05.03.2010

Die Freiheit des Fleisches

Essay von Boris Kotchoubey

Boris Kotchoubey über das menschliche Problem der Freiheit.

Prof. Hans Helmut Kornhuber gewidmet, der Freiheit immer für das wichtigste neurologische Problem gehalten hat.

In der postmodernen Philosophie fühlt man sich wie im Lebensmittelgeschäft eines osteuropäischen Landes zu Zeiten der sozialistischen Mangelwirtschaft. Fragt man nach Milch oder Käse, Fisch oder frischem Gemüse – die Antwort ist immer die gleiche: „Gibt es nicht!“ Dieselbe Antwort begegnet uns in der aktuellen philosophischen Literatur. Es gibt weder Subjekt noch Objekt, weder die Person noch eine von dieser Person unabhängige Welt. Das Wahre gibt es genauso wenig wie das Gute oder Schöne. Wahrlich gibt es nichts, wovon die Philosophen nicht sagen können, dass es nicht existiert. Vor allem aber gibt es natürlich keine persönliche Freiheit.

Der Streit über die Frage, ob der Mensch in seinem Verhalten frei ist oder ob seine Handlungen vorbestimmt sind, dauerte Jahrhunderte – vom heiligen Augustinus über Luther und Erasmus bis Kant und Hegel. Lediglich die Natur der vermeintlichen Vorbestimmung änderte sich während dieser Zeiten vom göttlichen Vorsehen zur Allmacht kausaler Naturgesetze, die für die Freiheit keine Lücke hinterlassen. Somit ist schon die Tatsache erstaunlich, dass diese Kontroverse, anscheinend längst abgelutscht, in den letzten Jahren wieder in ihrer Intensität stark zunahm. Dass Philosophen und Psychologen ihre Fachdiskussionen endlos führen können, wundert keinen; aber diese Diskussion wird nicht so intensiv im Journal of Philosophy geführt wie in der FAZ und im Spiegel, und es handelt sich dabei nicht um die Feinheiten der semantischen Analyse, sondern z.B. um die Forderung, Begriffe wie „Schuld“ im Strafgesetzbuch bzw. in der Sprache überhaupt zu streichen. [1] „Willensfreiheit gibt es nicht!“ steht etwa nicht in einer philosophischen Dissertation, sondern in der durchaus pragmatischen Neuen Juristischen Wochenzeitung. [2] Ein Fachbuch, das beansprucht, die Nicht-Existenz des menschlichen freien Willens zu beweisen, wird zum Bestseller. [3] Am liebsten, wie es zur großen Politik gehört, schreibt man dazu keine Fachartikel, sondern – wie einst Marx und Engels – Manifeste. [4]

Daher wird klar, dass wir mit einem Versuch konfrontiert sind, aus einer alten Fachdiskussion eine soziale Bewegung zu machen. Zwei Argumente werden zur Begründung angeführt: Zum einen widerspreche der Freiheitsbegriff überhaupt dem Geist der Wissenschaft, der die Ereignisse in der Welt in ihrem strengen kausalen Zusammenhang zu erfassen und genau vorherzusagen strebe. In der Tat setzen die meisten Menschen die Kausalität der Vorhersagbarkeit gleich und der Willensfreiheit entgegen. Mit anderen Worten: Wer glaubt, die Natur sei in Ursache-Wirkung-Begriffen erklärbar, glaubt auch an eine prinzipiell vorhersagbare Welt und neigt dazu, die Willensfreiheit zu verneinen. Dass dies nicht einfach die Meinung halbgebildeter Laien ist, zeigt das folgende Zitat aus einem Interview mit dem Direktor eines angesehenen Max-Planck-Instituts. Auf die Frage, ob experimentelle Daten die Nicht-Existenz des freien Willens beweisen, antwortete er: „Ja. Aber um festzustellen, dass wir determiniert sind, brauchen wir [diese Daten] nicht. Die Idee eines freien menschlichen Willens ist mit wissenschaftlichen Überlegungen prinzipiell nicht zu vereinbaren. Wissenschaft geht davon aus, dass alles, was geschieht, seine Ursachen hat, und dass man diese Ursachen finden kann. Für mich ist unverständlich, dass jemand, der empirische Wissenschaft betreibt, glauben kann, dass freies, also nicht-determiniertes Handeln denkbar ist.“ [5]

Diese Argumentation ist unhaltbar. Erstens wurde in der Geschichte der Philosophie eine ganze Reihe von Theorien entwickelt, nach welchen die Handlungs- und Willensfreiheit, richtig verstanden, der Kausalität nicht widerspricht. Zweitens wissen wir zumindest seit den weltberühmten Studien von Ilya Prigogine und Ludwig von Bertalanffy, dass die interessantesten natürlichen Prozesse zwar in den Ursache-Wirkung-Begriffen beschreibbar, jedoch völlig unvorhersagbar sind. Das bekannteste Beispiel eines solchen determinierten, aber unvorhersagbaren Vorgangs ist das Klima; andere Beispiele sind die Evolution oder der Herzrhythmus. Die Komplexität innerer Zusammenhänge führt bei diesen Prozessen einerseits zu „Schmetterlings-Effekten“ (d.h., mikroskopische Ursachen können gigantische Wirkungen haben), andererseits zur Bildung von Bereichen erstaunlicher Stabilität, in denen – umgekehrt – gewaltige Abweichungen der Ursachenfaktoren zu keinerlei Veränderung im Endzustand des Systems führen. Drittens ist die Welt nicht nur im Großen und Ganzen unvorhersagbar, sondern auf der Quantenebene auch prinzipiell zufällig. Weder die Unvorhersagbarkeit noch die heisenbergsche Unschärfe erklären uns die Freiheit unseres Verhaltens. Aber sie unterminieren das Argument, dass die Wissenschaft die Freiheit ausschließen müsse, weil diese den Prinzipien der Ursachenerklärung und Vorhersagbarkeit widerspreche. Die Entdeckung der Quantumsunbestimmtheit hat den Forschungsprozess nicht unbestimmter gemacht, als er vorher war; die Entwicklung der Chaostheorie machte das Leben in Laboratorien nicht chaotischer, und die mathematische Theorie der Katastrophen führte noch keine mathematische Fakultät zur Katastrophe. Daher sollte man wahrscheinlich keine Angst davor haben, dass unsere schönen Tempel des Wissens sofort in Schutt und Asche gelegt werden, wenn wir die Möglichkeit der Freiheit des Verhaltens anerkennen.

Zum anderen wird behauptet, die moderne Forschung habe neue Ergebnisse gebracht, die die Existenz der Willensfreiheit prinzipiell infrage stellen. Dabei handelt es sich um zwei Arten von Daten. Erstens weisen einige neurowissenschaftliche Befunde darauf hin, dass man während der Vorbereitung einer Entscheidung Prozesse im Gehirn feststellen kann, noch bevor die Entscheidung bewusst getroffen wird. Über ein früheres Experiment [6] berichtete ich bereits in Novo. [7] Sein Hauptergebnis beruhte auf einem Rechenfehler, der 20 Jahre später aufgedeckt wurde, doch diese Aufdeckung interessiert die Meinungsmacher nicht, sie ignorieren die gesamte Kritik an dem Experiment, die seit dessen Erscheinen publiziert wurde, und nehmen immer wieder seine Resultate für bare Münze. [8] Das andere, jüngere Experiment fand neuronale Aktivität im Gehirn ganze zehn Sekunden vor der Entscheidung. [9] Solche Befunde zeigen lediglich, dass u.a. auch unbewusste Prozesse bei unseren Entscheidungen eine Rolle spielen – woran niemand gezweifelt hatte –, aber nicht, dass sie diese Entscheidungen bestimmen, denn selbstverständlich ist es möglich (und passiert täglich), dass wir eine Entscheidung innerhalb von zehn Sekunden mehrmals ändern.

Neben diesen Befunden, deren Deutung nebelhaft bleibt, ist das andere hochgeschätzte Argument der Verweis auf Irrtümer und Fehler. [10] In der Tat schreiben wir oft eine Handlung fehlerhaft unserer Absicht zu, die auch anders erklärt werden kann. Doch genauso passiert es, dass wir z.B. im Dunkel einen Baumstamm für eine menschliche Gestalt halten oder uns an Ereignisse „genau erinnern“, die es nicht gegeben hat. Die Fachleute sind sich dessen durchaus bewusst, und das Problem von Gedächtnistäuschungen spielt eine sehr wichtige Rolle in der Gerichtspsychologie. Doch würde man in der Fachwelt sofort als unseriöser Manipulator gebrandmarkt, wenn man aufgrund solcher Fakten gesagt hätte, „also existiert gar kein Gedächtnis und keine Sehwahrnehmung“. Merkwürdigerweise werden im Bereich der Willensfreiheit Argumente ernst genommen, die in jedem anderen Gebiet der Psychologie ausgelacht würden. Die Leichtigkeit, mit der jeder wissenschaftliche Nachweis für die Abwesenheit bzw. sogar Unmöglichkeit des freien Willens akzeptiert wird, ist entsetzlich und legt die Vermutung nahe, es sollen andere, wichtigere, aber versteckte Gründe dafür sein, die Willensfreiheit so vehement zu leugnen. Um diesen Gründen nachzugehen, sollten wir erklären, in welchem Sinne eine Handlung überhaupt frei sein kann.

Das gesamte Verhalten jedes Lebewesens ist in die Zukunft gerichtet. Auch die physiologischen Regulationsvorgänge im Organismus beschäftigen sich mit Zukunft. Beißen wir z.B. in ein Stück Torte, wird sofort von der Bauchspeicheldrüse Insulin ausgeschüttet, um den Zucker im Blut zu senken, obwohl der Zucker noch im Mund ist und gute 10 bis 20 Minuten braucht, um ins Blut zu gelangen. Auch die Druckrezeptoren im Blutfluss reagieren nicht auf den aktuellen, sondern auf den erwarteten Blutdruckanstieg, um ihm vorzubeugen.

Nicht nur wir hochkomplexe Geschöpfe machen uns Zukunftssorgen. Escherichia coli ist ein Einzeller mit der Größe von etwa 0,002 Millimetern, der so primitiv ist, dass er nicht einmal einen richtigen Zellkern hat. Meistens lebt das Bakterium im Darm großer Tiere, kann aber auch eine lange Zeit „draußen bleiben“. Dann nutzt es für seine Energetik den Sauerstoff der Luft. Aber der Mechanismus der Sauerstoffnutzung braucht selbst Energie, deshalb muss er beim Leben in einem Wirt ausgeschaltet werden. Das Signal zum Ausschalten ist die erhöhte Temperatur beim Übergang von der Luft in einen Makroorganismus. Wie eine jüngere Studie zeigt, haben die Bakterien in ihrer Evolution gelernt, dass es bei ansteigenden Temperaturen an der Zeit ist, die für den Sauerstoff zuständige Maschinerie anzuhalten. Als die Forscher eine künstliche Umwelt bauten, in der (anders als in der realen Welt) die Temperatur steigt, bevor mehr Sauerstoff kommt, brauchten die Bakterien „nur“ 600 Generationen, um völlig umzulernen: Sie schalteten nun den Sauerstoffmechanismus bei sinkenden Temperaturen aus. [11] Aber der Bezug auf die Zukunft ist nicht alles. Wie der Satan in Michail Bulgakows Roman Der Meister und Margarite sagte: „Es ist nur ein Halbproblem, dass der Mensch sterblich ist. Schlimmer ist, dass er manchmal unerwartet sterblich ist.“ Das Verhalten ist nicht einfach von der Zukunft bestimmt – es ist von der unerwarteten Zukunft bestimmt. Das noch im 18. Jahrhundert bekannte Beispiel für die Willensfreiheit lautet: Immer wenn ich meinen Arm heben will, tun meine Muskeln, was ich ihnen befehle. Es geschieht ein Wunder. Aber das Ergebnis einer Handlung hängt nicht nur davon ab, was die Muskeln tun, sondern auch von Außenfaktoren. Wenn die Muskeln tatsächlich immer dasselbe tun würden, was mein Ich (oder mein Gehirn) ihnen befiehlt, kommt immer etwas anderes raus, wenn sich die Außenfaktoren ändern – und sie ändern sich fast immer.

Das Wunder ist viel größer, als wir annahmen. Es besteht nicht darin, dass die Muskeln tun, was ich will, sondern dass sie tun, was sie wollen, und wovon mein Ich nicht die geringste Ahnung hat. In Abhängigkeit z.B. von meiner Körperstellung (im Sitzen, geneigt, auf einem Bein stehend usw.) und von fremden Kräften (ein Wind oder Widerstand meines Opponenten, der meine Hand hält) brauche ich, um den Arm zu heben, völlig verschiedene Bewegungsmuster. Die steuernde Instanz (die zentrale Exekutive), die den Arm heben „will“, erfährt von dieser Verschiedenheit fast nichts. Der deutsch-russische Physiologe Nikolai Bernstein war der Erste, der dieses Problem formuliert hat. Als Arbeitsphysiologe untersuchte er Hämmerbewegungen und stellte fest, dass bei wiederholten geschickten Schlägen fast alle Punkte des Systems „Arm-Hand-Hammer“ (z.B. Ellbogen, Schulter, Unterarm, Hand) völlig verschiedenen, unvorhersagbaren Bahnen folgen. Der einzige Punkt, der immer eine stabile Endstrecke abläuft, ist die Spitze des Hammers. Es scheint, als ob das Gehirn nicht an die Muskeln, sondern an den Muskeln vorbei direkt an die Hammerspitze seine Befehle sendet. [12]

Noch in den 30er-Jahren kam Bernstein zu dem Schluss, dass wegen der großen Zahl von Gelenken und der Elastizität von Muskeln und Sehnen die Mechanik des Körpers viel mehr Freiheitsgrade besitzt, als für die Beschreibung der motorischen Aufgabe nötig ist. Wir können also eine bestimmte Handlung (z.B. unseren Körper von A nach B bewegen; einen Arm heben; einen Bleistift greifen) durch eine sehr große (im Prinzip unendlich große) Anzahl von verschiedenen Bewegungsabläufen ausführen. Aber erst 30 Jahre später wurde ihm klar, dass der Terminus technicus Freiheitsgrade keine Metapher ist! Es geht um nichts anderes als Freiheit, so, wie wir diese allgemein verstehen. Wenn z.B. ein Erstklässler Schreiben lernt, was für ihn eine total neue Handlung ist, muss er fast alle (außer den notwendigsten) Muskeln und Gelenke fixieren. Seine Bewegungen sind unfrei. Eine leichte, aber unerwartete Störung kann ausreichen, dass der ganze Prozess misslingt. Mit Erfahrung befreit sich die Bewegung, ihre mechanischen Freiheitsgrade nehmen zu. Der Arm und der gesamte Körper entspannen sich. Das Kind kann nun in jeder beliebigen Situation den Schreibprozess fortsetzen. Es hat z.B. gelernt, ein A mit der rechten Hand auf waagerecht liegendem Papier zu schreiben. Jetzt kann es genauso gut mit der Kreide auf einer senkrechten Wand oder auch mit dem linken Fuß auf Sand schreiben – es kommt zwar manchmal ein komisches, aber doch immer unverkennbares A heraus. Die Befreiung der Bewegung besteht also darin, dass sie jetzt viel mehr von der Bewegungsaufgabe (in diesem Fall von der Aufgabe, A zu schreiben) und viel weniger von den konkreten Bedingungen, in denen die Bewegung abläuft (horizontal oder vertikal, Hand oder Fuß, Papier oder Sand, Wind oder Stille, usw. usf.), abhängt.

Wer immer noch daran zweifelt, dass der mathematisch-mechanische Begriff Freiheitsgrade mit dem allgemein menschlichen (letztendlich auch philosophischen und politischen) Verständnis von Freiheit eng verbunden ist, sollte das Phänomen der totalitären Kunst kennenlernen. Die Sowjetunion und das nationalsozialistische Deutschland liefern genug Beispiele, aber auch die politisierte Kunst insgesamt (z.B. die Hofmalerei [13]) ist nicht wesentlich besser. Die Menschen sind in unnatürlichen, verkrampften Posen abgebildet. Man sieht, dass sie in ihrer Stellung und in ihren Bewegungen keine Wahl haben. Lächeln sie, so müssen sie auf eine ganz bestimmte Art und Weise lächeln. Sie sind Sklaven ihres sozialen Status bzw. ihrer sozialen Rolle, und ihre mechanischen Freiheitsgrade sind extrem einschränkt. Wo es keine mechanische Freiheit gibt, da gibt es keine persönliche Freiheit und umgekehrt.

Damit sind wir an den Punkt gelangt, wo wir unseren zentralen Begriff endlich definieren können: Eine Handlung ist frei in dem Maße, in dem sie nicht von den Bedingungen ihrer Ausführung abhängt, sondern von den künftigen Bedingungen, die erst infolge dieser selben Handlung als ihr Resultat entstehen werden. Anders formuliert: Eine Bewegung ist frei, wenn sie nicht vom Gegebenen, sondern vom Aufgegebenen abhängt. Aus dieser Definition folgen gigantische Konsequenzen. Erstens ist Freiheit keine binäre Variable, die es entweder gibt oder nicht, sondern ein Kontinuum, sie kann verschiedene Grade haben. Damit ist mit den Stammtischdiskussionen, ob es eine „wirkliche Freiheit“ gibt, ob man in den modernen Demokratien z.B. „tatsächlich frei“ ist, endgültig Schluss. Auf diese Fragen wird es nie eine Antwort geben, weil die Frage falsch gestellt ist. Die Frage aber, ob Menschen heute in der Bundesrepublik mehr Freiheiten haben als im Nationalsozialismus oder in der DDR, kann man wohl problemlos beantworten.

Zweitens bedeutet diese Definition, dass die Freiheit nicht mit uns Menschen beginnt. Auch Tiere sind frei im Maße der Komplexität ihres Verhaltens. Für jemand, der mindestens einen Vogelflug oder ein Kätzchenspiel beobachtet hat, ist das keine Überraschung. Drittens hängt die Freiheit aufs Engste mit Variierbarkeit und Wandelbarkeit der Welt zusammen. Eine geschickte Bewegung wiederholt sich nie, sie ist ständig in Veränderung, in Anpassung an die kleinsten Details der sich immer ändernden Umgebung. Damit ist die Frage erledigt, die in den Tausenden Diskussionen über die Willensfreiheit zum Stolperstein wurde: Könnte ein Mensch anders – oder war diejenige Tat, die er beging, von seinen Genen, seinem Gehirn und seiner Umwelt als einzig mögliche vorbestimmt? Der Mensch kann aber nicht anders – er muss anders! Die traditionelle Frage beruht auf der abstrakten Annahme, die Situation, in der die Tat begangen wurde, sei wiederholbar, und bei ihrer exakten Wiederholung würde die Person (sagen die Libertaristen) doch anders entscheiden können, oder sie musste (sagen die Deterministen) immer die gleiche Tat vollziehen. Dieses Dilemma verliert den Sinn, wenn wir anerkennen, dass eine Bewegung eben dadurch erst frei wird, dass sich eine Situation niemals wiederholen kann. Bei einer anderen Situation – und es ist nach systemischen Gesetzen völlig egal, wie winzig die Veränderung wird – ist selbstverständlich eine ganz andere Handlung möglich. Ein leisestes Geräusch kann ausreichen, damit ein potenzieller Mörder erschrickt und die geplante Tat ausbleibt.

Viertens entspricht diese Definition größtenteils unseren Intuitionen über die Freiheit. Wir sind frei, wenn wir unsere Ziele und die Mittel zu deren Erreichen wählen können. Wir sind frei, wenn wir entscheiden können, was uns passt und was nicht. Wir sind nicht frei im Sinne einer absoluten Unbestimmtheit unserer Handlungen. Aber auch das ist es, was wir allgemein unter Freiheit meinen. Ein totaler Chaot, der selber keine Ahnung hat, was er im nächsten Augenblick tut, wird nicht nur von den anderen als unfrei angesehen, sondern er empfindet sich auch selbst so. Er reagiert bloß auf den einen oder anderen Reiz. Solches Verhalten lässt sich z.B. bei besonders schweren Formen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung oder auch bei Gedächtnisstörungen beobachten.

Genauso wenig sind wir frei im Sinne einer „inneren Determination“. Auch das ist mit dem gesunden Menschenverstand begreiflich. Krämpfe und epileptische Anfälle sind innerlich (d.h. vom inneren Zustand des Organismus) determiniert; diese Bewegungen „frei“ zu nennen, würde jedoch dem üblichen Wortgebrauch widersprechen. Wegner meint in seinem Buch The Illusion of Conscious Will, dass unser Wille erst dann als frei betrachtet werden kann, wenn wir keinen äußeren Einfluss auf unsere Handlung feststellen. [14] Aus dieser Sicht ist meine Entscheidung, für einen Sommerurlaub auf Mallorca keine Ski mit einzupacken, unfrei, weil sie unter dem Einfluss von äußeren Faktoren (das Wetter auf Mallorca) steht. Philosophen mögen das vielleicht akzeptieren, normale Sterbliche wohl kaum. Der Punkt ist, das Wetter verursacht mein Verhalten nicht, sondern wird in der Abhängigkeit von der Handlungsaufgabe in Betracht gezogen. Will ich im Urlaub Spaß haben, so nehme ich Badehosen, aber keine Ski mit nach Mallorca. Aber ich kann auch Ski mitnehmen, wenn vor dieser Handlung eine andere Aufgabe steht: etwa, meine Willensfreiheit zu beweisen, oder einer jungen und schönen Bekannten zu demonstrieren, wie exzentrisch ich sein kann. Die Handlung wird ihrer Aufgabe, d.h. der Lage, die sich in Zukunft als Resultat dieser Handlung ergibt, angepasst.

Fünftens – und das ist die wichtigste Konsequenz! – geht mit einer freien Bewegung notwendigerweise eine Wahl im Sinne einer Prioritätensetzung einher. Denn in jedem Fall, wenn die Bewegung viele Freiheitsgrade hat, bestimmt die zentrale Exekutive (mein „Ich“) aus den Tausenden von Bewegungsparametern nur eine sehr kleine Anzahl der wichtigsten Parameter im Voraus. Die sonstigen bleiben bis auf Weiteres undefiniert. Eine unfreie Bewegung wird durch und durch vorgeplant, eine freie organisiert sich, nach dem Ausdruck des amerikanischen Bewegungsforschers und Systemtheoretikers J. Kelso, während ihrer Ausführung selbst. Die zentrale Exekutive muss deshalb wählen, welche wenigen Bewegungsparameter (z.B. die Richtung der Bewegung) so wichtig sind, dass sie kontrolliert werden. Alle anderen (z.B. die Kraft, die jeder einzelne Muskel entwickelt) werden freigegeben. Eine unfreie Bewegung hat dieses Problem nicht: Die Exekutive versucht einfach, alles zu kontrollieren, und wenn sie nicht alles kontrolliert, dann deshalb, weil sie nicht kann, und nicht, weil sie auf die Kontrolle verzichtet.

Politische Assoziationen werden hier nicht intendiert, sondern sie drängen sich von alleine auf. Die „wissenschaftliche“ Argumentation gegen den psychologischen Freiheitsbegriff hat erstaunliche Ähnlichkeit mit der Argumentation politischer Gegner von Freiheit. Auch die Anhänger undemokratischer Regierungsformen behaupten, es handle sich erst dann um eine freie Wahl, wenn jeder äußerliche Einfluss ausgeschlossen sei. Da diese Bedingung in keinem demokratischen Land erfüllt wird (Einflusse von Medien, Geld, Obrigkeiten usw.), so argumentieren sie, habe eine Demokratie gegenüber einer Diktatur keinen Vorteil. Genauso können wir – nun abgesehen von der Politik – für jede unserer angeblich freien Handlungen eine ganze Menge von Faktoren finden, die diese Handlung beeinflusst haben.

Das Besagte schöpft natürlich den Inhalt des Freiheitsbegriffs in seinen typisch menschlichen Aspekten (soziale, politische, künstlerische Freiheit nicht aus. Aber so weit müssen wir nicht – und können wir aus Platzgründen nicht – gehen. Nur eine Eigenschaft der spezifisch menschlichen Freiheit soll erwähnt werden: die Freiheit, die eigene Freiheit zu beschränken. Meines Wissens nach haben Tiere diese Fähigkeit nicht. Wölfe und Pferde sind einfach frei im Maße der Komplexität ihres Verhaltens. Nur der Mensch kann sich einfacher verhalten, als er kann, und somit kann er weniger frei werden, als er kann. Freiheit gibt es bei Tieren, aber das Problem der Freiheit existiert nur für den Menschen. Aber in dieses Thema können wir nicht weiter einsteigen. Schon die biologische Basis der Freiheit, die Freiheit des Körpers, der Muskeln und Sehnen, reicht uns aus, um auf die zu Beginn des Artikels gestellten Fragen eine Antwort zu wagen.

Bei jeder freien Handlung muss die zentrale Exekutive eine Ungewissheit akzeptieren, ein Risiko eingehen und Verantwortung übernehmen. Von Tausenden Handlungsparametern wählt die Exekutive einige wenige „Kontrollparameter“, an denen sich das gesamte System der entstehenden Bewegung orientieren soll. Alle sonstigen Parameter werden bis auf Weiteres nicht bestimmt, d.h.,  man weiß schließlich nie, ob die Bewegung gelingt oder nicht. Der französische Physiologe Vidal verglich den aufrechten Gang des Menschen mit einem Hasardspiel. [15] In der Tat ist das umgekehrte Pendel eines der schwierigsten Probleme der Mechanik, nur jeder von uns löst dieses Problem – wörtlich – auf Schritt und Tritt. Andere Bewegungen sind aber um weitere Größenordnungen komplizierter. Hätte mein Gehirn z.B. eine Fahrradfahrt im Voraus berechnen müssen und hätte es die Kapazität des leistungsstärksten modernen Computers, so wäre ich längst tot, bevor ich ein Bewegungsprogramm für den Weg von zu Hause bis zum Bahnhof (ca. 1 km) entwickelt hätte.

Das bedeutet einerseits, dass freie Handlungen das Gehirn von einer enormen, unvorstellbaren rechnerischen Last befreien. Oberhalb einer Komplexitätsgrenze sind unfreie, d.h. in allen Details vorprogrammierte Bewegungen gar unmöglich; in anderen Fällen sind sie zwar möglich, aber energetisch ungünstig, wie das Schreiben des Erstklässlers, bei dem fast alle Kraft nicht für die eigentliche Bewegung, sondern für das Fixieren der Freiheitsgrade verwendet wird (weshalb ihm dann sogar nicht die Finger, sondern die Schultern weh tun). Schon daraus wird klar, dass freie Bewegungen biologisch notwendig sind. Die Energie ist die Währung der Evolution. Sollte ein Lebewesen alle Bewegungen auf streng kontrollierte Art und Weise durchführen, so verbraucht es viel mehr Energie und muss daher nach dem darwinschen Überlebensprinzip eliminiert werden. Freiheit lohnt sich wirtschaftlich.

Andererseits ist der Preis für diese Ökonomie eine andere, emotionale Belastung. In einer freien Handlung lassen wir Zigtausende eventuelle Störungen aus der Welt auf uns einwirken, um diese in einem Online-Regime korrigieren zu können. Dafür müssen wir als Erstes die unerträgliche Unvorhersagbarkeit der Welt akzeptieren. Mit jedem Akt der Willensaktivität wagen wir, uns in diese Welt zu öffnen. Das ist der Punkt: Nicht der Wissenschaft widerspricht die Vorstellung von der Willensfreiheit, sondern unser aktuelles Weltbild. Nicht die Forschung braucht die Droge Determinismus – wir brauchen sie als Mittel, um die tiefe Kluft zu verbergen zwischen der unbegreiflichen Komplexität unseres Verhaltens und unserem Bedürfnis, eine sichere, feste Basis, eine Absolutheit, einen „unbeweglichen Beweger“ zu finden.

Das hochkomplexe Verhalten funktioniert nur insoweit, als dass es frei ist, nicht programmiert, nicht vorgeplant. Nur selbstorganisierte, selbstkontrollierte Systeme sind erfolgreich in einer komplexen Welt. Daher das scheinbare Paradox, dass, je mehr wir leisten, umso mehr wir vor eigener Leistung Angst haben. Das Paradox ist deshalb scheinbar, weil es in der Tat auf einem simplem Betrug beruht: Ich habe schlicht das Wort „wir“ zweimal in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Während das erste „wir“ für das gesamte System „Mensch in seiner physikalischen und sozialen Umwelt“ steht, bezeichnet das zweite „wir“ lediglich einen kleinen Teil dieses Systems, seine oberste Etage, die zentrale Exekutive, das Descart’sche Cogito, das Husserl’sche Bewusstsein. Logisch gesehen besteht also gar kein Paradox. Doch wer denkt logisch, wenn es um Kontrolle und Macht geht? Aus der Doppeldeutigkeit des Ich-Begriffs entsteht meine existenzielle Angst vor mir selbst. [16]

Während das Vorhandensein überflüssiger Freiheitsgrade die notwendige Voraussetzung komplexer Handlungen ist, können diese Freiheitsgrade nur unter der Bedingung der freiwilligen Abgabe der unnötigen Kontrolle effektiv benutzt werden. Mit jedem aufrechten Schritt, mit jedem geschickten Griff, mit jeder motorischen Leistung eines Tänzers, Sportlers oder Handwerkers stellen wir fest: Die Welt ist nicht berechenbar. Um in ihr zu handeln, müssen wir nicht (und können nicht) alles im Voraus erkennen und genau planen. Das Erkennen kommt mit, nicht vor dem Handeln. Eine Welt ohne Risiken und Nebenwirkungen, eine Versicherung gegen alle existierenden und künftigen Gefahren und Wagnisse wird es nie geben. Diese Erkenntnis ist es, die wir fürchten und deshalb – frei! – die Option wählen, nicht frei wählen zu können. Wie die Amerikanische Revolution, die Bill of Rights und der bürgerliche Liberalismus für sich das Kant’sche autonome Subjekt gewählt hat, so spiegelt sich in unseren Versuchen, den Freiheitsbegriff aus der Wissenschaft, dem Recht und der Sprache zu verbannen, die Ära der Antiterrorgesetze, des Versicherungsmarktes und der totalen Videoüberwachung wider.