28.05.2014

Empfehlungen zum angemessenen Alkoholgenuss

Kommentar von Christoph Lövenich

Am morgigen Feiertag wird traditionell das eine oder andere Getränk konsumiert. Welche Menge an Alkohol als gesundheitlich vertretbar gilt, ist Gegenstand diverser offizieller Empfehlungen. Mit deren Sinnhaftigkeit hat sich Christoph Lövenich beschäftigt

Der morgige Vatertag wirft seine Schatten voraus: Am Timmendorfer Strand gilt eine Art Ausnahmezustand mit Zufahrtssperren, mit dem „‚Niederlassen zum übermäßigen Alkoholgenuss‘“ verhindert werden soll und fleißig aufgepasst wird, dass auch Angetrunkene die fällige Strandgebühr entrichten. [1] Auch anderswo rüstet man sich für befürchtete Exzesse von Feiertags-Ausflüglern. [2]

Aus diesem Anlass stellt sich die Frage, wie viel Alkohol einem eigentlich gut tut. Soll man ihn in Massen genießen oder lieber – wie die Bayern – in Maßen? Hierzu lohnt ein Blick auf die als gesundheitlich unbedenklich empfohlenen Mengen reinen Alkohols. Solche Leitlinien existieren in vielen Ländern. Für Deutschland setzt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) das Limit bei täglich 20 Gramm für Männer, Frauen sollen sich mit zwölf Gramm begnügen. Die EU zwingt zwar Versicherer zu Unisex-Tarifen, am Flaschenhals hört die Gleichberechtigung dann aber offenbar auf. Selbst die puritanischen USA gewähren mit 28 Gramm eine größere Menge. Es empfiehlt sich jedoch, den Vatertagsausflug nach Spanien zu verlegen, dort aber nicht nach Kastilien (30 Gramm) mit der Hauptstadt Madrid, sondern nach Katalonien, denn um Barcelona sind selbst 70 Gramm unproblematisch. [3]

Solche Leitlinien entziehen sich nicht nur der Kenntnis fast aller Konsumenten, auch dürfte die Umrechnung in die genaue Menge bestimmter Getränke wie Wein, Bier und Schnaps spätestens nach mehreren Gläsern in unerwünschte Mühe ausarten. Die „Einheiten“ Alkohol, mit denen der Volksgesundheits-Apparat in staatlichen Behörden und akademischen Elfenbeintürmen operiert, erfordern ebenfalls umständliche Kalkulation. Zwar bietet die BzgA schnelle Rechenhilfe im Internet [4], aber nicht ohne Hintergedanken: Selbstverständlich wird zeigefingerschwingend mitgeteilt, wie viel noch gerade so gestattet ist und mit ein paar Gläsern an einem Abend ist man schnell ein „Binge-Drinker“ (früher: jemand, der auch mal ein Gläschen trinkt), der nicht „risikoarm“ konsumiert.

„Trinkfreude soll durch Einheitenzählen ersetzt werden wie Essgenuss durch Kalorienzählen.“

In dieser Vorstellungswelt gelten Risiken ganz allgemein nicht als essentielle und chancenreiche Komponente des menschlichen Lebens, sondern als strikt zu vermeidende Übel. Viel banaler noch: Die durch den Griff zur Flasche oftmals intendierten Wirkungen auf einen selbst und die Stimmung sollen möglichst ausgeschaltet werden. Die Trinkwarte von der BzgA möchten wohl am liebsten, dass man über den Tag verteilt ein paar Teelöffelchen solcher Getränke zu sich nimmt – wenn überhaupt. Trinkfreude soll durch Einheitenzählen ersetzt werden wie Essgenuss durch Kalorienzählen. [5]

Während die politische Alkoholbekämpfung für niedrige Grenzwerte sorgt, überraschte jüngst ein finnischer Forscher und ehemaliger WHO-Alkoholexperte mit der Erkenntnis, dass auch sechs große Bier oder eine Flasche Wein pro Tag keine Gefahr für die Gesundheit bedeuten – was dann auch reflexhafte Abwehrreaktionen von Anti-Alkohol-Organisationen nach sich zog. [6]

„Man könnte gar auf den ketzerischen Gedanken kommen, dass solche Leitlinien auf Willkür basieren.“

Man könnte gar auf den ketzerischen Gedanken kommen, dass solche Leitlinien auf Willkür basieren, wie im Bereich der Ernährungsempfehlungen ja überhaupt üblich, wo wissenschaftliche seriöse Daten fehlen. [7] Und welche Instanz darf für sich im Anspruch nehmen, solchen offiziellen Festlegungen zu treffen? Regierungsbeamte aus den Untiefen der Gesundheitsbürokratie, die Abstinenz-Lobby, eine momentan verbreitete wissenschaftliche Meinung? Sogar ein Kaiser persönlich weiß diesbezüglich Rat: „Sieben Fässer Wein können uns nicht gefährlich sein“ [8]. Gefährlich ist nach dem Stand der Forschung aber die Totalabstinenz, da sie mit einem gegenüber maßvollen Konsumenten höheren Sterblichkeitsrisiko einhergeht, das nach einer Studie sogar über dem von starken Trinkern liegt. [9] Demzufolge müssten konsequenterweise gesundheitlich erforderliche Alkohol-Mindestmengen festgelegt werden.

Vorzuziehen wäre all diesen wissenschaftlich verbrämten paternalistischen Einmischungen in den Lebensstil der Menschen und dem Zahlenrausch derjenigen, die Mark Twain „Moralstatistiker“ nannte, aber gesunder Menschenverstand und ein selbstbestimmter Umgang mit den eigenen Bedürfnissen. Mündige Menschen brauchen für die einfachen Dinge des Lebens keine amtliche Anleitung.

Zuletzt noch ein praktischer Tipp für den Vatertag: Das Bier sollte man besser in sich hinein schütten statt über das Grillfleisch, sonst wird dieses nicht kross. [10] Prost und guten Appetit!