16.02.2012

Volkskammerergebnisse im Hühnerstall

Kommentar von Walter Krämer

96,4% aller Masthühner werden mit Antibiotika behandelt, behauptete das NRW-Umweltministerium. Kritiklos übernahmen viele Medien die Zahlen. Aber tatsächlich sind es wohl weitaus weniger. Wir zeigen wie mit Hilfe statistischer Tricks Panik geschürt wird, um Politik zu machen

Was ist das Gegenteil von “grundsätzlich nie”? NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Die Grünen) meint: “grundsätzlich immer”. Denn nur so ist die Zahl 96,4 % zu erklären, die im Februar zur „Unstatistik des Monats” gekürt worden ist. Sage und schreibe 96,4% aller Masthühner in Deutschland werden mit Antibiotika behandelt, und diese Statistik, zuletzt veröffentlicht in einer Pressemitteilung des NRW-Umweltministeriums vom 20. Januar , hat wochenlang in der grünenhörigen deutschen Mehrheitspresse zu den vorhersagbaren Attacken auf Massentierhaltung und moderne Agrarwirtschaft geführt.

Wahr ist: Nur 3,6 % der in der von Remmel in Auftrag gegebenen Untersuchung des zuständigen Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) erfaßten Hühner stammen aus Betrieben, die grundsätzlich keine Antibiotika verwenden. Und 100 minus 3,6 ergibt 96,4. Die übrigen stammen aus Betrieben, die ab und zu Antibiotika verwenden, ab und zu aber auch nicht.

Moderne Hühnermastbetriebe haben in der Regel mehrere, oft unterschiedlich große Ställe. Manche davon fassen über 50.000 Hühner. Diese Ställe werden im sogenannten Rein-Raus-Verfahren betrieben, d.h. die Küken kommen alle zusammen zu einem Zeitpunkt rein, werden gemeinsam gemästet und dann gemeinsam geschlachtet. Und nach 40 bis 50 Tagen beginnt der Zyklus von vorne. Zusammen ergibt das mehrere Dutzend “Mastdurchgänge” pro Jahr. Nun wird aber selbst in der von Remmel zitierten Lanuv-Studie klar, dass auch Betriebe, die nicht grundsätzlich auf Antibiotika verzichten, nur bei rund 80% dieser Mastdurchgänge tatsächlich Antibiotika einsetzen. Aber auch diese Zahl liefert keinen Hinweis, wie viele Hähnchen tatsächlich mit Arzneimitteln behandelt worden sind, da sich die Anzahl der Hähnchen je Mastdurchgang stark unterscheidet.

Dann scheinen die Remmel-Beauftragten nicht zu wissen, dass auch dann, wenn in einem Mastdurchgang Antibiotika verwendet worden sind, nicht notwendig alle Hühner davon betroffen sind. Bei der sogenannten „gesplitteten Mast” etwa wird ein Teil der Tiere schon nach etwas über 30 Tagen geschlachtet, das sind die Grillhähnchen, die werden als ganzes verkauft. Die übrigen Tiere werden länger gemästet und damit schwerer, sie werden zerlegt und kommen in Teilen auf den Markt (Brust, Keule). Und oft wird eine Antibiotikabehandlung erst nach dem Schlachten der Grillhähnchen nötig, die armen Vorgänger sind also völlig unbelastet (sofern man hier überhaupt von einer Belastung reden soll, denn die armen Tiere wären ja sonst schon vor Erreichen ihrer endgültigen Bestimmung an Infektionen verendet).  Mehr Aufschluss über den wahren Anteil der mit Antibiotika vor Krankheiten geschützten Tiere liefert hier eine wesentlich gründlichere, auf mehr als zehnmal so viele Betriebe gestützte Untersuchung des Niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung, die die tatsächliche Anzahl der behandelten Masthühner ausweist. Nach dieser Studie wurden 76% der Masthühnchen in Niedersachsen mit Antibiotika behandelt.

Den meisten ist das immer noch zu viel. Darauf kommt es hier aber überhaupt nicht an. Denn diese Remmel-Statistik ist natürlich nur Mittel zu einem Zweck: die Grünen-Ideologie von artgerechter Tierhaltung in kleinen Gruppen möglichst publikumswirksam ins Rampenlicht zu rücken. Und deshalb trägt sie den Namen Unstatistik zu Recht. Denn Antibiotika werden ja nicht zum Zeitvertreib verabreicht, sie sollen Tiere vor Erkrankungen schützen. Und wenn die moderne Agrartechnik eines herausgefunden hat, dann dies: dass eine antibiotikafreie Nutztierhaltung am effizientesten in größeren Ställen zu erreichen ist. In allen einschlägigen Untersuchungen des Antibiotikaeinsatzes bei der Tierhaltung jedenfalls gibt es keine Indizien dafür, dass die Notwendigkeit eines Antibiotikaeinsatzes mit wachsender Größe der Ställe steigt. Eher ist das Gegenteil der Fall.

Die Aktion „Unstatistik des Monats“ ist ein Gemeinschaftsprojekt des Schreibers dieser Zeilen mit dem Berliner Psychologen Gerd Gigerenzer und dem Bochumer Wirtschaftsprofessor Thomas Bauer. Es geht uns dabei weniger darum, Kollegen bei Fehlern zu ertappen oder mit dem Finger auf andere zu zeigen, wichtig ist uns vor allem der Kampf gegen das vor allem in Deutschland grassierende Innumeratentum, eine vor allem im Land der Dichter und Denker weit verbreitete Unfähigkeit, mit Zahlen und Fakten vernünftig umzugehen. “Fuhr vor einigen Jahren noch jeder zehnte Autofahrer zu schnell, so ist es heute schon jeder fünfte. Doch auch 5 % sind zu viele, und so wird weiterhin kontrolliert, und Schnellfahrer haben zu zahlen.” So brachte die Norderneyer Zeitung vor einigen Jahren dieses Innumeratentum perfekt auf den Punkt. Und so ist auch das Gegenteil von “grundsätzlich nie” natürlich nicht “grundsätzlich immer”, sondern “ab und zu”. Aber wie schrieb schon Dostojewski in Schuld und Sühne: “Mit der Logik allein ist die menschliche Natur nicht zu besiegen.”