt häufig „unerwartete Unterstützung von Völkern erhielten, die sich nichts sehnlicher wünschen als an den Vorzügen der Industrialisierung teilzuhaben; Völker, die sich nicht als grundlegend anders, sondern als vorübergehend rückständig betrachten“. An anderer Stelle schrieb er, dass die Doktrin des kulturellen Relativismus „gerade von jenen Völkern in Frage gestellt wurde, zu deren moralischen Nutzen die Anthropologen sie eingeführt hatten“.[6]

Wie sich die Dinge doch ändern. Heute neigen viele dazu, unterschiedliche Gruppen, Gesellschaften und Kulturen als „grundlegend anders“ zu sehen. Warum? Großteils, weil die Gesellschaft den Glauben an soziale Transformation und die Möglichkeit des Fortschritts verloren hat – also eben jene Überzeugungen, die Anti-Imperialisten wie C.L.R. James und Frantz Fanon inspirierten.

Menschen als „vorübergehend rückständig“ und nicht „grundlegend anders“ zu betrachten heißt anzuerkennen, dass zwar alle Menschen potenziell gleich sind, Kulturen jedoch keinesfalls. Es heißt, die Idee des sozialen und moralischen Fortschritts anzunehmen und zu verstehen, dass es viel besser wäre, wenn alle die Chance hätten, in der Art Gesellschaft oder Kultur zu leben, in der sich das menschliche Potenzial am besten entfalten kann.

“Anstelle des fortschrittlichen Universalismus pflegen die westlichen Gesellschaften eine Art nihilistischen Multikulturalismus.”

Heute gilt es indessen als anrüchig, über Ideen, Religionen, Werte oder Lebensstile Urteile zu fällen. Anstelle des fortschrittlichen Universalismus eines C.L.R. James oder Frantz Fanon pflegen die westlichen Gesellschaften eine Art nihilistischen Multikulturalismus. Uns erscheint die Welt als in Gruppen und Kulturen geteilt, die sich großenteils durch ihre Unterschiede bestimmen. Und jede Gruppe sieht sich nicht als Gemeinschaft aktiver Subjekte, die als unerträglich empfundene Umstände durch den Einsatz für Fortschritt und Gleichheit zu überwinden suchen, sondern als passive Opfer unabänderlicher Missstände. Denn wenn Unterschiede fixierte Gegebenheiten sind, wie sollen Missstände dann je überwunden werden?

Die Kehrseite dieser Betrachtungsweise, der die Welt gewissermaßen als Kaleidoskop verschiedener Opfergruppen erscheint, ist die Dämonisierung des Westens und insbesondere der Vereinigten Staaten. Sie erscheinen als das allmächtige Böse – als der Große Satan, gegen den alle zu wüten haben. In Salman Rushdies Roman Die satanischen Verse landet eine der Hauptfiguren, Saladin, in einem Internierungslager für illegale Einwanderer. Dort stellt er fest, dass die anderen Häftlinge in Tiere verwandelt wurden: in Wasserbüffel, Schlangen und Greife; er selbst wird zum Ziegenbock.

Wie sie das machen, fragt Saladin einen Mitgefangenen. „Sie beschreiben uns“, antwortet der, „das ist alles. Sie haben die Macht der Beschreibung, und wir fügen uns den Bildern, die sie konstruieren.“ Ähnlich fatalistisch sehen heute viele Kritiker die Vereinigten Staaten. Der Große Satan beschreibt die Welt, und die Welt fügt sich diesen Beschreibungen.

Dieser Fatalismus verbindet den aktuellen westlichen Radikalismus mit dem fundamentalistischen Islamismus. Auf den ersten Blick scheinen beide Strömungen diametral entgegengesetzt: die Fundamentalisten verabscheuen westliche Dekadenz; westliche Radikale erschaudern angesichts der vorgeblichen Selbstgewissheit der Islamisten. Aber was beide verbindet, ist der zeitgenössische nihilistische Multikulturalismus. Beide Lager stehen den Ideen der Moderne, der Universalität und des Fortschritts skeptisch, wenn nicht zutiefst ablehnend gegenüber. Und beide sehen keine wirkliche Alternative zur Vorherrschaft des Westens.

Vor allem aber werfen beide die Errungenschaften der Moderne und die Missstände des Kapitalismus in einen Topf. Dadurch desavouieren sie die positiven Aspekte der kapitalistischen Gesellschaft, also den technischen Fortschritt, die Vernunftorientierung und die Ideologie der Gleichheit und Universalität. Im Gegenzug werden alle negativen Aspekte des Kapitalismus – seine Unfähigkeit, soziale Ungleichheit zu überwinden, die Kluft zwischen technischem Fortschritt und moralischer Malaise und seine stets drohenden barbarischen Tendenzen – als unumgänglich oder naturgegeben hingenommen.

Folgt man dieser Sicht der Welt, ist das Einzige, worauf man hoffen kann, in den Worten Edward Saids „die Möglichkeit einer großzügigeren, pluralistischeren Vision der Welt, in welcher der Imperialismus in unterschiedlichen Spätformen (der heutige Nord-Süd-Gegensatz ist eine solche) wie gehabt weiter vor sich hintreibt und die Unterdrückung weiter besteht, in der aber Chancen zur Befreiung gegeben sind“.[7] Was kann Befreiung aber bedeuten, wenn sich nichts ändert und der Imperialismus „wie gehabt weiter vor sich hintreibt“? Ist nicht eher zu vermuten, dass diese Betrachtungsweise keine „großmütigere, pluralistischere Vision der Welt“ nach sich ziehen wird, sondern eine düstere, dystopische und inhumane, in der nur nihilistische Wut bleibt – die Art Wut also, die zu den Ereignissen vom 11. September führte?

“Islamisten und westliche Radikale stehen beide den Ideen der Moderne, der Universalität und des Fortschritts skeptisch, wenn nicht zutiefst ablehnend gegenüber.”

Der Hass, der die Flugzeuge in das World Trade Center trieb, speist sich mindestens in gleichem Maße aus dem Nihilismus und Fatalismus, der heute große Teile des Westens erfasst, wie aus den Konflikten in Palästina oder anderen Regionen der Dritten Welt. Dieser Angriff besaß keine auch nur entfernt anti-imperialistischen oder fortschrittlichen Züge. Und ebenso verhält es sich mit rabiatem Anti-Amerikanismus, wie ihn Islamisten und westliche Radikale heute gleichermaßen vertreten. An der amerikanischen Gesellschaft und der amerikanischen Außenpolitik ist vieles kritikwürdig. Aber dieser Anti-Amerikanismus, ob islamistischer oder westlich radikaler Prägung, hat damit nichts zu tun. Beide Strömungen sind Produkte des Scheiterns der anti-imperialistischen Bewegungen und der Entfremdung von der modernen Welt.

„Heute erleben wir die Erstarrung Europas“, schrieb Frantz Fanon. Europa „hat alle Orientierung und alle Vernunft verloren und stürzt sich geradewegs in den Abgrund. Wir sind gut beraten, ihm umgehend auszuweichen.“[8] So warnte Fanon vor vierzig Jahren vor dem Imperialismus. Inzwischen könnte er mit diesen Worten vor dem warnen, was sich heute als Anti-Imperialismus ausgibt.