10.10.2012

Why are you free?

Kommentar von Thilo Spahl

Der Tübinger Psychologe Boris Kotchoubey hat ein anschauliches und präzises Buch geschrieben, in dem er darlegt, warum es sinnlos ist, sich Menschen als Wesen ohne freien Willen zu denken. Eine Rezension von “Why are you free? Neurobiology and Psychology of Voluntary Action”

„Das bewusste, denkende und wollende Ich ist nicht im moralischen Sinne verantwortlich für dasjenige, was das Gehirn tut, auch wenn dieses Gehirn ‚perfiderweise‘ dem Ich die entsprechende Illusion verleiht.“
Gerhard Roth, „Aus Sicht des Gehirns“. Suhrkamp, 2003, S.180.

 

Die Behauptung, der freie Wille sei eine Illusion und unser Handeln allein das Resultat physikalischer Vorgänge im Gehirn, hat in den letzten Jahren Verbreitung und Anerkennung gewonnen. In Deutschland vertreten diese Position unter anderem die Hirnforscher Wolf Singer und Gerhard Roth. Die Neurowissenschaftler beanspruchen, Denken und Handeln naturwissenschaftlich erklären zu können. Doch an diesen Erklärungen lässt der Autor kein gutes Haar. Vielmehr formuliert Kotchoubey die Gegenbehauptung: Komplexes menschliches Verhalten und auch jenes höher entwickelter Tiere kann nicht determiniert sein. Zu diesem Schluss kommt er nicht in Zurückweisung einer naturwissenschaftlichen Herangehensweise, sondern gerade dadurch, dass er jene wissenschaftlichen Fakten berücksichtigt, die für die Fragestellung tatsächlich relevant sind.

Was hat es mit der Ablehnung des freien Willens auf sich? Der Biologe Gerhard Roth weist beispielsweise darauf hin, dass die Bewegung des Fingers am Abzug einer Pistole natürlich von einer Nervenaktivität im Rückenmark ausgelöst wird, die wiederum Resultat anderer Aktivitäten im Gehirn ist, welche zuvor von wieder anderen bewirkt worden sind. Fände man keine Lücke in einer solchen Kausalkette, dann sei auch kein Platz für den freien Willen. Wenn wir dennoch den Eindruck haben, selbst entschieden zu haben, so habe uns unser Gehirn eben diesen freien Willen nur vorgespielt. An dieser Stelle fragt Kotchoubey nach, was in diesem Fall eigentlich mit „uns“ gemeint ist. Wen täuscht das Gehirn? Offenbar ein immaterielles, vom Gehirn unabhängiges „Ich“ oder „Selbst“. Was aber soll man von einer Argumentation halten, die alles Denken und Handeln als ausschließliches Resultat von Umwelteinflüssen und Gehirnaktivität betrachtet und gleichzeitig einen „Geist“ bemüht, der dabei der Illusion des freien Willens verfällt?

Als Beweis für die behauptete Unfreiheit unserer Handlungen werden Experimente bemüht, wie sie zuerst 1979 von Benjamin Libet durchgeführt wurden. Dabei wird gemessen, wann im Gehirn eine Handlung eingeleitet wird. Zudem geben die Teilnehmer an, wann sie die Entscheidung zur Bewegung getroffen haben. Es zeigt sich, dass die vermeintliche Entscheidung oft einige Zehntelsekunden nach dem „Startschuss“ im Gehirn erfolgte. Libet selbst sah in diesen Ergebnissen keineswegs einen Beleg für die Nichtexistenz des freien Willens. Er konnte nämlich auch zeigen, dass nach dem Bewusstwerden noch Zeit blieb, um die Handlung gegebenenfalls zu stoppen. Über diese Vetooption sah er die bewusste Kontrolle der Handlung gewährleistet.

Der „Beweis“ hinkt aber auch noch an anderer Stelle: Die Annahme, einer freien Handlung müsse ein bewusster Entschluss oder ein innerer Drang („urge to move“, wie es bei Libet heißt) vorausgehen, ist aus Sicht von Kotchoubey alles andere als plausibel. Dann müsste der Husten, dem der bewusst wahrgenommene Hustenreiz vorausgeht, der Prototyp einer freien Handlung sein. Er verweist stattdessen darauf, dass wir im normalen Leben eine Handlung dann als frei betrachten, wenn sie auf Gründen beruht und nicht auf Ursachen. Je stärker der innere Drang, desto eher muss man eine Handlung als zwanghaft, also unfrei, betrachten. Generell, so der Autor, sollten wir, wenn wir festlegen, was wir unter „freiem Willen“ verstehen wollen, eine Definition wählen, die mit dem, was wir im Alltag als Freiheit wahrnehmen, vereinbar ist. Libets Versuche haben lediglich gezeigt, dass bestimmte neurophysiologische Prozesse, die mit einer Handlung zusammenhängen, schon aufgezeichnet werden können, bevor die Handlung der jeweiligen Person bewusst wird. Warum diese Handlung als unfrei bezeichnet werden sollte, ergibt sich aus den Experimenten nicht.

Auch sollte man die weiteren Implikationen des Determinismus nicht außer Acht lassen. Schaut man sich eine einzelne Handlung an, kann man sich durchaus vorstellen, sie sei unfrei erfolgt und nur von der Illusion des freien Willens begleitet worden. Die Lächerlichkeit der Annahme, freier Wille sei eine Illusion, zeigt sich jedoch in aller Klarheit, wenn man sie sich, wie letztlich verlangt, als allgemeingültig vorstellt. Kotchoubey schreibt: „Stellen Sie sich vor, dass die Menschen, die Ihr Auto, Ihr Haus, Ihren Boiler gebaut haben, und das Flugzeug, mit dem Sie nächste Woche nach New York fliegen, und das Aspirin, das Sie gegen Ihre Erkältung nehmen, hergestellt haben, ebenso wie der Chirurg, der Ihren entzündeten Wurmfortsatz entfernt – dass all diese Menschen nur der Illusion erliegen, bewusste und rationale Entscheidungen zu treffen.“ Der einzige Grund, weshalb diese absurde Idee sich noch immer halten könne, so der Autor, liege darin, dass sie im Gegensatz zur ebenfalls unplausiblen Vorstellung stehe, willentliche Entscheidungen müssten vollkommen und perfekt bewusst sein. „Doch dies ist nicht notwendig“, hält Kotchoubey fest. Jede Entscheidung beruht immer auch auf einer Vielzahl unbewusster Einflüsse. Die Möglichkeit, sich diese alle bewusst zu machen (um eine hundertprozentig freie Entscheidung zu treffen), ist eine philosophische Abstraktion, die mit dem realen Leben nichts zu tun hat. Vergleichbar mit einem geometrischen Punkt, der in der Realität nicht ausdehnungslos vorkommt und den wir dennoch nicht als Illusion bezeichnen.

Vor diesem Hintergrund zerbröselt der in naturwissenschaftlicher Sicht scheinbar gebotene Determinismus und erweist sich selbst als Illusion. Kotchoubey zitiert Wolfgang Prinz, Direktor am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, der sagt, es bedürfe gar keiner Experimente wie jener Libets, da die Idee des freien Willens ohnehin nicht vereinbar mit naturwissenschaftlichem Denken sei. Diese Sichtweise hat natürlich auf den ersten Blick eine gewisse Plausibilität. Denn unsere Intuition sagt uns, dass alles, was passiert, irgendwie verursacht sein muss. Sie sagt uns aber ebenfalls, dass wir keine Marionetten sind, sondern selbst denkende und handelnde Wesen, wendet Kotchoubey ein und fordert eine Definition, die auch dieser Wahrnehmung gerecht wird. Denn letztlich geht es bei der Auseinandersetzung um Willensfreiheit bzw. Determinismus darum, im Rahmen einer naturwissenschaftlich haltbaren, aber nicht reduktionistischen Betrachtung sinnvolle Antworten auf sinnvolle Fragen zur Freiheit zu geben.

Determinismus ist laut Kotchoubey einfach ein Instrument des Denkens. Wir denken uns alles als verursacht, weil wir dadurch besser in der Welt zurecht kommen. Als Instrument könne der Determinismus weder falsch noch richtig sein, sondern lediglich mehr oder weniger nützlich. Und ob er nützlich ist, kommt darauf an, was wir darunter verstehen.

Oft genug leider das Falsche. Die gesamte Literatur gegen den freien Wille beruhe im Wesentlichen auf zwei Argumenten. Das erste sieht Freiheit als Freiheit von äußeren Einflüssen und sieht eine Willensentscheidung oder Handlung, die Einflüssen unterliegt, als unfrei oder determiniert an. Doch Einflussfaktoren sind nicht mit Ursachen zu verwechseln. Wenn als eine freie Entscheidung nur jene gelten darf, die durch nichts auf der Welt beeinflusst ist, dann ist der Beweis der Unmöglichkeit des freien Willens leicht erbracht, da diese sich schlicht aus der Definition ergibt. Wenn das Determinismus ist, dann seien wir alle Deterministen, meint Kotchoubey. Dann sei der Determinismus aber ein leeres Konzept, mit dem sich niemand ernsthaft zu beschäftigen bräuchte.

Die zweite Spielart des Determinismus behauptet, eine Handlung dürfe nur dann als frei gelten, wenn sie komplett rational, also vollständig bewusst und kontrolliert sei. Es ist offensichtlich, dass dies schlicht unmöglich ist, da niemals alle Faktoren, die unser Verhalten beeinflussen, vollständig bewusst gemacht werden können. Auch der so definierte Determinismus erweist sich als bedeutungslose Trivialität.

Es zeigt sich, dass Verfechter des Determinismus die eigentlich interessanten Fragen nicht zulassen. Erst wenn man die eigene Wahrnehmung, dass man selbst frei handeln kann, akzeptiert, lässt sich zum Beispiel untersuchen, wodurch sich freies von unfreiem Handeln unterscheidet.

Um grundsätzlich klarzustellen, dass für die wissenschaftliche Beschreibung von Verhalten nicht notwendig strikte Kausalität aller Abläufe verlangt werden muss, verweist Kotchoubey zum einen auf die Quantenmechanik, die zwar unmittelbar zur Frage der Willensfreiheit seiner Meinung nach nichts beitrage, die aber gezeigt hat, dass man rational argumentieren kann, ohne deterministisch argumentieren zu müssen. Zum anderen führt er das Verhalten emergenter Systeme an, das sich ebenfalls mit strikter Kausalität nicht beschreiben lässt und so die Grenzen des Determinismus verdeutlicht. Das Verhalten von komplexen Systemen kann nicht vorhergesagt werden, auch wenn alle elementaren Teilprozesse strikt deterministisch ablaufen. Das sei nicht eine Frage von nicht ausreichender Rechnerleistung, betont der Autor: „Um ein emergentes System zu verstehen, bedarf es mehr als eine sehr große Anzahl von Faktoren und ihrer Wechselwirkungen mit sehr großer Präzision zu kennen – vielmehr müssen wir eine unendliche Anzahl von Faktoren mit unendlicher Präzision kennen. Deshalb ist es nicht einfach so, dass wir den Klimawandel nicht vorhersagen können. Es ist vielmehr so, dass wir nicht die geringste Ahnung haben, wie die Vorhersage eines Klimawandels jemals möglich sein könnte.“ Es ist zwar praktisch unmöglich, aber zumindest theoretisch möglich, alle möglichen Schachpartien in einem Computer zu berechnen. Das Klima oder einen Gedanken exakt vorherzusagen, ist jedoch nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch unmöglich. Denn es gibt hier gar keine abgrenzbaren, den exakt definierten Schachzügen vergleichbare Teilmechanismen.

Um die prinzipielle Problematik verständlich zu machen, widmet sich Kotchoubey der Untersuchung einzelner Bewegungen. Die angenommenen geistigen Prozesse, die aus der Interaktion des Organismus mit seiner Umwelt hervorgehen, sind sowohl dem wissenschaftlichen Beobachter als auch dem Laien allein durch das Verhalten zugänglich, in dem sie sich manifestieren. Und jedes Verhalten besteht notwendig aus Bewegungen. Deshalb können wir uns der Frage nach dem Determinismus durch die Untersuchung einer einzelnen Bewegung nähern.

Und hier wird eigentlich sofort klar, warum unser Verhalten nicht deterministisch gesteuert sein kann. Jede Bewegungsaufgabe, beispielsweise das Einschlagen eines Nagels, kann durch unzählige unterschiedliche Bewegungen und Kombinationen von Bewegungen erfüllt werden. Wir müssen uns daher von der Idee verabschieden, das Gehirn können Muskelaktivität direkt kontrollieren. Eine Bewegung wird nicht durch unzählige kleine „Befehle“ aus dem Gehirn exakt gesteuert, es gibt keine Kausalkette, über die ein Befehl aus dem Gehirn eine Muskelkontraktion verursacht und deren vermeintlich notwendige Geschlossenheit keinen Raum für den freien Willen lässt. Es gibt nur ein sich selbst regulierendes Geflecht von Mechanismen, das auf nicht exakt vorhersagbare Weise eine somit auch nie exakt wiederholbare Bewegung bewirkt. Der Job des Geistes ist es dabei, das Ziel und damit die Gesamtbewegung in ihren Grundzügen vorzugeben und die Zielerreichung zu überwachen, aber nicht jeden unendlich kleinen Teilschritt auf dem Weg dorthin auszuwählen und einzeln zu befehligen. Wenn wir das tun müssten, würden wir verhungern, bis der Löffel den Mund erreicht.

Der freie Wille operiert also auf der Ebene von Zielen und Aufgaben und nicht auf der von einzelnen Bewegungen, deren Gesamtheit am Ende das Verhalten ergibt. Kotchoubeys Definition von Willensfreiheit lautet entsprechend:

„Eine Handlung ist in dem Maße frei, in dem sie nicht durch ihre Bedingungen, also nicht durch Ereignisse und Stimuli (ob extern oder intern) die vor und während der Ausführung stattfinden, determiniert ist, sondern durch zukünftige Bedingungen (Ereignisse, Stimuli), die als Resultat der selben Handlung erscheinen.“ (S. 108)

Aus dieser Definition ergibt sich erstens, dass Freiheit ein Kontinuum ist, es also Abstufungen von Freiheit gibt. Wenn ich beim Hämmern geschubst werde, wird mein Hämmern etwas weniger frei, weil teilweise durch einen unerwünschten äußeren Einfluss bestimmt. Zweitens ergibt sich, dass Freiheit nicht auf Menschen beschränkt ist. Drittens ist die Freiheit einer Handlung eng verbunden mit der Variabilität und Komplexität der Welt. Viertens entspricht diese Definition von Freiheit unserer alltäglichen Wahrnehmung. Wir fühlen uns frei, wenn wir Ziele und Mittel zur Zielerreichung selbst wählen. Fünftens ist jede freie Bewegung mit Wahlmöglichkeiten verbunden und der Ausführende trägt somit notwendig Verantwortung. Er ist nicht dann für sein Tun verantwortlich, wenn er die einzige Ursache des Verhaltens ist oder zu sein glaubt, sondern wenn er über ausreichend geistige Fähigkeiten verfügt, um die Konsequenzen seines Tuns zu erkennen und zu verstehen.

Im Weiteren geht der Autor noch auf das Herausbilden der Fähigkeit zur freien Handlung im Laufe der Evolution ein. Freiheit ist kein Zufall, sondern ein Ergebnis der Evolution, das große Selektionsvorteile mit sich brachte: die Möglichkeit sehr viel komplexerer Handlungen, die in einem System, in dem jedes Detail geplant und befehligt werden müsste, unmöglich wären; eine große Entlastung des Gehirns, das sonst einen unvorstellbar großen Rechenaufwand treiben müsste; und größere Flexibilität und damit Vorteile im survival of the fittest. Im Falle des Menschen tragen unter anderem das Spiel, der Werkzeuggebrauch und die Kommunikation mit Symbolen wesentlich dazu bei, viele Einflussfaktoren auf unsere Verhalten zu reflektieren und zu kontrollieren und so einen hohen Grad an Freiheit zu erlangen.

Zum Abschluss interpretiert Kotchoubey die aktuelle Verbreitung des Determinismus als Ausdruck der Verunsicherung und des verlorenen Glaubens an eine bessere Zukunft innerhalb der westlichen Eliten.

„In gleicher Weise, wie die Epoche der amerikanischen und französischen Revolutionen, der Bill of Rights und des bürgerlichen Liberalismus die Kantische Philosophie des autonomen Subjekts wählte, reflektieren die heutigen Versuche, den freien Willen aus Wissenschaft und Philosophie zu verbannen, die Ära von öffentlicher Videoüberwachung, Staatsdirigismus und Antiterrorgesetzen.“

Der Determinismus ist somit Kern eines defensiven Menschenbildes, das uns nicht mehr als Subjekt des alltäglichen Handelns und nicht mehr als Subjekt der Geschichte sehen möchte, während es gleichzeitig Trost im Glauben an die komplette Vorhersagbarkeit und Kontrolle komplexer Systeme sucht, die uns erlauben soll, uns gegen alle Risiken abzusichern. Letztlich führt die Debatte zur Frage, ob wir bereit sind, Freiheit und Unsicherheit zu ertragen und auf unser Denken und Handeln zu vertrauen.