01.04.2005

Ist „bio“ wirklich besser?

Analyse von Michael Miersch

Das naturreine Image strahlt makellos. Doch es gibt keine Beweise, dass Biolebensmittel tatsächlich gesünder sind. Und obendrein schaden manche Methoden des Ökolandbaus der Umwelt.

Der Ruf der Landwirtschaft ist ruiniert. Im Gefolge echter und vermeintlicher Skandale prasselte jahrelang ein Bilderregen aus taumelnden Kühen, zerzausten Käfighühnern und lecken Pestizidfässern auf die Verbraucher nieder. Die Bauern sind alle Verbrecher, und die Lebensmittelindustrie sowieso, tönte die Begleitmusik. Das Böse lauerte in jeder Bulette. Dann, im Januar 2001, sollte alles anders werden. Renate Künast wurde Verbraucherschutzministerin und beschloss die Agrarwende: endlich Hoffnung für Menschen, Tiere und Natur. Die Rolle der Guten bekamen die Biobauern. Biolandwirte hatten den Verlockungen der Agrarchemie stets widerstanden. Sie waren das „kleine gallische Dorf“ im Reich der Giftspritzer und Tierquäler. Sie mussten lange ohne viele Subventionen auskommen und haben die Verirrungen des konventionellen Landbaus zu Recht kritisiert. Nun wurde ihre Anbauweise zum Leitbild auserkoren und besonders kräftig subventioniert. Vier Jahre nach der Agrarwende arbeiten vier Prozent der deutschen Bauern nach den Vorgaben der Ökoverbände – trotz massiver Unterstützung nicht gerade eine Massenbewegung. Nur die Konsumenten sind noch zurückhaltender als die Landwirte. Der Anteil der Bio-Produkte am deutschen Lebensmittelumsatz kletterte auf knapp drei Prozent. Bei Amtsantritt wollte Künast ihn in zehn Jahren auf zwanzig Prozent heben. Gerd Härig, Geschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels, hält dies jedoch für „illusorisch.“

Wenn auch die große Mehrzahl der Verbraucher um die fünfzig bis achtzig Prozent teureren Biowaren einen Bogen macht, so ist das Ansehen des Ökolandbaus dennoch tadellos. Selbst eingefleischte Billigkäufer loben die hehren Ideale des Ökolandbaus. Wenn sie ausnahmsweise mal einen Apfel mit Biosiegel erwerben, wird er wie eine Hostie kredenzt. „Bio“ bedeutet edel und rein, gesund und ökologisch einwandfrei. Niemand fragt, wie die Produktionsmethoden des Ökolandbaus konkret aussehen und ob die Erzeugnisse tatsächlich vorteilhaft für die Gesundheit und die Umwelt sind. Harte Beweise dafür gibt es jedenfalls nicht. Neuere Untersuchungen stellen den Öko-Mythos immer mehr in Frage. Doch die Kritik blieb bisher auf Fachkreise beschränkt.

Trotz vieler Versuche konnte bis heute kein wissenschaftlich haltbarer Nachweis erbracht werden, dass Biokost gesünder ist als konventionell erzeugte Lebensmittel. Manche Vertreter der Ökobranche geben das auch offen zu. „Biogemüse hat denselben Nährstoffgehalt wie konventionell angebautes Gemüse, ist also nicht per se gesünder“, sagt Georg Schweisfurth, Gründer der Bio-Supermarktkette „Basic“. Eine vom Verbraucherschutzministerium in Auftrag gegebene Studie des Senats der Bundesforschungsanstalten konnte ebenfalls keine Unterschiede feststellen. Ob Getreideprodukte, Kartoffeln, Obst oder Schweinefleisch: in den vergleichenden Tabellen steht immer wieder die Bemerkung „Kein Unterschied“. Fazit der Untersuchung: „Die bisher vorliegenden Erkenntnisse erlauben aus wissenschaftlicher Sicht nicht den Schluss, dass der ausschließliche oder überwiegende Verzehr von ökologisch erzeugten Lebensmitteln die Gesundheit des Menschen direkt fördern würde.“

„Eine einzige Tasse Kaffee enthält mehr krebserregende Stoffe als alle Pestizidrückstände auf allen Lebensmitteln, die ein Verbraucher übers Jahr zu sich nimmt.“

„Dennoch haben viele Verbraucher Angst vor Pestizidrückständen in der Nahrung. Diese Angst hat durchaus einen rationalen Kern: Pestizide sollen Pilze, Wildkräuter oder Insekten vernichten – es sind Gifte (auch wenn sie intensiv auf unerwünschte Wirkungen getestet werden). Landwirte müssen vorsichtig damit umgehen. Von den minimalen Pestizidresten, die Endverbraucher aufnehmen, geht jedoch keine Gefahr aus. Zwar entdecken Lebensmittelüberwacher immer wieder mal erhöhte Pestizidreste auf Nahrungsmitteln. Doch auch diese Mengen liegen fast immer weit unter den gesundheitlich relevanten Dosen. Zum Vergleich: Eine einzige Tasse Kaffee enthält mehr krebserregende Stoffe als alle Pestizidrückstände auf allen Lebensmitteln, die ein Verbraucher übers Jahr zu sich nimmt, wie der international angesehene amerikanische Molekularbiologe Bruce N. Ames einmal klarstellte. Die Nationale Akademie der Wissenschaften der USA erklärte, dass „es sehr unwahrscheinlich“ sei, dass Pestizidrückstände in Nahrungsmitteln „ein nennenswertes Krebsrisiko darstellen“. Selbst in den 50er- und 60er-Jahren, als die Pflanzenschutzmittel der ersten Generation völlig sorgenlos gespritzt wurden, stieg die Lebenserwartung der Menschen rapide an. Ames und die meisten Experten seines Fachs sind sich einig, dass (neben Bewegung und dem Verzicht auf Tabak und Alkohol) das Essen von viel frischem Obst und Gemüse die beste Gesundheitsvorsorge darstellt. Wer darauf verzichtet, weil er Angst vor Pestizidresten hat, schadet seiner Gesundheit.“

Während Wissenschaftler bei den Pestizidrückständen Entwarnung geben, gelten Kotreste als ernsthaft gefährlich. Naturdünger aus Tierfäkalien (den auch viele konventionelle Landwirte einsetzen) kann Krankheitskeime enthalten. Allein in Deutschland werden pro Jahr über 230.000 Erkrankungen durch infizierte Nahrung registriert. Bei alten und gesundheitlich angeschlagenen Menschen verlaufen solche Erkrankungen nicht selten tödlich. Nach den Regeln des Ökoanbaus muss der Mist zwar lange kompostiert werden, damit die Hitze Keime abgetötet. Bei einer Untersuchung in den Vereinigten Staaten waren Ökoprodukte jedoch achtmal häufiger bakteriell verunreinigt als konventionelle. Ende der 90er-Jahre wurden in Deutschland mehrere Todesfälle und einige Hundert Erkrankungen bei Kindern bekannt, die sich mit EHEC-Bakterien infiziert hatten. Auch diese Erreger lauern in Fäkalienresten auf Nahrungsmitteln. Im Kunstdünger lauern keine Keime, doch der ist im Ökolandbau tabu. Dabei ist der Stickstoff im Kunstdünger keine künstliche Chemikalie aus dem Labor. Er wird aus der Luft gewonnen (Luft besteht zu über 78 Prozent aus diesem Element).

„Würden alle Bauern Deutschlands auf ‚öko‘ umstellen, müsste der Anteil der landwirtschaftlichen Nutzfläche um mindestens ein Drittel erweitert werden. Unser Land umfasst aber nur 35,7 Millionen Hektar. Wälder müssten gerodet, Feuchtbiotope trockengelegt und Naturschutzgebiete aufgegeben werden.“

Und nicht nur beim Düngen sind alternative Methoden hygienisch bedenklich. Freilandgeflügel ist häufiger mit Salmonellen und anderen Mikroben belastet. Auch bei der in Bioläden und Reformhäusern angebotenen Rohmilch und beim Rohmilchkäse besteht das Risiko einer Verunreinigung durch EHEC und andere Bakterien. Aber auch durch Viren: So können Rohmilcherzeugnisse den Erreger der Gehirnhautentzündung FSME enthalten.

Wenn die gesundheitlichen Vorteile von Biokost zweifelhaft sind, wie steht es dann mit den ökologischen? Auf Ökoäckern leben im Durchschnitt mehr wilde Tiere und Pflanzen. Das wurde in Großbritannien anhand von Vogelarten ermittelt. Doch auch die überzeugten Anhänger des Ökolandbaus geben zu, dass ihre Arbeitsweise mehr Fläche beansprucht. Bei den Biobauern fällt die Ernte pro Hektar geringer aus. Ihre Tiere werden länger gemästet, wofür wiederum mehr Ackerfläche für Futter gebraucht wird. Derzeit gelten in Deutschland etwas über 17 Millionen Hektar Land als landwirtschaftliche Nutzfläche. Würden alle Bauern Deutschlands auf „öko“ umstellen, müsste dieser Anteil um mindestens ein Drittel erweitert werden. Unser Land umfasst aber nur 35,7 Millionen Hektar. Wälder müssten gerodet, Feuchtbiotope trockengelegt und Naturschutzgebiete aufgegeben werden. Die vielen Millionen dann frei laufenden Hühner und Schweine benötigten Flächen in der Größenordung ganzer Bundesländer. Ihre Ausscheidungen würden in kurzer Zeit die Böden zu Sondermüll degradieren.

Global betrachtet wäre Ökolandbau ein Desaster. Wenn die Getreideernte von heute mit den Methoden von früher erwirtschaftet würde, müssten 1,8 Milliarden Hektar Land unter den Pflug kommen (gemessen am Hektar-Ertrag 1950), erklärt der Agrarwissenschaftler und Friedensnobelpreisträger Norman Borlaug. Stattdessen wird das Brot für die Welt heute auf 600 Millionen Hektar geerntet. Die globale Anbaufläche hat kaum zugenommen, da moderne Techniken den Ertrag pro Hektar immer weiter steigerten.

Dass Biobauern keine synthetischen Gifte benutzen, bedeutet nicht, dass sie kein Gift benutzen. Ökobauern dürfen schädliche Insekten, Unkräuter und Pilze mit einer ganzen Palette von Stoffen bekämpfen, die in der EWG-Verordnung für den ökologischen Landbau (Nr. 2029/91) aufgeführt sind. Die Liste umfasst mehrere Dutzend Mittel, darunter pflanzliche Substanzen, Mineralöle, Bakterienstämme und Chemikalien wie Kaliumpermanganat. Zu den pflanzlichen Wirkstoffen zählen beispielsweise die Insekten tötenden Phyrethrine und das Zellgift Quassin, das aus Bitterholz gewonnen wird. Kupfer- und Schwefelpräparate werden insbesondere im Obst- und Weinbau häufig eingesetzt. Da sie schlechter wirken als moderne chemische Mittel, müssen die Ökobauern sie häufiger spritzen. Etliche Winzer, die in den 90er-Jahren zum Ökoanbau konvertierten, sind inzwischen zu konventionellen Methoden zurückgekehrt. Einer der Gründe dafür ist die starke Belastung der Böden durch Kupfer. Es tötet Bodenlebewesen und wird, wie alle Schwermetalle, im Erdreich nicht abgebaut.

In der ökologischen Stickstoffbilanz stehen die meisten Ökobauern besser da als ihre konventionellen Kollegen, da die Anzahl der Tiere pro Fläche bei ihnen begrenzt ist. Der anfallende Naturdünger wird also in der Regel von den Pflanzen verarbeitet, so dass es nicht zu einer massiven Überdüngung kommen sollte. Allerdings ergaben Untersuchungen in Niedersachsen keinen Unterschied in der Stickstoffbelastung im Ackerboden zwischen konventionellen und Öko-Höfen. Auch das GFS-Institut für Hydrologie stellte auf dem bayerischen Versuchsgut Scheyern fest: „Bio oder Nicht-Bio ist für den Grundwasserschutz ziemlich egal.“

„Die vielleicht risikoreichste Umweltveränderung durch Ökobauern ist die biologische Schädlingsbekämpfung.“

Eine ziemlich heikle Umweltbilanz haben allerdings die Tiere, die auf Ökobetrieben gemästet werden. Bioschweine und Biobroiler wachsen langsamer und leben länger. Daher verbrauchen sie mehr Futter (Ackerfläche), mehr Trinkwasser und scheiden mehr Fäkalien aus. Kühe setzen durch ihre Darmgase Methan frei. Geben sie weniger Milch, wie es die Ökokühe tun, fällt die Methanbilanz pro Liter deutlich schlechter aus.

Doch von solchen kritischen Punkten wollen viele Anhänger des Ökolandbaus lieber nichts hören. Die Bundesregierung hat den Biolandbau zum Leitbild erhoben: Fragen stören nur. Eine offene, rationale Diskussion um Nutzen und Risiken der alternativen Methoden findet nicht statt.

Was ist eigentlich Biolandbau? Im deutschen Sprachraum sagt man „bio“ oder „öko“, im englischen „organic“. Damit sind landwirtschaftliche Methoden gemeint, die auf Kunstdünger und bestimmte Pflanzenschutzmittel verzichten. Ökobauern greifen stattdessen auf traditionelle Praktiken zurück, um die Fruchtbarkeit des Bodens zu erhalten. Gegen Schädlinge und Unkräuter setzen sie ebenfalls Giftstoffe ein, allerdings nur solche, die nicht synthetisch (also im Chemielabor) erzeugt wurden. Außerdem sollte jeder Hof ein Kreislauf aus pflanzlicher und tierischer Produktion sein, der möglichst wenige Zugaben von außen benötigt.

Die Ökolandwirte teilen sich in zwei Gruppen: Die einen berufen sich auf Rudolf Steiner, die anderen auf Hans Müller. Steiner entwickelte seine Thesen zur Landwirtschaft in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts als Teil einer umfassenden Weltanschauung, der Anthroposophie. Anthroposophen glauben an Reinkarnation, verschiedene unsichtbare Geisterwesen und daran, dass die Menschheitsentwicklung von Planetenzeitaltern abhängt. Steiner hinterließ ein umfangreiches Schrifttum (360 Bände) und wird bis heute von vielen Hunderttausend Jüngern in aller Welt verehrt (vgl. die Artikel von Andreas Lichte in Novo73/74 und Novo71). Den mineralischen Dünger betrachtete Steiner als wertlos und glaubte, dass in Gründüngung und Mist kosmische Kräfte walten. Durch den Mist wirke obendrein die Seele der Tiere. Die so erzeugten Lebensmittel seien durch diese Astralenergie wertvoller und gesünder als konventionell erzeugte Produkte. In Steiners Schriften zur Landwirtschaft finden sich skurrile Thesen. „Das Mondlicht entfaltet seine größte Wirkung“, schrieb er, „wenn es auf das Hinterteil eines Tieres scheint.“ Die Steinersche Methodik wird „biologisch-dynamisch“ genannt. Danach erzeugte Waren werden zumeist unter der Marke „Demeter“ verkauft. Zirka zwanzig Jahre nach Steiner entwickelte der Schweizer Lehrer Hans Müller gemeinsam mit dem Arzt Hans Peter Rusch die anthroposophische Wirtschaftweise weiter zum „organisch-biologischen“ Anbau, dem heute die meisten Ökobauern folgen. Er verzichtete weitgehend auf den esoterischen Überbau und konzentrierte sich vielmehr auf die praktischen Anbauregeln. Müller ging es in erster Linie darum, preiswerte Methoden für den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit zu entwickeln, weil viele schweizerische Kleinbauern sich Kunstdünger und Pestizide nicht leisten konnten oder durch deren Einsatz immer abhängiger von der Agrarindustrie wurden.

Die vielleicht risikoreichste Umweltveränderung durch Ökobauern ist die biologische Schädlingsbekämpfung. Dabei werden Scharen räuberischer Kleintiere ausgesetzt, die Ackerpflanzen von Schadinsekten befreien sollen. Ein seltsamer Widerspruch: In den Erklärungen der Ökoverbände gegen die Pflanzen-Gentechnik wird in grellsten Farben davor gewarnt, neue Organismen freizusetzen, selbst wenn diese vorher gründlich getestet wurden. Im Ökolandbau werden jedoch landauf, landab fremde Organismen freigesetzt, ohne dass jemand danach fragt. Dabei ist bereits ökologischer Schaden entstanden. Eine schweizerische Studie brachte an den Tag, dass eine häufig eingesetzte aus Moldawien stammende Schlupfwespenart ungeahnte Nebenwirkungen zeigt. Sie verdrängt heimische Schlupfwespen und fällt harmlose Schmetterlinge an. Auch eine im Ökolandbau beliebte asiatische Marienkäferart entwickelte sich zur Landplage.

„Die politische Festlegung auf den Biolandbau als leuchtender Pfad aus der Misere der Landwirtschaft verhindert den Wettbewerb um bessere Lösungen.“

Auf einem anderen Gebiet arbeiten Ökobauern jedoch vorbildlich: im Tierschutz. Speziell die Schweinehaltung ist in Ökobetrieben in der Regel tierfreundlicher als bei konventionellen Mästern. Dort werden Mastschweine nach wie vor in engen, kahlen Buchten eingepfercht. Allerdings ist die Sache mit dem Tierschutz komplizierter, als viele glauben. So gibt es Erkenntnisse, dass es Hühnern in Freilandhaltung durchaus nicht besser geht. Sie sind häufiger krank und leiden stärker unter Parasiten. Schädliches Verhalten wie Federpicken und Kannibalismus nehmen zu.

Nicht nur bei den Hühnern ist es schwierig herauszufinden, was wirklich am besten ist. Denn nicht überall, wo „öko“ draufsteht, ist auch „öko“ drin. Die politische Festlegung auf den Biolandbau als leuchtender Pfad aus der Misere der Landwirtschaft verhindert den Wettbewerb um bessere Lösungen. Viele konventionelle Landwirte haben dazugelernt. Ihr heutiger Stand der Technik heißt „Integrierter Anbau“ und folgt der Devise „So wenig Pflanzenschutz- und Düngemittel wie möglich“. Die Bioverbände laufen dagegen Gefahr, ideologisch zu erstarren und Methoden zu konservieren, die vor fast 100 Jahren entwickelt wurden.