01.07.2006

Weltuntergang made in China?

Analyse von Kirk Leech

Für so manchen westlichen Fortschrittskritiker ist China der lebendige Beweis dafür, dass Wirtschaftswachstum generell abzulehnen sei. Kirk Leech ist da ganz anderer Meinung.

Im Jahr 2008 wird Peking die Olympischen Spiele ausrichten. Westliche Öko-Aktivisten bereiten sich schon jetzt auf das Großereignis vor; sie wollen es nutzen, um Druck auf das Land auszuüben. Es soll seine Umweltbilanz verbessern, da diese schon heute eine „Gefahr für den ganzen Planeten“ darstelle. Es stellt sich jedoch die Frage, ob den Menschen in China oder anderswo in der Welt damit geholfen wäre, wenn China seine ökonomische Entwicklung drosselt.

Die Liste der Anklagen gegen die chinesische Umweltpolitik ist lang. Bereits seit Jahren laufen Umweltschützer Sturm gegen den im Mai 2006 fertig gestellten Drei-Schluchten-Damm – eine der größten Talsperren und eines der größten Wasserkraftwerke der Welt. Dieser zerstöre nicht nur die Umwelt und habe die Zwangsumsiedlung zahlreicher Dörfer nötig gemacht, sondern sei auch für die sinkende Wasserqualität des Jangtsekiang verantwortlich. Fünf der größten Ströme Chinas seien so stark verschmutzt, dass bereits der Kontakt mit ihrem Wasser gefährlich sei. Darüber hinaus wird China vorgeworfen, in Kürze die USA als weltgrößten Produzenten von Treibhausgasen abzulösen.1

Berichten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge verfügen zwei Drittel aller chinesischen Städte über eine unterdurchschnittliche Atemluftqualität; neun der zehn am stärksten unter Luftverschmutzung leidenden Städte weltweit liegen im Reich der Mitte.2 Nach chinesischen Angaben sterben jedes Jahr 400.000 Menschen an Krankheiten, die auf eine starke Luftverschmutzung zurückgeführt werden. In den letzten fünf Jahren hat sich die Anzahl der Autos in Peking auf 2,5 Mio. verdoppelt; bis das olympische Feuer die Hauptstadt erreicht, wird deren Zahl auf über 3 Mio. angestiegen sein.

Kürzlich kürte der britische Guardian die Stadt zur globalen „Hauptstadt der Luftverschmutzung“ und schloss sich der breiten Kritik an der zurückhaltenden Klimapolitik der Regierung in Peking an – ungeachtet der Tatsache, dass China als Entwicklungsland überhaupt nicht an das Kiotoprotokoll gebunden ist. Darüber hinaus weisen Umweltaktivisten auf die rasante Abholzung und die Wüstenbildung hin, die nirgendwo schneller vonstatten gehe als im Reich der Mitte und bereits dessen Hauptstadt bedrohe. Und auch das National Geographic Magazine bezeichnete die Entwicklung Chinas jüngst als „ökologische Selbstmordstrategie“, zudem habe auch das Bevölkerungswachstum ökologisch wie ökonomisch katastrophale Folgen für den ganzen Planeten.

Schon seit längerem konzentrieren sich Umweltschützer auf China; die rasante Industrialisierung des Landes erzeugt bei westlichen Beobachtern zusätzliche Ängste. Grundlage dieser Ängste ist die in zahlreichen Büchern, Artikeln und Weblogs zum Ausdruck kommende Sichtweise, dass die Geschwindigkeit des chinesischen Wachstums die begrenzten natürlichen Ressourcen zerstöre. Exemplarisch ist dies auf der Website des Grist Magazine nachzulesen: „Zurzeit verbrauchen die 1,3 Mrd. Einwohner des Landes im Durchschnitt Energie im Gegenwert einer 100-Watt-Glühbirne im Jahr. Man stelle sich vor, sie würden in Zukunft anstelle einer Glühbirne 20 sowie zwei Fernsehgeräte, zwei Autos, eine Waschmaschine und einen Geschirrspüler verwenden, ganz zu schweigen vom zusätzlichen Energiebedarf durch Chinas Eisen-, Aluminium- und Plastikindustrie. Wo soll die ganze Energie herkommen?“3

Die Kritik an Chinas Wirtschaftswachstum ist grundlegender Natur. Das aufstrebende Land ist zum Inbegriff des angeblich destruktiven Charakters wirtschaftlichen Fortschritts geworden. Aber ist Chinas Wachstum tatsächlich so außergewöhnlich, oder erscheint es nur so angesichts der stagnierenden, risikoscheuen und auf Konservierung des Bestehenden bedachten „entwickelten Welt“? Reflektiert die Debatte über China nicht eher die zunehmende westliche Skepsis gegenüber Wachstum und Fortschritt im Allgemeinen? Tatsächlich stellt Chinas Industrialisierung die Entwicklung in den meisten Ländern der Welt in den Schatten. Aber ist Entwicklung wirklich zwingend mit Zerstörung und Katastrophen gleichzusetzen, wie es die konservativen Öko-Lobbyisten uns weismachen wollen?

"China wird in einer viel besseren Position sein, seine Probleme zu lösen, wenn es wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum nicht als Ursache der Probleme, sondern als Bestandteile ihrer Überwindung begreift."

Natürlich haben die schnelle wirtschaftliche Entwicklung, die Urbanisierung, die boomende Nachfrage nach Autos und Benzin und der hierdurch anschwellende Straßenverkehr sowie die Abhängigkeit von Kohlekraftwerken ihre Schattenseiten. Ich habe in den letzten Jahren viel Zeit in rasant wachsenden Industriestädten wie z.B. im indischen Abmedabad oder im brasilianischen Porto Alegre verbracht, und ich kenne das brennende Gefühl in Hals und Augen, das durch den Smog ausgelöst wird. Doch das ist es nicht, was westliche Kritiker meinen, wenn sie über China herziehen. Sehr oft liegt ihrer Kritik das grundsätzliche Misstrauen gegenüber dem menschlichen Fortschrittsstreben und den positiven Effekten wirtschaftlicher Entwicklung zugrunde. Im Zentrum steht das aus ihrer Sicht grundlegend destruktive Verhältnis der Menschheit zu ihrer Umwelt. Jonathon Porritt beschreibt dies in seinem neuen Buch Capitalism As If the World Matters sehr anschaulich: „Diese Art des Materialismus, den unser Konsumkapitalismus erzeugt, kann Menschen nicht zufrieden stellen und zerstört den menschlichen Geist, wie er auch die natürliche Welt zerstört.“4 Nach Porritts Lesart werden die Menschen immer unglücklicher, je reicher sie werden.

Die Chinesen werden dies freilich anders sehen. Kein Wunder: Was sollten sie dagegen einzuwenden haben, dass sich das Durchschnittsalter der chinesischen Bevölkerung seit 1950 von 35 auf 70 Jahre verdoppelt hat? Oder dagegen, dass sich ihr Durchschnittseinkommen seitdem versiebenfacht hat und „durch die rasanteste Wohlstandsentwicklung der Menschheitsgeschichte“ 400 Mio. Menschen aus ärmlichsten Verhältnissen befreit wurden?5 Noch 1980 war die chinesische Armutsrate eine der höchsten der Welt, seitdem ist sie von 53 auf acht Prozent gefallen und liegt heute unter dem globalen Durchschnitt.6 Man muss kein Anhänger des chinesischen Regimes sein, um dies als Fortschritt anzuerkennen.

Zweifellos hat China viele Probleme, die es zu lösen gilt. Doch das Land wird in einer viel besseren Position sein, dieses Ziel zu erreichen, wenn es wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum nicht als Ursache seiner Probleme, sondern als Bestandteile ihrer Überwindung begreift. Zwischen 1979 und 2002 ist das chinesische Bruttoinlandsprodukt jährlich um durchschnittlich neun Prozent gewachsen (bei deutlich weniger stark anwachsender Bevölkerung), was dem Land enorme Möglichkeiten verschafft, die allgemeinen Lebens- sowie Umweltbedingungen zu verbessern.7 Das Herunterschrauben des Lebensstandards, für das viele Umweltschützer eintreten, ist weder wünschenswert noch wird es passieren. Die Lösung von Umweltproblemen wird auch nicht durch das (Wieder-)Herstellen so genannter „harmonischer Beziehungen zur Natur“, sondern nur durch den intensiveren Einsatz moderner Technologien sowie durch ein starkes wirtschaftliches Wachstum erreicht werden können. Ökologische Schwarzmaler übersehen ebenfalls, dass höher entwickelten und moderneren Gesellschaften viel mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen, ihre Situation positiv zu beeinflussen. Arme Gesellschaften, in der die Menschen lediglich ums eigene Überleben kämpfen, haben weder Raum noch Mittel, sich derlei Fragen ernsthaft zu stellen.

"Peking geht mit manchen seiner Umweltschutzmaßnahmen weiter, als viele Industriestaaten dies von sich selbst verlangen würden."

Die Industrialisierung Chinas hat einen enorm hohen Energiebedarf geweckt. In den letzten beiden Jahren hat das Land zusätzliche 155 Mrd. Watt Energieleistung in sein nationales Netz eingespeist – eine Aufstockung, die in etwa dem Energiebedarf Indiens oder Brasiliens entspricht. Kein anderes Energiesystem auf der Welt ist jemals so stark gewachsen. 80 Prozent seiner Energie gewinnt China aus seinen Kohlekraftwerken. An deren Kohlendioxidemissionen entzündet sich ein Großteil der Kritik. Doch Peking hat mittlerweile einige Maßnahmen ergriffen, um seine Abhängigkeit von Kohle und anderen fossilen Brennstoffen zu reduzieren; obwohl es fraglich ist, ob hierdurch eine tatsächliche Verringerung der Belastung erreicht werden kann. Zusätzlich hat China eine Steuer auf die Verwendung stark schwefelhaltiger Kohle erlassen und 40 „kohlefreie Zonen“ eingerichtet. Zudem hat sich das Land gesetzlich verpflichtet, bis zum Jahr 2020 zehn Prozent seines Energiebedarfs durch die Nutzung erneuerbarer Energien abzudecken. Mit zahlreichen EU-Staaten arbeitet Peking an der Entwicklung moderner Kohlekraftwerke mit drastisch reduzierten Kohlendioxidemissionen.8 Des Weiteren sind Pläne zur intensiveren Nutzung von Erdgas in der Hauptstadt weit fortgeschritten, schon heute verfügt Peking mit 1700 gasbetriebenen Bussen über die größte derartige Flotte der Welt.

Viele dieser Maßnahmen erinnern stark an Umweltschutzregulierungen, die in den letzten 15 Jahren im Westen eingeführt wurden. Doch China geht sogar weiter, als viele Industriestaaten dies von sich selbst verlangen würden. Im Dezember 2004 stoppte die chinesische Umweltschutzbehörde mehr als 30 Großprojekte – vornehmlich den Bau von Wasser- und Heizkraftwerken –, da diese den strikten gesetzlichen Umweltschutzstandards nicht entsprachen.9 Erst nachdem diese Standards erreicht wurden, konnte weitergebaut werden. In einem weiteren dramatischen Schritt senkte Peking den immens wachsenden Bedarf an Autos und Benzin. Mittlerweile sind die Effizienz- und Umweltschutzbedingungen für neue Fahrzeuge wesentlich strikter als in den USA, Tendenz weiter steigend. Auch der Erwerb neuer Autos wurde erheblich erschwert. Wer in Schanghai Auto fahren will, muss Glück und Geld haben: Monatlich werden lediglich 6000 Lizenzen für Neuzulassungen erteilt; eine solche Lizenz kostete im Juni 2005 mehr als 3300 Euro. Man mag solche Maßnahmen für autoritär oder progressiv halten; Fakt ist jedoch, dass sie von westlichen Umweltaktivisten nicht zur Kenntnis genommen werden. Dies gilt im Übrigen auch für die Rede des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao, der im Januar dieses Jahres auf einer Konferenz in Peking ankündigte, China werde künftig dem Energiesparen, der Wasserkraft und dem Umweltschutz oberste Priorität einräumen.10 Ganz offensichtlich passen derlei Verlautbarungen und Maßnahmen nicht in die Weltsicht westlicher Öko-Prediger, denen zufolge China sich nicht um Umweltprobleme kümmere.

Auch nicht in dieses Weltbild passen Chinas Bemühungen, auf neue umweltfreundliche Wege in der Energiegewinnung zu setzen; sie werden sogar kritisiert. Sowohl der Bau des Drei-Schluchten-Damms als auch die Entwicklung einer völlig neuen Generation von Atomreaktoren, in denen weder endzulagernde Brennstäbe anfallen noch die theoretische Möglichkeit einer Kernschmelze existiert, sorgten in westlichen Umweltschützerkreisen für große Empörung. Dass China aber in Wirklichkeit schon heute weitaus energieeffizienter wirtschaftet als viele andere Entwicklungsländer wie z. B. Indien oder Brasilien, wird unter den Teppich gekehrt. Tatsächlich ist der chinesische Energieverbrauch pro US-Dollar erwirtschafteten Bruttosozialprodukts rückläufig. Der Installation modernerer Industrieanlagen sowie zahlreichen Energiesparprojekten ist es zu verdanken, dass China in den letzten Jahren seine Energieintensität verringert hat. Dennoch wird das Land weiterhin für seinen angeblich unstillbaren Energiehunger gescholten. Die Kritik richtet sich also nicht gegen die Art des Energieverbrauchs oder gegen mangelnde Effizienz, sondern gegen die Tatsache, dass Chinas Wirtschaft überhaupt wächst.

Doch so genau nehmen es die China-Kritiker nicht. Stattdessen werden alte Untergangsszenarien recycelt. So taucht immer wieder die Prognose von Lester Brown in den Medien auf, der zufolge Chinas schnelle Industrialisierung den Untergang der menschlichen Zivilisation nach sich zöge, wenn nicht ein neues, natürliche Ressourcen schonendes Wirtschaftsmodell entwickelt würde. Tatsächlich stammt diese Sichtweise aus dem Jahr 1973. Damals schrieb Brown in einem Artikel in der Foreign Policy, der wachsende Nahrungsbedarf, bedingt durch Bevölkerungswachstum und ansteigenden Reichtum, habe begonnen, die Produktionskapazitäten der Fischer und Bauern weltweit zu übersteigen.11 22 Jahre später klang seine Argumentation ähnlich. In seinem 1995 erschienenen Buch Wer ernährt China? Alarm für einen kleinen Planeten schrieb er, dass China vor enormen und unüberbrückbaren Nahrungsmittelengpässen stehen würde, wenn es sein Wirtschaftswachstum nicht stärker begrenzte.12 Neun Jahre später forderte das Welternährungsprogramm der UN (WFP) das Reich der Mitte auf, die Menge der Nahrungsmittel, die es an arme Länder spendet, drastisch zu erhöhen.13 Heute bedarf China keiner Nahrungsmittelhilfen mehr; es ist nicht mehr Empfänger, es ist Lieferant.

"Der chinesische Energieverbrauch pro US-Dollar erwirtschafteten Bruttosozialprodukts ist rückläufig."

Nicht fundierte Vorhersagen wie die Browns prägen bis heute das Denken und Handeln vieler Umweltschutzaktivisten, unabhängig davon, ob der Lauf der Geschichte sie widerlegt hat oder nicht. Die meisten dieser Darstellungen reproduzieren das alte malthusianische Argument, nach dem das Bevölkerungswachstum automatisch die Kapazitäten unseres Planeten übersteigen, seine Ressourcen verbrauchen, zu Hungersnöten führen und das Wirtschaftswachstum bremsen müsse. Jonathon Porritt geht davon aus, dass, sollten die Chinesen die kulturellen Gewohnheiten der US-Amerikaner übernehmen, etwa das Zeitungslesen, alle Waldbestände der Welt der chinesischen Lesewut zum Opfer fallen würden. Selbst einfachste technische Fortschritte wie die Verwendung von Recyclingpapier oder die Möglichkeiten neuer Technologien – schon heute werden Zeitungen verstärkt online gelesen – scheinen im Weltbild von Porritt nicht vorzukommen. Stattdessen kreiert er seine Zukunftsvisionen durch bloßes Fortschreiben der Vergangenheit. Was er ignoriert, ist die Kreativität des Menschen. Auf ähnliche Art entstehen die immer wiederkehrenden Horrorszenarien über das Versiegen natürlicher Ressourcen. Diese mögen mathematisch betrachtet tatsächlich endlich sein; der menschliche Erfindungsreichtum ist es hingegen nicht.

Die chinesische Gesellschaft ist gespalten, und wie in jeder de facto kapitalistischen Gesellschaft gibt es Gewinner und Verlierer. Jedoch die Proteste der armen Landbevölkerung in einem Atemzug mit den Protesten der westlichen Umweltbewegungen zu nennen und ein Ende des chinesischen Wirtschaftswachstums zu fordern, basiert bestenfalls auf Unwissenheit, schlimmstenfalls auf Unehrlichkeit.