12.02.2021

Wem würde Black Lives Matter ein Denkmal errichten?

Von Michael Crowley

Titelbild

Foto: John Lucia via Flickr / CC BY 2.0

Der Streit um eine Statue in Bristol offenbart die Selbstgefälligkeit und das historische Analphabetentum einiger antirassistischer Aktivisten.

Die im Juli 2020 niedergerissene Statue von Edward Colston wurde vorübergehend durch die Statue einer Black-Lives-Matter-Protestierenden ersetzt. Der Künstler Marc Quinn befestigte in den frühen Morgenstunden eines Montags die schwarze Harzstatue der Aktivistin Jen Reid auf dem Sockel. Vierundzwanzig Stunden später gab der Bürgermeister von Bristol, Marvin Rees, bekannt, dass sie entfernt werde, damit die Bevölkerung von Bristol auf demokratische Weise entscheiden könne, wer oder was an Colstons Stelle treten solle. Viele werden den Sturz von Colston und seine Ersetzung durch Reid als passend empfunden haben, als aufgeklärte Umgestaltung dieses Stadtmöbels. Aber sehen wir uns hier den weiteren Kontext an, insbesondere den historischen, dann eröffnen sich alternative Optionen.

Nach dem Sturz von Colston haben Demonstranten in London die Statuen von Churchill und Gandhi auf dem Parliament Square beschädigt und eine Debatte darüber entfacht, ob die Statue des britischen Kriegsführers ebenfalls entfernt werden sollte. Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan hat eine Überprüfung der Statuen der Hauptstadt versprochen; die Koalition „Stop Trump“ hat eine interaktive Karte mit 60 britischen Statuen erstellt, die „die Rassisten feiern“. 1 In Poole wurde der Stadtrat nur von Anwohnern daran gehindert, den Gründer der Pfadfinderbewegung Robert Baden-Powell von der Strandpromenade zu entfernen. 2 Die Bilderstürmer haben ihr Ziel weit gesteckt. Medieninterviews mit einigen, die angeblich am Abriss der Colston-Statue beteiligt waren, ergaben, dass sie keine Ahnung hatten, wer er war. Als eine Aktivistin von Cathy Newman vom Sender Channel 4 gefragt wurde, ob die Churchill-Statue „dort stehen sollte“, antwortete sie: „Einige sagen, er sei ein Rassist, andere, er sei ein Held, ich habe ihn nicht persönlich getroffen …“. 3 Es rollt ein Zug, wer weiß, wohin.

Dass Colston vorübergehend durch eine Statue von jemandem aus Black Lives Matter ersetzt wurde, spiegelt die Selbstgefälligkeit dieser Bewegung wider. Der Kampf um Statuen ist das jüngste Kapitel in der Cancel Culture – in der Menschen versuchen, das zu annullieren, was ihnen gegen den Strich geht, und zu diktieren, was der Rest von uns lesen, sehen oder hören soll, und was nicht. Und doch sind sich diese Aktivisten nicht sicher, was oder wen sie vorziehen würden. Das liegt zum Teil daran, dass das Kriterium immer in Bewegung ist, und zum Teil daran, dass viele der Kulturpolizisten in kultureller und historischer Hinsicht ungebildet sind.

Dies ist nicht nur ein Kampf um einzelne Denkmäler, sondern auch um den öffentlichen Raum und unsere Auseinandersetzung mit der Geschichte. Für die Aktivisten ist Geschichte repressiv und sie sind ihre Opfer. Seit Jahrzehnten schon werden wir von öffentlichen Stellen als potenzielle Opfer der einen oder anderen Art behandelt, mit Vorwarnungen und Notrufnummern nach Seifenopern-Ausstrahlungen. Dies hat auch einen Generationsbezug. Junge Menschen wurden zu Vorstellungsterminen eingeladen, um ihre Lehrer zu rekrutieren 4, und auch ansonsten kultiviert der Kult der Jugend eine extreme Anspruchshaltung. Jede neue Generation glaubt, sie sei der King – neu ist, dass die Erwachsenen die Krone nun bereitwillig der aktuellen Generation übergeben haben. Und was sie fühlen, halten sie für die Realität.

„Statuen sind nicht so wichtig. Sie sagen uns, was einige einflussreiche Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt für erinnerungswürdig hielten.“

Das Argument gegen bestimmte Statuen – etwa von Cecil Rhodes oder Edward Colston – ist nicht nur, dass sie beleidigend sind, sondern auch, dass ihr Fortbestehen die Menschen heute unterdrückt – dass Statuen die Menschen und den sozialen Fortschritt zurückhalten, weil sie bewusst Rassismus und Imperialismus verherrlichen. Aber auch dies ist historischer Analphabetismus. In Großstädten in ganz Europa war die Zeit von 1848 bis 1914 eine arbeitsreiche Zeit des Statuenbaus, wobei in Paris 78, in Berlin 59 und in London 61 aufgestellt wurden. 5 Die europäischen Mächte zementierten ein Gefühl der nationalen Identität und des Imperiums. Als sie fertig waren, stand Großbritannien kurz davor, das allgemeine Wahlrecht, wenn nicht gar eine soziale Revolution zu erreichen, und die Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen begannen, sich unumkehrbar zu verschieben. Und das alles ohne eine Statue von Eleanor Marx oder Tom Mann. In der gesamten Sowjetunion errichteten die Stalinisten an Straßenecken Figuren von Parteifunktionären, aber diese ließen die Menschen kalt. Nachdem das System zusammengebrochen war, wurden viele von ihnen, wie in Budapest, in gespenstisch komische Statuenparks abtransportiert.

Statuen sind nicht so wichtig. Sie sagen uns, was einige einflussreiche Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt für erinnerungswürdig hielten. Sie sind ein Fenster zu den Sorgen – oder dem Fehlen von Sorgen – anderer. Die Statuen von Bomber Harris und General Haig, den Architekten der Brandbombenangriffe auf Dresden und der Somme-Offensive, haben mich schon immer verwirrt. Aber es ist mir nie die Erwartung in den Sinn gekommen, dass sie entfernt werden. Sie sind eine Erinnerung daran, wie wenig dem Establishment das Leben der einfachen Leute wert ist, besonders in Kriegszeiten. Denkmäler stehen zu lassen, bedeutet nicht, das Wirken der Dargestellten zu rechtfertigen. Sie sind lediglich ein Teil des Stoffs der Vergangenheit, der in das Heute eingewoben ist.

Nach dem Sturz von Colston war in Bristol eine Petition im Umlauf, in der die Behörden aufgefordert wurden, eine Statue von Paul Stephenson zu errichten, der 1963 einen Busboykott in der Stadt anführte, nachdem die Bristol Omnibus Company sich geweigert hatte, schwarze Fahrer oder Schaffner zu beschäftigen. Eine andere Möglichkeit wäre es, Stephenson gegenüber von Colston auf dem Platz zu positionieren, so dass sich sein Blick direkt auf Colston richtet. Man hat Colston ein Denkmal gesetzt, weil er durch die Erlöse aus dem Sklavenhandel ein großer Wohltäter für Bristol war. Die beiden Statuen zusammen würden eine ergreifendere und aufschlussreichere Geschichte erzählen.

Wir müssen unsere Vergangenheit verstehen und sie nicht nur moralisch beurteilen. Die Geschichte kann uns nicht schaden. Aber wenn wir ihr den Rücken kehren, hat sie die Angewohnheit, sich an uns heranzuschleichen, und dann laufen wir Gefahr, alles noch einmal durchzumachen.