21.11.2012

Was ist (Selbst-)Bewusstsein? Zur Auseinandersetzung um Geist und Materie

Rezension von Edgar Gärtner

In einer Sammelrezension wird sich mit aktuellen Büchern zur Neurodebatte auseinander gesetzt. Haben wir einen freien Willen? Sind wir durch unsere Gehirne determiniert? Bestimmt das Sein das Bewusstsein oder ist es umgekehrt?

An der Frage nach der Natur des menschlichen Selbstbewusstseins und des freien Willens scheiden sich noch immer im wahrsten Sinne des Wortes die Geister. Schon seit Sigmund Freuds „Wiederentdeckung“ des Unbewussten, spätestens aber seit den neurophysiologischen Experimenten von Benjamin Libet (1916–2007) in Kalifornien gilt der Mensch vielen Psychologen und Hirnforschern nicht mehr als Herr im Hause des eigenen Ich. Nach Libet sei es „eine unumstößliche und experimentell bewiesene Tatsache, dass eine Handlung immer schon ausgeführt ist, wenn sich das Gehirn ihrer bewusst wird“, erklärt einer von Libets Nachfolgern, der bekannte Hirnforscher Michael Gazzaniga, in seinem neuesten Buch Who’s in Charge? Free Will and the Science of the Brain. Damit scheint sich Gazzaniga auf den ersten Blick der durchaus gängigen deterministischen Fehlinterpretation der Experimente Libets anzunähern. Die deutsche Übersetzung des Titels seines Buches (Die Ich-Illusion) leistet diesem Missverständnis (bewusst?) noch Vorschub. In Wirklichkeit vertritt Gazzaniga in seinen Ausführungen über die strafrechtliche Verantwortung eher die gegenteilige Position, indem er die individuelle Verantwortung unterstreicht.

Streng genommen können Experimente nach der Theorie des Wissenschaftsphilosophen Karl R. Popper übrigens nichts beweisen, sondern nur Vermutungen entkräften beziehungsweise Annahmen falsifizieren. Das heißt wir wissen nach einem Experiment mit eindeutigem Ausgang, wie ein Vorgang sicher nicht abläuft. Aber wir wissen noch immer nichts Endgültiges über die tatsächlichen Zusammenhänge. Deshalb hat Libet selbst die Ergebnisse seiner Experimente immer sehr vorsichtig interpretiert und sich in keiner Weise jenen Materialisten angenähert, die darin die ultimative Widerlegung der traditionellen jüdisch-christlichen Auffassung von Willensfreiheit sehen wollten.

Was zeigen Benjamin Libets Experimente genau?

Hier noch einmal in aller Kürze, was Libet herausgefunden hat: Seine Versuchspersonen sollten zu einem frei wählbaren Zeitpunkt ein Handgelenk bewegen. Den Zeitpunkt ihres Entschlusses sollten sie sich mithilfe eines sich bewegenden Punktes auf dem Bildschirm eines Oszillographen merken. Nach den Angaben der Versuchsteilnehmer erfolgte dieser Entschluss etwa 200 Millisekunden vor dem Beginn der Handlung. Libet stellte jedoch mithilfe von Elektroden an der Schädeldecke fest, dass sich in den für die Handbewegung zuständigen neuronalen Schaltkreisen schon 350 Millisekunden früher, das heißt insgesamt 550 Millisekunden vor Handlungsbeginn, ein so genanntes Bereitschaftspotential aufgebaut hatte. Die Entscheidung, ein Handgelenk zu bewegen, erfolgte also in Wirklichkeit unbewusst, obwohl die Versuchspersonen den Eindruck hatten, sich völlig frei und bewusst entschieden zu haben. Libet konnte zeigen, dass der falsche Eindruck durch eine automatische Rückdatierung der Entscheidung zustande kommt. Er konnte ferner demonstrieren, dass die Versuchspersonen unbewusst eingeleitete Handlungen bis zu einem gewissen Zeitpunkt durchaus noch durch ein bewusstes Veto stoppen können. In dieser Veto-Möglichkeit besteht seiner Ansicht nach ein wichtiger Aspekt der Willensfreiheit. Die Menschen können also spontanen Handlungsimpulsen im Einklang mit ihren religiösen Überzeugungen und/oder mit sozialen Tabus widerstehen.

Michael Gazzaniga lokalisiert den Prozess der Rückdatierung des bewussten Handlungsentschlusses in der linken Hirnhälfte, die für nachträgliche Interpretationsleistungen aller Art (einschließlich der „Ich-Illusion“) zuständig ist. Er ist aber der Meinung, der Rückdatierung werde eine zu große Bedeutung zugeschrieben. „Das Bewusstsein ist seine eigene Abstraktion auf seiner eigenen Zeitskala, und diese Zeitskala stimmt mit ihm überein“, schreibt er. Er nähert sich damit der Auffassung mancher Quantenphysiker, die die Absolutheit von Raum und Zeit in Frage stellen. Die Veto-Funktion verortet Gazzaniga, wie vor ihm die Neurobiologen Marcel Brass und Patrick Haggard, in einem spezifischen Areal im dorsalen frontomedialen Cortex (dFMC). Aus früheren Untersuchungen an Hirnverletzten war bereits bekannt, dass eine Schädigung des orbitofrontalen Cortex (des erst in der Pubertät ausreifenden Teils des Stirnhirns, der direkt über den Augen liegt) zum Verlust der Impulskontrolle und der Fähigkeit zum vorausschauenden, moralkonformen Handeln führt. Der Bremer Verhaltensphysiologe Gerhard Roth weist allerdings darauf hin, dass auch dem Veto ein messbares Bereitschaftspotential vorausgeht. Das Veto könne also nicht rein geistiger Natur sein. Dagegen verweist Gazzaniga auf psychologische Experimente von Kathleen Vohs und Jonathan Schooler, die zeigen, dass zumindest der Glaube an den freien Willen Denken und Handeln positiv beeinflussen kann: Von ihrem freien Willen überzeugte Testpersonen mogelten bei Testaufgaben signifikant weniger oft als solche, die dem Determinismus zuneigten. In diesem Sinne könne man durchaus sagen, ein Geisteszustand könne einen anderen beeinflussen, meint Gazzaniga.

In seinem im Jahre 2005 erschienenen Buch Mind Time legte Libet seine Time-on-Theorie dar, wonach alle bewussten Gedanken, Pläne und Gefühle unbewusst beginnen. Schnelle Reaktionen im Sport (zum Beispiel beim Zurückschlagen eines 160 Stundenkilometer schnellen Tennisballs) können nur unbewusst erfolgen. Sie werden erst bewusst, wenn die Aktion bereits abgeschlossen ist. Er ging dabei davon aus, dass das subjektive Bewusstsein wesentlich nichtphysischer Natur und deshalb nicht auf neuronale Funktionen reduzierbar ist. Der materialistische Determinismus beruhe ebenso sehr auf nicht falsifizierbaren Glaubens-Annahmen wie sein Gegenpart, der idealistische Dualismus von Leib und Seele, betonte Libet.

Die Bewusstseinsinhalte sind nach Libets Überzeugung unabhängig von neuronalen Funktionen. Er kannte kein Experiment, das Anhaltspunkte für das Gegenteil lieferte. In der Tat: Epilepsie-Patienten, denen aus therapeutischen Gründen die Verbindung zwischen den beiden Großhirnhälften (Corpus callosum) durchtrennt wurde („Split brain“), fühlen sich noch immer als einheitliches Selbst. Weder sehen sie doppelt, noch fühlen sie widerstrebende Handlungsantriebe. Bewusstes Erleben ist, wie Libet selbst zeigen konnte, auch unabhängig vom Prozess der Gedächtnisbildung. Insofern ist der deutsche Untertitel des Libet-Buches (Wie das Gehirn Bewusstsein produziert) irreführend. Libet selbst setzte „produziert“, vorsichtig wie er war, in Anführungszeichen. Er ging lediglich davon aus, dass Bewusstsein, im Einklang mit seinen Experimenten, „das emergente Resultat geeigneter neuronaler Aktivitäten ist, wenn diese eine Mindestdauer von 0,5 sec haben.“

An diese Hypothese hält sich auch Gazzaniga, wenn er schreibt: „Ich glaube, dass bewusstes Denken eine emergente Eigenschaft ist.“ Was das genau heißt, wird aber nicht klar. Ich habe jedenfalls den Verdacht, dass Neurowissenschaftler immer dann die Emergenz ins Feld führen, wenn sie theoretisch nicht mehr weiter wissen. Gazzaniga ist übrigens der Neurowissenschaftler, der wohl die meisten Experimente mit „Split-Brain“-Patienten durchgeführt hat. Er konnte dadurch zeigen, dass es unmöglich ist, das Ich-Bewusstsein in einer der beiden Großhirnhälften oder sonst wo zu lokalisieren. Dennoch gebe es ein Ich-Gefühl, stellt er fest. Er legt darüber hinaus nahe, neben dem entwicklungsgeschichtlich sehr jungen Broca-Areal (eines der Sprachzentren) im unteren linken Stirnhirnlappen auch dem bereits 1925 entdeckten, aber lange Zeit kaum beachteten Von-Economo-Neuronen (VEN) eine Schlüsselrolle in der Steuerung des überaus komplexen, durch gesprochene und geschriebene Sprache vermittelten Sozialverhaltens zuzuschreiben, durch das sich die Menschen von den Primaten und anderen Säugern mit ausgeprägtem Sozialverhalten qualitativ unterscheiden. VENs stellen eine besonders große Form der Pyramidenzellen in der Großhirnrinde dar. Erwachsene Menschen haben davon über 193.000, Menschenaffen im Schnitt jedoch nur 6.950. Außer bei Primaten wurden VENs auch bei Elefanten, einigen Walarten und bei Delfinen gefunden. Interessant ist, dass die Zahl der VENs bei Menschen von 28.200 bei der Geburt auf 184.000 bei Vierjährigen hochschnellt. Das deute darauf hin, dass das Aufkommen der VENs in besonderer Weise mit der Entwicklung des sozialen Bewusstseins verbunden ist, sagt Gazzaniga.

Leider haben in den vergangenen Jahren überwiegend vorschnelle deterministische Interpretationen der Experimente Libets und weniger dessen Insistieren auf experimenteller Falsifizierbarkeit Schule gemacht. „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“ Dieses vulgärmaterialistische Glaubensbekenntnis von Karl Marx und Friedrich Engels ist bis heute de facto zur Eintrittskarte in jegliche Form neurobiologischer Forschung geworden. Überwiegend orientiert diese sich noch immer am überholten Weltbild der klassischen Physik vor der Entdeckung der Quantenphänomene. Doch müssen die Verfechter des materialistisch-deterministischen Dogmas, wie mir scheint, immer neue argumentative Eiertänze aufführen, um sich vor der Anerkennung der Tatsache zu drücken, dass es im Universum und auf Erden Erscheinungen gibt, die nicht materialistisch gedeutet werden können.

Zielgerichtete Evolution

Tatsächlich gibt es inzwischen nicht wenige Naturwissenschaftler, die davon überzeugt sind, dass der Beginn des Johannes-Evangeliums („Im Anfang war das Wort…“) die Entwicklung des Universums ausgehend vom Urknall nach heutigem Wissen im Prinzip richtig beschreibt. In der „Ursuppe“, in der nach der bekannten Hypothese von Stanley L. Miller Leben spontan entstanden sein soll, konnten experimentell bislang höchstens Aminosäuren, aber nie auch nur einfachste Proteine erzeugt werden. Dafür fehlte der genetische Code, das heißt die Information für die Anordnung der Aminosäuren. Auch die Entwicklung der Organismenvielfalt und komplexer Organe konnte nur zielgerichtet und nicht im Wechselspiel von blindem Zufall und Selektion erfolgen. Die Selektion erklärt nur gewisse Anpassungen, aber nicht das Entstehen und die Durchsetzung von Neuerungen. Durch die Entdeckung der Transpositionselemente (TE) im Genom und die Erkenntnisse der Epigenetik wurde Darwins Gegenspieler Jean Baptiste Lamarck inzwischen wieder ein Stück weit rehabilitiert. „Lebende Organismen reagieren auf schwere und anhaltende Belastungen, denen sie durch ihre Umwelt ausgesetzt werden, mit einem kreativen Prozess der Selbstmodifikation ihres Genoms“, erklärt der Freiburger Neurogenetiker Joachim Bauer. Diese Einsicht muss nach seiner Ansicht nicht als Bestätigung des biblischen Schöpfungsglaubens interpretiert werden, aber sehr wohl als Infragestellung des Darwinismus.

Die Darwinsche Erklärung der Evolution aus dem Zusammenspiel von zufälligen Mutationen und natürlicher Zuchtwahl passt noch am ehesten auf die menschliche Kulturentwicklung. Die biotische Evolution verlief, wie wir heute wissen, entgegen Darwins Annahme eines strengen Gradualismus, durchaus in Sprüngen, und zwar aufgrund der Verdoppelung und Umgruppierung von TE im Genom. Graduelle Anpassungen infolge der natürlichen Selektion spielten nur in den relativ langen Ruhephasen zwischen den Sprüngen die Hauptrolle.

Joachim Bauer weist darauf hin, dass Darwin selbst in zentralen Fragen weniger dogmatisch war als seine sozialdarwinistischen Epigonen. Richard Dawkins könne sich mit seinem Konstrukt „egoistisches Gen“ nicht auf Darwin berufen, betont er. Die Menschen sind nach Darwin primär durch die Suche nach sozialer Anerkennung und Bindung motiviert. Beide sind, wie wir heute wissen, unabdingbar für die normale Ausdifferenzierung der Motivationssysteme des Mittelhirns und die Freisetzung der dort gebildeten Botenstoffe, wie vor allem Dopamin und körpereigene Opioide. Es gibt im menschlichen Hirn keinen Mechanismus, der das Quälen von Mitmenschen belohnen würde. Stattdessen sorgen so genannte Spiegelneuronen dafür, dass wir den Schmerz anderer nicht nur geistig, sondern über den cingulären Cortex auch körperlich mitfühlen. Aggressives Verhalten beruht nicht auf angeborenen Instinkten, sondern auf einem durch Frustration und Demütigung erworbenen Mangel am „Beruhigungshormon“ Serotonin, das in den Raphe-Kernen des Stammhirns gebildet wird.

Das menschliche Hirn ist also ein soziales Organ. Die wichtigsten Informationen für die Orientierung seiner Entwicklung stammen nicht von ihm selbst, sondern aus der gesellschaftlichen Interaktion, also „von außen“. Soziale Ausgrenzung kann im Hirn betroffener Individuen zu messbaren Schäden führen! Joachim Bauer betont auch, dass Darwin durchaus von der Existenz einer „Seele“ überzeugt war. Er sah in ihr die fühlende Instanz der Lebewesen und schloss nicht aus, dass diese zum großen, wenn nicht größten Teil unbewusst arbeitet. In seinem noch heute oft zitierten Werk The Expression of Emotion in Man and Animals schildert Darwin ausführlich seine scharfen Beobachtungen der psychosomatischen Effekte von Empathie. Der deutsche Verhaltsphysiologe Gerhard Roth bestreitet allerdings, dass man von „Seele“ oder Bewusstsein im Singular reden könne. Es handele sich dabei vielmehr um inhaltlich sehr verschiedene Zustände, die gemeinsam haben, dass sie unmittelbar bewusst erlebt werden und in sprachlicher Form berichtet werden können. Für Roth sind „Geisteszustände wesensmäßig Hirnzustände“.

Die Nichtlokalität des Bewusstseins

Ganz anders sehen das Thomas und Brigitte Görnitz. (Er ist Quantenphysiker, sie Psychoanalytikerin.) Bewusstsein ist in ihren Augen ein Zustand von Quanteninformation, die sich in einem lebenden Körper selbst kennt und erlebt. Das Streben nach Selbstkenntnis sei der kosmischen Evolution eigen. Das Libet-Experiment sei falsch angelegt, weil im Lichte der Quantenphysik unklar bleibe, was für noch nicht zu Fakten gewordene Möglichkeiten ‚früher‘ oder ‚später‘ bedeuten. Da das Drücken des Knopfes nicht aufgrund vernünftiger Erwägungen, sondern ‚spontan‘ erfolgen sollte, hätten die Probanden in Wirklichkeit auf unbewusste Impulse reagiert, deren Bewusstwerdung eine gewisse Zeit benötigt. Bewusstsein sei ein lösbares Rätsel, da die Gedanken ebenso wie die Nervenzellen und die zwischen ihnen ausgetauschten Photonen aus der gleichen ‚Substanz‘ bestehen: Quanteninformation, die lediglich ihre Zustandsform wechselt.

Die Nichtlokalität des Bewusstseins, seine Unabhängigkeit von bestimmten Körperfunktionen schließen danach aus, dass wir von verschiedenen Gehirnaktivitäten auf Gedanken- und Bewusstseinsinhalte schließen können. Eine Bestätigung dieser These sieht der niederländische Kardiologe und Bewusstseinsforscher Pim van Lommel in hunderten von ihm analysierten und statistisch ausgewerteten Nahtoderfahrungen (NTE) von Patienten mit einem vorübergehenden Totalausfall aller Hirnfunktionen während eines Herzstillstandes. Dabei beobachten sich die hirntoten Patienten von einer Position außerhalb ihres Körpers (meist von oben) und gleiten durch einen schwarzen Tunnel gleißendem Licht entgegen. Van Lommel schließt sich deshalb dem Quantenphysiker David Bohm an, der das Gehirn mit einem Fernsehempfänger verglich, der die durch elektromagnetische Felder übertragenen Informationen dekodiert und daraus bewegte Bilder und Töne rekonstruiert. Das Gehirn produziert nach dieser Vorstellung das Bewusstsein nicht, sondern macht bewusste Erfahrung lediglich möglich.

Gerhard Roth, der selbst bei einem schweren Verkehrsunfall Eigenartiges erlebte, erklärt Nahtod-Erfahrungen und extrakorporelle Erlebnisse wie andere materialistisch eingestellte Neurophysiologen durch Sauerstoffmangel oder Verletzungen im Bereich des Parietal- oder Temporal-Cortex. Doch einige Details in den von van Lommel aufgezeichneten Patienten-Berichten widersprechen diesen Interpretationen. Manche Patienten berichteten glaubhaft von Beobachtungen im Operationssaal, die ihnen im Zustand des Hirntods nicht hätten möglich sein können. Gerhard Roth, der die philosophische Position eines gemäßigten Konstruktivismus vertritt, weist demgegenüber darauf hin, dass das vom Hirn entworfene Bild der Situation seines Trägers generell leicht gestört werden kann. Er verweist dabei auf die Schilderung eines extrakorporellen Erlebnisses durch Alexander von Humboldt.

Antonio Damasio bleibt bei der biologischen Erklärung

Im vergangenen Jahr hat der durch einige Welt-Bestseller bekannt gewordene portugiesisch-kalifornische Hirnforscher Antonio Damasio einen neuen Anlauf zur streng materialistischen Erklärung der Entstehung des menschlichen (Selbst-)Bewusstseins genommen. Herausgekommen ist dabei ein nicht ganz leicht lesbares Buch, bei dessen Lektüre man dem Gehirn dabei zuschauen soll, wie es die eigene Wirklichkeit, das Selbst, erzeugt. Es versteht sich, dass das Selbst dabei nicht als Gegenstand, sondern als Prozess gefasst wird. „Der Geist erwächst aus der Aktivität kleiner Schaltkreise in großen Netzwerken“, erklärt Damasio ohne Umschweife und gibt damit dualistische und objektiv-idealistische Erklärungsansätze unausgesprochen der Lächerlichkeit preis, die ausgehend vom „Spuk“ der Quantenphysik im Hirn eher einen Empfänger als einen Produzenten von Geist sehen. Doch damit macht er es sich meines Erachtens entschieden zu leicht, denn die Hirnstrukturen, die er beschreibt, taugen gleichermaßen zum Senden wie zum Empfangen von Information.

Antonio Damasio gibt sich fest überzeugt, mithilfe neuroanatomischer Untersuchungen sowie der Auswertung von Hirnverletzungen und Krankheitsverläufen (vor allem von Schlaganfall- und Alzheimer-Patienten) das Protoselbst im oberen Hirnstamm lokalisieren zu können. Er muss den Ursprung des Ich in einen entwicklungsgeschichtlich älteren Teil des Hirns verlegen, da es nach den Erfahrungen mit „Split-Brain“-Patienten mit Sicherheit nicht im Großhirn liegen kann. Das Protoselbst sei so unauflöslich an den Körper gebunden. Das bewusste Kernselbst und das autobiografische, soziale Ich handeln nach seiner Ansicht nicht von Worten, sondern von Taten, die im Hirn in Form von Dispositionen für die Erzeugung von Karten beziehungsweise räumlichen Bewegungsbildern gespeichert werden. Das Gedächtnis sei also nicht mit einem Bildarchiv vergleichbar. Dafür würde die Kapazität des Hirns bei Weitem nicht ausreichen. Es enthalte stattdessen lediglich Anweisungen für die Rekonstruktion von Bildern durch das Zusammenspiel sensomotorischer Neuronen in den posteromedialen Feldern des Großhirns und im Tegumentum des Stammhirns. Dazu gehören auch die so genannten Spiegelneuronen.

Allein könne die Großhirnrinde kein Bewusstsein erzeugen, betont auch Damasio. Das Bewusstsein gleiche vielmehr der Aufführung einer Symphonie, deren Töne in ganz unterschiedlichen Hirnregionen erzeugt werden. Damasio erkennt also an, dass es keine Hirnstruktur gibt, die man als Sitz oder Ursprung des Bewusstseins bezeichnen könnte. Wir erinnern uns nicht an Objekte, sondern an unsere materielle und virtuelle Interaktion mit ihnen. Die so erzeugten visuellen und akustischen Bilder sind nur ihrem Besitzer zugänglich. Da alle Erinnerungen Rekonstruktionen sind, müssen sie nicht originalgetreu sein. Mit Gerüchen scheint es sich indes anders zu verhalten. Es gibt keine Bilder von Gerüchen, die unabhängig von der jeweils aktuellen Geruchswahrnehmung erzeugt werden können. Das hängt wohl damit zusammen, dass die Riechnerven nicht über den Thalamus – das Schaltzentrum des Gehirns – zum Cortex führen, sondern direkt in das limbische System (Hypothalamus, Amygdala, Gyrus cinguli).

Aus Damasios Sicht hängt das Denken eng zusammen mit Emotionen und Gefühlen, die Signale für die Wertigkeit von Informationen liefern. In früheren Büchern hat er, ähnlich wie Roth, den Gefühlen sogar die Rolle des entscheidenden Antriebs des Denkens zugeschrieben. Aber gerade deshalb kommt auch er zum Schluss: „Den bewussten Geisteszustand erleben wir aus der exklusiven, unmittelbaren Perspektive unseres eigenen Organismus, und er kann nie von irgendjemand anderem beobachtet werden. Das Erleben ist einzig und allein dem jeweiligen Organismus eigen und verfügbar.“ Der Emotionsmechanismus sei aber in jedem gesunden Hirn recht ähnlich. Deshalb könnten Menschen aus ganz verschiedenen Kulturkreisen gemeinsam Schmerz oder Freude empfinden. Der Hirnforscher geht gleichzeitig davon aus, dass der Geist als Ergebnis der natürlichen Selektion größtenteils unbewusst bleibt: „Der Geist ist ein ganz natürliches Ergebnis der Evolution, und er ist zum größten Teil unbewusst, innerlich und verborgen. Bekannt wird er uns durch das schmale Fenster des Bewusstseins“, schreibt Damasio.

Deshalb gesteht auch Damasio gegen Ende seiner Abhandlung ein, nur ein Zipfelchen des Geheimnisses des Bewusstseins gelüftet zu haben: „Die Vorstellung, wir wüssten genau, was das Gehirn ist und was es tut, ist pure Torheit.“ Dennoch gibt er sich überzeugt, auf dem eingeschlagenen Weg eines Tages zur vollständigen biologischen Erklärung des Bewusstseins gelangen zu können. „Probleme, die unsagbar rätselhaft und ungeheuer schwierig erscheinen, sind wahrscheinlich einer biologischen Erklärung zugänglich. Die Frage ist nicht ob, sondern wann das sein wird“, unterstreicht er.

Ich halte das für voreilig. Phänomene wie Intuition, Hellsehen, Gedankenübertragung zwischen weit voneinander entfernt lebenden Personen, Liebe auf den ersten Blick, Déjà-vu-Erlebnisse, das kollektive Unbewusste und Glaubenstreue werden auf der Basis der bis heute in der biomedizinischen Forschung dominierenden physikalisch-chemischen Herangehensweise vermutlich nie zufriedenstellend erklärt werden können.

Schluss: Das Selbstbewusstsein kommt nicht vom Selbst

Alle Versuche, das Ich in bestimmten Hirnstrukturen zu lokalisieren, waren vergeblich. Es wird uns heute langsam klar, warum das so ist. Zwar lassen sich im präfrontalen Cortex und in anderen Teilen des Gehirns wie dem Hippocampus, dem Parietal- und dem Temporallappen bestimmte Ich-Funktionen wie das Gewissen, das Körper-, das Orts- und das Kontrollgefühl oder das autobiografische Gedächtnis verorten. Aber es gibt im Hirn keine übergeordnete Instanz, die das alles koordiniert und das Ich-Bewusstsein produziert. Insofern haben jene recht, die im Hirn eher einen Empfänger als einen Produzenten von (Selbst-)Bewusstsein sehen. Gerhard Roth zieht jedenfalls den Schluss: „Das Ich ist Produkt der Entwicklung der Persönlichkeit und nicht – wie viele Philosophen annehmen – der Produzent der Persönlichkeit.“ Wobei er implizit davon ausgeht, dass die Persönlichkeit sich im komplexen Wechselspiel von Veranlagung und sozialer Umwelt entwickelt.

In der sozialen Interaktion hat aber, wie wir heute wissen, nicht der rationale Cortex, sondern das emotionale limbische System die Oberhand. Dieses entscheidet größtenteils unbewusst. Die Menschen suchen, wie schon Darwin erkannte, zuallererst nach Empfindsamkeit, Zuneigung, Geborgenheit und Anerkennung. Rationale Entscheidungen kommen nur so weit zum Tragen, wie sie mit dem emotionalen Gleichgewicht vereinbar sind. Die Menschen treffen zwar ständig Kosten-Nutzen-Abwägungen. Aber die emotionalen Kosten beziehungsweise ein möglicher Lustgewinn wiegen dabei meistens schwerer als rein materielle Gewinn-Aussichten. Niemand lässt sich gerne auf ein Geschäft ein, das ihm im wahrsten Sinne des Wortes Bauchschmerzen bereitet. Materielle Anreize wirken am besten, wenn sie mit der Aussicht auf eine Steigerung der gesellschaftlichen Anerkennung verbunden sind. Auf jeden Fall, so Gerhard Roth, hat das „limbische System gegenüber dem rationalen Cortex das erste und das letzte Wort.“ Daher ist die Beobachtung möglich, dass auch moralisch und/oder religiös motivierten Handlungs-Vetos ein unbewusstes Bereitschaftspotential vorausgeht.

Das bedeutet aber durchaus nicht, dass geistige Antriebe des menschlichen Verhaltens keine Rolle spielen. Viele Beobachtungen deuten darauf hin, dass der „Geist“ vorzugsweise über das limbische System und weniger über die Pyramidenzellen des Cortex zur Geltung kommt, wie das Nobelpreisträger John Eccles noch annahm. Dass Menschen religiöser oder politischer Überzeugungen wegen ihr Leben opfern oder das Todesrisiko in Kauf nehmen, lässt sich nur dadurch erklären, dass das limbische System in diesen Fällen Motiven und Antrieben folgt, die stärker sind als die natürliche Todesangst. Solche Antriebe können nicht vom Gehirn selbst, sondern nur von außen kommen – oder vielmehr aus der Interaktion zwischen Personen (oder zwischen Personen und einem persönlichen Gott). So kann unser Hirn zwar das „Zärtlichkeitshormon“ Oxitocin produzieren, aber nicht die Liebe. Diese stellt sich unter bestimmten Bedingungen zwischen zwei oder mehreren Personen ein (oder nicht). Zu Recht sprechen wir auch heute noch vom Wunder der Liebe, wenn auch in der Tendenz vielleicht nur noch in Groschenromanen und Schnulzen.

„Wir sind Menschen, Personen, keine Gehirne“, betont Gazzaniga leider erst im Nachwort seines neuesten Buches. Die Neurobiologen befinden sich auf der falschen Fährte, wenn sie das Ich in der Hardware suchen, sagt er. Vielmehr liege dieses in der Software und sei deshalb durchaus nicht weniger real vorhanden. „Paradoxerweise glauben selbst die fanatischsten Deterministen und Fatalisten in Bezug auf sich selbst keineswegs, dass sie nur eine Marionette ihres Gehirns seien“, bemerkt Gazzaniga.

Er befindet sich meines Erachtens aber auf dem Holzweg, wenn er schreibt: „Genau wie politische Regeln vom Volk eingerichtet werden und es kontrollieren, wird auch das Gehirn vom Geist bestimmt, den es selbst hervorbringt.“ Abgesehen von dem naiven Demokratieverständnis, das hier zum Vorschein kommt, offenbart Gazzaniga damit einen untergründigen Dualismus. Dieser ist aber die einzige theoretische Position, die definitiv experimentell widerlegt ist. Derzeit deutet vieles darauf hin, dass die einzige logisch stimmige Alternative zum Dualismus wie zum kruden materialistischen Determinismus eines Richard Dawkins im idealistischen Monismus liegt. „Die Wirklichkeit ist im Grunde geistig“, schließen Thomas und Brigitte Görnitz.