25.10.2011

Wie sichern wir die globale Ernährung?

Analyse von Gerhard Flachowsky

Die Welternährung kann durchaus sichergestellt werden – wenn wir konsequent den technischen Fortschritt nutzen.

Aktuelle politische und wirtschaftliche Krisen an unterschiedlichen Orten der Welt haben die fundamentalen Herausforderungen, mit denen die Menschheit konfrontiert ist, in den Hintergrund treten lassen. Gemeint sind unsere begrenzt verfügbaren Ressourcen, die weiter ansteigende Erdbevölkerung, die globale Ernährungssicherung sowie Emissionen als Folge menschlicher Aktivitäten.

Ausgehend von der UN-Menschenrechtskonvention von 1948, in der das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard verankert ist, gibt es zu diesen Themen immer wieder Äußerungen, auch von renommierten Gruppen und Organisationen, wie etwa von der UN, der Welternährungsorganisation (FAO), der EU, der Weltbank, dem Internationalen Währungsfond oder der Royal Society. [1] Ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit geht jedoch zumeist gegen Null. Kürzlich haben sich Weingärtner und Tretmann [2] ausführlich mit diesem Thema auseinandergesetzt. Dabei stellen verschiedene Anleitungen zum Handeln interessante Diskussionsgrundlagen dar.

Auch bei NovoArgumente wurde die „Globale Ernährungssicherung“ wiederholt thematisiert. In Ergänzung zu einem früheren Beitrag [3] wird nachfolgend eine Bewertung der Ernährungssituation aus globaler Sicht unter besonderer Berücksichtigung der Erzeugung von Lebensmitteln tierischer Herkunft vorgenommen. Und es wird versucht, mögliche Lösungsansätze aufzuzeigen.

Bewertung der aktuellen Ernährungssituation

Den Statistiken der FAO ist zu entnehmen, dass in den zurückliegenden Jahren Zuwächse bei der Erzeugung pflanzlicher und tierischer Lebensmittel erzielt wurden. Die Ertragszuwächse bei den Pflanzen resultieren primär aus erhöhter Produktivität, weniger aus zusätzlicher Flächennutzung (zu etwa 30 Prozent). Allerdings sind die Steigerungen geringer als das Bevölkerungswachstum, so dass das Millenniumziel – Halbierung der global Hungernden (von 850 auf etwa 400 Millionen Menschen) bis 2015 – nicht erreicht werden kann. Die Zahl der Hungernden hat zeitweise sogar eine Milliarde überschritten. Unterernährung bedeutet nicht nur Hunger und verminderte Leistungsfähigkeit, sondern auch erhöhte Krankheitsanfälligkeit und Sterblichkeit sowie nachhaltige Schäden, wenn Kinder davon betroffen sind. Diese Situation erlangt nur dann öffentliche Aufmerksamkeit, wenn Unruhen wie im Jahre 2008 in Afrika, Asien und Haiti mit steigenden Lebensmittelpreisen, Unterernährung und Hunger in Verbindung gebracht werden.

Der Trend steigender Weltmarktpreise für Getreide und andere Lebensmittel ist auch gegenwärtig zu beobachten. Dafür wird ursächlich die ungünstige Wettersituation in vielen Regionen der Welt im Jahre 2010 verantwortlich gemacht. [4, 5] Langfristige Entwicklungen, wie die ansteigende Nachfrage nach Lebensmitteln tierischer Herkunft, der Anstieg der Bioenergieerzeugung und der zunehmende Flächenverbrauch für nicht-agrarische Zwecke, auf die im Beitrag näher eingegangen wird, bleiben dabei weitgehend unberücksichtigt.

Bei einer Weltgetreideernte von jährlich rund zwei Milliarden Tonnen stehen rechnerisch gegenwärtig je Einwohner annähernd 300 kg Getreide pro Jahr bzw. etwa 800 g Getreide je Tag zur Verfügung. Aus energetischer Sicht ist diese Menge mehr als ausreichend (> 3 Mcal). Allerdings besteht einerseits ein Problem der Verteilung, denn in manchen Ländern sind weniger als 100 kg, in anderen mehr als eine Tonne je Einwohner und Jahr verfügbar, andererseits werden auch erhebliche Mengen als Futtermittel (etwa 38 Prozent) und zunehmend auch als Rohstoff für die Bioenergiegewinnung und in der Industrie (zur Zeit etwa 18 Prozent) verwendet.

Besorgnis erregend ist die starke Differenzierung in der Energie- und Proteinaufnahme (Tabelle 1.0) oder im Verzehr der Menschen an Lebensmitteln tierischer Herkunft zwischen verschiedenen Ländern (Tabelle 1.0) bzw. Regionen, aber auch zwischen Bevölkerungsgruppen in einem Land.


 

  Minimum Mittel Maximum Deutschland
Energieaufnahme, total
(Mcal/Einwohner/Tag)
1,5
(DR Kongo)
3,0 3,9
(USA)
3,5
Anteil aus Tierprodukten
(% von gesamt)
1,4
(DR Kongo)
12,9 32,6
(Island)
20,0
Protein tierischer Herkunft
(g/Einwohner/Tag)
1,7
(Burundi)
23,9 69,0
(USA)
52,8
Anteil aus Tierprodukten
(% von gesamt)
4,0
(Burundi)
27,9 59,5
(USA)
53,7

Tabelle 1.0: Energie und Proteinaufnahme je Einwohner (Extremwerte, Mittelwerte sowie Deutschland zum Vergleich; Daten von 2005) [6]
 

Vor allem beim Verbrauch von Lebensmitteln tierischer Herkunft zeigen sich große Differenzen zwischen verschiedenen Ländern und Regionen (Tabelle 2.0). Der hohe Verzehr an Tierprodukten in den Industriestaaten wird auch als eine wesentliche Ursache für die unbefriedigende Lebensmittelbereitstellung und den Hunger in den Entwicklungsländern angesehen.


 

  Minimum Mittel Maximum Deutschland
Milch 1,3
(DR Kongo)
82,1 367,7
(Schweden)
248,7
Fleisch 1 3,1
(Bangladesch)
41,2 126,6
(USA)
83,3
Eier 0,1
(DR Kongo)
9,0 20,2
(USA)
11,8
1  Vermutlich Zweihälftenmasse (Fleisch + Knochen)

Tabelle 2.0: Aufnahme an Milch, Fleisch und Eiern je Einwohner und Jahr (Extremwerte, Mittelwerte sowie Deutschland zum Vergleich; kg/Einwohner und Jahr; Daten von 2005) [6]
 

Lebensmittel tierischer Herkunft müssen nicht Bestandteil der menschlichen Ernährung sein, wie Veganer bei entsprechender Ergänzung der Nahrung mit essentiellen Nährstoffen zeigen. Andererseits ist jedoch zu erwähnen, dass in Regionen bzw. Ländern mit geringem Verzehr an Lebensmitteln tierischer Herkunft viele Menschen an verschiedenen Mangelerkrankungen leiden. Das trifft vor allem auf die Versorgung mit lebensnotwendigen Aminosäuren sowie verschiedenen Mengen- und Spurenelementen und Vitaminen zu (Tabelle 3.0). Infolge dieses Zusammenhanges schätzen Ernährungswissenschaftlern, dass es für eine ausgewogene Ernährung vorteilhaft ist, wenn ein bestimmter Anteil (etwa 1/3) der täglich erforderlichen Proteinmenge (etwa 0,75-1 g/kg Lebendmasse) als Protein tierischer Herkunft (z.B. Milch, Fleisch, Fisch, Eier; etwa 20 g/Tag) aufgenommen wird.

Neben dieser ernährungsphysiologischen Zweckmäßigkeit – in vielen Ländern wird keine optimale Ergänzung der pflanzlichen Tagesdiät mit allen essentiellen Nährstoffen möglich sein – tragen auch der hohe Genusswert und die steigenden Einkommen in verschiedenen Schwellen- und Entwicklungsländern zum Anstieg des Verzehrs an Lebensmitteln tierischer Herkunft bei. Obwohl die Erdbevölkerung bis 2050 „nur“ um etwa 30 Prozent (etwa neun Milliarden Menschen) ansteigen soll, ist nach Schätzungen der FAO [6] bis zu diesem Zeitpunkt nahezu eine Verdoppelung des Verbrauches an Lebensmitteln tierischer Herkunft zu erwarten. Eine nicht quantifizierbare Ursache für diese Entwicklung dürfte auch im „Nachahmen des westlichen Lebensstils“ zu suchen sein. Dieser Trend trifft nicht auf Länder mit einem hohen Verzehr an Lebensmitteln tierischer Herkunft zu. Mittelfristig wird beispielsweise beim Fleisch in Deutschland ein deutlicher Verzehrsrückgang erwartet.

Bei Ernährung geht es um mehr als um Sättigung und gesund bleiben wollen. Ernährung (oder besser gesagt, das Essen bzw. die Mahlzeit) hat neben Bedarfsdeckung und Genusswertbefriedigung auch gesellschaftliche Bedeutung – Festessen etwa haben Repräsentations- und Statuscharakter und befördern die zwischenmenschliche Kommunikation. Daraus resultieren auch die teilweise extremen Ansprüche an die Bereitstellung von Lebensmitteln in entsprechender Menge, Qualität und Vielfalt.

Es ist evident, dass gegenwärtig global sowohl Unterernährung als Resultat ungenügender Nahrungsbereitstellung (Energiedefizit, Mangel an Protein bzw. lebensnotwendigen Aminosäuren, vor allem Lysin, und verschiedenen Spurennährstoffen) als auch Überernährung bis hin zur Fettleibigkeit auftreten (Tabelle 3.0). Nach einer WHO-Statistik ist die Insel Nauru mit 78,5 Prozent adipöser Menschen Spitzenreiter dieses globalen Rankings, gefolgt von Saudi Arabien (35,6 Prozent) und den Seychellen (25,1 Prozent). „Ernährungsproblem“ bedeutet für einen Großteil der Menschheit Hunger und Unterernährung zu verhindern, für viele Menschen allerdings auch vernünftige Ernährung zur Vermeidung von Überernährung und Adipositas (Tabelle 3.0).
 

Ungenügende Nahrungsbereitstellung (Energiedefizit) Nahezu 1 Mrd. Menschen (davon über 90% in Entwicklungsländern, etwa 25% aller Kinder < 5 Jahre)
Mangel an Spurennährstoffen (z.B. Eisen, Jod, Vit. A, B12) ca. 2,2 Mrd. Menschen
Übergewichtig ca. 1,6 Mrd. Menschen (darunter 22 Mio. Kinder < 5 Jahre)
Adipositas (Fettleibigkeit) ca. 400 Mio. Menschen

Tabelle 3.0:Kennzahlen der gegenwärtigen Ernährungssituation (8)
 

Ressourcenverbrauch und Emissionen

Der Verbrauch begrenzt verfügbarer Ressourcen (wie Ackerfläche, Wasser, fossile Energie u.a.), die relativ geringe Effizienz der Umwandlung von Futtermitteln in Tierprodukte und die bei der Tierhaltung anfallenden Emissionen (vor allem verschiedene Stickstoff-Verbindungen und Methan), aber auch ethische Aspekte [7] wie Fragen der Tierhaltung und deren Tötung, sind gegenwärtig wesentliche Kritikpunkte bei der Erzeugung von Lebensmitteln tierischer Herkunft. Die mögliche Nahrungskonkurrenz zum Menschen wird unter bestimmten Bedingungen auch kritisch bewertet.

In Tabelle 4.0 sind in Abhängigkeit von Tierart bzw. Nutzungsrichtung und Leistungshöhe die erzeugte Menge an essbarem Protein, Kennzahlen der Futteraufnahme, die N-Ausscheidungen sowie Carbon Footprints (CF; CO2-Äquivalente je kg essbares Protein: CO2 x 1; Methan x 23 und Lachgas x 296) zusammengestellt.
 

Proteinquelle (Lebendmasse; LM) Leistungshöhe (je Tag) Essbares Protein (g/Tag) Kennzahlen der Futteraufnahme Ausscheidungen (kg/kg essbares Protein)
Trockensubstanz (kg/Tag) Grund-/ Kraftfutter3-Verhältnis (% der Trockensubstanz) Stickstoff CF (CO2-Äquivalente)
Milchkuh
(600 kg LM)

10 kg Milch
20 kg Milch
40 kg Milch

340
680
1360

12
16
25

90/10
75/25
50/50

0,65
0,45
0,25

30
16
12

Mastrind
(350 kg LM)

500g LMZ1
1000g LMZ
1500g LMZ

48
95
143

6,5
7,0
7,5

95/5
85/15
70/30

2,5
1,3
1,0

110
55
35

Mastschwein
(80 kg LM)

500 g LMZ
700 g LMZ
900 g LMZ

45
63
81

1,8
2,0
2,2

20/80
10/90
0/100

0,9
0,7
0,55

15
12
10

Mastküken
(1,5 kg LM)

40 g LMZ
60 g LMZ

4,8
7,2

0,07
0,08

10/90
0/100

0,35
0,25

4
3

Legehenne
(1,8 kg LM)

50 % LL2
70 % LL
90 % LL

3,6
5,1
6,6

0,10
0,11
0,12

20/80
10/90
0/100

0,6
0,4
0,3

7
5
4

Tabelle 4.0: Kennzahlen der Proteinerzeugung, der Futteraufnahme, der N-Ausscheidungen und der CF bei verschiedenen Tierarten/Nutzungsrichtungen in Abhängigkeit von der Leistungshöhe

1  Lebendmassezunahme
2  Legeleistung
3  z.T. auch Nebenprodukte der Verarbeitungsindustrie
 

Eine nicht ausreichende Futterbereitstellung, unbefriedigende Futterqualität und die zum Teil zu hohen Tierbestände in verschiedenen Regionen der Welt können als wesentliche Ursachen für ineffiziente Ressourcennutzung, niedrige Leistungen und damit unbefriedigende Lebensmittelerzeugung, aber auch hohe Emissionen je erzeugtes Tierprodukt angesehen werden. Je weniger das Tier über den Erhaltungsbedarf hinaus notwendige Energie bzw. Nährstoffe aufnehmen kann, umso geringer wird die Leistung sein und umso höher sind die je Tierprodukt zu erwartenden Emissionen. In einer jüngeren FAO-Studie [8] wurden beispielsweise Milchleistung und Emissionen in Schweden und Nigeria verglichen. Bei Jahresmilchleistungen von 8.400 kg konnten für Schweden je kg Milch CF von etwa 0,6 und für Nigeria bei 240 kg Milch von etwa 7 kg CO2Äqu. je Kilogramm Milch errechnet werden.

Die Nahrungskonkurrenz zwischen Mensch und Tier ist ein oft diskutiertes Thema. Beim Futtereinsatz kann in Grundfutter und Kraftfutter (Konzentrat) unterschieden werden. Zum Grundfutter (siehe Tab. 4), auch als „absolutes“ Tierfutter bezeichnet, gehören u.a. Gräser und Leguminosen sowie daraus hergestellte Silagen und Heu, Stroh und andere zellwandreiche Nebenprodukte der Verarbeitungsindustrie und weitere nicht vom Menschen verzehrte bzw. verzehrbare Teile. Diese faserreichen Bestandteile haben überwiegend in der Wiederkäuerfütterung (z.B. Rinder, Schafe, Ziegen) ihre Einsatzberechtigung. Diese Tierarten stellen demnach keine Nahrungskonkurrenz zum Menschen dar. Hinzu kommt, dass weltweit etwa zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche Grasland (etwa 3,3 Milliarden Hektar) sind, das ebenfalls ausschließlich durch Wiederkäuer genutzt werden kann. Aus dieser Situation resultiert die große Bedeutung der Wiederkäuer für die Bereitstellung von Lebensmitteln tierischer Herkunft, wenn sie auch gegenwärtig durch die Methanemission und das relativ hohe Treibhauspotential des Methans negativ in der Öffentlichkeit bewertet werden. Dieses Negativ-Image wurde kürzlich durch die wissenschaftlich wenig „belastbare“ FAO-Ausarbeitung3, 7 „Livestock‘s long shadow“ noch verstärkt.

Konzentrate bzw. Kraftfutter, zu denen u.a. Getreide, Ölsaaten, Körnerleguminosen sowie verschiedene energie- und proteinreiche Nebenprodukte der Verarbeitungsindustrie gehören, werden auf den etwa 1,5 Milliarden Ackerfläche angebaut und dienen als Lebensmittel, Futtermittel (überwiegend für Nichtwiederkäuer wie Schweine und Geflügel; siehe Tab. 4), als Industrierohstoff und verstärkt zur Bioenergiegewinnung. Bei diesen Rohstoffen hat sich in den letzten Jahren ein zunehmender Wettbewerb um die Fläche entwickelt. Bei weiter ansteigender Erdbevölkerung dürfte aber das Primat der Ernährung bzw. der Lebensmittelbereitstellung wieder stärker in den Mittelpunkt treten. Allerdings sollte nicht übersehen werden, dass früher und auch heute in verschiedenen Ländern tierische Zugkräfte, wie Pferde und Rinder zum Einsatz kamen und kommen, die natürlich auch in gewissen Umfang Konkurrenten um Lebens- oder Futtermittel bzw. die entsprechende Anbaufläche waren und sind.

Herausforderungen

Globale Ernährungssicherung ist ein überaus komplexes System. Wenn es einfache Lösungen geben würde, wäre die Umsetzung sicher schon längst erfolgt. Deshalb wurde u.a. auch das „Committee on World Food Security“ der UN kürzlich reformiert, um den zukünftigen Herausforderungen besser gerecht zu werden. Manchmal gewinnt man allerdings den Eindruck, dass sich viele „Ärzte“ mit mehr oder weniger geeigneten Medikamenten am Bett des schwerkranken Patienten „Welternährung“ versuchen, der Mut zur grundsätzlichen Veränderung jedoch fehlt.

Es kommt nicht nur auf die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse an. Ernährungssicherung ist vielmehr ein Wechselspiel politischer, ökonomischer, ökologischer und sozialer Elemente. Daraus ist auch abzuleiten, dass eine Abstimmung zwischen allen beteiligten Partnern erforderlich ist, denn ein oder wenige Teiloptima müssen nicht zu einem Gesamtoptimum führen. Beispielsweise kann hohe Ressourceneffizienz zu einem sparsamen Umgang mit begrenzt verfügbaren Rohstoffen und niedrigen Emissionen je erzeugtes Produkt führen. Andererseits können jedoch ethische Fragen der Tierhaltung und der sozialen Nachhaltigkeit (etwa Erhalt oder Schaffung von Arbeitsplätzen in Entwicklungsländern) offen bleiben.

Obwohl Ernährungssicherung (Food Security) in allen Regionen die größte Herausforderung für die an der Lebensmittelerzeugung beteiligten Partner darstellt, darf auf die Sicherheit der Lebensmittel (Food Safety) nicht verzichtet werden. Es kann nicht sein, dass in manchen Ländern Lebensmittel für den Export erzeugt und hohen Qualitätsstandards unterzogen werden, während die im Land angebotenen Lebensmittel diesbezüglich nicht oder kaum untersucht werden. Ernährungssicherung und Lebensmittelsicherheit sind die zwei Seiten der Medaille „Gesundheit und Wohlbefinden“ des Menschen.

Für die Entwicklungsländer ist die „Hilfe zur Selbsthilfe“ bei der Ernährungssicherung eine sehr große Herausforderung. Es kommt darauf an, neue Erkenntnisse an die vor Ort vorhandenen Verfahren anzupassen. Sie müssen von den einheimischen Akteuren akzeptiert oder noch besser, von ihnen unbedingt gewollt werden. Es hat wenig Sinn, wenn Strategien, die in Europa oder Nordamerika erfolgreich sind, von diesen Ländern übernommen werden. Eine kürzlich von der FAO [9] vorgenommene Auswertung über Erfolge und Misserfolge angewandter Technologien bei der Erschließung von Futterreserven in den Tropen/Subtropen kam zu der Einschätzung, dass vor allem einfache und robuste Verfahren auch langfristig „überleben“ können bzw. angewendet werden, so dass Arbeitsplätze erhalten und neu geschaffen werden und Beiträge zur Ernährungssicherung geleistet werden können.

Lösungsansätze

Unter Berücksichtigung der oben erwähnten begrenzt verfügbaren Ressourcen sind aus wissenschaftlicher und praktischer Sicht Lösungsansätze gefragt, mit denen große Mengen pflanzlicher (phytogener) Biomasse mit möglichst geringem Verbrauch begrenzt verfügbarer Ressourcen erzeugt werden. Die unbegrenzt verfügbaren Ressourcen, wie Sonnenlicht und -energie, Stickstoff und (ansteigende) Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre sollten dabei maximal genutzt werden. Der Pflanzenzüchtung bzw. der Kombination von Genen kommt dabei besondere Bedeutung zu. Der Erhaltung der Biodiversität bzw. der Genvielfalt für zukünftige Generationen ist erstrangige Aufmerksamkeit zu widmen. Durch entsprechende Pflanzenbau- und Pflanzenschutzmaßnahmen sind die Voraussetzungen für hohe und stabile Erträge unter Berücksichtigung nachhaltiger Wirtschaftsweise zu schaffen.

Nicht unerwähnt darf bleiben, dass ein Großteil der gewachsenen Pflanzenmasse bereits auf dem Feld, aber auch bei der Ernte und Lagerung der pflanzlichen Biomasse durch pflanzliche und tierische Schädlinge vernichtet wird (Nachernte-Verluste). In der Verbesserung der Ernte- und Lagerungsbedingungen wird demnach auch ein wichtiger Lösungsansatz zur globalen Ernährungssicherung gesehen.

Die Konvertierung phytogener Biomasse in Lebensmittel tierischer Herkunft stellt mengenmäßig wohl die größte Verlustquelle dar. Wie die Pflanzenzüchtung sollte auch die Tierzucht wesentliche Beiträge zur Effizienzerhöhung und verminderten Emissionen leisten, wie z.B.:

  • Verbesserung der Relation zwischen Erhaltungs- und Leistungsbedarf durch höhere Futteraufnahme, höhere Verdaulichkeit und verminderten Erhaltungsbedarf der Tiere
  • Verminderung des Energie-/Nährstoffbedarfs für die Proteinbildung
  • Geringerer Energiegehalt bzw. bestimmter Nährstoffe (z.B. Fett im Fleisch, Laktose in der Milch) in den Lebensmitteln tierischer Herkunft
  • Stabilere Gesundheit der Tiere, Erhöhung der Widerstandsfähigkeit.

Allerdings wird immer offensichtlicher, dass die globale Ernährungssicherung nicht ausschließlich durch wissenschaftliche Ansätze gelöst werden kann. Besitzstände, wie z.B. die Verteilung der Acker- bzw. Graslandfläche und der Produktionsmittel sowie soziale Strukturen und ein unterentwickeltes Bildungs- und Gesundheitswesen können als wesentliche Hindernisse bei der Beseitigung der globalen Ernährungsungleichheiten angesehen werden. Durch multifaktorielle Ansätze sollte es gelingen, globale Ernährungssicherung bei effektiver Ressourcennutzung, Emissionsminderungen, nachhaltiger Landwirtschaft, Erhaltung der Biodiversität, sozialer Nachhaltigkeit und der Erhaltung bzw. Schaffung von Arbeitsplätzen zu realisieren.

Zusammenfassend kann man mit Max Frisch, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiern würde, sagen: „Was alle angeht, können nur alle lösen. Jeder Versuch eines Einzelnen oder einer Gruppe, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern“.

Offene Fragen

Bei all diesen Betrachtungen und Vorschlägen bleiben verschiedene Fragen offen, auf die aus Sicht des Autors gegenwärtig keine oder keine befriedigende Antworten gegeben werden können, wie z.B.:

  • Ist die prognostizierte globale Bevölkerungsentwicklung realistisch oder ist ein stärkerer und längerfristiger Anstieg zu erwarten?
  • Welche Maßnahmen sind notwendig, um die zu erwartende Verdoppelung der Erzeugung von Lebensmitteln tierischer Herkunft zu realisieren?
  • Welche Auswirkungen sind aus globaler Sicht zu erwarten und wie ist die soziale Nachhaltigkeit in „Empfängerländern“ einzuschätzen, wenn die Erzeugung von Lebensmitteln primär an „Vorzugsstandorten“ (z.B. Brasilien) erfolgen würde und diese teilweise subventioniert in die Entwicklungsländer exportiert werden?
  • Können die Auswirkungen des Exportes von subventionierten Lebensmitteln aus entwickelten Ländern auf die Entwicklung der einheimischen Landwirtschaft bereits umfassend eingeschätzt werden?
  • Wie können Börsenspekulationen auf Landnutzung und Lebensmittel verhindert werden? Ist der Landkauf verschiedener Länder in anderen Regionen (z.B. China in Afrika oder Südamerika) akzeptabel?
  • Welche Auswirkungen sind bei einer Reduzierung des Verbrauches an Lebensmitteln tierischer Herkunft in „Hochverzehrs-Ländern“ auf Entwicklungsländer zu erwarten?
  • Welche Entwicklungen sind bei imitierten (aus Pflanzen hergestellten) Lebensmitteln notwendig, und für wie hoch wird ihr „Ersatzpotential“ von Lebensmitteln tierischer Herkunft eingeschätzt?
  • Ist eine Bioenergiegewinnung aus potentiellen Lebens-/Futtermitteln (Bioenergie der ersten Generation) zweckmäßig oder sollten nur Projekte zur Energiegewinnung aus Substraten der zweiten Generation (Tierexkremente, Holzabfälle, zellulose- und ligninhaltige Nebenprodukte u.a.) gefördert werden?
  • Wie lange können wir uns eine nicht optimale Nutzung von Schlachttiernebenprodukten, das achtlose Wegwerfen wertvoller Lebensmittel und die Verfütterung hoher Mengen von Tierprodukten an Heimtiere leisten bzw. verantworten?
  • Was muss getan werden, damit die Züchtung (Pflanze und Tier) schwerpunktmäßig von der öffentlich geförderten Forschung betrieben wird und strategisch wichtige Ziele (z.B. Ressourceneffizienz) bearbeitet werden1?
  • Sind die gegenwärtig existierenden gesellschaftlichen Strukturen in der Lage, die globalen Ungleichgewichte zu beseitigen und langfristig eine stabile Ernährungssicherung zu garantieren?