06.04.2011

Wie man Alkoholfreunde in Aussätzige verwandelt

Kommentar von Tim Black

Tim Black beschreibt den Kreuzzug gegen den Alkohol in Großbritanien. Der Genuss von Alkohol soll auf ähnliche Weise "denormalisiert" werden, wie dies bereits mit dem Tabakkonsum geschehen ist. Anzeichen dieser undemokratischen Politik finden sich auch in Deutschland

In Großbritannien findet ein Kreuzzug gegen Alkohol statt. Eine „Koalition der Besorgten“ möchte jeden, der gerne mal einen hebt, in die gleiche Schmuddelecke abschieben, in der sich die Raucher bereits die Füße kalt stehen. „Alcohol Concern“ (dt. in etwa: “Besorgnis gegenüber Alkohol”), eine vom britischen Gesundheitsministerium gesponserte NGO, beklagt, dass es auf der Insel einfach noch nicht unangenehm und schwierig genug sei Alkohol zu trinken. Kurz vor Weihnachten 2010 besuchten Teams der Besorgten in einer medienwirksamen Aktion mehrere Supermärkte in der walisischen Hauptstadt Cardiff, um auf diese in ihren Augen unhaltbaren Zustände hinzuweisen. Was sie dort vorfanden, erschütterte sie bis tief in ihr ausgetrocknetes Mark.

Überall gab es Sprit zu kaufen. Nicht nur in dunklen, abgetrennten Alkohol-Gängen. Nein, Spirituosen gab es überall im Laden. Weinflaschen standen neben Fertig- Lasagne, Bierdosen neben dem Hühnerfrikassee, Whiskyflaschen in Trinkabstand zu Brotlaiben. Wie Sie sich sicher vorstellen können, war der Chef von „Alcohol Concern“, Don Shenker, nicht nur „concerned“, er war geradezu empört. Bezug nehmend auf die Bereitschaft des Supermarktes, neben der Fischtheke Fusel feilzubieten, sagte er: „Solche Praktiken machen aus Alkohol einen normalen Gebrauchsgegenstand, wie jedes andere Lebensmittel oder Getränk.“ Dies, so führt Shenker weiter aus, befördere die Vorstellung, „dass zu einem entspannten Mahl ein alkoholisches Getränk gehöre.“ Wie die Fliegen auf die *räusper* Forschung stürzte sich auch die British Medical Association (BMA) auf das Thema und schloss sich der alkoholfreien Party an. Dr. Vivian Nathanson, bei der BMA zuständig für Wissenschaft und Ethik, stellte fest: „Wir müssen anfangen, Alkohol zu denormalisieren – [Alkohol] ist nicht das Gleiche wie andere Lebensmittel oder Getränke.“

Die Forderung der Berufsbesorgten nach separaten Alkoholbereichen in Supermärkten ist ebenso kleinlich wie vorhersagbar. Dennoch sollte man sie nicht einfach so auf die leichte Schulter nehmen. Eine staatlich geförderte Koalition der Bessermenschen hat es darauf abgesehen, Alkohol zu „denormalisieren“. Die Mittel zum Zweck sind vielfältig, von der Einführung eines Mindestpreises bis zum Altersnachweis von jungen Erwachsenen, aber das Ziel ist das gleiche: sie wollen das Trinken und die Trinker stigmatisieren. Sie wollen, dass Alkoholkonsum nicht als „natürliche Begleitung eines entspannten Essens“, sondern als eine ebenso schändliche und peinliche Aktivität wie das Rauchen betrachtet wird.

Schließlich kommt die Vorlage für „Denormalisierung“ aus der staatlich geförderten Antiraucher-Kampagne. Wie eine wissenschaftliche Studie über die veränderte Wahrnehmung des Rauchens aus dem Jahr 2007 es formulierte: „[Strategien der] soziale[n] Denormalisierung [versuchen] die breiten sozialen Normen rund um den Tabakgebrauch zu verschieben – weg aus dem Feld normaler, erstrebenswerter Gewohnheiten, hin zu einer abnormalen Praktik“ (1). Und diese Strategie war ausgesprochen erfolgreich. Als übelriechende, selbstsüchtige, umweltverschmutzende Kreaturen, mit durch jahrelange schwächliche Genusssucht vergilbten Nägeln, sind Raucher heutzutage nur noch einen kleinen Schritt weit von der Aussätzigkeit entfernt. Die Verschiebung der Wahrnehmung ist bemerkenswert. Einst fester Teil unseres täglichen Lebens, ob in der Kneipe oder im Kino, ist das Rauchen heute zu einem schamvollen Akt geworden, der im Freien in eigens dafür markierten Bereichen ausgeübt wird.

In den Anfängen des Rauchverbotes ging es noch ums Passivrauchen und um die ihm zugeschriebenen Gesundheitsgefährdungen. In Anbetracht der Schwäche dieser These, die u.a. vom Komitee für wirtschaftliche Angelegenheiten des britischen Oberhauses im Jahr 2006 festgestellt wurde, scheint die erfundene Bedrohung durch das Passivrauchen nur dem eigentlichen Ziel gedient zu haben, das Rauchen sozial unakzeptabel zu machen. Als der damalige britische Gesundheitsminister Liam Donaldson am Vorabend des Rauchverbotes 2007 interviewt wurde, berichtete er begeistert von den Möglichkeiten weiterergehender Maßnahmen - von einem Werbeverbot für Tabak bis zu drastischen Fotos auf Zigarettenpackungen. Dahinter stand allerdings eine noch viel weiterreichende Absicht: „Wenn wir noch weitergehen wollen, dann müssen wir auch alle anderen Maßnahmen in Bezug auf Tabak verstärken und das Rauchen komplett denormalisieren.“ Kein Wunder, dass sich Steve Field, der damalige Vorsitzende der Ärztekammer, im Jahr 2009 dazu bewogen fühlte, das Rauchen in Autos in Gegenwart von Kindern als „eine Form von Kindesmissbrauch“ zu brandmarken. Raucher waren, wie es scheint, Freiwild. Du bist nicht eine Mutter oder ein Vater mehr, der sich beim gemeinsamen Kinobesuch mit den Kindern eine Zigarette gönnt. Nein, das wäre viel zu profan -  normal und menschlich. Du bist unnormal, abartig, ein Kinderschänder!

Genau wie das Rauchen inzwischen als sozial verabscheuungswürdig gilt, so scheint jetzt auch das Trinken ähnlichen Angriffen ausgesetzt zu sein. Man kennt es auch in Deutschland zu gut: Jede übelwollende Maßnahme, jeder Bericht über die Kosten des Alkohols für das Gesundheitssystem, jede klischeehaften Story über komasaufende Jugendliche dient dazu, den alltäglichen Akt des Alkoholtrinkens ein bisschen weniger normal zu machen. Wir sollen uns schämen und dazu gebracht werden, unsere Trinkgewohnheiten zu ändern.

Dieser heimliche, staatlich geförderte Versuch, unser Verhalten zu ändern, ist allerdings nicht die Folge irgendeines autoritären Impulses. Zwar wurde die Rechte zur Zeit der ehemaligen New Labour-Regierung nicht müde, deren Vorliebe für rechthaberische Verhaltenskorrekturen auf die semistalinistische Vergangenheit einiger Regierungsmitglieder zurückzuführen. Aber wie die Versuche, in England Mindestpreise für Alkohol einzuführen, zeigen, hält auch die aktuelle, liberalkonservative Koalition wenig davon, die Bürger frei entscheiden zu lassen, wie sie ihr Leben am liebsten leben wollen. Dies sollte nicht überraschen. Die Versuche, unsere Gewohnheiten und Normen zu ändern, hat weniger mit Autoritarismus zu tun, als mit einem Staat, der verzweifelt nach einer moralischen Mission sucht. Nur dass diese Mission, diese Raison d’être, uns, die dummen Massen, nicht vor fremden Anderen, sondern vor uns selbst schützen soll.

Hinter der Idee der „Denormalisierung“ steckt eine undemokratische Auffassung, vom Volk als leicht zu führender und formender Masse, der man von oben herab vorschreiben kann, was sie als normal zu empfinden habe. Kurz gesagt, heißt das, dass die Normen, nach denen wir leben, nicht unsere eigenen sind. Wenn es darum geht zu entscheiden, was normal ist und was nicht, kann man uns einfach nicht trauen. Das ist eine Sichtweise, die wirklich jeden zum Trinker machen könnte.