14.11.2017

Zur Verteidigung Luthers

Von Sabine Beppler-Spahl

Titelbild

Malerei: Ferdinand Pauwels (1872) via WikiCommons

Martin Luthers Tiraden gegen Juden und andere waren widerlich. Trotzdem sollten wir den streitbaren Vater der Reformation würdigen.

Was bleibt vom Reformationsjahrzehnt? Trotz des Sonderfeiertags am 31. Oktober und des Festgottesdienstes in Wittenberg will sich keine rechte Begeisterung breitmachen. Kein Wunder, war doch der Name Martin Luthers von Anfang an mit einem Unbehagen verbunden: „Nicht unser Held, nicht unsere Reformation“, lautete z.B. das Motto einer Initiative des Studierendenrates der Martin-Luther-Universität in Wittenberg-Halle.

Es werde keinen Luther-Kult geben, versprach auch die Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum, Margot Käßmann, bevor die Feierlichkeiten überhaupt begonnen hatten. Und der Abschlussgottesdienst in Wittenberg, dem viele der Großen und Mächtigen unseres Landes beiwohnten, war eher eine Art Bußveranstaltung als ein Fest. Zahlreiche Redner baten um Vergebung für die schlimmen Folgen der Reformation und riefen dazu auf, soziale und religiöse Spaltungen zu überwinden.

Selbst das kulturelle Erbe der Reformation, insbesondere die Übersetzung des Neuen Testaments sowie Luthers Beitrag zur Schaffung einer einheitlichen deutschen Sprache, konnte, wie es scheint, nicht ungetrübt gefeiert werden. Als Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Mai dieses Jahres in Eisenach die Ausstellung „Luther und die Deutschen“ eröffnete, sprach sie von einer neuen Perspektive, „fernab jeder nationalen Erhöhung“. Sie wiederholte damit die Worte des früheren evangelischen Bischofs Wolfgang Huber, der schon 2008, zum Beginn der Luther-Dekade, davor gewarnt hatte, die kulturellen Beiträge Luthers mit einer „angeblichen deutschen Identität“ in Verbindung zu bringen.

„Im Jahr 1983 stritten sich die DDR und die BRD noch um das kulturelle Erbe Luthers.“

Der Grund für dieses Unbehagen sind die wohlbekannten Tiraden des Reformators gegen Juden, Türken und den Papst. Die Frage ist nur, warum sie ausgerechnet jetzt zu so viel Unmut führen. Seine schrecklichen Äußerungen werden schließlich seit Jahrzehnten kritisiert – und dennoch galt Luther innerhalb und außerhalb Deutschlands bisher als eine positive Figur.

So verliefen die Feierlichkeiten anlässlich des 500. Geburtstags Luthers im Jahr 1983 noch ganz anders. Damals standen seine Errungenschaften und nicht sein Fanatismus im Zentrum der Debatten. Es gab sogar eine Art Wettbewerb zwischen der DDR und der Bundesrepublik darüber, wer das größere Anrecht auf sein Erbe habe. Stephen Brown, Herausgeber der Zeitschrift Ecumenical Review, drückte es so aus: „Einem außenstehenden Beobachter, der 1983 die Deutsche Demokratische Republik (DDR) besuchte, hätte verziehen werden können, wenn er glaubte, nicht Karl Marx, sondern Martin Luther sei der geistige Vater des ersten sozialistischen Staats auf deutschem Boden“.

Sogar in den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Holocaust das nationale Gewissen noch viel schwerer belastete, gab es keine Entschuldigungen für Luther. Die Evangelische Kirche, obwohl tief verwickelt und mit Schuld beladen, fand Trost darin, dass die mutigen Männer und Frauen der Bekennenden Kirche auch Lutheraner gewesen waren. Hatten sie nicht, wie Luther, nach dem Diktat ihres Gewissens gehandelt, anstatt sich der Autorität und den Lügen der Nazis zu beugen? In dieser schrecklichen Situation kam Luthers berühmtem Satz „Ich kann und will nichts widerrufen, weil weder sicher noch geraten ist, etwas wider das Gewissen zu tun“ eine neue und aufopferungsvolle Bedeutung zu.

„Luther ist in einer Zeit, in der jede nonkonforme Meinung zur ‚Hassrede‘ stilisiert wird, offenbar zu einer Peinlichkeit geworden.“

Da gab es z.B. Pfarrer Paul Schneider, der 1934 bei einer Beerdigung den Hitlergruß verweigert hatte und 1939 in Buchenwald zu Tode gefoltert wurde und. „Dies ist eine christliche Beerdigung, und ich bin als evangelischer Pfarrer verantwortlich dafür, dass das Wort Gottes unverfälscht verkündet wird“, soll er gesagt haben. Dietrich Bonhoeffer, der 1945 hingerichtet wurde und schon 1933 öffentlich Stellung gegen die anti-jüdische Hetze nahm, ist ein weiteres Beispiel. Bonhoeffer forderte Christen auf, dem Rad des Nationalsozialismus in die Speichen zu fallen. Sein 1944 in der Haft verfasstes Gedicht „Von guten Mächten treu und still umgeben“ kann als eine Art moderne Version des Luther-Liedes „Ein feste Burg ist unser Gott“ gesehen werden. Das wirklich beklagenswerte am Verhalten der Evangelischen Kirche war, dass sich viel zu wenige Lutheraner gegen die Nazis gestellt hatten.

Nicht so sehr der Wunsch, sich von Luthers wohlbekanntem Hass zu distanzieren, speist das aktuelle Unbehagen. Vielmehr werden heute auch die positiven Seiten Luthers –  insbesondere sein kämpferischer und herausfordernder Geist –  abgelehnt. Luther ist in einer Zeit, in der jede nonkonforme Meinung zur „Hassrede“ stilisiert wird, offenbar zu einer Peinlichkeit geworden. Hier war ein Mann, der nicht gewillt war, seine Zunge zu zähmen oder sich den gängigen Glaubensgrundsätzen (Orthodoxien) anzupassen. Das können viele heute nicht verstehen.

Luther war nicht vorsichtig oder rücksichtsvoll. Er bediente sich einer derben Sprache und beleidigte seine Gegner. Für ihn waren Glaube und Gewissen wichtiger als Harmonie und Frieden. In seiner 1525 verfassten Schrift „Vom unfreien Willen“, einer Auseinandersetzung mit dem Humanisten Erasmus von Rotterdam, schreibt er: „Man muss [..] an festen Meinungen seine Freude haben oder man wird kein Christ sein. Eine feste Meinung (assertio) aber nenne ich (damit wir nicht mit Worten spielen): einer Lehre beständig anhängen, sie bekräftigen, bekennen, verteidigen und unerschüttert bei ihr ausharren [...]. Ferne seien von uns Christen die Skeptiker, nahe aber seien uns die, welche mit äußerster Hartnäckigkeit ihre festen Meinungen vertreten.“

„Wir sollten die historischen Figuren würdigen, die die Geschichte zum Besseren verändert haben.“

Einer, der die Bedeutung von Luthers Radikalität erkannte, war der Dichter, Literaturkritiker und Revolutionär Heinrich Heine. Der Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie und Freund von Karl Marx schrieb in seinem berühmten Werk „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“, Luther sei nicht bloß der größte, sondern auch der deutscheste Mann unserer Geschichte gewesen. In seinem Charakter, so Heine, seien alle Tugenden und Fehler der Deutschen aufs großartigste vereinigt. Er habe Wein, Weiber und Gesang geliebt – und wie ein Fischweib schimpfen können (seine Streitschriften bezeichnete schon Heine als widerlich). Gleichzeitig habe er aber Hymnen geschrieben, bei deren Klängen der alte Dom zu Worms zitterte und die Raben in ihren Turmnestern erschraken. „Indem Luther den Satz aussprach, dass man seine Lehre nur durch die Bibel selber oder durch vernünftige Gründe widerlegen müsse, war der menschlichen Vernunft das Recht eingeräumt, die Bibel zu erklären […], dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit oder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit […]. Von dem Reichstage an, wo Luther die Autorität des Papstes leugnete […], da beginnt eine neue Zeit“, so der Dichter.

Es ist klar, dass eine eher konservative protestantische Kirche, die eng mit der Politik verbunden ist, kein Interesse daran hat, Heine aufzugreifen, wenn er sagt: „Die Feinheiten des Erasmus und die Milde des Melanchton hätten uns nimmer so weit gebracht wie die göttliche Brutalität des Bruder Martin.“ Es ist auch nicht verwunderlich, dass in unserer unhistorischen und zensorischen Zeit manche dafür eintreten, den Namen Luthers zu verbannen. So fordert eine studentische Initiative, den Namen der Martin-Luther-Universität in Wittenberg-Halle zu ändern. Heine, dessen Werke vom preußischen Staat zensiert und verboten wurden, hätte diese Studierenden wahrscheinlich als dogmatische Zwerge bezeichnet. Es stimmt zwar, dass wir keinen Luther-Kult brauchen. Wir sollten aber einen ehrlichen und offenen Zugang zur Geschichte fordern. Dazu gehört auch, dass wir die historischen Figuren würdigen, die die Geschichte zum Besseren verändert haben.