11.06.2018

Wie das „Waldsterben“ Gesellschaft und Politik veränderte

Von Georg Keckl

In den 1980er-Jahren fürchteten die Deutschen das „Waldsterben“. Die damalige Öko-Hysterie prägt die Gesellschaft bis heute.

Erinnern Sie sich noch ans „Waldsterben“ der 1980er-Jahre? Damals fürchteten viele Deutsche, dass die hiesigen Wälder in naher Zukunft großflächig absterben würden. Heute wissen wir: Es handelte sich um ein konstruiertes Horrorszenario auf Basis von unbewiesenen Behauptungen. Der deutsche Wald starb nicht und wäre auch ohne die Kampagne zu seiner Rettung nicht gestorben.

Den Kampagnenführern von damals ging es darum, bestimmte umweltpolitische Ziele durchzusetzen. So gesehen war die Diskussion ums Waldsterben auf ganzer Linie erfolgreich: Sie hat die politische Landschaft der Republik und das Bewusstsein der Bevölkerung verändert. Ohne diesen Hintergrund sind grundlegende Entwicklungen der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft nur schwer nachvollziehbar.

So können wir beobachten, wie sich etwa im Streit um die Folgen der Klimaerwärmung die hysterischen Kampagnen nach dem Erfolgsmuster des „Waldsterbens“ ständig wiederholen. Dabei lässt sich die heutige Politik deutlich stärker von Kampagnen treiben als damals. Anstatt problem- und lösungsorientiert zu agieren, werden wissenschaftliche Analysen immer öfter durch ein quasireligiöses „Vorsorgeprinzip“ ersetzt. Extrem zugespitzte und emotionalisierte Kampagnen aus der „Zivilgesellschaft“ sorgen gerade bei Umweltthemen für ein aufgeheiztes und nicht selten vernunftfeindliches Diskussionsklima. So hat sich Deutschland in den letzten Jahrzehnten vom zupackenden Wissenschaftsstandort zum ängstlich bewahrenden, bevormundenden Glaubensstandort einer neuen Naturreligion entwickelt.

Wald in Deutschland

Von Natur aus wäre der größte Teil Deutschlands ein Buchenwald. In keinem anderen Land der Welt ist dieser Waldtyp weiterverbreitet. Die Rotbuche würde bei uns auf erstaunlich unterschiedlichen Standorten dominieren. Siedlungen und Landwirtschaft drängten diese Wälder zurück. Der Siedlungsdruck wurde bis ca. 1850 immer größer, nicht nur, um Flächen für Nahrungsmittel zu gewinnen. Holz und Torf waren damals die einzigen Brennstoffe. Viel Wald war im Gemeinschaftsbesitz der örtlichen Bauern („Allmende“). Weil Brennstoff gebraucht wurde, bestand er nur noch aus Stockausschlägen („Niederwald“). Größere Bauern pflanzten Eichen innerhalb der Hoffläche, nicht als Zierde, sondern um Bäume groß zu bekommen als Bauholz für das Fachwerk. Erst günstige Kohle entkoppelte die Brennstoffnachfrage vom Wald. Die Aufteilung der Gemeinschaftsflächen vor 200 Jahren („Verkoppelung“), mehr Nahrungsmittelhandel, höhere Hektarerträge der Ackerpflanzen, bessere Transportmittel, also die „Industrialisierung“, stoppten Rodungen und Übernutzung. So konnten die Wälder zu „Hochwäldern“ umgebaut werden, sich erholen, nachhaltig hohe Holzerträge liefern. Weil Fichten relativ schnell viel wertvolles Holz brachten, wurden sie oft zur vorherrschenden Baumart.

„Nach den russischen Wäldern birgt der deutsche Wald heute die höchsten Hozvorräte in Europa.“

Nach den russischen Wäldern birgt der deutsche Wald heute die höchsten Holzvorräte in Europa. Für den Inlandsbedarf würde die eigene Holzernte knapp reichen. Trotzdem ist Deutschland weltweit auch der zweitgrößte Importeur von Holz und Holzprodukten, es wurde zum drittgrößten Exporteur von höher veredelten Produkten auf Holzbasis. Die letzte radikale Holzentnahmewelle aus dem deutschen Wald erfolgte zur Ausbesserung der Kriegsschäden und als Reparationsleistung nach 1945 („Engländerhiebe“, „Franzosenhiebe“, „Holländerhiebe“).

Seither wird weniger geschlagen, als nachwächst. Die vor 65 Jahren gepflanzten oder damals noch kleinen Bäume wachsen nun in immer wertvollere Stammholz-Sortierungen hinein. Weide-, Laub- und Nadelstreusammelrechte im Wald wurden abgegolten, Wurzelstöcke aus bestem Brennholz blieben im Boden, Humus konnte sich aufbauen, Luftverunreinigungen in Maßen, die es immer gab, düngten den Waldboden. Noch nie wuchs der Wald besser als heute, er hat für viele landwirtschaftliche Betriebe eine Sparbuchfunktion. Aber reine Nadelwaldplantagen bergen ökologische und wirtschaftliche Risiken, darum streben Pflanzungen seit 40 Jahren stabilere Mischwälder an. Hohe Kalamitäten (Schadensereignisse) in Nadelwaldplantagen trugen zum Umdenken bei. Nun kommen die Buchen langsam zurück.

Große Bäume wachsen 100 bis 200 Jahre und mehr, Umbauprozesse brauchen Zeit. Viele Vertreter der 68er-„Generation Weltrettung“ waren dafür zu ungeduldig. Vertreter dieser Generation gelangten bei ihrem „Marsch durch die Institutionen“ an die Schalthebel der Macht. Aus dem Nutzwald der Experten wurde ein weiteres Fürsorgeobjekt der Allesretter.

Wie das Waldsterben erfunden wurde

In einem Waldstück bei Göttingen beobachtete Professor Bernhard Ulrich den Eintrag von Luftschadstoffen in den Waldboden. Vermutlich deshalb wurde er gerne als „Waldexperte“ vorgestellt. Er war allerdings kein Förster, sondern Ökosystemwissenschaftler, ein Bodenkundler, der gerne den Weltuntergang vorhersagte. Ulrich vermutete schlimme Folgen für den Wald durch einen vermehrten Säure- und Stoffeintrag. An einem Siechtum der Bäume konkret messen konnte er das nicht. Aber jede Nadelverfärbung irgendwelcher Ursachen sah er gerne als ersten Hinweis auf das, was nach seinem Bauchgefühl kommen würde: Der Mensch müsse sein Wirtschaften nach den thermodynamisch begründeten Regeln der Ökosysteme ausrichten, also beispielsweise Energie sparen, sonst drohe das Aussterben der Menschheit. 1 Seine Warnungen vor dem ökologischen Ungleichgewicht samt Weltuntergang wurden vor dem „Waldsterben“ nicht sehr ernst genommen.

„Noch nie wuchs der Wald besser als heute.“

Bei einem Spaziergang mit seiner Frau im Harz sah Ulrich, laut Taz der „Erfinder“ des Waldsterbens, die abgeräumten Kahlschläge in den Nadelwaldplantagen. Sie waren auf Schäden durch Stürme („Capella-Orkan“ 1976 und „Niedersachsen-Orkan“ 1972), einen nachfolgenden Käferbefall, auf Sonnenbrände und Trockenheit zurückzuführen. Da hatte er die Idee, seine kaum beachtete These vom „Sauren Regen“ als kommenden Waldkiller mit ein paar anderen Problemen im Wald und diesen traurigen Bildern von braunen Baumstümpfen zu einem unabwendbaren „Waldsterben“ zu verrühren.

Am 10. Oktober 1981 prophezeite Ulrich im Hamburger Abendblatt: „Die ersten großen Wälder werden schon in den nächsten fünf Jahren sterben. Spätestens nach dem nächsten heißen Sommer. Sie sind nicht mehr zu retten.“ Die düstere Prognose schaffte es in alle Medien und bescherte ihm am Ende seiner Berufslaufbahn endlich die große Aufmerksamkeit für seine düsteren eindringlichen Aufrufe zur ökologischen Umkehr in Politik und Gesellschaft.

Faktenfreie Panikmache

Schon die einfachste Logik hätte gereicht, um die These vom „Sauren Regen“ als Ursache eines drohenden „Waldsterbens“ zu widerlegen. Abgase und „Saurer Regen“ wüteten besonders in Städten, in den Lungen von Kindern und an Kunstdenkmälern. Sie hätten die benachbarten Stadtforste besonders schädigen müssen, nicht die Wälder der Luftkurorte in den Mittelgebirgen. In den Kalkgebirgen gab es keine Versauerung der Böden. Trotzdem wirkte der „Saure Regen“ angeblich auch dort.

Ernsthafte Beweise für die Weitwirkung des „Sauren Regens“, für ein „Waldsterben“ außerhalb der direkten Abgasfahnen der Ostblock-Braunkohlekraftwerke („Katzendreckgestank“) im Erz-, Fichtel- und Riesengebirge gab es nicht. Es war ein Fehler der Gesellschaft, die steilen Waldsterbensthesen für das Ergebnis von wissenschaftlichen Berechnungen und Beweisen zu halten. Die Öffentlichkeit wurde von Forstexperten kaum über die Substanz der Waldsterbensthesen aufgeklärt, der Verdacht von Professoren genügte für scheinbar sichere Urteile, der wissenschaftliche Beweis wurde durch die selbstherrliche Gewichtung eines „Vorsorgeprinzips“ ersetzt.

„Man schwieg lieber, als die ‚gute Sache‘ durch Fakten zu stören.“

Man schwieg lieber, als die „gute Sache“ durch Fakten zu stören, sich missliebig zu machen, mehr Mittel für die eigene Wissenschaft und ein besseres Fortkommen zu gefährden. Kritiker des „Waldsterbens“ wurden moralisch in die Nähe der Holocaustleugner gerückt. Joachim Pampe, Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände: „Für dieses Sterben ist der Ausdruck ‚ökologischer Holocaust‘ wohl nicht zu stark“. Für ein zusätzliches Missverständnis sorgte die Waidmannsprache, die „sterben“ synonym für „krank“ verwendet, z.B. „Tannensterben“ statt „Tannenkrankheit“, was zum Missverständnis „sterbend“ statt „krank“ führte.

Statistische Eseleien

Forstexperten war von Anfang an die fehlende Beweislage für das behauptete „Waldsterben“ bewusst. Um Steuergelder zu verteilen und Kosten zu verursachen, brauchte die Politik aber exakte Messwerte über die Schäden. So ließ sie 1982 die erste „Waldinventur“ durchführen. Der Gesundheitszustand des Waldes, bzw. die „Waldschäden“, sollten hauptsächlich über die Verlichtung der Kronen, also die Blatt- und Nadelausdünnung gegenüber einer vollen Belaubung, von Förstern eingeschätzt werden. Die Belaubung ist von vielen Faktoren abhängig, z.B. Trockenheit, Frost, Insekten, Pilzkrankheiten, waldbaulichen Fehlern. Die natürlichen Schwankungen in der Belaubung wurden aber nicht „Verlichtungsstufen“ genannt, sondern gleich wertend „Schadensstufen“. Dieser eifernde Benennungsfehler wurde erst 1998 korrigiert. Es gab nie einen deutschen Wald mit 100 Prozent dicht belaubten Bäumen. Man ließ aber die Allgemeinheit in dem Glauben, vor dem „Waldsterben“ wäre der Wald zu 100 Prozent gesund, ohne Schaden, zu 100 Prozent dicht belaubt gewesen.

1982 wussten die Förster beim ersten „Waldschadensbericht“ nicht so recht, was sie denn so schätzen sollten, wie „100 Prozent voll belaubt“ definiert ist. Aus ihrer beruflichen Erfahrung wussten sie aber, wie „geschädigt“ aussieht. Das Ergebnis 1982 mit nur acht Prozent „geschädigt“ wurde gleich heftig als „beschönigend“ kritisiert. Das verunsicherte die Einschätzer. So langsam sprach sich herum, dass Einstufungen mit etwa 25 Prozent „stark geschädigt“ und nochmals 30 Prozent „geschädigt“ Werte sein würden, mit dem man nicht auffällt und für die man sich nicht rechtfertigen muss. Für öffentlich Bedienstete ist das ist ein typisches Verhalten. Die zweite „Waldschadenserhebung“ 1983 ergab dann schon 34 Prozent kranke („geschädigte“) Bäume, und 1984 erreichte man die gewünschten Sollwerte: 56 Prozent „geschädigt“ (23 Prozent „stark geschädigt“ und 33 Prozent „Warnstufe“). Tatsächlich verändert hatten sich die Wälder gegenüber der ersten Erhebung 1982 nicht, als nur acht Prozent als „geschädigt“ eingestuft worden waren.

„Es gab nie einen deutschen Wald mit 100 Prozent dicht belaubten Bäumen.“

Seit 1984 haben sich diese Einstufungen kaum geändert, sie sind zum Normalzustand geworden. Die Wirkung der Gängelung zu „aufmerksameren Schätzungen“ in den Jahren 1982 und 1983 blieb nicht aus. Alle waren nun von einer gemessenen, rasanten Zunahme der Schäden, von 8 Prozent 1982 auf 56 Prozent 1984, überzeugt, obwohl es sich lediglich um statistische Nachjustierungen handelte. Der Öffentlichkeit und der Politik wurden diese Daten von „Experten“, Scharlatanen und Opportunisten als Beweis für die explosionsartige Zunahme der Schäden verkauft.

Die Ergebnisse der ersten beiden „Waldschadensschätzungen“ 1982 und 1983 werden heute zumeist mit der vorgeschobenen Begründung einer „sich wandelnden Erhebungs-Methodik“ verschwiegen. Die Methodik hatte sich tatsächlich geändert, aber die Frage nach dem Merkmal „geschädigt“ war die gleiche, ebenso die Befragten. Einige Naturschutzaktivisten unter den Förstern erkannten ihre Ermessenspielräume bei dieser Schätzerei und nutzten die hysterische Stimmung, um mit einer „100-Prozent-geschädigt“- Schätzung nochmals mehr Stimmung zu machen. So entstand 1984 die „Der Schwarzwald stirbt“-Kampagne.

Folgen der „Waldsterben“-Kampagne

Auch in Ländern ohne Waldsterbenshysterie wurde der Umweltschutz Schritt für Schritt verbessert. In Deutschland ist man überzeugt, dass, von einigen Übertreibungen und Peinlichkeiten abgesehen, die Waldsterbendiskussion fast nur Gutes bewirkt habe: die Luftreinhaltungsmaßnahmen kamen schneller, das Umweltbewusstsein wurde gestärkt, die Grünen zogen mit dem Thema in den Bundestag ein, die NGOs wurden eine moralische Instanz. Ein altersmildes Urteil, das die Kehrseite der Medaille ausblendet:

„Das ‚ökologische Bewusstsein‘ wurde zur deutschen Ersatzreligion.“

  1. Wissenschaftliche Erkenntnisse wurden durch das moralische Bauchgefühl von Öko-Wissenschaftlern oder Ökoaktivisten, durch das „Vorsorgeprinzip“, ersetzt;
  2. Das „ökologische Bewusstsein“ wurde zur deutschen Ersatzreligion;
  3. Die NGOs wurden neben den Parlamenten als Anwälte, Aufpasser, Erzieher und Nebenrichter einer demokratisch nicht legitimierten, elitären „Zivilgesellschaft“ anerkannt;
  4. Die mühsame Erforschung von Ursachen, Lösungsmöglichkeiten und Nebenwirkungen ist zu Gunsten von zivilgesellschaftlichen Einfachrezepten und lauten Schuldzuweisungen entwertet worden.

Die Sage vom Öko-Glaubensritter, der den Drachen Waldsterben tötete, überlebte durch das Prinzip Penetranz: Sie wurde so oft wiederholt, bis sie als Gründungsmythos einer neuen Religion, die zu neuartiger Buße und Umkehr mahnt, weit in das öffentliche Bewusstsein drang. Wird heute irgendwo ein Baum dürr, ist es für viele ein Zeichen des „Waldsterbens“, ein Wink von Mutter Erde, die Gott Vater ablöste. Wer Angst vor Katastrophen schürt, hat niemals Unrecht: Passieren sie, ist man bestätigt, bleiben sie aus, hat man erfolgreich gewarnt. Beweise einer, dass die Welt morgen nicht untergeht!

Vorlage für weitere Ökokampagnen

Wald-Ministerin Künast wollte 2003 das für die deutsche Wissenschaft peinliche „Waldsterben“ für beendet erklären. Sie erntete eine Lektion in grüner Dogmatik. Die ungeplante, hysterische, aber aus Sicht der NGOs sehr erfolgreiche Entwicklung des „Waldsterbens“ ist zur Blaupause für Ökokampagnen geworden. Motto ist, wie mal die Taz einen Artikel zum Waldsterben überschrieb: „Hysterie hilft“.

PR-Profis wie das Kampagnennetzwerk „Campact“ testen ihre Kampagnenideen nicht anders als Waschmittelkonzerne die Produktchancen für ein neues Waschpulver. Erfolgreiche Kampagnen folgen dem Rezept:

  • Geeignetes Problem finden oder erfinden und Skandal-Marktchancen austesten,
  • Moralgeschichte dazu erzählen,
  • maßlos um einen kleinen Alibikern herum übertreiben,
  • emotionalisieren mit Bildern,
  • die Anhängerschaft in den Medien „einbetten“,
  • die öffentliche Meinung verändern.

Alle Ökokampagnen folgen diesem Rezept, zuletzt bei „Stickoxide aus Dieselabgasen“, „Nitrat im Grundwasser“ bzw. „Keine Gülle ins Wasserglas“, „Antibiotika im Fleisch“, „Wasserbedarf für Lebensmittel“, „Fleisch schafft Hunger“, „Exporte zerstören Afrika“, „Gentechnik bedroht die Welt“, „Rettet unsere Böden“, „Gift in Lebensmitteln“ etc. Die Lehre aus dem Waldsterben sollte sein, Kampagnen, die nach diesem Strickmuster aufgezogen werden, rechtzeitig zu erkennen und die extremen Übertreibungen vom Faktenkern sicher zu trennen.