27.01.2015

Zeit für neue Antworten auf die jüdische Frage

Essay von Frank Furedi

Zu viele Europäer dulden den Antisemitismus, anstatt ihn zu bekämpfen. Der neue Antisemitismus unterscheidet sich von seinen früheren Formen durch seie Unaufrichtigkeit. Er erscheint z.B. als Israelkritik

Antisemitismus zieht sich durch die Geschichte des Westens. Dabei hat er sich in Bedeutung und Erscheinung auf verschiedene Arten geäußert. Von 1850 bis 1940 wandelte er sich von einer essentiell religiösen, größtenteils christlichen Juden-Phobie zu einem moderneren rassischen Antisemitismus. Dieser Antisemitismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts mit seiner grausamen Intensität wurde von der Entstehung eines ansteckenden sozialdarwinistischen Rassismus und dem Aufstieg der Massenpolitik unterstützt. Für Demagogen verschiedener politischer Überzeugungen waren Juden nützliche Zielscheiben, um die Ängste und Unsicherheiten der europäischen Massen auszunutzen. Antisemitismus half den europäischen Eliten bei ihrer Selbstvergewisserung und bot Hetzern ein erstklassiges Ziel für populistisches Misstrauen und Hass. Paradoxerweise bot sich durch die Demokratisierung des öffentlichen Lebens die Gelegenheit zur Politisierung des Antisemitismus.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren explizit rassistische politische Ideologien jedoch diskreditiert. Die Aufdeckung des entsetzlichen Ausmaßes der Menschenvernichtung in den Nazi-Konzentrationslagern untergrub die Legitimität des rassischen Antisemitismus. Antisemitismus wurde an den Rand der westlichen Gesellschaft gedrängt und jeder, der dieses alte Vorurteil offen äußerte, war kulturellen und teilweise politischen Sanktionen ausgesetzt. In der Tat war die Abscheu gegenüber dem Holocaust in westlichen Gesellschaften so tiefgehend, dass Juden in den vier Dekaden ab 1945 eine relativ sorgenfreie Existenz genossen. Auch als Konsequenz aus der Assoziation mit dem Holocaust hatte das Judentum in diesen Dekaden den Nimbus moralischer Überlegenheit. Der Holocaust wurde sakralisiert und wandelte sich in ein unverwechselbares Symbol des Bösen. Unter solchen Umständen wurde der offene Antisemitismus stigmatisiert und jene, die den „Christus-Mördern“ und „Profitmachern“ nie vergeben haben, sahen sich genötigt, ihre Empfindungen für sich zu behalten.

Die moralische Rehabilitation der Juden von 1945 bis 1985 repräsentierte eine Art der kulturellen Wiedergutmachung für das Abgleiten der zivilisierten Welt in die Barbarei. Millionen Europäer, besonders im Westen, fühlten aufrichtige Reue für die Verbrechen des Holocausts und nahmen eine tolerante und liberale Haltung gegenüber dem Judentum an. Dieser institutionalisierte Anti-Antisemitismus hatte jedoch einen grundsätzlich elitären und bürokratischen Charakter und er stützte seine Autorität häufig auf öffentliche Propaganda und illiberale Gesetze. Statt die Herzen und Köpfe zu gewinnen, begünstigte er administrative Lösungen für die Probleme des nachklingenden Antisemitismus.

„Die anhaltend starke Wirkung des Holocaust führt dazu, dass Antisemitismus selten in seiner traditionellen, rassistischen Form übermittelt werden kann.“

Das Gefühl von Abscheu gegen die Unmenschlichkeit der Konzentrationslager besteht noch heute. Die anhaltend starke Wirkung des Holocaust führt dazu, dass Antisemitismus selten in seiner traditionellen, rassistischen Form übermittelt werden kann. Dennoch drückt sich heutzutage eine neue Version des Antisemitismus in einer unaufrichtigen Sprache aus. Existenzialistische Denker haben darauf hingewiesen, wie Menschen zur Unaufrichtigkeit (franz. mauvaise foi[1]) neigen, wenn sie sich unter Druck gesetzt fühlen und Werte annehmen und äußern, die eigentlich nicht ihren Neigungen entsprechen. Wenn also jemand sagt „Ich bin kein Rassist, aber…“ oder „Ich hasse die Juden nicht, aber diese Leute haben zu viel Macht“, dann kommunizieren sie ihre Empfindungen durch eine unaufrichtige Erzählung. Die Unaufrichtigkeit beinhaltet oftmals Selbstbetrug, Selbstzensur oder zynische Heuchelei.

Der Druck, sich anzupassen, und die Angst vor gesellschaftlicher Isolation, falls man an der Anpassung scheitert, kann zu dem führen, was die Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann als „Schweigespirale“ bezeichnet. Laut Noelle-Neumann verändert die Einschätzung der Menschen darüber, was die Mehrheit meint, die Art und Weise, wie sie ihre eigene Meinung in der Öffentlichkeit äußern. Viele haben Angst, Empfindungen zu artikulieren, die sich vom Konsens der Massenmedien unterscheiden, so dass sie sich zumindest äußerlich den kulturellen und sozialen Normen anpassen. Bis in die 1990er-Jahre wurde die „Schweigespirale“ bezüglich antisemitischer Äußerungen selten angekratzt, abgesehen von den Rechtsextremen natürlich. In den vergangenen Jahren wurde die Schweigespirale jedoch durchbrochen und der Antisemitismus kam neu auf.

Die kulturellen Einschränkungen der Äußerung antisemitischer Bemerkungen haben sich gelockert. Ein Einflussfaktor ist der wachsende Einfluss radikal-islamischer Stimmungen auf das öffentliche Leben in Europa. Ohne Assoziation mit dem Holocaust sind radikale muslimische Gruppen nicht gehemmt, ihre Feindschaft gegenüber Israel in einer Ausdrucksform auszudrücken, die häufig auch antijüdische Stimmungen enthält. In den vergangenen Jahren hat die Rhetorik dieser Islamisten bestimmte Stränge der europäischen Jugendkultur beeinflusst. In einigen Gesellschaften, wie Frankreich und Belgien, ist es nicht länger uncool, öffentlich Abscheu gegenüber dem Judentum zu bekunden. Solch dreiste Darstellung des Antisemitismus erlaubt es wiederum anderen, ihre eigene Selbstzensur aufzuweichen und Bedenken über den angeblichen Einfluss „dieser Leute“ offen zu äußern. Und letztlich gab auch das Aufkommen einer Anti-Israel-Haltung als cause célèbre linksradikaler Politik einigen Antisemiten die Gelegenheit, ihre Sichtweisen durch ein scheinbar progressives Medium kundzutun.

„Man will die Unantastbarkeit des Holocaust sichern, während man ihn gleichzeitig von den Juden loslöst.“

Heutzutage dient die falsche Behauptung, das Verhalten der Israelis gegenüber den Palästinensern sei vergleichbar mit dem, was die Nazis den Juden angetan haben – wie es von vielen Islamisten und einigen Linken behauptet wird – als Versuch, die Unantastbarkeit des Holocaust zu sichern, während man ihn gleichzeitig von den Juden loslöst. Damit will man die These schwächen, dass das Leiden der Juden in dieser Periode einzigartig war.

Antizionismus sollte nicht automatisch mit Antisemitismus gleichgestellt werden. Dennoch gab es in den vergangenen Jahren zu viele Gelegenheiten, bei denen Antizionisten Antisemitismus ignorierten oder duldeten. Das Verstörendste an der jüdischen Frage ist heutzutage nicht die Giftigkeit, mit der radikale muslimische Gruppen oder rechtsextreme Parteien auf Juden zielen, sondern eher eine neue Kultur des Entgegenkommens gegenüber dem Antisemitismus. Wir können die Entstehung einer leicht beschämten „Nichts sehen, nichts hören“-Einstellung beobachten, die zu viel „Verständnis“ gegenüber Äußerungen von Antisemitismus zeigt. Üblicherweise besteht die Antwort auf antijüdische Vorurteile im Einwand, diese seien nicht antisemitisch, sondern nur antiisraelisch.

Das auffälligste Beispiel der Vermischung von Antisemitismus mit einem Gefühl von Unaufrichtigkeit ist der Quenelle-Gruß – der umgekehrte Hitlergruß, den der französische Komödiant Dieudonné M’bala M’bala bekannt machte. Wenn Einzelne oder Gruppen den Quenelle-Gruß vollführen, wollen sie ihre Unaufrichtigkeit legitimieren, indem sie den Versuch, ihre Stimmen zu unterdrücken, verspotten. Die spöttische Kopplung eines umgekehrten Nazigrußes mit einer nonkonformistischen Haltung wurde in Teilen Europas sehr populär. Die Popularität dieser Wink-und-Nick-Form des Antisemitismus und das Einverständnis eines signifikanten Teils der französischen Gesellschaft demgegenüber, legt die Vermutung nahe, dass dieses alte Vorurteil erfolgreich in Teile der europäischen Jugendkultur integriert wurde. Den Juden wird so die moralische Autorität, die sie in der Nachkriegsära genossen hatten, genommen. Sie dienen als ein Allzweck-Symbol des Misstrauens, wobei sie oft dafür beschuldigt werden, den Holocaust für ihre eigenen Zwecke ausgebeutet zu haben.

„Im neuen Antisemitismus sind nicht die ethnischen oder religiösen Charakteristika an den Juden anstößig, sondern eher ihre kulturelle Böswilligkeit.“

Es entsteht eine neue Form des kulturellen Antisemitismus. Aus dieser Perspektive sind nicht die ethnischen oder religiösen Charakteristika an den Juden anstößig, sondern eher ihre kulturelle Böswilligkeit. Folglich wurde der Antisemitismus ein kulturelles Hilfsmittel, auf das sich eine Vielzahl von Bewegungen stützen könne. Im Ukraine-Konflikt kann man antisemitische Rhetorik auf beiden Seiten wahrnehmen. Der Vorsitzende einer der Parteien, die die Proteste gegen den gestürzten Präsidenten Janukowitsch anführten, Oleh Tjahnybok von der Rechtsaußen-Partei Swoboda, verkündete, eine „Moskau-Juden-Mafia“ führe sein Land. Und auf der Facebook-Seite von Berkut – der Elite-Polizei auf Seiten des Ex-Präsidenten Janukowitsch – fand man eine Menge Material, das die Demonstranten bezichtigte, von Zionisten und jüdischen Zahlmeistern manipuliert wurden zu sein.

Aus einer soziologischen Perspektive ist das Faszinierende am Ukraine-Beispiel, wie leichtfertig antisemitische Themen von beiden Seiten des politischen Konflikts übernommen werden. Das zeigt, dass sonst ziemlich verschiedene und sogar gegensätzliche politische Lager nun auf eine Verdachtskultur gegenüber den Juden zurückgreifen können. Diese Dynamik offenbarte sich auch auf einer Demonstration Anfang des Jahres in Paris. Was als eine „Tag des Zorns“-Demonstration von 17.000 Teilnehmern gegen den Präsidenten Hollande begann, mutierte rasch zu einer Explosion des Hasses gegen die üblichen Zielscheiben. Der Gesang der Protestanten von‚ „Juif, la France n’est pas a toi“ ­– „Juden, Frankreich gehört euch nicht“ – zeigte die Leichtigkeit, mit der ein Protest gegen den französischen Präsidenten heutzutage in eine Verachtung für Leute umschlagen kann, die angeblich eine Bedrohung für die französische Nation darstellen.

Damals im Jahr 1897, beim ersten zionistischen Kongress, machte Max Nordau auf den formellen und begrenzten Charakter der Emanzipation der europäischen Juden aufmerksam. Er verkündete, um voll wirksam zu sein, müsse die Emanzipation zuerst in der Geisteshaltung abgeschlossen sein, bevor sie per Gesetz verkündet wird. Die Geschichte hat bewiesen, dass es erheblich einfacher ist, das Gesetz zu ändern, als Gefühle zu beeinflussen. Die Geschichte zeigt, dass wir weniger offizielle Holocaust-Gedenktage und auch weniger Holocaust-Museen brauchen, stattdessen sollten wir gemeinsam das aktuelle Misstrauen und den Argwohn, immer nur das Schlimmste von den Juden erwarten, thematisieren, uns damit auseinandersetzen und wenn nötig bekämpfen. Ein guter Beginn wäre das Hinterfragen der unaufrichtigen Antisemiten des 21. Jahrhunderts.