28.04.2014

Wider das Ökotest-Prinzip

Analyse von Walter Krämer und Gerhard Arminger

Immer wieder werden Gifte dort gefunden, wo sie angeblich nicht hingehören. Aber das bloße Vorhandensein macht einen Stoff noch nicht zum Gift, sondern erst die entsprechende Dosierung – und die ist meist minimal.

Gifte, Gifte, überall. Kein Tag vergeht, an dem wir nicht in den Medien hören und lesen können, dass in unseren Kleidern, unseren Möbeln, dem Spielzeug der Kinder und natürlich im Essen und gar in unseren Körpern Gift gefunden wurde. Das wichtigste Werkzeug für Panikmache ist eine systematische statistische Desinformation per reinen Existenznachweisen von Giften aller Art. Ein typisches Beispiel ist die folgende Meldung des Südwestrundfunks[1]: „Bei 70 Prozent aller deutschen Großstädter konnte das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat im Urin nachgewiesen werden“.[2] Diese Zahl resultiert aus einer Untersuchung [3] des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und seines europäischen Dachverbands Friends of the Earth (FOE) an 182 Stadtbewohnern aus 18 Ländern, davon 10 aus Deutschland (Pressemitteilung des BUND) [4]. Sie wurde auch von anderen Medien übernommen und ist nicht nur wegen der Abwesenheit einer seriösen Grenzwertdiskussion als grober statistischer Unfug einzuordnen. Abgesehen davon, dass es schlicht unmöglich ist, aus einer Stichprobe von zehn Personen auf die gesamte deutsche Großstadtbevölkerung rückzuschließen, sagt allein die Existenz eines Schadstoffs absolut nichts über dessen Gefahrenpotenzial. Denn viele dieser Funde sind ein Artefakt von immer feineren Analysemethoden und als solche keine Meldung wert. Tatsächlich kann man heute überall alles finden, wenn man nur genau genug misst. Damit fällt die besagte Unstatistik zu Glyphosat wie schon eine andere als Unstatistik des Monats aufgespießte Meldung zu Giften in Adventskalendern in die große Schublade „Viel Lärm um nichts“. Da hatte die Stiftung Warentest in gewissen Produkten Mineralölrückstände entdeckt. Mehrere Firmen mussten darauf ihre Produkte aus den Regalen nehmen, mit Schäden für die jeweiligen Hersteller von mehreren 100.000 Euro. Zwar wurde hier immerhin auch die Menge angegeben – rund 10 Milligramm pro Kilogramm Schokolade – aber nach Auskunft des Bundesinstituts für Risikobewertung gehen von diesen Mineralölrückständen keine zusätzlichen Gesundheitsgefahren aus; sie entsprechen in etwa dem, was Kinder und Erwachsene ohnehin über die sonstige Ernährung gewohnheitsmäßig zu sich nehmen.

„Allein die Existenz eines Schadstoffs sagt absolut nichts über dessen Gefahrenpotenzial. Denn viele dieser Funde sind ein Artefakt von immer feineren Analysemethoden und als solche keine Meldung wert.“

Die übliche Maßeinheit für Schadstoffe war bis vor wenigen Jahrzehnten ein Milligramm pro Kilogramm (ppm = „parts per million“). Ein Milligramm Pflanzenschutzmittel pro Kilo Preiselbeeren etwa konnte damals nachgewiesen werden. Was darunter lag, war nicht messbar und galt somit als nicht vorhanden. In den 80er-Jahren konnten schon Schadstoffkonzentrationen von 1: 1 Milliarde nachgewiesen werden, und heute sind wir bei 1: 1 Trillion angekommen. Zur Illustration, was das bedeutet: Ein Zuckerwürfel, aufgelöst im Starnberger See, wäre heute ohne jeden Zweifel nachzuweisen.

Und das ist noch lange nicht das Ende. In geradezu atemberaubendem Tempo gelingt es der analytischen Chemie, mit immer neuen Messmethoden (Chromatographie, Massenspektrometrie, Kernresonanz-Spektroskopie) immer geringere Mengen von Stoffen aufzuspüren, am Institut des Göttinger Nobelpreisträgers Manfred Eigen soll man inzwischen sogar einzelne Moleküle finden können.

So kommen heute an allen Ecken und Enden täglich neue Schadstoffe ans Tageslicht.

Etwa in der Muttermilch. „Eine britische Studie sorgt für Aufregung. In Muttermilch wurden über 300 Schadstoffe nachgewiesen.“ So meldete die Deutsche Presseagentur. Aber auch diese Meldung, obwohl vielfach nachgedruckt, ist ebenfalls in mindestens zweifacher Hinsicht falsch. Denn in Muttermilch sind nicht nur 300, sondern 3000, vielleicht sogar 30.000 Schadstoffe enthalten. Es gibt vermutlich keinen Stoff und auch kein Gift auf der Erde, der oder das nicht auch in Muttermilch enthalten wäre. Man hat sie nur noch nicht gefunden.

Und dann lässt uns die Meldung glauben, diese Schadstoffe seien gefährlich. Natürlich sind sie das, wenn in großen Mengen konsumiert. Aber in der Verdünnung, die man üblicherweise in der Muttermilch beobachtet, schaden sie niemandem.

Allein die Dosis macht das Gift

Eine Meldung sollte aus einem Giftfund frühestens dann werden, wenn die jeweilige gesundheitsgefährdende Dosis überschritten wird. Doch das ist bei der großen Mehrheit der in deutschen Medien gemeldeten Funde nicht der Fall. Man sollte diese Art von Panik-Journalisten dazu verdonnern, hundertmal den folgenden Spruch des berühmten Paracelsus aus seiner Theorie zur Dosis abzuschreiben (die einzige uns bekannte naturwissenschaftliche Theorie, die auch 500 Jahre nach ihrer Entstehung unwidersprochen gültig ist): „Was das nit gifft ist? Alle ding sind gifft und nichts ist ohn gifft. Allein die dosis macht das ein ding kein gifft ist.“ Genauso, wie jeder Stoff über einer gewissen Dosis giftig ist, ist jeder Stoff unter einer gewissen Dosis ungiftig. Aber das ist den Redakteuren von Zeitschriften wie Öko-Test wohl niemals richtig zu vermitteln.

„Was das nit gifft ist? Alle ding sind gifft und nichts ist ohn gifft. Allein die dosis macht das ein ding kein gifft ist.“

Die Quantifizierung dieser Dosis-Wirkungs-Beziehung geschieht heute mittels fortgeschrittener Methoden der mathematischen Statistik. Die folgende Grafik gibt eine solche idealtypische Dosis-Wirkungs-Kurve wieder. Auf der waagerechten Achse ist dabei die Menge, auf der senkrechten Achse die Wirkung abgetragen. Der LD50-Wert bezeichnet dabei diejenige Schwelle, bei der in Tierexperimenten 50% der untersuchten Tiere sterben.



Abbildung 1: Eine idealtypische Dosis-Wirkungs-Kurve


In der Toxikologie wird heute davon ausgegangen, dass ein solcher positiver Schwellenwert für die überwiegende Mehrzahl aller Substanzen existiert; Expositionen unterhalb dieser Dosis rufen keinerlei gesundheitliche Effekte irgendwelcher Art hervor. Nur in seltenen Ausnahmefällen gibt es solche positiven Schwellenwerte nicht.

Auch die monoton steigende Gestalt der Dosis-Wirkungs-Kurve ist für die überwiegende Mehrzahl aller toxischen Substanzen nachgewiesen. Mit anderen Worten: je mehr, desto giftiger. Nur in seltenen Ausnahmefällen nimmt die Toxizität eines Stoffes nach einem Maximum mit wachsender Dosis wieder ab.

Üblicherweise sind die aus solchen Dosis-Wirkungskurven abgeleiteten Grenzwerte wie ADI („Acceptable Daily Intake“),  AEL („Acceptable Exposure Level“) oder NOAEL („No Observed Adverse Effect Level“) vorsichtshalber um einen Faktor 100 überhöht. Man ermittelt also einen Wert, bei dem sich im Tierversuch keine Schädigung erkennen lässt. Dann setzt man den Grenzwert für den Menschen bei einem Hundertstel dieser unschädlichen Dosis an. Selbst bei Überschreitung eines solchen Grenzwerts ist also in aller Regel noch lange nicht von einer Gefahr für die Gesundheit auszugehen.

„Grenzwerte sind zudem in erster Linie ein Produkt der Politik. Es wird hin- und herverhandelt, gibst du mir dies, dann kriegt du das.“

Grenzwerte sind zudem in erster Linie ein Produkt der Politik. Es wird hin- und herverhandelt, gibst du mir dies, dann kriegt du das. Wenn man die einschlägigen Diskussionen verfolgt, kommt man sich wie auf einem Istanbuler Jahrmarkt vor. Die Wissenschaft und erst recht der gesunde Menschenverstand reden hier erst an zweiter Stelle mit. Wie sonst ist zu erklären, dass während der Dioxin-Panik Anfang 2011 Millionen von Frühstückseiern aus dem Verkehr gezogen wurden, weil sie angeblich mit mehr als 3 Billionstel Gramm (3 Pikogramm) an Dioxin belastet waren (bei den meisten stimmte das noch nicht einmal), während zur gleichen Zeit völlig legal in großen Mengen deutsche Flussaale und Ostseefische auf den Märkten angeboten, gekauft und dann zuhause auch gegessen wurden, die eine mehr als zehnmal so hohe Dosis Dioxin pro Kilogramm enthielten?

So können etwa derzeit in einem Liter deutschen Trinkwassers ganz legal enthalten sein: Je 0,0001 mg Acrylamid und Pflanzenschutzmittel, je 0,001 mg Benzol und Quecksilber, und je 0,01 mg Blei, Arsen, Uran, Selen und Bromat, von den weit höheren legalen Mengen Aluminium, Eisen, Kalium, Magnesium, Natrium und Calcium gar nicht zu reden. Besonders die erlaubte Uranbelastung von 0,01 mg = 10 Mikrogramm ist vielen besorgten Bürgern ein Dorn im Auge. „E-Mail-Aktion: Fordern sie einen Grenzwert von 2 Mikrogramm!“, proklamiert Foodwatch im Netz: „Auch bei Uranbelastungen deutlich unter 10 Mikrogramm pro Liter können die Nieren von Säuglingen und Kleinkindern massiv geschädigt werden. Das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Analyse [5] der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA von März 2009. Foodwatch fordert deshalb einen Grenzwert von 2 Mikrogramm Uran pro Liter. Die EFSA-Analyse stützt die These, dass bei einer Belastung von diesem Wert auch Säuglinge und Kleinkinder wirksam geschützt sind.“

Wir haben uns die EFSA-Studie einmal angesehen – von den behaupteten Gefahren ist kaum etwas zu finden. Laut EFSA schwankt die Uranbelastung durch Trinkwasser zwischen 0,05 und 0,28 Mikrogramm pro Tag und Kilogramm Körpergewicht, je nachdem wie viel man trinkt und wie viel „legales“ Uran im Trinkwasser enthalten ist. Für Kinder, die relativ zum Körpergewicht mehr Wasser zu sich nehmen, sind die Werte höher, zwischen 0,18 und 1,42 Mikrogramm pro Tag und Kilogramm. Aber dieser rechte Grenzwert, den die EFSA tatsächlich für bedenklich hält, wird nur dann erreicht, wenn Mütter neben dem Wasser aus dem Hahn für das Fläschchen auch noch alle möglichen weiteren uranhaltigen Substanzen in der Beikost verfüttern; für den normalen Säugling ist er völlig illusorisch.

Da das aber über die Trinkwasserverordnung im Parlament beschlossen wird, haben wir demnächst vielleicht einen Grenzwert von 2 Mikrogramm. Und ab der übernächsten Wahl vielleicht 1 Mikrogramm, je nachdem, wer gerade regiert.

Die Fronten bei diesen Verhandlungen sind klar. Die Anbieter hätten die Grenzwerte gerne möglichst hoch; das reduziert die Kosten. Die große Ökokoalition dagegen hätte gerne Grenzwerte von Null. Wer Grenzwerte festlege, argumentiert ihr Oberguru Ulrich Beck, toleriere die Vergiftung unterhalb der Grenzwerte. Grenzwerte seien Persilscheine dafür, so Beck, die Menschheit ohne Strafe zu vergiften. Den Grenzwertfestsetzern ginge es darum, das zulässige Maß an Vergiftung zu definieren, was bedeute, Vergiftung grundsätzlich zuzulassen. „Würde man sich auf den nicht völlig abwegigen Grundsatz einigen, überhaupt nicht zu vergiften, gäbe es keine Probleme.“

„Die Fronten sind klar. Die Anbieter hätten die Grenzwerte gerne möglichst hoch. Die große Ökokoalition dagegen hätte gerne Grenzwerte von Null.“

Was also fordert der „Bund für Umwelt und Naturschutz“ (BUND), als man in Baby-Fertignahrung Pestizide findet? „In Zukunft muss gelten: Babynahrung hat frei von jeglichen Pestiziden zu sein.“ Was fordern Umweltschützer, nachdem in Sporthemden gewisser Firmen das giftige Schwermetall Tributylzinn (TBT) nachgewiesen wurde? Ein totales Produktionsverbot. Was verkünden die Grünen auf einer Bundeshauptversammlung? „Grüne Chemiepolitik zielt also darauf, [...] dass Produktionsziele der chemischen Industrie, die an sich lebensfeindlich sind, ersatzlos aufgegeben werden müssen.“

Ersatzlos aufgeben, total verbieten, völlig frei von Pestiziden. Das klingt gut und bringt Wählerstimmen. Aber ist es überhaupt grundsätzlich durchzusetzen?
In den USA hat man es einmal versucht. Der sogenannte Delaney-Zusatz (Delaney Clause oder Delaney Amendment) von 1958, eine Ergänzung des Gesetzes zur Regulierung von Nahrungs- und Arzneimitteln von 1938 (Food, Drug and Cosmetic Act) hatte bestimmt, dass amerikanische Lebensmitteln keinerlei nachgewiese krebserzeugende Zusätze erhalten dürfen. Und keinerlei heißt keinerlei. Die ersten Opfer waren Preiselbeeranbauer, denen ein Pestizidfund kurz vor dem Erntedankfest 1959, zu dem in den USA immer ein Truthahn mit Preiselbeeren gehört, das Geschäft ruinierte – obwohl Präsidentschaftskandidat Kennedy und Vizepräsident Nixon zur Unterstützung der Farmer vor laufender Kamera große Mengen an Preiselbeeren aßen, wollte keiner die mehr haben.

„Obwohl Präsidentschaftskandidat Kennedy und Vizepräsident Nixon zur Unterstützung der Farmer vor laufender Kamera große Mengen an Preiselbeeren aßen, wollte keiner die mehr haben.“

Vielleicht sogar zu Recht, denn damals waren die Nachweisgrenzen noch recht hoch. Als dann aber im Lauf der Jahre die Analytik immer feiner und die entdeckten Schadstoffe immer zahlreicher wurden, schwante den Volksvertretern, was sie da angerichtet hatten – bald hätten amerikanische Farmer überhaupt nichts mehr verkaufen dürfen. So wurde der Delaney-Zusatz im Jahr 1996 im Wesentlichen wieder abgeschafft. Und zwar deshalb, weil die reine Existenz eines Stoffes in einem Lebensmittel oder auch in unserem Körper überhaupt noch nichts besagt. Als etwa nach anderen Zuckerersatzstoffen auch Sacharin bei Ratten als in hohen Dosen krebsauslösend nachgewiesen wurde, musste es zunächst nach Delaney verboten werden. Jedoch wurde dieses Verbot nach massiven Verbraucherprotesten kurze Zeit später wieder aufgehoben – wegen des hohen Süßstoffbedarfs der Amerikaner wollte man nicht auch noch auf diesen letzten Zuckerersatz verzichten, das damit verbundene Risiko wurde als vernachlässigbar in Kauf genommen.

Synthetische Risikoverzerrung

Nochmals verschlimmert wird die verbreitete mediale Desinformation zu Giften aller Art durch das häufige Fokussieren auf künstliche Substanzen unter Vernachlässigung von weit größeren Risiken, die durch natürliche Schadstoffe und Pestizide speziell in unserer Ernährung entstehen. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Kip Viscusi hat das einmal „synthetische Risikoverzerrung“ genannt („synthetic risk bias“).  Nach einer vielzitierten Untersuchung des bekannten amerikanischen Biochemikers Bruce Ames [6] sind nach Gewicht gemessen 99,99% aller Schadstoffe in der menschlichen Nahrung von Natur aus darin enthalten; lediglich 0,01% werden während Produktion, Verpackung und Vertrieb hinzugefügt. Die Arbeitsgruppe von Bruce Ames, auf welche dieses Ergebnis zurückgeht, gilt als weltweit führend auf dem Gebiet der Lebensmitteltoxikologie, Ames selbst ist Direktor des „National Institute of Environmental Health Science“ an der renommierten Berkeley-Universität, die Proceedings of the National Academy of Sciences, in der die oben zitierte Untersuchung erschienen ist, zählt zu den drei höchstrangigen Wissenschaftszeitschriften überhaupt. Insofern ist davon auszugehen, dass hier ein intensives Peer-Review-Verfahren stattgefunden hat und dass diese Ergebnisse replizierbar sind. Und in der Tat haben verschiedene weitere Untersuchungen dieses Resultat bestätigt.

In einem Interview im Science-Teil der New York Times [7] fasst Ames seine Erkenntnisse wie folgt zusammen:

„Von allen Pestiziden, die der Mensch über die Nahrung aufnimmt, sind 99,99 Prozent natürlich: Es handelt sich um von Pflanzen produzierte Chemikalien, die ihnen zur Verteidigung gegen Pilzbefall, Insekten und andere tierische Fressfeinde dienen.

Nach unseren Schätzungen nehmen Amerikaner durchschnittlich etwa 5000 bis 10.000 verschiedene Pestizide und ihre Abbauprodukte zu sich. Amerikaner essen pro Kopf täglich etwa 1.500 mg an natürlichen Pestiziden, und das ist etwa 10.000 mal mehr als die 0,09 mg an Rückständen synthetischer Pestizide, die mit der Nahrung aufgenommen werden. Alle Nahrungsmittel aus dem Supermarkt sind absolut randvoll mit karzinogenen Stoffen. Aber die meisten Arten von Krebs werden nicht durch Pestizide in der Dosierung 1: 1 Trillion verursacht. Die wahren Ursachen sind etwa Rauchen, falsche Ernährung und Fettleibigkeit.“1

Ein zentraler Satz sei hier nochmals deutlich hervorgehoben:

„Alle Nahrungsmittel aus dem Supermarkt sind absolut randvoll mit karzinogenen Stoffen.“ Das gilt natürlich auch für alles, was man beim Bauern kauft. Aber für unser Leben und die Gesundheit gefährlich ist das nicht.

Ames zieht folgendes Fazit: Die Menschen sollten aufhören, sich vor allem über synthetische Chemikalien zu sorgen, die Versuche zu deren weiterer Reduzierung sind teuer und letztendlich wirkungslos, sie ziehen knappe Ressourcen von der Bekämpfung echter Probleme ab. Das ist die aktuelle wissenschaftliche Mehrheitsmeinung.

„Die Menschen sollten aufhören, sich vor allem über synthetische Chemikalien zu sorgen, die Versuche zu deren weiterer Reduzierung sind teuer und letztendlich wirkungslos, sie ziehen knappe Ressourcen von der Bekämpfung echter Probleme ab.“

Beispiel Ökotest

Ökotest erscheint monatlich. In jedem der zwölf Hefte eines Jahrgangs sind mehr als ein Dutzend redaktionelle Textbeiträge enthalten, welche alarmerzeugend die Existenz von Schadstoffen in Textilien, Kinderspielzeug, Kosmetika, sonstigen Drogerieartikeln und insbesondere immer wieder Lebensmitteln melden. In weit weniger als der Hälfte dieser Textbeiträge werden Grenzwerte erwähnt, und wenn doch, dann findet nochmals nur in der Hälfte aller Fälle eine Diskussion der bei Überschreitung drohenden Gesundheitsgefahren statt. Ferner werden bei Schadstoffmeldungen für Lebensmittel natürliche Risiken in aller Regel ausgeklammert.

Einige Beispiele aus dem Jahrgang 2011:

In Heft 1 auf Seite 12 meldet Ökotest zum Thema „Trockenfrüchte“:  „Das von uns beauftragte Labor fand im Beeren-Mix allerdings einen Cocktail von acht unterschiedlichen Pestizidwirkstoffen“. Aufgrund dieses Befundes stuft Ökotest die Qualität des Produktes auf befriedigend herab. Dann dürfte aber überhaupt kein Trockenfrüchte-Angebot ein besseres Qualitätsurteil als befriedigend erhalten, denn in jedem davon sind – wenn auch nur in minimaler Konzentration – alle möglichen Pestizidwirkstoffe enthalten.

Ignoriert werden dagegen hier wie in fast allen Schadstoffmeldungen zu Lebensmitteln potentiell weit gefährlichere natürliche Schadstoffe aller Art. Die in Johannisbeeren, Heidelbeeren und Erdbeeren natürlich enthaltene Salicylsäure etwa kann zu Juckreiz, Magenbeschwerden oder Asthma führen. Wacholderbeeren enthalten die schleimhautreizenden Substanzen Cadinen, Sabinen und Sabinol; diese können bei Frauen die Regelblutungen verstärken. „Schwangere und Personen mit Nierenproblemen sollten Wacholderbeeren deshalb unbedingt meiden“. [8] Und die in Himbeeren enthaltenen natürlichen Schadstoffe sind nach Ames et al. [9] sogar so konzentriert, dass diese, wollte man sie künstlich herstellen, verboten werden müssten: 34 Aldehyde und Ketone, 32 Alkohole, 20 Ester, 14 Säuren, 3 Kohlenwasserstoffe plus 7 weitere Gifte anderer Stoffklassen, am bekanntesten das leberschädigende Cumarin.

Ein idealtypisches Beispiel für dieses Fokussieren auf künstliche bei simultaner Vernachlässigung weitaus gefährlicherer natürlicher Gifte ist ein Bericht über Erdbeerkonfitüre in Heft 1/2007: „Leider stecken in der Deckeldichtung des Allos Erdbeere Fruchtaufstrichs mit Rohrzucker gesüßt, hohe Anteile des Weichmachers Diisodecylphthalat (DIDP), der im Verdacht steht, Leber, Nieren und Fortpflanzungsorgane zu schädigen und außerdem wie ein Hormon zu wirken […] PVC/PVDC/chlorierte Kunststoffe stecken in allen Verpackungen. Sie bilden in der Müllverbrennung gesundheitsschädliche Dioxine und belasten die Umwelt bei Herstellung und Entsorgung.“

Die in den Erdbeeren selbst enthaltenen natürlichen Schadstoffe sind aber nach Ames et al. [10] um Zehnerpotenzen konzentrierter als alles, was jemals in den Dichtungen und Verpackungen gefunden worden ist.

Ein weiteres Charakteristikum derartiger Meldungen ist das Fokussieren auf die Existenz, wie etwa auf den Seiten 22-26 in einem großen Beitrag über Fleischersatzprodukte mit dem Titel „Ein dicker Klops“. Auch hier erfährt der Leser nur, dass Schadstoffe gefunden wurden (es handelt sich also eine Meldung ohne Informationsgehalt), nicht aber die Mengen und die davon ausgehende Gesundheitsgefahr: „In zwei Marken stellten die beauftragten Labore sogar stark erhöhte Mengen an 3-MCPD-/Glycidyl-Ester fest. Pural Vegetarische Bio-Nuggets enthalten relativ große Mengen des Weichmachers Diisononylphthalat (DINP). […]  In drei Produkten stecken Spuren der weitverbreiteten gentechnisch veränderten Soja-Sorte Roundup-Ready“. Die Beiwörter „stark erhöht“ oder „relativ groß“ sind ohne die Kenntnis der Bezugsgrößen nutzlos.

Weitere Beispiele sind die Beiträge über Margarine und Streichfette sowie über Kaffee in Heft 10: „In 16 der 19 Produkte sind Glycidyl-Ester nachweisbar. Wir werten bei 15 Produkten den Nachweis um eine Note ab. Ein Produkt bekommt eine Abwertung um zwei Noten. Denn in der Eden Die Gute Pflanzenmargarine mit Sonnenblumenöl steckt mehr als das Doppelte der Menge, die wir im Testfeld als Durchschnitt ermittelt haben.“

„Das Doppelte von fast nichts ist immer noch fast nichts.“

Das Doppelte von fast nichts ist immer noch fast nichts. Und in dem Beitrag über Schadstoffe in Kaffee tritt auch noch das beliebte Mittel hinzu, die Verantwortung für das Urteil einer angeblich vorherrschenden Meinung anzulasten: „In zwei Proben aus kleinen Röstereien steckte eine erhöhte Menge Furan. Der Stoff gilt als potenziell krebserregend und entsteht beim Rösten.“

In ähnlichem Tenor gehalten – reine Existenzmeldungen ohne Gefahrendiskussion –  sind allein in Heft 1/2011 auch noch Meldungen über Haarwachs („Obwohl es sich um kontrollierte Naturkosmetik handelt, fanden sich in diesem Produkt polyzyklische Moschus-Verbindungen“), Kinderzeitschriften („In 22 Produkten wurden Farbstoffe gefunden, die in der EU verboten sind“), Babyspielzeug („Einziger Kritikpunkt ist die phosphororganische Verbindung Triphenylphosphat, die als Kontaktallergen wirken kann“), Badezusätze („Uns stört der Duftstoff Lyral, der relativ häufig für Kontaktallergien verantwortlich ist“), Zahnweißcremes („So findet sich der Bakterienkiller Triclosan, der häufig mit Dioxinen verunreinigt ist, in der Colgate Total Whitening“), Tapetenkleister („In fast allen Tapetenkleistern konnten unsere beauftragten Labore Konservierungsmittel/Fungizide nachweisen“) oder Einkaufstaschen („Aber offensichtlich kommen dabei ziemlich üble Materialien zum Einsatz: Der weiße Druck enthält PVC/PVDC/chlorierte Kunststoffe, im Nylon-Polyester-Material stecken halogenorganische Verbindungen, die Labore wiesen darüber hinaus die phosphororganische Verbindung Triphenylphosphat nach, die Allergien auslösen kann“).

Da fragen wir uns natürlich: wieso sind wir nicht schon alle lange tot?


Dieser Artikel ist zuerst in der Novo-Printausgabe (#117 - I/2014) erschienen. Kaufen Sie ein Einzelheft oder werden Sie Abonnent, um die Herausgabe eines wegweisenden Zeitschriftenprojekts zu sichern.