02.10.2026

Willkommen in der woken Ständegesellschaft

Von Gunter Zimmermann

Titelbild

Foto: Till Westermayer via Flickr / CC BY-SA 2.0

Schon Plato unterteilte die Gesellschaft in verschiedene Stände. Heute will ein grüner Klerus als neue Geistlichkeit die Massen erziehen, die den Wohlstand erwirtschaften.

„Eine Reihe von Fußnoten zu Plato,“ so hat der große Mathematiker und Philosoph Alfred North Whitehead die gesamte europäische Philosophie charakterisiert, die sich in den Jahrtausenden nach den Dialogen des griechischen Denkers entwickelt hat. Dass der antike Philosoph auch heute noch die politische Theorie und Praxis bestimmt, will ich in den folgenden Abschnitten erläutern. Es ist vor allem der zeitgenössische Wokeismus, der in seiner Ablehnung und Bestreitung der liberalen Demokratie auf den Grundgedanken Platos beruht und insofern in gewisser Hinsicht als „Platonismus“ bezeichnet werden kann.

Platos „Staat“

Der griechische ‚Staatsdenker‘ setzt in seiner grundlegenden, etwa um 375 v.Chr. verfassten Schrift „Politeia („Der Staat“) voraus, dass in jedem Staat drei notwendige Funktionen erfüllt bzw. drei notwendige Dienstleistungen erbracht werden müssen: Es müssen erstens die erforderlichen natürlichen Lebensgrundlagen geschaffen und zum Zweiten und Dritten die gesellschaftliche Kooperation und die Produktion der unumgänglichen, lebensnotwendigen Güter geschützt und verwaltet (regiert) werden. Den drei Funktionen bzw. Dienstleistungen, fährt Sokrates fort – wie in fast allen Dialogen Platos das ‚Sprachrohr‘ des Philosophen – entsprechen drei Stände, da nach dem Prinzip der Arbeitsteilung die unvermeidlichen Aufgaben durch qualifizierte Spezialisten durchgeführt und ausgeübt werden müssen.

Deshalb sind es die Bauern und Handwerker, die als „Nährstand“ für den Lebensunterhalt der gesamten Gesellschaft sorgen und die lebensnotwendigen Produkte erzeugen. Der tragende Stand des platonischen Staates jedoch sind die Wächter, die wiederum in zwei Gruppen, in zwei Stände geteilt werden können: Als Krieger, als Soldaten, als „Wehrstand“ sind sie für den Schutz des Gemeinwesens verantwortlich, während sie als Herrscher, als Regenten, als „Lehrstand“ die Regierung bzw. Verwaltung der staatlichen Bedürfnisse lenken und leiten. Zu diesem höchsten Stand werden die Angehörigen der beiden oberen Schichten berufen, die von Jugend an unter ihren Altersgenossen hervorragen und daher dem Gesamtstaat am nützlichsten sind.

Obwohl Plato der Theorie nach eine soziale Mobilität in seinem Musterstaat annimmt, betont er auf der anderen Seite, dass die drei Stände in drei unterschiedlichen menschlichen Anlagen begründet sind: Es gibt Menschen, die arbeiten, aber nicht herrschen, also nicht an Regierung und Verwaltung beteiligt werden können; es gibt Menschen, die herrschen können, aber nur unter der Anleitung und Kontrolle anderer; und es gibt schließlich Menschen, die gewissermaßen zum Herrschen und Regieren geboren sind und deshalb allein über die wichtigsten Fragen eines Gemeinwesens entscheiden können. Wie hier nicht weiter expliziert werden kann, machen es darüber hinaus die unterschiedlichen, breit gefächerten Ausführungen Platos über die sorgfältige Erziehung der Wächter und die fehlende Erziehung der Bauern und Handwerker schwierig, sich den sozialen Aufstieg eines Bauern oder Handwerkers in die beiden oberen Schichten vorzustellen und überhaupt für möglich zu halten.

„‚Das Gute‘ ist nach Plato nicht das Ergebnis einer subjektiven Beurteilung und Bewertung, sondern eine gegenständliche, objektive Wirklichkeit, die allerdings nur den Augen eines gebildeten Philosophen sichtbar ist.“

Die Erziehung der Wächter, die letzten Endes das Ziel des berühmten „Philosophen-Königs“ vor Augen hat, legitimiert in der Sicht des antiken Denkers die Herrschaft des höchsten Standes. Sie besteht nämlich in der Führung zur Erkenntnis des objektiv Guten, des absolut Guten, die die krönende Zusammenfassung aller philosophischen und wissenschaftlichen Studien darstellt. „Das Gute“ ist nach Plato nicht das Ergebnis einer subjektiven Beurteilung und Bewertung, sondern eine gegenständliche, objektive Wirklichkeit, die allerdings nur den Augen eines gebildeten Philosophen sichtbar ist. „Das Gute“ ist wirklich gegeben, es ist wirklich existent, was auch immer ein Mensch darüber denkt. Es soll in der immanenten, irdischen Realität nicht verwirklicht werden, weil die Bürger eines Staates es „für gut halten“, sondern es soll verwirklicht werden, weil es „gut ist“. Wunsch und Wille sind in dieser Hinsicht zweitrangig; entscheidend ist vielmehr die Erkenntnis, genauer gesagt: die Sicht bzw. die Vision „des Guten“.

Deswegen ist allein der Philosoph, der Gebildete unter den Wächtern, zur Herrschaft berechtigt, weil er allein weiß, was „das Gute“ (für das Gemeinwesen) ist. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Staatsform, die dem griechischen Theoretiker vorschwebt, ein ‚aufgeklärter Despotismus‘ bzw., um den neueren Sprachgebrauch aufzunehmen, ein „woker Despotismus“, wobei Plato davon überzeugt ist, dass auch eine Mehrheit von Philosophen die Aufgaben der Regentschaft übernehmen kann.

Abgesehen vom platonischen Idealismus, durch den, beiläufig gesagt, jede Diskussion über die politischen Ziele eines Gemeinwesens ausgeschlossen ist, bildet die Dreiteilung der Gesellschaft keine Innovation Platos. Der französische Indogermanist und Religionswissenschaftler Georges Dumézil hat nachgewiesen, dass schon in der Frühzeit die Organisation der indoeuropäischen Götterwelt mit der dreifachen Gliederung der indoeuropäischen Sozialverbände korrespondierte. Die Götter repräsentieren unter diesem Gesichtspunkt den Herrscherstand (bei den Indoiraniern etwa Mitra und Varuna), den Kriegerstand (Indra, Rudra, die Maruts) und den „Nährstand“ (die Nasatyas oder Ashvins), die wie bei Plato die Gesamtheit der sozial notwendigen Funktionen ausfüllen. Bei den Indoeuropäern gesellt sich zu den Göttern jedoch darüber hinaus eine weibliche Gottheit, die in der Regel zu allen drei Ständen Beziehungen hat.

Jedem einigermaßen mit der europäischen Vergangenheit Vertrauten ist klar, dass noch die drei Stände der Generalstände von 1789 (Klerus, Adel, Dritter Stand) der platonischen bzw. indoeuropäischen Gesellschaftsordnung entsprechen. Erst der Slogan der Französischen Revolution: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ hat dieses soziale System abgeschafft, leider nicht für immer und leider nicht im Bewusstsein politisch einflussreicher Gruppen, die seine Restauratíon anstreben.

Der grüne Klerus – und wie er die Gesellschaft sieht

Obwohl in der politischen Polemik öfters von „grüner Bourgeoisie“ gesprochen wird, wäre es vor dem Hintergrund angemessener, diesen Stand als „grünen Klerus“ zu bezeichnen. Diese Etikettierung illustriert sehr viel deutlicher als der übliche Terminus, dass die darunter zusammengefassten Gruppen ihrem eigenen Verständnis und ihrer eigenen Weltsicht nach die Funktionen übernehmen wollen, die in der alt-indoeuropäischen Gesellschaft die Priester, im platonischen Staat die Philosophen-Könige und in christlicher Zeit die Geistlichkeit erfüllt haben. Ihren Charakter als „Lehrstand“ praktizieren die Angehörigen dieses Standes, indem sie ihre wichtigste Aufgabe in der Belehrung bzw. der Erziehung der „Laien“, der „Unmündigen“ oder der „Nicht-Woken“ sehen.

Innerhalb der Berufsgruppen sind es in erster Linie die Journalisten der Mainstream-Presse und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die dem Stand des grünen Klerus angehören. Es zählt zu den unumstrittenen Binsenweisheiten, dass die in diesen Institutionen tätigen Journalisten in überdurchschnittlicher Zahl die Partei der Grünen und beinahe ausschließlich linke Parteien wählen. Weiter können die in der Unterhaltung Beschäftigten zum grünen Klerus gerechnet werden, wie z.B. an jedem Sonntagabend der „Tatort“ beweist, seit 1970 die langlebigste, beliebteste Krimireihe der ARD. Dass auch die Schulen und die Universitäten seit vielen Jahren in der Hand des grünen Klerus sind, muss nicht weiter erläutert werden. Ebenso sind die Aktivisten der unzähligen, meistens staatlich finanzierten NGOs, die immer mehr hoheitliche Aufgaben übernehmen, fest im Stand des grünen Klerus verankert. Aber auch große Teile der Justiz und darüber hinaus große Teile der Großkirchen sind in den grünen Klerus eingegliedert. Die Spitze dieses polit-medialen Komplexes bilden jedoch begreiflicherweise die Politiker, die sich im Bundestag und in den Landtagen schon längst zu einer Nationalen Front 2.0 zusammengeschlossen haben, in der Grüne, Linke, SPD, CDU/CSU, FDP und BSW die Agenda des grünen Klerus vorantreiben.

„Die ‚Brandmauer‘ war und ist das sichtbarste Zeichen dafür, dass die Angehörigen des ‚Dritten Standes‘ von Regierung und Verwaltung ferngehalten werden sollen.“

Dass politische Scheinkämpfe diese traurige Realität zu bemänteln und zu überdecken suchten, ändert nichts an dem Herrschaftsstreben des grünen Klerus. Das Verhältniswahlrecht, das den Willen des Wahlvolkes in einen Kuhhandel der grünen Parteien umwandelt, begünstigt diese Suche nach Dominanz. Die „Brandmauer“ war und ist das sichtbarste Zeichen dafür, dass die Angehörigen des „Dritten Standes“ wie im platonischen Staat und in der mittelalterlich-frühneuzeitlichen Ständegesellschaft von Regierung und Verwaltung ferngehalten werden sollen.

Gleich den Herrschern im platonischen Staat und den aufgeklärten Despoten im 18. Jahrhundert muss der grüne Klerus keine sachlichen Auseinandersetzungen über die politischen Probleme der Gesellschaft führen, da nur er „das Gute“ sieht und damit allein im Besitz der Wahrheit ist. Anders als mindestens die Philosophen-Könige, die unwidersprochen ihr Gemeinwesen lenken und leiten, hat er es jedoch – dies gilt nicht nur für die Bundesrepublik – aufgrund des Erbes der liberalen Demokratie mit einer Opposition zu tun, die andere Vorstellungen und Gedanken über die Zukunft der Staaten der westlichen Wertegemeinschaft hat und verwirklichen will. Dabei ist es jedoch das fundamentale Prinzip des grünen Klerus, dass jede Debatte über politische Fragen unterbunden wird.

In der Auseinandersetzung wird deshalb nicht über die Argumente, sondern allein über die Träger der Opposition gesprochen. Ihre persönlichen Merkmale und Eigenheiten werden herausgegriffen, damit die Öffentlichkeit ihnen so misstraut, dass sie auf ihre sachlichen Intentionen und Absichten nicht mehr eingehen wird. Das allen bekannte Mittel, um dieses Ziel erreichen, ist die Feststellung, dass die Gegner des grünen Klerus „rechts“ stehen – in Verkennung des Sachverhalts, dass es in jeder liberalen Demokratie „linke“ und „rechte“ Parteien geben muss. Inzwischen hat sich diese rhetorische Taktik so verselbständigt, dass vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt das Thema aller Parteien der Nationalen Front 2.0 nur noch die AfD war. Wenn ich den politischen Teil meiner Lokalzeitung aufschlug, war von nichts anderem als „den Rechten“ (und Trump) die Rede.

Dennoch hat der grüne Klerus auch ein politisches Programm, das er gegen alle Widerstände durchzusetzen sucht. Zunächst einmal ist der Wokeismus – das unterscheidet ihn von jedem Marxismus, Sozialismus oder Kommunismus – gegen den (westlichen) Materialismus eingestellt, der seiner Ansicht nach die Umwelt und alle menschlichen Beziehungen zerstört. Deshalb lehnt er mit aller Konsequenz wirtschaftliche Dynamik, innovatorischen Geist und überhaupt jeden Versuch und jede Möglichkeit ab, das alltägliche Leben der Bürger in irgendeiner Weise zu verbessern und angenehmer zu machen. Ein bedeutendes Zeichen dieser „Haltung“ ist der Widerstand gegen die gesellschaftliche Mobilität, die ein Klima schafft, in dem das Risiko bzw. das risikobehaftete Unternehmen unterstützt wird und technische sowie soziale Neuerungen gefördert werden. Der Kampf gegen das Auto – nicht nur gegen den Verbrenner! –, das seit seiner Erfindung ein Motor der Freiheit ist, bildet das perfekte Symbol für diese Politik der Verhinderung und Blockade. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist, dass sie ökonomisches Wachstum und technischen Fortschritt als schädlich und „teuflisch“ betrachtet.

„Dass Wandel in vielen Formen kein Bestreben des grünen Klerus ist, bezeugt in aller Deutlichkeit der ‚Kampf gegen den Klimawandel‘.“

Der Widerstand gegen Wachstum und Fortschritt schlägt sich, sofern die Möglichkeit besteht, in Verboten nieder, die Immobilität, Stillstand und Stagnation – seit sieben Jahren ein Kennzeichen der ökonomischen Lage der Bundesrepublik – garantieren sollen. Damit fördert der grüne Klerus eine Hyper-Regulation, die die Notwendigkeit seines Hegemoniestrebens untermauern soll. Unvermeidliches Korrelat dieser Politik ist eine Bürokratie, die die die leitenden Maximen in die Tat umsetzt. Es ist nicht so, wie oft behauptet wird, dass die Bürokratie ihre interne Organisation über die eigentlichen Ziele stellt, für die sie geschaffen worden ist. Im Auftrag des grünen Klerus ist vielmehr ihr vordringliches Anliegen, den gesellschaftlichen Wandel zu unterdrücken und die Leistungsfähigkeit und Schlagkraft von Industrie und Wirtschaft zu senken. Darum ist „Entbürokratisierung“ zwar ein Schlagwort, das in vielen Sonntagsreden von Politikern der Nationalen Front 2.0 beschworen wird, aber kein ernsthaft verfolgtes Programm.

Dass Wandel in vielen Formen kein Bestreben des grünen Klerus ist, bezeugt in aller Deutlichkeit der „Kampf gegen den Klimawandel“. Prinzipiell ist schon der Begriff ein Ausdruck der Hybris, da der Klimawandel seit der Entstehung des Planeten ein ständiger Begleiter der irdischen Entwicklung ist und vom Menschen weder bekämpft noch gefördert noch gestoppt werden kann. Anpassung an den Klimawandel wäre deswegen eine vernünftige Politik, die jeder Bürger begrüßen könnte.

Doch die Vorstellung vom (angeblich) menschengemachten Klimawandel ist zu attraktiv, weil sie zwei wesentliche Elemente des christlichen Glaubens (und vieler anderer Religionen) in „zeitgemäße“ Formen kleidet. Auf der einen Seite ist das Verhalten des Menschen, der durch seine Taten und Unterlassungen den Übergang zu wärmeren Temperaturen beschleunigt, „Sünde“, die wie in jeder Predigt gegeißelt und verdammt werden kann. Die eher unwahrscheinliche Annahme wird ergänzt durch die „apokalyptische“ Erwartung des Weltuntergangs, der nach dieser religiösen Auffassung durch das Wirken des Menschen herbeigeführt wird. Da das Weltende durch den Einsatz des Menschen allerdings auch noch verhindert werden kann, besitzt der grüne Klerus in dieser Hinsicht ein politisches Programm, in dem wirtschaftliche Überlegungen und Bedenken und „materialistische“ Sorgen um den Wohlstand der Arbeitgeber und Arbeitnehmer keine Rolle spielen.

Die militanten „Opfer“

Mit den „Opfern“ kommen wir zum Kern der woken Ideologie, in dem das wesentliche politische Anliegen des grünen Klerus deutlich wird. Der Begriff „woke“ soll dazu aufrufen, aufmerksam zu bleiben gegenüber aller gesellschaftlichen Unterdrückung und öffentlichen Diskriminierung. Nach der Auffassung der maßgeblichen Kreise manifestieren sich die angegriffenen Verhaltensweisen besonders im Bereich der Religion, der „Rasse“ und der sexuellen Orientierung, die grundlegende Sphären der Sozialordnung darstellen.

Diese Ausrichtung des Wokeismus weist von vornherein darauf hin, dass diese Ideologie sich, wie schon erwähnt, grundlegend von Marxismus, Sozialismus und Kommunismus unterscheidet. Für jeden Marxisten ist, sehr kurz zusammengefasst, die fundamentale Trennung der Gesellschaft durch die ungerechte Teilung von Kapital und Arbeit gegeben, die aus sich heraus die historischen Klassen der Bourgeoisie und des Proletariats erzeugt. In der marxistischen Theorie ist es die Klasse der Industriearbeiterschaft, die aufgrund ihrer eigenen Interessen die kapitalistischen Verhältnisse aufheben und letzten Endes die „klassenlose Gesellschaft“ herbeiführen will. Sie steht daher von jeher im Mittelpunkt des Sozialismus und Kommunismus, indem sie als die unumstrittene Trägerin des sozialen Fortschritts und des „richtigen Bewusstseins“ die entscheidenden geschichtlichen Veränderungen (und Verbesserungen) schaffen wird. Für den Wokeismus spielt dagegen das Proletariat keine Rolle mehr, während umgekehrt die Industriearbeiter in allen westlichen Staaten – nicht nur in der Bundesrepublik – keine wokeistischen, sondern überwiegend rechte Parteien wählen.

„Religion, ‚Rasse‘ und sexuelle Orientierung sind nicht der Nährboden für Klassen, die in der marxistischen Theorie allein entscheidend sind, sondern für Statusgruppen.“

Religion, „Rasse“ und sexuelle Orientierung sind nicht der Nährboden für Klassen, die in der marxistischen Theorie allein entscheidend sind, sondern für Statusgruppen, die weder von Marx noch von allen seinen Nachfolgern bis zum Ende des 20. Jahrhunderts theoretisch beachtet worden sind. Sie produzieren au fond einen Stand, den Stand der „Opfer“, der in einer noch aufzuschlüsselnden Weise mit dem Stand der Krieger in der indoeuropäischen und platonischen Sichtweise zusammenfällt. Der grüne Klerus benötigt diesen Stand fürs erste, um seine eigene einzigartige und hochwertige Moralität zu demonstrieren. In seinem Einsatz für die „unterdrückten und diskriminierten“ Gruppen offenbart er seine eigene Großzügigkeit und Progressivität, die wiederum seine gesellschaftliche und politische Dominanz begründen soll. Er trägt, um nur ein Beispiel herauszugreifen, Regenbogen-Binden und wünscht, die Regenbogen-Fahne am Bundestag und vielen anderen öffentlichen Gebäuden zu hissen, um sich dadurch ‚gut‘ zu fühlen und seine ethische und moralische Überlegenheit hervorzuheben.

Die drei Statusgruppen, die sich aus der Betonung von Religion, „Rasse“ und sexueller Orientierung im Denken des grünen Klerus ergeben, sind keineswegs alle unter diese Begriffe fallenden Menschen, sondern exklusiv die Muslime, Migranten bzw. Personen mit Migrationshintergrund – da in Deutschland „people of color“ in der angestammten Bevölkerung nicht ins Gewicht fallen, füllen primär außereuropäische Migranten diese Lücke aus – und die Homosexuellen.

Es sind aber nicht alle Angehörigen des Standes, sondern spezielle Gemeinschaften, die den Rang von „Opfern“ erreichen. Nicht die Muslime, die friedlich und ungestört ihre Kultur leben wollen, nicht die Muslime wie Necla Kelek, Seyran Ates, Hamed Abdel-Sahmad, Ahmed Mansour usw., die die Integration der Muslime fördern und ihren Weg in die deutsche Gesellschaft ermöglichen wollen, genießen das Wohlwollen des grünen Klerus, sondern Glaubensfanatiker, die in der Bundesrepublik ein Kalifat und einen Gottesstaat errichten wollen. Nicht die Migranten, die sich durch Spracherwerb und Arbeit in die Mehrheits-Gesellschaft einordnen wollen, empfangen Beifall, sondern Migranten, die sich nicht arrangieren und die die Werte und Regeln der westlichen Wertegemeinschaft ablehnen. Nicht die Schwulen und Lesben, die unauffällig ihr Leben führen wollen, erhalten Anerkennung als „Opfer“, sondern „queere“ Aktivisten, die auf jede Art und Weise provozieren, Skandale entfachen und Ärgernis erregen. Das sind die Statusgruppen, die nach dem Urteil des grünen Klerus den zweiten Stand der Krieger und Soldaten ausmachen.

Für das Verständnis als Krieger spricht zum Ersten, dass sie sich aus der unübersichtlichen Menge der Benachteiligten und Zurückgesetzten durch ihre ständige Kampfbereitschaft und Aggressivität herausgearbeitet haben. Sie haben Anerkennung als „Opfer“ gefunden, indem sie die Auseinandersetzung gesucht und Konflikte durchgestanden haben. Durch ihren Kampf sind sie nicht soziale Bewegungen geworden, auf die die Augen der Öffentlichkeit gerichtet sind, sondern ein Stand, der in der Auffassung des grünen Klerus ein wichtiges und wesentlichen Element seiner Vorstellung von der idealen Gesellschaftsordnung darstellt.

„In der wokeistischen Ideologie hat die Masse der Untertanen die Funktion oder Dienstleistung zu erfüllen, die Plato in seinem Staat den Bauern und Handwerkern zuweist.“

Religionsgeschichtlich gesehen ist zum Zweiten das Opfern die heilige Handlung par excellence, die höchste Bestätigung des Glaubens und Vertrauens. Der geopferte Gegenstand und die geopferte Person sind in der Perspektive der Gläubigen machthaltige Wesen, die auf jeden Fall das Leben stärken und unter Umständen Unsterblichkeit verleihen. Deswegen werden sie in vielen Religionen und Kulturen vergöttlicht, da sie greif- und fassbare Sinnbilder schöpferischer Macht präsentieren. Zwischen den Opfern und den Verehrern und Bewunderern wird eine innige Beziehung angenommen, weil den Opfern, die unter diesem Gesichtspunkt als Krieger und Soldaten anzusehen sind, die Gottheit selbst innewohnt.

Die engste Verbindung zwischen Kriegern und Opfern ist zum Dritten jedoch dadurch gegeben, dass sich nach dem Verständnis des grünen Klerus die drei Statusgruppen durch die militante Bereitschaft zur Revolution auszeichnen. Unter „Revolution“ wird in diesem Kontext die umfassende Umwälzung der Sozialordnung begriffen, die alle gesellschaftlichen Bereiche, Politik, Wirtschaft, Recht usw., erfassen soll. Diese Charakterisierung ist bereits recht vage. Sie wird jedoch dadurch noch fragwürdiger, dass ein Sieg muslimischer Glaubensfanatiker und intoleranter Migranten wohl kaum etwas Gutes für queere Aktivisten und schon gar nicht für Schwule und Lesben bedeuten würde. Bevor wir uns daher genauer mit diesem Punkt wokeistischer Ideologie befassen, belassen wir es bei dem bekannten Ausspruch der großen Vordenkerin des grünen Klerus: „Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und […] ich freue mich darauf.“

Der dritte Stand

Begreiflicherweise wäre über die Beziehungen zwischen dem grünen Klerus und dem dritten Stand der Unternehmer, Selbstständigen, Arbeiter und Angestellten noch viel zu sagen, doch vergleichend lässt sich zusammenfassen, dass in der wokeistischen Ideologie die Masse der Untertanen die Funktion oder Dienstleistung zu erfüllen hat, die Plato in seinem Staat den Bauern und Handwerkern zuweist. Sie haben erstens zu gehorchen und zweitens den beiden oberen Ständen durch Abgaben und Frondienst die zum Lebensunterhalt notwendigen Güter bereitzustellen. Da der griechische Philosoph die Geldwirtschaft ablehnt, ist der einzige Unterschied zum Gesellschaftsbild des grünen Klerus, dass der dritte Stand heute zu gehorchen und Steuern zu zahlen hat, was angesichts der maroden Infrastruktur der Bundesrepublik eine Frechheit darstellt. Immerhin hat der 6. September 2026 gezeigt, dass sich viele Unternehmer, Selbstständige, Arbeiter und Angestellte diese anachronistischen Vorstellungen von der Renaissance der Ständegesellschaft nicht mehr gefallen lassen.

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