12.03.2012

Wo sind all die Progressiven hin?

Essay von Frank Furedi

Die Linke steht bestenfalls noch für eine Zombieversion des Fortschrittsideals. Heute wird Progressivismus von ihr fast ausschließlich auf soziale Gerechtigkeit reduziert. Dabei ist die positive Zukunftsorientierung völlig verloren gegangen.Für die Wiederbelebung fortschrittlicher Ideen

Nach den Erfahrungen mit den neuen Protestbewegungen à la Occupy fällt es zunehmend schwer, der Idee einer „fortschrittlichen Weltanschauung“ noch Bedeutung abzuringen. Die Geschichte brachte alle möglichen Facetten progressiver Menschen hervor, aber so unterschiedlich sie auch waren, glichen sich ihre Überzeugungen doch im Wesentlichen: Sie werteten Veränderungen, Innovationen und Experimentierfreude als positiv und waren überzeugt, dass die Welt von morgen besser sein könnte als die von heute. Trotz Meinungsverschiedenheiten zur Ausgestaltung des Fortschritts glaubten sie an die Gestaltung der Zukunft durch politisches Handeln.

Dieses klassische Ideal des Fortschritts wurde von den Protestierern im letzten Jahr endgültig zu Grabe getragen und durch eine Zombieversion ersetzt, die kaum noch etwas mit dem optimistischen auf soziale Transformation zielenden Ausblick einstiger Progressiver zu tun hat. Der einzige Zusammenhang, in dem der Begriff „progressiv“ heute noch Relevanz besitzt, ist das Steuerrecht. Natürlich ist progressive Besteuerung sinnvoll, denn die Gesellschaft darf einen größeren Beitrag von Besserverdienenden erwarten als von Geringverdienern. In letzter Zeit hat sich die steuerliche Progression jedoch von einem einfachen Mittel der Fiskalpolitik zum Instrument technokratischer Verhaltenssteuerung gewandelt. Während es progressiven Kräften geschichtlich gesehen immer darum ging, die Gesellschaft im Ganzen zum Besseren zu verändern, liegt ihr Ziel heute lediglich in der Justierung des Status quo durch Umverteilung.

Reduzierung von Fortschritt auf soziale Gerechtigkeit

In den vergangenen Jahren wurde die Zombieversion des Progressivismus zunehmend mit dem Konzept der sozialen Gerechtigkeit gleichgesetzt. Man kann soziale Gerechtigkeit unterschiedlich interpretieren, doch im Kern beinhaltet sie heute den Versuch, durch gesellschaftliche Veränderungsprozesse bedingte Unsicherheit und Risiken durch staatlich gewährte ökonomische und existenzielle Sicherheit aufzufangen. So gesehen verhält sich Fortschritt proportional zur Ausweitung legaler oder quasi-legaler Eingriffe in das tägliche Leben. In den Augen derjenigen, die soziale Gerechtigkeit fordern, sind die Ausweitung von „Rechten“ aller Art und Umverteilung des Wohlstands die zentralen Merkmale einer progressiven Gesellschaft.

Paradoxerweise war die Idee der sozialen Gerechtigkeit ursprünglich mit gesellschaftlichen Bewegungen assoziiert, die dem Fortschritt eher argwöhnisch gegenüberstanden. Der Begriff wurde 1840 durch den Jesuiten Luigi Taparelli geprägt. Sein Ziel war es, theologische Ideale auf sozialer Grundlage mit neuem Inhalt zu füllen. Im folgenden Jahrhundert wurde der Begriff „soziale Gerechtigkeit“ von zukunftsskeptischen Strömungen besetzt, deren Anliegen es war, fortschrittliche Entwicklungen zu bremsen. Einer der bekanntesten Verfechter sozialer Gerechtigkeit war wahrscheinlich Pater Charles Edward Coughlin. Der fremdenfeindliche US-amerikanische Populist und Demagoge gründete 1934 die National Union of Social Justice. Durch seine überaus beliebten Radiosendungen mit regelmäßig um die 30 Millionen Zuhörern wurde er zu einem der einflussreichsten politischen Akteure der Vereinigten Staaten. Coughlin schwärmte für Hitlers und Mussolinis Kreuzzug gegen den Kommunismus und verunglimpfte Präsident Roosevelt als Handlanger jüdischer Bankiers. „Soziale Gerechtigkeit“ wurde hier gleichgesetzt mit rhetorischer Verunglimpfung der Finanzwelt und einem eng eingegrenzten, defensiven Aufruf zur Umverteilung von Ressourcen.

Die heutigen Verfechter sozialer Gerechtigkeit haben wenig gemein mit ihren ideologischen Vorvätern. Sie argumentieren weitaus differenzierter als die Anhänger Coughlins und entstammen der Mittelschicht. Trotzdem meinen auch sie, soziale Verunsicherung durch Fortschritt und Wandel sollte durch staatliche Intervention eingehegt werden. Auch sie neigen zu der allzu simplen Ansicht, Banker und Finanzleute seien eine Verkörperung des Bösen. Die Aktivisten der Occupy-Bewegung etwa wären entsetzt über Coughlins rassistische Tiraden, aber mit vielen Thesen aus seiner Wochenzeitung Social Justice könnten sie sich gewiss identifizieren.

Dass heute zwischen den Konzepten der sozialen Gerechtigkeit und des Fortschritts kaum noch unterschieden wird, ist symptomatisch für die Unschärfe unseres politischen Vokabulars. Obwohl dieser Trend in allen politischen Lagern zu beobachten ist, zeigt er sich doch am auffälligsten im Sprachverfall auf Seiten der Linken. Kürzlich schrieb Francis Fukuyama in seinem Essay The Future of History: „In der Welt geschieht gerade etwas Merkwürdiges“, und zwar dass trotz der Verschärfung der weltweiten Krise des Kapitalismus Wut und Frustration nicht zu einem „stärkeren Auftreten linker Alternativen“ geführt hätten. Diese „fehlende linke Mobilisierung“ beruhe im Grunde, so Fukuyama, auf „Ideenlosigkeit“.[1]

„da sein“ statt Fortschritt oder die Krise der Linken

Am eindrucksvollsten veranschaulicht den Bedeutungsverlust des Fortschrittsbegriffs die völlige Entfremdung der politischen Linken von progressiven Idealen. Die Linke, klassischerweise assoziiert mit Veränderung und Fortschritt, hat ihren Zukunftsglauben vollends abgelegt. Historisch hat die Linke die Zukunft fast immer als eine bessere Zeit begriffen. Veränderungen im Sozialgefüge wurden unter dem Strich als positiv bewertet, und man definierte sich durch das Bestreben, progressive Ziele zu verwirklichen. Die Gegenwart galt es zu verbessern, zu reformieren oder umzuformen. Heute ist in der Haltung gegenüber der Zukunft die Linke genauso unsicher wie der Rest der politischen Klasse.

Bedauerlicherweise wurde diese Verwirrung des politischen Vokabulars von den neuen Protestbewegungen zur Tugend erhoben. Politisches Analphabetentum wurde als „neuer Radikalismus“ gefeiert. Kommentatoren lobten eine Bewegung hoch, die sich „einfacher Beschreibung widersetzt“ – die Occupy-Bewegung. Viele betrachteten es als Tugend, dass die Inbesitznahme öffentlichen Raums durch Protest mit keiner politischen Botschaft verbunden war. Dieser politische Autismus wurde zu einer neuen Form subtiler Kommunikation hochstilisiert, statt sie als Zeichen der Orientierungslosigkeit unserer Zeit zu interpretieren.

Man könnte meinen, Hal Ashbys schwarze Komödie aus dem Jahr 1979 Being There (zu Deutsch etwa: „da sein“ [2] ) dient den jungen Protestierern als Vorbild für politische Kommunikation. Der Film handelt von Mr. Chance, einem von Peter Sellers gespielten Einfaltspinsel, dessen banale Sätze plötzlich von seiner Umwelt als geistreiche Weisheiten eines großen Denkers interpretiert werden. Durch eine Reihe von Zufällen wird der ehemalige Gärtner plötzlich zur Berühmtheit. Seine wirren Äußerungen werden öffentlich als Worte mit prophetischem Tiefgang gefeiert. Auch die neue Generation radikaler Politik basiert auf der Idee von bloßem „da sein“. Und wer das zusammenhanglose Geschwafel der Akteure in „Being There 2012“ infrage stellt, gilt als hoffnungslos einfältig. „Wer [Occupy] wegen fehlender konkreter Forderungen verlacht, begreift einfach nicht die strategische Funktion“, doziert etwa Gary Younge vor einigen Monaten im Guardian. Bei dieser strategischen Funktion soll es wohl um die „Eröffnung neuer Möglichkeiten“ gehen. Wenn sich das nicht genau wie Chance anhört, der das Publikum mit seinen sinnentleerten Phrasen von „der Eröffnung neuer Möglichkeiten“ zur Begeisterung bringt.

Die Tendenz, klare Ziele und Vorstellungen als veralteten überflüssigen Kram abzutun, bedeutet Verwirrtheit und Ignoranz zu billigen. Es ist eine Sache, wenn einem die politischen und intellektuellen Ressourcen fehlen, politische Visionen zu formulieren, aber eine ganz andere ist es, dieses Defizit auch noch als positive Eigenschaft darzustellen. Wenn der amerikanische Politikberater George Lakoff meint, es sei gut, dass die Occupy-Bewegung keine politischen Forderungen stelle, entspricht das einem Zeitgeist, dem das bloße „da sein“ völlig ausreicht.

Aber natürlich ist es nicht genug, einfach nur „da sein“ zu wollen. Die Öffentlichkeit muss sich auf die Zukunft neu ausrichten und die Wiederherstellung fortschrittlicher Ideen bildet die Voraussetzung dafür. Was am Ende wirklich zählt, sind nicht die Begriffe, mit denen wir uns umschreiben. Es ist unser Verhältnis zu Vergangenheit und Zukunft. Wer progressive Politik wiederbeleben will, muss die Menschheit von der Fixierung auf die Gegenwart befreien. Die junge Generation muss wieder mit der Menschheitsgeschichte und den Lehren aus der Vergangenheit vertraut gemacht werden und gleichzeitig einen selbstbewussten, aktiven Blick auf die Zukunft einnehmen. Hören wir auf in Zukunft einfach nur „da sein“ zu wollen!