09.11.2015

Wofür sprechen die Fakten?

Kommentar von Thilo Spahl

Verarbeitetes rotes Fleisch ist nach Einschätzung der Internationalen Krebsforschungsagentur krebserregend. Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat wurde nur als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Glücklicherweise ist diesmal niemand beeindruckt.

Die meisten Leute haben gelassen reagiert, als die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsagentur IARC [1] uns Ende Oktober die nicht ganz neue Erkenntnis amtlich verkündete: Wurst könne Krebs verursachen. Spinnen die jetzt ganz, haben sich viele gefragt. Nein, sie spinnen nicht. Sie erzählen uns nur etwas völlig Belangloses.

Die IARC-Einstufung sagt, wie sicher es ist, dass etwas krebserregend ist. Sie sagt nichts darüber aus, wie krebserregend die Substanz ist. Wurst ist demnach krebserregend, aber halt nur ein ganz kleines bisschen. Wieso nur ein bisschen? Wer 50 Gramm am Tag mehr isst, erhöht sein Darmkrebsrisiko laut IARC immerhin um 18 Prozent? Ist das nicht eine ganze Menge? Nein, es klingt nur nach viel. Denn 18 Prozent von ziemlich wenig ist ziemlich wenig.

Unser Risiko an Darmkrebs zu sterben, liegt laut Todesursachenstatistik 2013 [2] bei etwa 1,75 Prozent. Und 18 Prozent von 1,75 Prozent sind 0,315 Prozent. Tatsächlich erhöht sich also mein Risiko bei einer täglichen Extraportion Wurst nur um 0,315 Prozent. Oder noch einmal anders formuliert: Vorher hatte ich eine Chance von 98,25 Prozent, nicht an Darmkrebs zu sterben. Trotz Extrawurst habe ich immer noch eine Chance von 97,935 Prozent. Wenn da unser Landwirtschaftsminister sagt, „mal eine Bratwurst“ [3] zu essen, sei okay, kann ich nur ergänzen: Mal jeden Tag eine Bratwurst extra zu essen, ist auch okay.

„Hilft es, Vegetarier zu werden?“

Stimmt das denn überhaupt mit den 18 Prozent (0,315 Prozent)? Die Antwort lautet: vielleicht. Denn bei Studien, in denen man Leute mit Darmkrebs fragt, was sie denn die letzten 40 Jahre gegessen haben, ist eine Menge Unsicherheit im Spiel. Deshalb werden bei solchen Studien normalerweise nur Ergebnisse ab 200 Prozent Erhöhung in dem Sinne ernst genommen, dass man daraus Verhaltensempfehlungen ableitet.

Ist es wurst, welche Wurst man isst? Die Einstufung „krebserregend“ gilt für die Sammelkategorie „rotes Fleisch“, die alle Säugetiere umfasst. Man weiß nicht, ob vielleicht eine Fleischart das Krebsrisiko erhöht, die anderen zwar auch „rotes“ Fleisch sind, aber keinen Effekt haben. Diese Vermutung äußerte zum Beispiel Nobelpreisträger Prof. Harald zur Hausen [4] vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Wahrscheinlich sei es nur das Rindfleisch, glaubt er. Wurst wird aber überwiegend aus Schweinefleisch hergestellt.

Wie alt sind die Menschen, wenn sie an Darmkrebs sterben? Der Medianwert liegt bei 74 Jahren (USA, 2010) [5]. Als die Betroffenen 1936 zur Welt kamen, hatten sie eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwa 63 Jahren. Sie haben also trotz Wurst und Darmkrebs recht lange durchgehalten.

Hilft es, Vegetarier zu werden? Sieht nicht so aus: Eine kürzlich veröffentlichte, niederländische Langzeitstudie [6] mit rund 10.000 Teilnehmern kommt zum Ergebnis: „Vegetarier, Fischesser und 1-Tag/Woche-Fleischesser zeigten im Vergleich zu Sechs/Sieben-Tage/Woche-Fleischessern ein nicht signifikant reduziertes Darmkrebsrisiko, hauptsächlich wegen anderer Unterschiede im Ernährungsmuster als dem Fleischverzehr.“ [7] Mit anderen Worten: Das Darmkrebsrisiko der Vegetarier ist so geringfügig vermindert, dass es auch Zufall sein kann. Und die Gründe der eventuellen Verminderung haben wahrscheinlich nichts mit Fleisch zu tun (die Autoren sehen vor allem erhöhte Ballaststoffaufnahme als Ursache).

„Fleischkritik ist seit vielen Jahren en vogue“

Die IARC hat sich nicht zufällig Fleisch vorgenommen, um die lange Liste der vermeintlich krebserregenden Substanzen um ein weiteres Glied zu erweitern. Fleischkritik ist seit vielen Jahren en vogue. Die Zahl der echten und vor allem der gefühlten Vegetarier steigt beständig.

Fleisch ist nicht nur wegen der Gesundheit ein Problem. Eine der Autorinnen der IARC-Studie, Sabine Rohrmann von der Universität Zürich, wurde im Deutschlandfunk [8] gefragt, was sie als Konsequenz aus ihren Ergebnissen empfehlen würde. Die Antwort ist sehr grundsätzlich: „Man sollte vielleicht doch mal darüber nachdenken, was man eigentlich isst und was man zum Beispiel auch der Umwelt damit antut.“ Die Frage ist, ob Menschen mehr über die Umwelt nachdenken, wenn man ihnen Angst vor dem Fleischessen macht.

Selbst vermeintliche Fleischfreunde reagieren ganz kleinlaut. Was meint zum Beispiel der Chefredakteur der Zeitschrift Beef [9] dazu? Er rufe seine Leser schon lange zum gemäßigten Fleischkonsum auf. Besonders tückisch sei „verstecktes“ Fleisch. Ja, ja, die tückische Maultasche. Vor der muss man sich in Acht nehmen. So ist‘s brav, Herr Chefredakteur.

Vor einem halben Jahr hatte die IARC das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat auf die Liste gesetzt – nicht als krebserregend (Stufe 1) wie die Wurst, aber immerhin als „wahrscheinlich krebserregend“ (Stufe 2a). Das hat den meisten Leuten natürlich spontan viel mehr eingeleuchtet und sofort zu Verbotsforderungen geführt.

„Glyphosat ist ebensowenig lebensgefährlich wie Wurst“

Verteidiger der Wurst empören sich heute [10], die werde nun „auf eine Liste mit lebensgefährlichen Stoffen wie dem Pflanzenschutzmittel Glyphosat gesetzt“. Doch Glyphosat ist ebenso wenig lebensgefährlich wie Wurst. Man muss daran erinnern, dass beide anhand gleicher Kriterien auf die Liste gelangt sind. Tatsächlich ist die Zahl derer, die wegen Glyphosat an Krebs erkranken, noch weit geringer als die der Wurstopfer.

Im Falle von Glyphosat gab es in wenigen Studien [11] Hinweise auf einen möglichen, geringen Zusammenhang zwischen der Glyphosataufnahme und dem Non-Hodgkin-Lymphom, einer insgesamt sehr seltenen Krebsart. Dabei ging es immer um Belastungen am Arbeitsplatz, nicht etwa um die Aufnahme verschwindend geringer Mengen durch die Nahrung.

Einige Leute fanden es dennoch eine gute Idee, Glyphosat in Muttermilch zu entdecken und stillende Mütter zu verunsichern. Wie ich an anderer Stelle gezeigt habe [12], müssten Säuglinge 1,6 Millionen Liter Muttermilch am Tag trinken, um vielleicht ihre Gesundheit zu gefährden