24.10.2018

Willkommen im Zeitalter der Postidentitätspolitik

Von Stefan Laurin

Titelbild

Foto: John Duffy via Flickr / CC BY 2.0

Spätestens mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus ist die Wirklichkeit in die Politik zurückgekehrt. Die Ära postmaterialistischer, befindlichkeitsfixierter Schönwetterbewegungen ist am Ende.

Man kann sich über viele Dinge aufregen. Z.B., dass Menschen auf einem Festival Dreadlocks tragen, die nicht aus Afrika oder Jamaika stammen und dies als „kulturelle Aneignung“ stigmatisieren, dass ein Schlagzeuger in einer stickigen Halle ohne T-Shirt die Drumsticks wirbeln lässt und so seine männlichen Privilegien auslebt, oder dass ein fetter Nazi als fetter Nazi verlacht und wegen seiner Wampe diskriminiert wird. Selbstverständlich ist es möglich, einem schwarzen Nigerianer als weißer Deutscher zu erklären, er hätte keine Ahnung, wie Rassismus sprachlich funktioniert, wie es auf einem No-Border-Camp in Köln geschah, und auch, dass Pärchen auf Partys knutschen ist ein Phänomen, von dem man der Ansicht sein kann, es gehöre dringlichst diskutiert und nach Möglichkeit untersagt, denn die Pärchennormativität kann auf Singles oder Asexuelle störend wirken.

Man kann all das aber auch lassen. Willkommen zurück in der Wirklichkeit. Die Zeiten, in denen die Befindlichkeiten hypersensibler, sich „irgendwie links“ verortender Mittelschichtskinder das Maß aller Dinge waren, sind vorbei. Was mit der Weltwirtschaftskrise 2008 begann, durch die Euro- und Schuldenkrise verstärkt wurde, ist durch den starken Zuzug von Flüchtlingen und der Erfolge der Rechtspopulisten in vielen Staaten des Westens offensichtlich geworden: Das Zeitalter des Postmaterialismus, das nie mehr war als ein großer Irrtum, ist zu Ende.

„Immer mehr Linke wandten sich schmollend von der Arbeiterklasse ab, da diese nicht bereit war, den revoluzzenden Bürgerkindern zu folgen.“

1971 wurde posthum die letzte Version der Bedürfnishierarchie des US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow veröffentlicht. Wenn der Mensch seine Grundbedürfnisse gedeckt hat, so Maslows Theorie, wenn er genug zu essen hat, ein Dach über dem Kopf und in einer Gesellschaft lebt, in der seine Sicherheit gewährleistet ist, ist der Mensch frei, sich und seine Bedürfnisse weiter zu entwickeln, seine ästhetische Bedürfnisse zu befriedigen, sich der Selbstverwirklichung zu widmen und ganz am Ende, Maslow hatte einen Hang zum esoterischen, nach Transzendenz zu streben, nach Erfahrungen jenseits des irdischen Seins. Das passte in eine Zeit, in der nicht wenige bekiffte Europäer in bunten VW-Bussen nach Asien fuhren, um sich von pfiffigen Indern, die rasch die passenden pseudoreligiösen Angebote zusammenbastelten, wie Weihnachtsgänse ausnehmen zu lassen. Und es passte auch in eine Zeit, in der immer mehr Linke beschlossen, sich schmollend von der Arbeiterklasse abzuwenden, da diese in den späten 1960er Jahren nicht bereit war, den revoluzzenden Bürgerkindern auf dem Weg zu folgen.

Identität und Umwelt statt Klasse

Was dann kam, war eine Hinwendung zu Themen wie Ökologie und Identität und damit einhergehend oft auch eine Ablehnung des technischen Fortschritts und eine Hinwendung zu einem romantischen Naturbild. Sehr deutsch war das in dieser Ausprägung: Während der Gründer des Hippieversands Whole Earth Catalogue Stewart Brand später die virtuelle und technikbegeisterte Gemeinschaft The Whole Earth 'Lectronic Link (The WELL) gründete, gab es eine solche Entwicklung nicht. Über das Warum kann heute nur spekuliert werden. Der Alternativzeitschriftenverleger Bibi Wintjes, als Herausgeber der Szene-Literaturzeitschrift Ulcus Molle Infos vielleicht am ehesten mit Steward Brand vergleichbar, hätte als IT-Experte, der er in den sechziger Jahren beim Kruppkonzern arbeitete, die Expertise gehabt, so etwas aufzubauen. Allerdings waren Modems in Deutschland lange illegal und die Linke im Gegensatz zu den USA nicht offen für die Möglichkeiten der Computertechnik. Sah man in den Vereinigten Staaten erst ihr subversives und dann ihr kommerzielles Potential, gruselte man sich in Deutschland angesichts der dominierenden Technikfeindlichkeit in der alternativen Szene.

Die Hinwendung zur Minderheiten- und Umweltpolitik war nicht nur ein Fehler. Sie hätte eine Erweiterung der politischen Handlungsfelder sein können, wenn sie nicht mit der Abwendung von den Problemen der Arbeiter und kleinen Angestellten, der prekär Beschäftigten und oft auch der Migranten einhergegangen wäre. Der wunderbare britische Film „Pride“ erinnert daran, dass es auch andere Ansätze gab und erzählt die Geschichte der Schwulenorganisation Lesbians and Gays Support the Miners, die 1984 die streikenden Bergarbeiter in England unterstützte. Beide Seiten, schwule und lesbische Aktivisten wie Bergarbeiter, brauchten Zeit, um ihre Vorurteile zu überwinden, aber es gelang ihnen und am Ende kämpften sie zusammen: Für den Erhalt der Jobs der Kumpel und die Rechte von Schwulen und Lesben. Doch in der Praxis war das eine Ausnahme. Diejenigen, die aus guten Gründen gegen die Diskriminierung von Frauen, Schwarzen und Homosexuellen kämpften, genau wie diejenigen, die sich für die Umwelt engagierten, verloren schnell das Interesse daran, sich auch für die Interessen von Arbeitern und kleinen Angestellten einzusetzen. Höchstens noch Künstler und Kreative in prekären Lebensverhältnissen erregten ihr Interesse, da es in der eigenen Szene vielen von ihnen gibt.

„In Dinkeldeutschland, würde kein Platz mehr für die sein, die man früher Arbeiterklasse nannte.“

So hat eine immer bürgerlicher werdende Linke nicht nur zunehmend den Kontakt zu derjenigen Schicht von Menschen verloren, die man früher Arbeiterklasse nannte, und sich heute aus den immer noch vorhandenen Arbeitern, den Beschäftigten im Dienstleistungs- und Pflegebereich und kleinen Angestellten zusammensetzt. Mehr noch: Ihre Jobs und Lebensweise wurden zunehmend denunziert und als nicht mehr zur neuen grünen Gesellschaft passend betrachtet. In Dinkeldeutschland, das wurde immer deutlicher, würde kein Platz mehr für sie sein.

Zu dieser Entwicklung hätte es nicht kommen müssen. Wer sich für die Rechte von Schwulen einsetzte, hätte gleichzeitig genauso für die Interessen von Stahlarbeitern kämpfen können und auch der Umweltbewegung hätte es gutgetan, auch den Kontakt zu den Arbeitern in der Industrie zu halten. Dass die verschiedenen sozialen Bewegungen sich immer mehr voneinander entfernt haben, dass „neue“ und „alte“ Linke heute zum Teil kaum noch Kontakt halten, war ein Fehler.

Viele hatten den Eindruck, dass die Zeit der wirtschaftlichen Konflikte vorbei sei. Gerade die Industriearbeiter haben gut verdient und tun es, so es ihre Jobs noch gibt, bis heute. Als Ergebnis jahrzehntelanger Arbeitskämpfe wirken sie auf viele der neuen Linken regelrecht privilegiert: Mit ihrer tariflichen oder sogar übertariflicher Bezahlung, der Aussicht auf eine Betriebsrente und sicheres Krankengeld geht es ihnen wirtschaftlich in der Regel deutlich besser als all jenen, die sich als wissenschaftliche Mitarbeiter im Hochschulbetrieb oder gar als freie Künstler, Journalisten oder sonst wie „Kreative“ durchs Leben schlagen.

„Der erfolgreiche Kampf der Deutschen Umwelthilfe gegen den Diesel wird sich bald an Entlassungen in der Automobilindustrie messen lassen.“

Und oft war der Preis eines Sieges als Umweltschützer das Aus für Arbeitsplätze in Forschung oder Industrie: Wer Erfolge im Kampf gegen die Kohle als Energieträger erzielt hat, konnte das auch daran erkennen, dass es bei Kraftwerks- und Kesselbauern zu Entlassungen und Betriebsschließungen kam. Auch der erfolgreiche Kampf der Deutschen Umwelthilfe gegen den Diesel wird sich bald an Entlassungen in der Automobilindustrie und dem Abbau von Produktionsanlagen messen lassen. Für den Wegfall der Solidarität zahlen vor allem die Arbeiter einen hohen Preis, was sich in Zukunft allerdings ändern wird.

Das Ende des Postmaterialismus

Lange Zeit sah kaum jemand ein Problem in dieser gegenseitigen Entfremdung. Die alte Welt der Arbeiter, Industrien und Gewerkschaften würde ja bald untergehen, Roboter ihre Jobs übernehmen und ganz davon ab sei ein Leben mit weniger Konsum und mehr Sinnsuche ohnehin erstrebenswert. Doch die Zeit des Postmaterialismus ist vorbei. Was seit 2008 mit der Weltwirtschaftskrise und den verstärkten Fluchtbewegungen aus der Dritten hin in die Erste Welt bereits im wirtschaftlichen und sozialen Bereich offensichtlich wurde, brach mit der Wahl Donald Trumps zum US-amerikanischen Präsidenten 2016 durch: Die ökologische Politik der Regenbogenkoalitionen, die für eine postmaterialistischen Identitätspolitik standen, hatte keine Mehrheit mehr. Amerikanischen Bergleuten waren ihre Jobs wichtiger als Schwulenrechte, ob in der Arbeiterstadt Flint die Menschen durch Wasser aus Bleileitungen vergiftet wurden, war bedeutender als die Frage, auf welchen Toiletten Transsexuelle bei Sportveranstaltungen gehen dürfen. Geschockt reagierten Liberale und Linke in der ganzen Welt auf die Wahl Trumps. Dabei war sie nur das spektakulärste Ereignis einer langen Kette an Ereignissen, anhand derer man Aufstieg einer neue Rechten beobachten konnte – auch in Europa wählen immer mehr Arbeiter schon lange nicht mehr links, sondern rechtspopulistisch (so erhielt z.B. die österreichische FPÖ bei der letzten Bundeswahl 59 Prozent der Arbeiterstimmen). Zu dieser Entwicklung konnte es so nur kommen, weil die Welt nicht postmaterialistisch geworden und Identitätspolitik in ihrem Kern nicht fortschrittlich ist.

Allein die Zuwanderung aus der Dritten in Die erste Welt reicht aus, um das postmaterialistische Denken als illusorisch zu entlarven. Nimmt man nur die Zahl der gut eine Million Flüchtlinge zur Grundlage, die es in den vergangenen Jahren in die Bundesrepublik geschafft hat – weltweit geht die UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR für Ende 2016 von 65,6 Millionen Flüchtlingen aus –, wird klar, dass Deutschland vor einer wirtschaftlichen Herausforderung steht, ohne deren Bewältigung Integration nicht funktionieren wird: All diese Menschen brauchen Wohnungen, Schulplätze für ihre Kinder, Jobs und Ausbildungsplätze, müssen mit Nahrung, Kleidung und Medizin versorgt werden. Deutschland ist kein dynamisches Land. Jede Veränderung wird von weiten Teilen der Bevölkerung, wenn nicht als Bedrohung, so doch als Belästigung verstanden: keine neue Straße, keine neue Eisenbahnlinie und keine neuen Wohnsiedlung ohne Proteste und Klagen. Und damit die neuen Arbeitsplätze entstehen, ist Wirtschaftswachstum nötig. Die Flüchtlinge alleine beenden damit alle Debatten über die Freuden eines Lebens in der Postwachstumsökonomie, wie sie in den vergangenen Jahren so populär waren, und das nicht nur durch ihre schiere Anwesenheit und die daraus resultierenden Notwendigkeiten.

„Das reaktionäre Potential der Identitätspolitik zeigt sich immer deutlicher.“

Viele, die in den vergangenen Jahren oft unter Lebensgefahr nach Deutschland gekommen sind, wollen vor allem ein besseres Leben. Sie gehören nicht zu den Ärmsten der Armen. Für sie sind die hohen Kosten der Flucht eine Investition, die sich lohnen soll: Mit dem Geld, dass sie in Deutschland verdienen wollen, werden sie nicht nur ihre Familien unterstützen wollen, sondern sie wollen auch ein gutes Leben führen. Ihre Wünsche unterscheiden sich nicht von denen der Mehrheitsgesellschaft: ein großer Fernseher, ein Auto, ein iPhone und Markenkleidung – die die da gekommen sind, sind uns zum Verwechseln ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass sie ihre Wünsche offen und unverkrampft äußern und nicht ein schlechtes ökologische Gewissen heucheln.

Reaktionäre Identitätspolitik

Während der Postmaterialismus am Ende ist, sieht es bei der Identitätspolitik ein wenig anders aus. Ihr reaktionäres Potential zeigt sich immer deutlicher. Anfangs kämpfte Identitätspolitik gegen Diskriminierung von Schwarzen, Homosexuellen oder Frauen – sie setzte sich für diejenigen ein, die nicht zur Gruppe der alle gesellschaftlichen Bereichen dominierenden weißen Männer gehörten. Diese klassische Identitätspolitik der 1960er Jahre, der es um gleiche Rechte für alle ging, ist, trotz aller Erfolge, die auf den unterschiedlichsten Feldern der Emanzipation erreicht wurden, noch lange nicht am Ende. Diskriminierungen, gegen die es anzugehen gilt, gibt es immer noch und so bleibt genug zu tun.

Doch längst ist das nicht mehr das Hauptfeld der Identitätspolitik. Sie wurde zum Hebel einer kulturrelativistischen Politik, die sich gegen die Werte der Aufklärung stellt und die Rechte des Einzelnen durch die Rechte imaginierter Gruppen ersetzen will. Die Grenzen zwischen der „linken“ Identitätspolitik und dem „rechten“ Ethnopluralismus sind dabei fließend. In den 1970er-Jahren entwickelte Henning Eichberg die Idee des Ethnopluralismus, die später von Alain de Benoist, einem der Vordenker der neuen Rechten populär gemacht wurde. Der Ethnopluralismus grenzt sich von anthroposophischen, nationalsozialistischen und faschistischen Rassetheorien ab, die unterschiedliche „Rassen“ qualitativ bewerteten, zwischen über- und unterlegenen unterscheiden. Die Unterscheidung zwischen Kultur und „Rasse“ verschwimmen bei diesem Konzept. Er stellt sich daher auch gegen den Gedanken, dass es eine Idee gibt, die anderen überlegen ist – wie z.B. die Menschenrechte und andere mit der Aufklärung verbundene Überzeugungen. Die verschiedenen Gruppen sollen ihre Kulturen ausleben, ohne dafür kritisiert oder hinterfragt zu werden, wenn Saudis z.B. Ehebrecherinnen steinigen wollen, sei das bei ihnen ebenso üblich.

„Die ‚linke‘ Identitätspolitik ist paternalistisch und verengt die Menschen auf einen Aspekt ihres Seins, der für sie vielleicht gar nicht bestimmend ist.“

Wenn heute Anhänger „linker“ Identitätspolitik erklären, Menschenrechte seien eine Idee alter weißer Männer oder die Burka sei auch als Zeichen von weiblicher Selbstbestimmung zu deuten, dann erkennt man daran, wie groß die Ähnlichkeit zum Ethnopluralismus ist, der keine Individuen kennt, sondern nur Gruppen und so im radikalen Gegensatz zur Aufklärung steht, die ja auch die Befreiung des Individuums zum Ziel hatte. Kants Satz „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ ist die Absage an den Zwang, sich als Teil eines Kollektivs zu sehen. Die „linke“ Identitätspolitik ist zudem paternalistisch und verengt die Menschen auf einen Aspekt ihres Seins, der für sie vielleicht gar nicht bestimmend ist, aber auf jeden Fall nur einer unter vielen. Es ist eine Reduzierung der Komplexität des Individuums, die an der Realität scheitern muss. Denn wir gehören alle nicht nur einer Gruppe an, sondern vielen und verfügen zudem über Eigenschaften, die uns als Menschen einzigartig machen.

Genau diese unsinnige Fixierung auf eine Gruppenzugehörigkeit ist der Kerngedanke der Identitätspolitik. Wenn in Konflikten über kulturelle Aneignung behauptet wird, nur Afrikaner hätten ein Recht, Dreadlocks zu tragen, weil diese Frisur zu ihrer und nicht zur Kultur der Weißen gehört, wenn Weißen das Recht abgesprochen wird, Yoga zu praktizieren, weil Yoga Teil der indischen Kultur ist, wird nicht nur ignoriert, dass jede Kultur – natürlich auch afrikanische oder indische – das erfreuliche Ergebnis einer langen Reihe von Übernahmen und Mischungen ist, sondern es wird auch ein „Weißsein“ definiert, das den Rassismus in den Reihen der Weißen fördert. In der NZZ bringt es der konservative Jonah Goldberg auf den Punkt: „Die Alt-Right-Typen haben beachtlichen Zuwachs unter Jungen, Idioten und erbosten Bürgern gewonnen. Sie sind ein eigener Stamm, für den gilt: Amerikanische Kultur ist synonym mit weißer Kultur. Dafür steht meine Art Konservative gar nicht ein. Ich bin weiß, unter Weißen aufgewachsen – aber dass das das Wesen meiner Identität sein soll, erschien mir immer bizarr. [...] Ein Unheil, das von Trump ausgeht, ist, dass er – auch mithilfe der strammen Linken – weiße Leute ermutigt, sich in erster Linie als Weiße zu denken. Je eher sich jemand als weiß identifiziert, statt als Christ, Klempner oder Alabamianer, desto wahrscheinlicher ist das eine Stimme für Trump. Wenn Amerikaner sein weiß sein bedeutet, dann ist dieses Land nicht mehr Amerika.“

Wie der Postmaterialismus an der sich wieder verschärfenden sozialen Frage scheitert, scheitert die Identitätspolitik am wiedererstarktem Rassismus. Mit einem Identitätskonzept, dessen sich auch die Rechte bedient, ist es nicht möglich, Rassisten entgegenzutreten. Im Gegenteil: Es befördert den erstarkten Rassismus.

Der Postmaterialismus und die Identitätspolitik gehören zusammen. Sie sind beides Ideologien der bürgerlichen akademischen Mittelschicht in den reichen Staaten Westeuropas, Australiens und den USA, die als Reaktion der neuen Linken nach ihrem Scheitern beim Versuch, die Arbeiterklasse ideologisch zu dominieren, entstanden sind. Beide erlebten ihren Aufstieg, weil sie in den kapitalistischen Gesellschaften auf keinen nennenswerten Wiederstand stießen. Sie stellten nicht die Eigentumsfrage, drängten nicht auf eine Verbesserung der Lebensumstände der Unterschicht, sondern genügten sich damit, über Toilettennutzungen und Dreadlocks auf Festivals zu streiten. Es waren Schönwetterbewegungen, die nur in einer Zeit entstehen konnten, in der reale Probleme in den Hintergrund gerückt waren. Diese Zeiten sind vorbei und so ist auch die Identitätspolitik am Ende.