24.02.2015

Predigtstreit: Das Gebot der Harmonie

Essay von Kolja Zydatiss

Seit Wochen schwelt der „Predigtstreit“ um die Bibelauslegungen eines Bremer Pastors. Für Kolja Zydatiss zeigt sich in der heftigen Kritik an dem angeblichen „Hassprediger“ ein instrumentelles Religionsverständnis, das unser aller Meinungsfreiheit bedroht

Als „geistige Brandstiftung“, die geeignet sei, „Gewalt gegen Fremde, Andersgläubige oder Asylbewerbern Vorschub zu leisten“, bezeichnete Bremens leitender Theologe Renke Brahms die Predigt des Pastors Olaf Latzel vor gut einem Monat in der Bremer St.-Martini-Gemeinde. 1 In einer Resolution forderten Mitarbeiter der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) die Ausschöpfung „aller zur Verfügung stehenden disziplinarischen Mittel“ gegen den Geistlichen. Ansonsten sei ein Verbleib seiner Gemeinde im Verbund der BEK „unerträglich“. 2 Am 4. Februar 2015 demonstrierten mehrere Dutzend Pastoren auf den Stufen des Bremer Doms gegen die Predigt ihres Kollegen.

Die innerkirchliche Kritik an einem Pfarrer ist die eine Seite (jeder Club kann schließlich selbst entscheiden, ob er ein Mitglied ausschließen will oder nicht und ist nicht gezwungen, sich tolerant zu zeigen). Schlimmer ist, dass sich auch säkulare, hoheitliche Stellen massiv einmischen und Druck ausüben. Für den Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) gefährdeten die Äußerungen Latzels den sozialen Frieden in der Stadt. Für Matthias Güldner, Fraktionschef der Grünen in der Bremischen Bürgerschaft, ist der Pastor ein „Hassprediger“. 3 Denselben Begriff verwendet ein von der Linkspartei eingebrachter Antrag „gegen Hasspredigten und Diskriminierung von der Kanzel“, der Mitte letzter Woche von der Bremischen Bürgerschaft verabschiedet wurde. Die Entschließung begrüßt, dass die BEK gegen die „aufwiegelnde und herabwürdigende Predigt“ Latzels Stellung bezogen habe. Die Staatsanwaltschaft Bremen prüft, ob sie gegen den Geistlichen vorgehen sollte. Es werde in alle Richtungen ermittelt, so ein Sprecher, „auch in Richtung Volksverhetzung“. 4

Worum ging es in der umstrittenen Predigt? Rief Pastor Latzel zur Wiederaufnahme der Kreuzzüge auf? Regte er seine Gemeinde zu Pogromen gegen Nicht-Christen an? Nein. Latzel sprach am 18. Januar über einen Abschnitt des biblischen Buches der Richter. Dort wird beschrieben, wie der alttestamentliche Richter Gideon von Gott dazu aufgefordert wird, den heidnischen Gottheiten Baal und Aschera geweihte Heiligtümer im Haus seines Vaters zu zerstören. Dieser Akt, den Gideon trotz seiner Angst vor der Reaktion der Stadtbewohner ausführt, ist eine praktische Umsetzung des (im lutherischen Glauben ersten) göttlichen Gebotes „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“

Den Kern der Predigt bildet Latzels Sorge, dass dieses Gebot durch zeitgenössische Entwicklungen zunehmend unterhöhlt werde. Er berichtet, dass es bei Christen heute „en vogue“ sei, Talismane, Amulette und andere Glücksbringer bei sich zu tragen. Des Weiteren sei es verbreitet, Statuen von „Götzen“ wie dem Buddha in der Wohnung aufzustellen. Dieses „Neuheidentum“ ist laut Latzel nicht mit dem Christentum zu vereinbaren. Auch die sogenannte ‚abrahamitische Ökumene‘ lehnt der Geistliche ab. Damit sind etwa multikonfessioneller Gebetshäuser oder Gottesdienste gemeint, aber auch die Teilnahme von Christen an islamischen Festen. In diesem Zusammenhang kritisiert Latzel die Ansicht, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Zwar gehören hier lebende Muslime zu Deutschland, aber der Gott, auf den sich die Präambel des Grundgesetzes beruft, sei der christliche dreieinige Gott, und dieser sei nicht mit Allah identisch.

„An keiner Stelle ruft der Pastor zur Gewalt auf. Im Gegenteil“

Die Sprache des Geistlichen ist teilweise derb und provozierend. 5 Der Buddha wird als „dicker, fetter Herr“ bezeichnet, das islamische Zuckerfest als „Blödsinn“ und der katholische Segen Urbi et Orbi‘ ist für Latzel „ganz großer Mist“. Das alles muss einem nicht gefallen. An keiner Stelle aber ruft der Pastor zur Gewalt auf. Im Gegenteil: Ihr Glaube, sagt er, verpflichte Christen, sich schützend vor muslimische Mitbürger zu stellen, wenn diese verfolgt werden. Der Vorwurf, dass Latzel ein Hassprediger sei, oder sich gar der Volksverhetzung schuldig gemacht habe, ist daher nicht haltbar. Deutlich wird aber, wie schnell heutzutage der Ruf nach allgemeiner Ächtung und hoheitlichen Verboten ertönt, wenn unbeliebte Meinungen geäußert werden.

Was also ist Pastor Latzels wahres Verbrechen? Was bringt die Einheitsfront der Empörten dazu, den Bremer Geistlichen derart scharf anzugreifen? Latzel wendet sich mit seinen Äußerungen gegen zwei Anliegen, die kirchlichen und anderen gesellschaftlichen Eliten besonders am Herzen liegen: Er bedroht das multikulturelle Projekt, welches insistiert, dass fremde kulturelle Praktiken niemals kritisiert oder abgewertet werden sollten, und verkörpert mit seinen starken Überzeugungen die Antithese des in den tonangebenden gesellschaftlichen Kreisen so populären Kulturrelativismus.

Dass Latzels Ablehnung dieser beiden modernen Glaubenssysteme der wahre Grund für den Zorn seiner Gegner ist, wird deutlich, wenn man ihr Handeln näher betrachtet. Die Bremer Pastoren, die etwa Anfang Februar gegen ihren Kollegen demonstrierten, taten dies unter dem Multikulti-Slogan „Bremen ist Bunt! Wir Leben Vielfalt!“. 6 Auch im Antrag der Bremischen Bürgerschaft soll Bremen „bunt“ sein. 7 Die kulturrelativistische Denkweise zeigt sich in einer Aussage der BEK-Vertreterin Jeannette Querfurt. Für sie predigt Latzel Hass, weil er seine Religion als die „einzig wahre“ darstellt. 8

Aber Religion ist mehr als ein Werkzeug zur Umsetzung ‚wünschenswerter‘ gesamtgesellschaftlicher Ziele; sie trägt immer auch einen Wahrheitsanspruch in sich. Und die Hauptaufgabe eines Pastors besteht nicht darin, Vielfalt zu leben, für eine bunte Stadt zu sorgen, oder Harmonie zwischen Katholiken und Protestanten herbeizuführen, sondern seinen Glauben zu verkünden, und die Gemeinde in diesem Glauben zu unterweisen. Dabei orientiert sich Latzel an seiner Interpretation der Bibel, also an dem, was er als Wort Gottes ansieht, dessen Urteil er mehr fürchtet als die gesellschaftliche Ächtung. Latzels Kritiker, selbst die kirchlichen, betrachten seinen Fall durch die Brille ihres gesellschaftspolitischen Kampfes für mehr ‚Toleranz‘ und ‚Weltoffenheit‘. Dass sie sich allerdings gerade dadurch intolerant gegenüber den religiösen Vorstellungen und Gefühlen eines tief gläubigen Menschen wie Latzel zeigen und ihm sogar sein Recht auf freie Meinungsäußerung absprechen wollen, blenden sie hingegen komplett aus.

„Pastor Latzel hat lediglich von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht“

Pastor Latzel ist kein religiöser Extremist oder Hassprediger. Seine Ansichten basieren auf einer nach heutigen Maßstäben konservativen, aber (soweit ich das als konfessionsloser Atheist beurteilen kann) konsequenten Auslegung der Bibel. Sein einziges ‚Verbrechen‘ ist, dass er sich weigert, seine Glaubenssätze ‚trendigen‘, von gesellschaftlichen Eliten vorangetrieben Anliegen und Auffassungen anzupassen. Doch gerade der Wille gläubiger Menschen, sich im Konflikt zwischen politischen oder gesellschaftlichen Diktaten und den Prinzipien ihres Glaubens für letztere zu entscheiden, war in der Vergangenheit oft eine positive Kraft (man denke nur an die Bekennende Kirche im Dritten Reich oder die christlichen Dissidenten in der DDR).

Religion sollte mehr sein dürfen als ein Instrument zur Umsetzung der aktuellen Lieblingsprojekte einer staatstragenden bürgerlicher Mitteschicht, die an nichts mehr richtig glauben will. Man muss nicht Olaf Latzels Meinungen oder Weltbild teilen, um sein Recht zu verteidigen, Kritik an zeitgeistkonformen Entwicklungen in der religiösen Praxis zu üben. Latzels Recht, seine Überzeugungen zu artikulieren, gilt unabhängig davon, wie erwünscht oder populär die von ihm angeprangerten Trends in seiner Organisation, oder in der Gesellschaft im Allgemeinen, sind. Prinzipiell muss es in einem solchen Kontext auch zulässig sein, sich abwertend über fremde religiöse oder kulturelle Praktiken zu äußern, oder sich derber Sprache zu bedienen. Des Weiteren ist es (übrigens auch für Nicht-Geistliche) absolut legitim, darüber zu spekulieren, welcher Gott im Grundgesetz gemeint ist, oder zu fragen, ob der Islam zu Deutschland gehört. Die Reaktionen auf Pastor Latzels Äußerungen waren extrem überzogen: Hier zeigt sich, wie maßlos die neue Priesterkaste des säkularen Kults um politische und kulturelle Korrektheit auf Menschen mit abweichenden Überzeugungen reagiert, die sich nicht nach ihren Spielregeln richten wollen. Pastor Latzel ist kein Hassprediger und Volksverhetzer; er hat lediglich von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht.