02.05.2016

Weniger Hunger durch vegane Ernährung?

Analyse von Georg Keckl

Titelbild

Foto: Alexas Fotos (CC0)

Die Vorstellung, mit rein veganer Ernährung den Welthunger besiegen zu können, ist eine Schnapsidee. Die Folgen wären verheerend.

Könnten schon heute vier Milliarden Menschen mehr satt werden, wenn Getreide oder Soja direkt auf den Tisch kämen und nicht ans Vieh verfüttert würden? Die Studie „Redefining agricultural yields: from tonnes to people nourished per hectare“ von Emily S. Cassidy, Paul C. West, James S. Gerber und Jonathan A. Foley vom Institute on the Environment (IonE), University of Minnesota, Saint Paul, USA, stellt diese These auf, und die vegane Missionsbewegung ist sehr bemüht, das Papier zu verbreiten.

Die Studie erinnert fatal an ein Rechenexempel deutscher Agrar- und Ernährungswissenschaftler im Weltkriegsjahr 1915. Damals hatten die britische Seeblockade und das Ausbleiben von Futtergerste aus Russland eine spürbare Importlücke bei Nahrungsmitteln gerissen. Zehn bis 20 Prozent der Nährstoffe fehlten plötzlich. Würden Kartoffeln und Getreide direkt verzehrt statt an Schweine oder Geflügel verfüttert, so meinten die Wissenschaftler, könnte die Nährstofflücke geschlossen werden.

Rein rechnerisch war das völlig korrekt. Also wurde angeordnet, fünf Millionen Schweine zu schlachten. Das aber setzte eine verheerende Spirale an Nebenwirkungen in Gang: Kein Vieh – kein Mist – kein Dünger – geringere Ernten – Schwarzmarkt für die Reichen und Mangel für die Armen. 800.000 Deutsche verhungerten während des Krieges. Es gibt grausame Berichte aus Irrenanstalten darüber, wie die „unnützen Esser“ an mangelbedingten Krankheiten zugrunde gingen. Der Ausgang des Ersten Weltkriegs hat seine Ursache auch in dieser heute vergessenen Hungerkatastrophe.

„Die Kalorien-Rechnung hat unübersehbare Schwachstellen“

Die amerikanische Studie folgt dem gleichen Schema wie die Rechnung des Jahres 1915. Man nimmt die in den Ackerfrüchten enthaltene Nährstoffmenge und unterstellt, dass die Menschen diese Produkte essen wollten: „Derzeit landen 36 Prozent der weltweit erzeugten Nährstoffe im Futtertrog, und nur zwölf Prozent dieser Kalorien stehen letztlich für die menschliche Ernährung zur Verfügung“, heißt es in dem Papier.

Die Kalorien-Rechnung hat jedoch unübersehbare Schwachstellen. In der Ernährungsindustrie fallen beispielsweise erhebliche Mengen an Abfallprodukten an, die in Friedenszeiten kein Mensch essen will. Bei Zuckerrüben ist nur der reine Zucker gefragt, Sirup aus Zuckerkraut, früher als billiges Süßungsmittel verbreitet, spielt fast keine Rolle mehr. Der große Rest der Zuckerproduktion, Zuckerschnitzel und Melasse, wird ebenso an Tiere verfüttert wie das Sojaschrot, das bei der Herstellung von Soja-Speiseöl oder Soja-Biodiesel anfällt. Der Rapskuchen aus der Rapsölgewinnung, der Trester bei Obstsäften, die dunklen Nachmehle und Kleien bei Weizenmehlerzeugung, die Malzkeime und der Treber 1 aus der Bierherstellung landen im Futtertrog, ebenso qualitativ mindere Getreideernten. Viele für die Fruchtfolge und die Bodengesundheit wichtige Ackerpflanzen sind nur oder überwiegend als Futter zu verwenden: Klee, Gerste, Hafer, Luzerne, Ackerbohnen und Trockenerbsen.

Nicht zu vergessen: Zwei Drittel der Welt-Agrarfläche ist Weideland 2. Dort ist es für den Ackerbau zu trocken, zu kalt, zu nass oder zu bergig, oder die Böden sind nicht fruchtbar genug. Grünland liefert Nährstoffe für den Menschen nur, wenn dort Rinder, Schafe oder Ziegen grasen. Für alle Bewohner der Savannen, Steppen und Hochländer sind deshalb traditionell tierische Produkte die Hauptnahrungsquelle, für Eskimos – fast ohne nutzbares Land – sowieso seit Jahrhunderten. Pflanzliche Lebensmittel sind für diese ca. eine Milliarde Menschen eher zugekaufter Luxus oder saisonale Ergänzung.

Wenig bekannt ist auch, dass viele Pflanzen für den Menschen nur durch moderne Züchtung genießbar wurden. Rapsöl kann erst seit 40 Jahren in der Küche verwendet werden, nachdem die Erucasäure weggezüchtet wurde. Weiter verbesserte Pflanzen werden auch in Zukunft immer bessere Produkte und höhere Ernten hervorbringen. Trotzdem muss eines klar sein: Es gibt für Menschen keine natürlichere Ernährungsweise als Fleisch, Fisch, Eier und Milch in einer ausgewogenen Mischung mit pflanzlichen Nahrungsmitteln.

„Prinzipiell ist die Forderung nach einer veganen Welternährung die abgehobene Schnapsidee überspannter Wohlstandskreise“

Die Studie kritisiert auch die Produktion von Bio-Energie vom Acker: zwischen 2000 und 2010 habe sich die Kalorienzahl, die auf diesem Weg für die menschliche Ernährung verloren ging, vervierfacht. Da kritisieren diese Gesellschaftskreise aber genau genommen sich selbst. Es sind ja auch sie, die Bio-Energie als Beitrag zum Klimaschutz propagieren.

Will man ernsthaft zusätzliche Flächen für die Produktion von Nährstoffen gewinnen, sollte man eine weitere Möglichkeit ins Auge fassen. Kaffee und Tee liefern keinerlei Nährstoffe. Ihre Erzeugung beansprucht aber mehr Flächen, als für den Anbau von Obst, Gemüse, Brot und Kartoffeln genutzt werden, bemerkt P.W. Gerbens-Leenes von der Uni Groningen. Insbesondere die Gewinnung von Luxus-Tees bedeutet eine massive Flächenverschwendung, womöglich potenziert durch noch ertragsschwächere Bio-Tees. Diese Rechnung wird von der veganen Glaubensgemeinde allerdings nicht zur Kenntnis genommen.

Prinzipiell ist die Forderung nach einer veganen Welternährung die abgehobene Schnapsidee überspannter Wohlstandskreise. Denn eines muss klar sein: Es gibt keine moralisch „richtige“ Agrarpolitik, die Millionen Menschen hungern oder gar verhungern lässt.