01.03.2009

Nach Gaza: Judenhass im 21. Jahrhundert

Essay von Frank Furedi

Aus antiisraelischen Empfindungen werden antijüdische, denn immer mehr Menschen projizieren ihre negative Sicht der modernen Welt auf „die Juden“.

Am 6. Januar 2009 entschied das Oberlandesgericht in Köln, der deutsch-jüdische Schriftsteller Henryk M. Broder dürfe Aussagen von Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, als antisemitisch bezeichnen. „Selbst deutsche Gerichte beginnen zu begreifen, dass Jude sein nicht ausschließt, antisemitisch zu sein“, erklärte daraufhin Broder.1 Wie Juden wahrgenommen werden, ist in letzter Zeit eng mit dem Thema Israel verknüpft. Broder hatte die Jüdin Hecht-Galinski des Antisemitismus bezichtigt, weil sie die Politik Israels mit der des deutschen NS-Regimes verglichen hatte. Hecht-Galinski ihrerseits hatte das als Verleumdung aufgefasst und Klage gegen Broder erhoben. Wie man, was andere sagen und tun, beurteilt, wird natürlich von subjektiven und interpretatorischen Momenten geprägt, die auch durch unausgesprochene kulturelle und politische Trends beeinflusst werden. Aktuell komplizieren mindestens vier wichtige Trends unser Verständnis des Antisemitismus.

Erstens ermuntert die westliche Kultur Gruppen, die sich als Opfer sehen, das gegen sie verübte Unrecht zu überzeichnen. So hört man oft, Rassismus sei heute verbreiteter als je zuvor, und auch Homophobie oder Islamphobie seien auf dem Vormarsch. Fürsprecher von auf ihre Identität als Opfer fixierten Gruppen räumen ungern ein, dass Vorurteile und Diskriminierung gegen sie eventuell abgenommen hätten oder ihr sozialer Status sich verbessert haben könnte. Sie sind extrem hellhörig dafür, wie man in den Medien über sie spricht oder schreibt. Diese Sensibilität ist auch bei jüdischen Organisationen zu beobachten, die in den letzten Jahrzehnten oft allzu rasch bereit waren, eher konfuse oder zweideutige Aussagen als Antisemitismus auszulegen.

Der zweite, die Angelegenheit verkomplizierende Trend ist der, dass Verteidiger des Zionismus schon seit einiger Zeit die unerfreuliche Angewohnheit an den Tag legen, Kritiker der israelischen Politik des Antisemitismus zu bezichtigen, um sie und ihre Argumente zu diskreditieren. Diese defensive Praktik hat die moralische Autorität des Antisemitismusvorwurfs stark kompromittiert. Und vor allem aber hat die Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus durch proisraelische Kommentatoren andere ermutigt, die begriffliche Trennlinie zwischen Zionismus und Juden aufzuweichen.

Die dritte Komplikation erwächst aus einer Art Sakralisierung des Holocaust. In Europa wurde die Vernichtung der Juden in den letzten Jahren zum Wahrzeichen des Bösen schlechthin. Viele Staaten der Europäischen Union haben Gesetze gegen die Leugnung des Holocaust erlassen und sich so die Autorität angemaßt, in Bezug auf Gegenwart wie Vergangenheit über Gut und Böse zu urteilen. Viele Europäer erfahren die Politisierung des Holocaust daher als ein bürokratisches Projekt, das mit ihrem Leben wenig zu tun hat. Folglich ist es schwieriger geworden, zu wissen, was Menschen tatsächlich über Juden denken. Da Kritik an der offiziellen Darstellung des Holocaust verboten ist und sogar bestraft werden kann, werden Menschen nicht geneigt sein, offen zu sagen, dass sie Juden nicht mögen oder auf andere Weise antisemitische Haltungen hegen. Die Politisierung des Holocaust hat, wie zu erwarten war, Zynismus gegenüber dem Völkermord an den Juden geschürt.

Die vierte Komplikation ist die problematischste. Da in Europa der offenen Äußerung antisemitischer Empfindungen vielfältigste Barrieren entgegenstehen, werden antijüdische Vorurteile eher indirekt mit Bezug auf andere Themen artikuliert. Zwar ist die Kritik an der Politik des Staates Israel scharf von antijüdischem Vorurteil zu unterscheiden, doch diese Unterscheidung wurde in den letzten Jahren aufgeweicht. Manche bedienen sich heute israelkritischer Standpunkte, um ihre Haltung gegenüber Juden zu artikulieren. Natürlich ist es gefährlich, Einstellungen zu unterstellen, die nicht explizit geäußert werden. Daher sind diese Dinge mit Vorsicht zu behandeln und Aussagen über antiisraelische und antisemitische Tendenzen sorgfältig zu begründen.

Neue Formen des Antisemitismus

In den letzten zehn Jahren, und erst recht seit dem aktuellen Konflikt in Gaza, schlagen antiisraelische Sentiments immer häufiger in antijüdische um. Die traditionelle Trennlinie zwischen antizionistischen und antisemitischen Empfindungen verschwimmt. Unlängst rief in den Niederlanden Harry van Bommel, Parlamentsabgeordneter der niederländischen Sozialisten, zu einer neuen Intifada gegen Israel auf. Natürlich darf er das tun. Zum Komplizen des Antisemitismus wurde er aber in dem Moment, in dem er nichts tat, als andere Demonstranten „Hamas, Hamas – alle Juden ins Gas“ und ähnliche antijüdische Parolen skandierten. Wie van Bommel sehen inzwischen auch andere, die es besser wissen sollten, darüber hinweg, wenn neben ihnen Parolen wie „Tötet die Juden“ oder „Juden in den Ofen“ gerufen werden. Auf einer Demonstration in London weckten solche Ausrufe unlängst so gut wie keine Reaktion unter Anwesenden, die sich als fortschrittliche Antirassisten verstehen. Sie wurden auch nicht durch den Anblick eines Mannes aus der Ruhe gebracht, der sich als antisemitische Karikatur mit einer krummnasigen „Judenmaske“ kostümiert hatte und so tat, als verspeise er blutige Säuglinge.

Immer häufiger finden sich auf antiisraelischen Protesten Menschen ein, die Juden dafür anklagen, dass sie Juden sind. Es findet Agitation für Boykotte und Tätlichkeiten gegen „israelische Geschäfte“ statt, doch es handelt sich effektiv um Boykottaufrufe und Tätlichkeiten gegen Geschäfte in jüdischem Besitz. Gegenstand solcher Aktivitäten waren in England Marks & Spencer (einige Niederlassungen der Kaufhauskette wurden von antiisraelischen Demonstranten blockiert) und Starbucks (es gab physische Übergriffe gegen mehrere Cafés dieser Marke in London und anderen Städten). Giancarlo Desiderati, Sprecher der Gewerkschaft Flaica-Cub, rief zum Boykott jüdischer Geschäfte in Rom auf. Ein Flugblatt seiner Gewerkschaft informierte die Römer, dass alle Waren in jüdischen Geschäften „mit Blut befleckt“ seien. Zudem gab Desiderati bekannt, seine Organisation erstelle eine Liste jüdischer Geschäfte und erklärte, es sei „vielleicht besser, eine Liste der Straßen zu veröffentlichen, in denen die Mehrzahl der Geschäfte in jüdischem Besitz steht, und die Menschen aufzufordern, diese Straßen beim Einkauf zu meiden“.2

Beunruhigend ist vor allem die mangelnde Bereitschaft, die Existenz antisemitischer Handlungen dieser Art anzuerkennen und etwas dagegen zu tun. So verschwiegen die offiziellen Medienberichte über die Proteste gegen den Krieg in Gaza in Paris am 3. Januar, dass Gruppen Jugendlicher dort „Tod den Juden“ skandierten. Der vermutlich bedauerlichste Fall der Kompromissbereitschaft gegenüber Antisemitismus ereignete sich in Dänemark. Historisch ist Dänemark eines der fortschrittlichsten Länder Europas. Im Zweiten Weltkrieg war es das einzige Land, in dem die Nationalsozialisten fast niemanden auftreiben konnten, der bereit war, ihre Maßnahmen gegen Juden zu unterstützen. Es ist daher besonders erschreckend, Berichte über dänische Schulleiter zu lesen, die jüdischen Eltern empfahlen, ihre Kinder nicht in ihren Schulen anzumelden. Mitte Januar erklärte Olav Nielsen, Direktor der Humlehave-Schule in Odense, er werde sich „weigern, die Wünsche jüdischer Eltern zu berücksichtigen“, die ihre Kinder auf seine Schule schicken wollten, denn das könnte Spannungen mit den muslimischen Schülern auslösen. Andere Schulleiter folgten seinem Beispiel und gaben bekannt, sie gäben der Sicherheit der Kinder Vorrang vor den Wünschen jüdischer Eltern. Was auch immer ihre Absicht gewesen sein mag, diese Pädagogen vermittelten die Botschaft, dass es im Interesse der Gesundheit und Sicherheit akzeptabel und sogar vernünftig sein könne, jüdische Kinder zu gettoisieren.

Linker Antisemitismus

Muslimische Jugendliche, die gegen Israel protestieren, sind von der westlichen kosmopolitischen Ethik, die offen antisemitische Äußerungen stigmatisiert, relativ wenig beeinflusst und haben daher weniger Hemmungen als andere Demonstranten, Juden verbal und gelegentlich auch physisch anzugreifen. Das ist eine wichtige Ursache der zunehmenden Sichtbarkeit des Antisemitismus in Europa. Diese jugendlichen Demonstranten glauben, da Israel jüdisch sei, seien alle Juden ein legitimes Ziel ihres Protestes. Dass sie keinen Unterschied zwischen Juden und Israel machen, schockiert viele liberale Muslime. Kürzlich unterzeichnete eine Gruppe prominenter britischer Muslime einen offenen Brief, in dem sie die Angriffe auf Juden und Synagogen nach dem Krieg in Gaza verurteilten und erklärten, dass britische Juden nicht für die Handlungen der israelischen Regierung verantwortlich zu machen seien.3 Solche Reaktionen sind jedoch eher selten.

Bemerkenswerter ist die Verbreitung antisemitischer Haltungen unter Europäern, die sich politisch als links einordnen. Laut einer im September vergangenen Jahres veröffentlichten Studie zum Antisemitismus in Europa sagten 34 Prozent der Befragten, die sich als politisch rechts stehend, und 28 Prozent derjenigen, die sich als links stehend bezeichneten, sie hätten eine generell negative Sicht der Juden. Am wenigsten zu einer solchen Haltung neigten jene 26 Prozent, die sich als der „politischen Mitte“ zugehörig bekannten.4 Die Umfrage fand im Frühjahr 2007 statt, also lange vor den jüngsten israelischen Angriffen auf Gaza. Beunruhigend ist heute weniger die explizit antijüdische Haltung radikaler muslimischer Gruppierungen oder der extremen Rechten, sondern eine neue Kultur des Kompromisses mit dem Antisemitismus. Es gibt eine Art verlegenen Weghörens und Wegschauens, gepaart mit übermäßigem Verständnis für antijüdische Empfindungen. Oft hört man, antijüdische Äußerungen seien nicht wirklich antisemitisch, sondern bloß antiisraelisch. Und selbst Anhänger des Multikulturalismus schalten immer öfter irgendwie ab, wenn sie antijüdischen Äußerungen gegenüberstehen.

Im Online-Forum „European-Sociologist“ empfahl jüngst ein israelkritischer Soziologe muslimischen Hintergrunds, man möge einen neuen Artikel der jüdischen Autorin Naomi Klein lesen. Ein anderer muslimischer Kollege antwortete, man solle „clevere jüdische Autoren“ meiden, und riet seinem Glaubensbruder, „diesen Schlangen nicht zu trauen“. Eine amerikanische antizionistische Soziologin äußerte daraufhin Empörung, aber die Mehrzahl der Soziologen war offenbar gerade zu intensiv mit der Lektüre der neuesten Handbücher über kulturelle Vielfalt befasst, um gegen die Äußerung antisemitischer Vorurteile in einem öffentlichen akademischen Forum Widerspruch einzulegen. So viel zur Kultur der Kompromissbereitschaft progressiver Intellektueller gegenüber verabscheuenswerten aktuellen Tendenzen.

Was hat der neue Antisemitismus mit Juden zu tun?

Spanien ist zurzeit das einzige Land Europas, in dem negative Einstellungen gegenüber Juden (die jüngst 46 Prozent der Befragten in einer Umfrage äußerten) offenbar verbreiteter sind als positive (37 Prozent).5 Die Studie stellte eine dramatische Zunahme des Antisemitismus in Spanien von 21 Prozent 2005 auf 46 Prozent 2008 fest.6 Selbstverständlich ist die Auslegung dieses Befundes nicht einfach. Es kann sein, dass die Studie die tatsächlichen Einstellungen der Befragten falsch interpretierte und daher das Ausmaß negativer Empfindungen gegenüber Juden überzeichnete. Außerdem ist nicht jeder, der negative Aussagen über Juden trifft, zwangsläufig Antisemit, denn man muss zwischen Stereotypen und einem Empfinden von Hass gegen bestimmte Völker unterscheiden. Zudem ist anzunehmen, dass Spanier, ähnlich wie junge Muslime, weniger von der in anderen europäischen Ländern dominanten Kultur der politischen Korrektheit beeinflusst sind und daher weniger Hemmungen haben, ihre Ansichten zu äußern, sodass die Differenz zwischen Spaniern und anderen Europäern in dieser Frage weniger groß ist, als die Studienergebnisse nahelegen. Doch weisen auch andere Studien auf eine Zunahme antisemitischer Haltungen in Spanien hin. In einer von der „Anti-Defamation League“ durchgeführten Umfrage äußerten 47 Prozent der spanischen Teilnehmer, mindestens drei der vier ihnen vorlegten antijüdischen Stereotype seien „wahrscheinlich wahr“. Eine unlängst vom spanischen Bildungsministerium in Auftrag gegebene Studie stellte fest, dass 50 Prozent der befragten Sekundarschüler es vorzögen, nicht neben jüdischen Schulkameraden zu sitzen.7

In Spanien leben weniger als 20.000 Juden, sodass die Einstellungen gegenüber dieser Minderheit kaum auf realen Erfahrungen mit Juden beruhen dürften. Der spanische Antisemitismus ist mit dem stark verbreiteten Antiamerikanismus verknüpft. Dies entspricht einem diffusen Empfinden von Frustration angesichts einer unsicheren Welt, deren unverstandene Kräfte sich in Karikaturen „des Juden“ personifizieren können. Unbeabsichtigt gefördert wird dieser Trend durch die ausgeprägt feindselige Haltung der spanischen sozialistischen Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero gegenüber Israel und durch die spanischen Medien, die oft nicht zwischen Israel und den Juden unterscheiden. Ende 2005 äußerte sich Zapatero auf einem Dinner mit den Worten: „Man kann zuweilen sogar verstehen, dass es Leute geben mag, die den Holocaust rechtfertigen würden.“8 Umfragen weisen jedoch auch darauf hin, dass negative Empfindungen gegenüber Juden nur selten mit positiven Haltungen gegenüber Muslimen verbunden sind: 52 Prozent der spanischen Befragten äußerten in einer Umfrage, dass sie auch Muslime negativ bewerten.9 Obgleich Zapatero und einige seiner sozialistischen Kollegen mitunter palästinensische Tücher tragen, teilt die Öffentlichkeit ihre Begeisterung für die palästinensische Sache offenbar nicht. In ganz Europa gibt es viele Hinweise darauf, dass antijüdische Sentiments durch kulturelle Faktoren befördert werden, die wenig mit den Ereignissen in Gaza zu tun haben. Vor allem seit 2001 äußern sich antiwestliche Einstellungen europäischer Muslime häufig in der Sprache des Antisemitismus. Kritik an den USA geht oft mit Angriffen gegen den vermeintlichen Einfluss der jüdischen Lobby einher. Einer Umfrage von 2002 zufolge meinten 25 Prozent der deutschen Befragten, der „jüdische Einfluss“ auf die amerikanische Politik sei ein wichtiger Grund für die Invasion des Irak gewesen. Die Assoziation zwischen Juden und Wirtschaft, Finanzwelt und Medien führt auch in konsum- und wirtschaftskritischen Kreisen verstärkt zu skeptischen Haltungen gegenüber Juden.

Wettbewerb um Holocaust-Deutungshoheit

Mit der Metamorphose antiisraelischer in antijüdische Haltungen geht auch eine zunehmende Neigung einher, den Holocaust aus seinem historischen Kontext zu reißen. Er wird immer häufiger nicht als eine spezifische historische Tat gegen Juden verstanden, sondern als Allerweltsphänomen. Heute haben wir viele „Holocausts“ – von Auschwitz über Bosnien bis Darfur. Damit wird nicht nur der Holocaust von seinen jüdischen Opfern getrennt, sondern er lässt sich nun auch als moralische Anklage gegen Israel recyceln. Eine Studie stellte 2004 fest, dass 68 Prozent der deutschen Befragten der Ansicht waren, Israel betreibe einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser; 51 Prozent sagten, was Israel den Palästinensern antue, sei grundsätzlich nicht anders als das, was die Nazis den Juden antaten.10 Die rhetorische Strategie, Israel mit Hitlers „Endlösung“ in Verbindung zu bringen, gewinnt seit etwa fünf Jahren an Verbreitung. Antizionisten beschreiben den Nahostkonflikt zunehmend mit Holocaust-Vergleichen. Folglich wird Israel auf Demonstrationen gegen die Invasion in Gaza oft als Nazi-Kriegsmaschine dargestellt. Diese Haltung zeigte auch der ehemalige Londoner Bürgermeister Ken Livingstone, der äußerte, die Juden schüfen „im Nahen Osten ein Warschauer Getto“. Kritiker Israels bringen die symbolische Autorität des Holocaust, manchmal bewusst, manchmal unbewusst, gegen Israel in Stellung. Angesehene westliche Medien behaupten immer häufiger, Israel betreibe „ethnische Säuberungen“, „Völkermord“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, und manche Israelgegner vergleichen den Gründungsvater des Zionismus, Theodor Herzl, mit Adolf Hitler. Andere sprechen von einer „Nazifizierung“ der israelischen Gesellschaft.

Die Herauslösung des Holocaust aus seinem historischen Kontext fördert Skepsis gegenüber der Opferrolle der Juden. Manche lesen die Geschichte rückwärts und machen die Juden für das verantwortlich, was im Holocaust geschah. Eine interessante Studie zum Antisemitismus in Europa kam zu den Ergebnis, aktuelle Vorurteile würden „rückwärts projiziert, um das Verhalten gegenüber Juden in vergangenen Konflikten zu legitimieren“.11 Das ist vor allem in den Ländern zu beobachten, die an der Verfolgung der Juden im Zweiten Weltkrieg stark beteiligt waren; verschiedene Umfragen haben gezeigt, dass die Idee, die Juden selbst seien für ihre Verfolgung verantwortlich gewesen, im Jahr 2004 von 30 Prozent der Befragten in Russland, 27 Prozent in der Ukraine, 35 Prozent in Weißrussland, 31 Prozent in Litauen und 17 Prozent in Deutschland bejaht wurde.12 Die aktuellen Einstellungen gegenüber jüdischen Menschen werden durch die kontinuierliche Interaktion zwischen Gegenwart und Vergangenheit geformt. Der Versuch der Kritiker Israels, die Symbolik des Holocaust für die eigenen Zwecke zu nutzen, beruht auf der Erkenntnis, dass sich mit dieser Tragödie starke moralische Autorität erringen lässt. Gleichzeitig befeuert die Darstellung Israels als moderne NS-Kriegsmaschine die Umschreibung der Vergangenheit. Obgleich aktuelle antisemitische Einstellungen mit realen Erfahrungen mit Juden wenig zu tun haben, prägen sie das Bild der Juden im 21. Jahrhundert. Sie fördern eine Kultur der Skepsis gegenüber der Rolle der Juden als historische Opfer in Europas dunkelster Stunde.

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