18.04.2012

Wie aus dem Atheismus eine Pseudo-Religion wurde

Kommentar von Frank Furedi

Der „Neue Atheismus“ legt zuweilen einen quasi-religiösen Fanatismus und Dogmatismus an den Tag, der an die Religionen vergangener Zeiten erinnert. Es war auch nur eine Frage der Zeit bis jemand erstmals auf Idee kam einen „Atheistentempel“ errichten zu wollen.

Es gab einmal eine Zeit, als es sehr gefährlich war, nicht an Gott zu glauben. Im antiken Athen wurde gegen Sokrates gehetzt, weil er die Götter des Stadtstaates in Frage stellte, und letztendlich bezahlte er mit seinem Leben dafür. Gottlos zu sein, wurde in der Geschichte meist als eine Art moralische Dekadenz angesehen, die es zu bestrafen galt. Sogar John Locke, der große liberale Philosoph, der auch für Religionsfreiheit warb, hielt den Atheismus für unerträglich. Er sagte, Atheisten sollten nicht geduldet werden, weil „Versprechen, Verträge und Schwüre, welche die menschliche Gesellschaft zusammenhalten, für Atheisten nicht bindend sind.“

Heutzutage jedoch wird der Atheismus – paradoxerweise, denn er genießt eigentlich ein noch nie da gewesenes Ansehen – völlig zweckentfremdet. Seit etwa zehn Jahren finden sich Bücher, die den Atheismus feiern und den Glauben an Gott denunzieren, häufig auf den Bestsellerlisten. Die westliche Gesellschaft war intellektuell und kulturell höchst empfänglich für die Argumente der sogenannten Neuen Atheisten, unter ihnen Sam Harris, Richard Dawkins, Christopher Hitchens und Daniel Dennett, die ausführlich die moralischen Schwachstellen organisierter Religion kritisierten. Von der Popkultur wird diese Sichtweise weitgehend wiederverwendet. Dan Browns Megabestseller Sakrileg übernimmt das in unserer Kultur dominierende Märchen von organisierter Religion als Quelle institutionalisierter Korruption und Verlogenheit.

Während der Atheismus einst als gefährliche und subversive Überzeugung galt, betrachtet man ihn heute als aufgeklärt und moralisch überlegen. Dabei wird allerdings oft übersehen, dass die zunehmende kulturelle Verwurzelung des Atheismus einhergeht mit einem enormen Wandel in dem, was darunter verstanden wird.

Der Atheismus war historisch gesehen nie eine eigenständige Philosophie oder ein Weltbild, sondern schlicht und einfach der Unglaube oder Nicht-Glaube an Gott oder Götter. Dieses Zurückweisen einer Gottesvorstellung fußte entweder auf dem Zweifel an der Idee der Existenz eines höheren Wesens, auf dem Widerwillen, einem Dogma zu folgen, oder der Verpflichtung zu Rationalität und Naturwissenschaft. Was auch immer das Motiv gewesen sein mag, der Atheismus beruhte immer auf einer Einstellung zu einem bestimmten Thema, nicht auf einer umfassenden Weltanschauung. Die meisten Atheisten machten irgendeine andere Selbstdefinition für sich geltend, sie nannten sich Demokraten, Liberale, Sozialisten, Anarchisten, Faschisten, Kommunisten, Freidenker oder Rationalisten. Der Unglaube an Gott war für die meisten Atheisten nur ein relativ unbedeutender Teil ihrer Identität.

Heute dagegen nehmen sich Atheisten enorm ernst mit ihrer Ablehnung der Religion, und zwar mit einer Leidenschaft, die oft an mittelalterliche Kreuzfahrer erinnert. Die so genannten Neuen Atheisten behaupten, der Einfluss der Religion müsse bekämpft werden, wo immer er seine hässliche Fratze zeigt. Sie verlangen zwar, dass man der Religion mit Argumenten der Vernunft Paroli bieten muss, sind aber in ihren eigenen Behauptungen oft genug beinahe irrational und hysterisch. Natürlich hat es immer schon eine ehrenwerte atheistische Tradition der religionsfeindlichen Respektlosigkeit gegenüber Dogmen gegeben. Aber der gegenwärtige Neue Atheismus bedient sich nicht selten selbst einer indoktrinierenden Sprache. In grob vereinfachender Weise setzt er Religion gleich mit Fanatismus und Fundamentalismus. Dabei fällt auf, dass dies sehr oft in genau demselben dogmatisch-polemischen Stil vor sich geht, den man selbst der Religion vorwirft. Das Schwarz-Weiß-Denken theologischer Dogmen reproduziert sich in der übereifrigen Polemik des atheistischen Moralapostels.

Natürlich vermeidet die Sprache des atheistischen Moralkreuzfahrers das theologische Vokabular der Religiösen. Stattdessen präferiert man einen Duktus, der eher wissenschaftlich klingt und die Religion pathologisiert. In diese Bresche schlagend hat Richard Dawkins in seinem Buch Gotteswahn die Religion als eine Form von Kindesmisshandlung beschrieben. Er behauptet, wenn man Kindern von der Hölle erzähle, mache sie das ein Leben lang kaputt. Er schreibt, dass „Religionen die Seelen von Kindern missbrauchen“ und folgert: „Wir sollten uns dafür einsetzen, die Kinder von der Welt der Religionen zu befreien, die mit Einverständnis der Eltern die jungen Gehirne schädigt, die nicht verstehen, was mit ihnen geschieht.“

Die Behauptung, dass Religion Kinder fürs Leben zeichne, ist symptomatisch für die Neigung der Neuen Atheisten, ihre Ansichten in eine psychotherapeutische Sprache zu kleiden und aus einer Opferrolle heraus zu formulieren. Immer wieder benutzen sie die Sprache der Medizin, um Religion zu beschreiben. Termini wie „vergiftender Glaube“ und „religiöser Virus“ sind Kennzeichen der Pathologisierung einer gelebten Hinwendung zur Religion. Es wurde sogar in den Raum gestellt, dass Menschen, die einen zu starken Glauben hätten, an einer Krankheit namens „Religionssucht“ leiden. Pater Leo Booth warnt in seinem Buch Wenn Gott zur Droge wird davor, abhängig zu werden von „der Gewissheit, der Sicherheit oder dem Gefühl von Geborgenheit, die unser Glaube bietet.“ John Bradshaw, einer der führenden Exponenten der amerikanischen Co-Abhängigkeitsbewegung, hat ein Selbsthilfevideo mit dem Titel „Religionssucht“ herausgegeben. Im Klappentext dazu steht: „Diese Aufnahmen beschreiben, wie Co-Abhängigkeit zu Religionssucht führen kann und wie Religion Abhängigkeit fördert.“

Der Neue Atheismus ist sehr wählerisch bei seinen Angriffszielen. Obwohl er von sich behauptet, Irrationalität und wissenschaftlich unhaltbare Vorurteile in Frage zu stellen, tendiert er dazu, seinen Zorn auf die Dogmen der drei großen Weltreligionen zu beschränken. Er kritisiert also zu Recht die Lehren des Kreationismus und intelligent design, wendet sich aber selten gegen die Verwirrspielchen fanatischer Umweltschützer oder gegen die Gaia-Theorie, auch nicht gegen die zahlreichen Spielarten fernöstlichen Mystizismus, die etwa in Hollywood gerade so angesagt sind. Da der Neue Atheismus sich kulturell so untrennbar verknüpft hat mit unserer heutigen psychotherapeutischen Vorstellungswelt, verwundert es nicht, dass er auch auf das Spirituelle eine Doppelmoral anwendet.

Geschichtlich betrachtet existierte der Atheismus manchmal Seite an Seite mit einem gewissen Opportunismus in puncto Spiritualität und religiöser Überzeugung. Der französische Philosoph Voltaire hasste religiösen Fanatismus, war aber überzeugt, dass die Religion nützlich sei, um die Massen im Zaum zu halten. Ähnlich dachten im 19. Jahrhundert die französischen Soziologen Henri de Saint-Simon und August Comte, dass gesellschaftliche Stabilität die Erfindung einer neuen Religion voraussetze. Diese Bestrebungen, eine säkulare Religion zu konstruieren, waren ein Versuch, menschliche Erfahrungen mit Bedeutung aufzuladen.

Es war wohl unvermeidlich, dass über kurz oder lang der Kreuzzug der Neuen Atheisten zur Quasi-Religion mutieren würde. Alain de Bottons kürzlich erschienenes Buch Religion for Atheists: A Non-Believer’s Guide to the Uses of Religion ist ein Versuch, die gegenwärtigen psychotherapeutischen und spirituellen Modeerscheinungen, welche die westliche Intelligenzija beeinflussen, in den Atheismus aufzusaugen. De Botton hat vorgeschlagen, in ganz England Tempel für Atheisten zu bauen. „Es ist an der Zeit, dass Atheisten ihre eigene Version der großen Kirchen und Kathedralen errichten,“ sagt er.

Es überrascht nicht, dass viele Neue Atheisten die Vorstellung eines Atheistentempels scharf kritisieren. Eine „Religion für Atheisten“ explizit in eine äußere Form zu gießen, ist all jenen absolut zuwider, die eine Religion aus ihrem Unglauben gemacht haben. Der Neue Atheismus ist aber de facto zu einer unglaublich intoleranten und dogmatischen säkularen Religion geworden.

Als Humanist bin ich erschüttert von der Entstellung der ursprünglichen atheistischen Idee. Echte Humanisten missbilligen die Einflüsse des Kreationismus und religiösen Fanatismus. Doch während Versuche, die Trennung von Staat und Kirche rückgängig zu machen, in der Tat abzulehnen sind, kommt die echte Herausforderung für Humanisten heute nicht von organisierten Religionen. Im Gegenteil, es sind jetzt oft säkulare Bewegungen, die propagieren, der Mensch sei machtlos, verletzlich und Opfer seiner äußeren Umstände. Anstelle des religiösen Glaubens an die Erbsünde sehen wir uns heute mit der Behauptung konfrontiert, die kindliche Psyche sei besonders zerbrechlich und leicht fürs ganze Leben zu schädigen. Die alten Sünden der Religion leben heute in säkularmedikalisierter Form wieder auf. Die Menschen werden nicht mehr für Wollust verdammt, sondern eben wegen Sexsucht behandelt. Völlerei heißt jetzt Fettsucht. Und Neid und Habgier wurden auch mit einem Krankheitsetikett versehen, hervorgerufen durch unsere „süchtig machende Konsumgesellschaft.“

Die tatsächliche Frage, die sich uns stellt, dreht sich nicht darum, was wir von der Vorstellung eines göttlichen Wesens halten mögen oder nicht, sondern darum, welchen Stellenwert wir der Menschheit zuschreiben. Und die größte Gefährdung für die Verwirklichung unserer menschlichen Potentiale kommt heute nicht von der Religion, sondern von der moralischen Orientierungslosigkeit der säkularen Zivilisation des Westens.

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