12.03.2026

Über die Opferkultur (Teil 3/3)

Von Frank Furedi

Titelbild

Foto: Naomi August via Unsplash / CC0

Der dominierenden Einfluss des Ethos der Vulnerabilität, und warum das Regime der Vulnerabilität eine kulturelle Falle darstellt.

Seit ich in meiner Studie „The Culture of Fear: Risk Taking and the Morality of Low Expectations” (1997)1 auf den Einfluss der Moral der niedrigen Erwartungen hingewiesen habe, gibt es eine bedauerliche Tendenz, die Erwartungen der Gesellschaft an die neuen Generationen ständig herunterzuschrauben. Die Widerstandsfähigkeit des Menschen weicht zunehmend dem vorherrschenden Prinzip der Vulnerabilität (im Deutschen auch „Verletzlichkeit“ oder „Schutzbedürftigkeit“) und wenn dieser Trend nicht umgekehrt wird, wird die Gesellschaft schwer unter den Folgen dieser fatalistischen kulturellen Wende leiden.

Wie ich in meinen letzten Beiträgen dargelegt habe, ist die Sakralisierung des Opfers zu einer vollendeten Tatsache geworden. Die Identität des Opfers wird ausnahmslos durch die Rhetorik der Vulnerabilität vermittelt, die wiederum die vermeintliche Fragilität und die psychologischen Defizite hervorhebt, an denen das Opfer leidet. In der Tat ist der Zustand der Vulnerabilität zur Normalität geworden. Seit gut drei Jahrzehnten dient das Ethos der Vulnerabilität in der westlichen Welt als organisatorischer Rahmen, zumindest oberflächlich gesehen analog zu der Rolle, die die Religion in der Vergangenheit gespielt hat.

Das Ethos der Vulnerabilität ermutigt die Gesellschaft, die conditio humana in psychologischer Hinsicht so zu interpretieren, dass Menschen als zu machtlos dargestellt werden, um ihr Leben ohne die Hilfe von Experten selbst in die Hand zu nehmen. Nach dieser Sichtweise wird der Zustand der Vulnerabilität nicht nur normalisiert, sondern auch so sehr fetischisiert, dass Begriffe wie „vulnerable Gruppen” und Verweise auf „die Vulnerablen” Fragilität als unveränderliche Tatsache des Lebens darstellen. Das Ideal der moralischen Autonomie ist einer Sensibilität gewichen, die Heteronomie als unveränderliche Tatsache des Lebens betrachtet. Heteronomie bedeutet einen Zustand fatalistischer Abhängigkeit von äußeren Einflüssen und Kräften.

Begriff der Vulnerabilität

Für die meisten Menschen ist Vulnerabilität zu einem selbstverständlichen Begriff geworden, der verwendet werden kann, um eine sich ständig erweiternde Dimension der menschlichen Erfahrung zu bezeichnen. Unsere Leser wissen wahrscheinlich nicht, dass der Begriff „Vulnerabilität” bis vor kurzem selten in Bezug auf Einzelpersonen und Gruppen verwendet wurde. Die Verbindung von Vulnerabilität mit der conditio humana entstand im Zuge des Aufkommens der Identitätspolitik und ist eng mit der Sakralisierung der Opferidentität verbunden.

Um Vulnerabilität in einen historischen Kontext zu stellen: Laut dem Oxford English Dictionary bezeichnete das Wort im 17. Jahrhundert jemanden, der anfällig für Verletzungen oder körperliche Schäden war. Im späten 18. Jahrhundert lautete der Eintrag für Vulnerabilität im OED: „Über Orte usw.: anfällig für Angriffe oder Übergriffe durch Streitkräfte; auf diese Weise leicht einzunehmen oder zu betreten“. In den folgenden Jahrhunderten bezog sich Vulnerabilität auf Probleme im Zusammenhang mit Gebäuden, Brücken und der Umwelt. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erhielt dieses Wort seine heutige Bedeutung und wurde als Eigenschaft von Individuen und Gruppen humanisiert.

In den letzten Jahrzehnten hat sich „Vulnerabilität“ zu einem weit verbreiteten Allzweckbegriff entwickelt, der eine wichtige Dimension der menschlichen Existenz bezeichnen soll. Einer Ansicht zufolge „fasst der Begriff Vulnerabilität die Vorstellungen von einer globalen Gemeinschaft besser zusammen als die meisten anderen Begriffe“2. Es besteht jedoch weitgehende Einigkeit darüber, dass es sich um einen Begriff handelt, der ständig nach einer Definition sucht. Wie in einer Studie festgestellt wurde, „ist der Begriff der Vulnerabilität ein außerordentlich elastischer Begriff, der so weit gedehnt werden kann, dass er fast jede Person, Gruppe oder Situation abdeckt, und dann wieder rückgeführt werden kann, um eine enge Bandbreite von Merkmalen wie Alter oder Inhaftierung zu beschreiben”3. Tatsächlich ist Vulnerabilität trotz oder gerade wegen ihrer konzeptionellen Inkohärenz auch zu einer wirkungsvollen Metapher im Alltagssprachgebrauch geworden.

„In den letzten drei Jahrzehnten hat die Zahl der Menschen und Gruppen, die als vulnerabel definiert werden oder sich selbst als vulnerabel darstellen, stetig zugenommen.“

Einige Begriffe drücken die vorherrschende emotionale und kulturelle Stimmung auf eine Weise aus, die keiner Erklärung oder Definition bedarf. Begriffe wie Trauma, Stress und Selbstwertgefühl sind zu selbstverständlichen Konzepten geworden, durch die Menschen die Bedeutung der Erfahrungen mit den Problemen des Lebens verstehen. Eine therapeutische Sprache durchdringt die Populärkultur, die Welt der Politik, den Arbeitsplatz, Schulen und Universitäten sowie alltägliche Begegnungen. Wie Kenneth Gergen feststellte, liefert die therapeutische Kultur ein Skript, durch das emotionale Defizite „ihren Weg in die kulturelle Umgangssprache finden“ und für die „Konstruktion der Alltagsrealität“ verfügbar werden.4 Eine der deutlichsten Manifestationen dieses Trends ist die weit verbreitete und unhinterfragte Verwendung des Begriffs „vulnerabel“, um wichtige Dimensionen der Alltagsrealität zu bezeichnen. Vulnerabilität und die damit verbundenen Begriffe „vulnerable Gruppen”, „die Vulnerablen” und „die Vulnerabelsten” werden verwendet, um eine wachsende Vielfalt an Gruppen und Menschen zu repräsentieren und zu charakterisieren. Die Begriffe „verletzlicher Mann” und „verletzliche Frau” deuten zwar auf nicht näher bezeichnete Defizite hin, haben aber manchmal auch die positive Konnotation, dass jemand mit seinen Gefühlen in Kontakt sei.5

Eine Analyse britischer und US-amerikanischer Zeitungen anhand der Datenbank LexisNexis und des Indexes von The Times und New York Times zeigt, dass seit den 1990er Jahren Gruppen, von denen angenommen wird, dass sie wirtschaftliche, soziale oder moralische Unterstützung verdienen, häufig als „vulnerabel” oder „die Vulnerablen” oder „die Vulnerabelsten” bezeichnet werden. In Regierungsberichten zu Gesundheit, Bildung, Kriminalität und Sozialwesen werden die Zielgruppen ihrer Politik durchweg als „vulnerable Kinder”, „vulnerable Erwachsene” oder einfach als „die Vulnerablen” bezeichnet. Solche offiziellen Berichte spiegeln die Darstellung von Vulnerabilität in den Medien wider, die sich durch eine charakteristische Ungenauigkeit bei der Bedeutung dieses Begriffs auszeichnet.

In den letzten drei Jahrzehnten hat die Zahl der Menschen und Gruppen, die als vulnerabel definiert werden oder sich selbst als vulnerabel darstellen, stetig zugenommen. In den 1960er und 1970er Jahren wurde der Begriff hauptsächlich, aber sehr selektiv, bei Kindern und älteren Menschen verwendet. In den 1980er Jahren kamen ethnische Minderheiten, Obdachlose, Alleinerziehende, psychisch Kranke, Menschen in Pflege und Arbeitslose hinzu. Eine Suche in britischen Zeitungen zeigt, dass der Begriff „Vulnerabilität” seit den 1990er Jahren auch eine neue Bandbreite emotionaler Belastungen umfasst, darunter „depressive Männer”, „gestresste Arbeitnehmer” und berufstätige Frauen.6 In jüngerer Zeit sind junge muslimische Männer, Studenten, Teenager, die unter dem Druck stehen, schlank zu sein, und Menschen, die süchtig nach Internetpornografie sind, nur einige wenige Beispiele für die zahlreichen Gruppen, die man als vulnerabel charakterisiert.7 In der Umgangssprache, in den Medien, in offiziellen politischen Erklärungen und sogar im akademischen Diskurs hat der Begriff „vulnerabel” häufig die Begriffe „arm” und „benachteiligt” ersetzt. „Ein Gesetz für die Reichen, ein Gesetz für die Vulnerablen” lautete die Schlagzeile einer Tageszeitung.8 Ein ähnliches Muster ist in den USA zu beobachten. Ab den 1990er Jahren wurde der Begriff „vulnerabel” häufig verwendet, um praktisch jede Gruppe zu bezeichnen, die sich in einer schwierigen Lage befand. Eine Schlagzeile der New York Times mit dem Titel „Wir sind jetzt alle vulnerabel” veranschaulicht diese Sensibilität.9

Eine Aussage über die conditio humana

Aufbauend auf der bereits bestehenden Kultur des Opferdaseins betont das Ethos der Verletzlichkeit immer wieder die Ohnmacht als bestimmendes Merkmal der conditio humana. Die begriffliche Aufwertung der Vulnerabilität in den letzten 35 Jahren wird durch ein Narrativ verstärkt, das impliziert, dass die Menschheit heute vulnerabler sei als je zuvor. Dieser Erzählung zufolge sei die Menschheit trotz der phänomenalen Entwicklung von Wissenschaft und Technologie weniger in der Lage, mit den Bedrohungen umzugehen, denen sie ausgesetzt ist, als in früheren Zeiten. Wie eine Beobachterin im New Scientist feststellte, „kommen immer mehr Forscher zu dem Schluss, dass unsere Gesellschaft keineswegs widerstandsfähiger, sondern vielmehr vulnerabler wird“.11 Eine Schlagzeile in der I Paper vom letzten Monat lautete: „In Großbritannien sind Sie vulnerabler, als Sie glauben – Warnung des ehemaligen Nato-Chefs an Großbritannien“.

Aussagen wie „Die Illusion der Kontrolle: Warum der Finanzsektor vulnerabler denn je für eine Finanzkrise ist“ gehen davon aus, dass der Gesellschaft die Ressourcen fehlen, um die Herausforderungen zu bewältigen, denen sie gegenübersteht. Häufig werden Kommentare und Behauptungen über das Leben in der Sprache der Vulnerabilität formuliert. Seltsamerweise muss man, wenn jemand sagt „sie ist vulnerabel“ oder „Teenager sind vulnerabel“, nicht erklären, „vulnerabel gegenüber was?“. Die Frage „Vulnerabel gegenüber was?“ wird selten gestellt, weil die einzig mögliche Antwort auf diese Frage „Vulnerabilität gegenüber allem“ lautet! Vulnerabilität wirkt als sich selbst reproduzierender Zustand, der die Identität des Individuums prägt.

Doch die Verherrlichung der Vulnerabilität untergräbt die menschliche Vorstellungskraft und hindert Menschen daran, ihr Potenzial auszuschöpfen. Das Ethos der Verletzlichkeit entmachtet die Menschen und lenkt sie davon ab, Kontrolle über ihr Leben zu erlangen. Es verleitet die Menschen zu der Annahme, dass sie ohne professionelle Hilfe nicht in der Lage sind, mit Widrigkeiten umzugehen. Leider droht diese Normalisierung der Hilflosigkeit zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden. In den letzten Jahrzehnten hat die Normalisierung der Hilflosigkeit zum Aufstieg der therapeutischen Kultur und zur enormen Ausweitung des psychogesundheitlich-indstriellen Komplexes geführt.

„Die Verherrlichung der Vulnerabilität untergräbt die menschliche Vorstellungskraft und hindert Menschen daran, ihr Potenzial auszuschöpfen.“

Sobald die Gesellschaft und ihre Individuen das Ethos der Verletzlichkeit verinnerlicht haben, wird es für die Menschen schwierig, sich von der Identität des Opfers zu befreien. Die schädlichen Folgen der Institutionalisierung dieser Sichtweise zeigen sich in der unaufhörlichen Zunahme der Zahl der Menschen, denen eine psychische Erkrankung diagnostiziert wird. Das Ethos der Verletzlichkeit ermutigt die Gesellschaft, die Probleme des Daseins durch die Brille der psychischen Gesundheit zu interpretieren. Infolgedessen werden die schmerzhaften und schwierigen Episoden im Leben der Menschen, die ein normaler Bestandteil der menschlichen Existenz sind, nun als Bedrohung für die psychische Gesundheit umgedeutet. Spannungen am Arbeitsplatz, der Druck, dem Kinder während Schulprüfungen ausgesetzt sind, oder die Erfahrung, von Freunden und Kollegen abgelehnt zu werden, werden nun häufig als potenzielle Anzeichen für psychische Probleme umgedeutet.

Nach dem Paradigma der Vulnerabilität ist Leid nichts, was man durchleben muss, sondern ein Zustand, der behandelt werden muss. Aus dieser Sicht wird die Integrität der Person durch die Konfrontation mit Widrigkeiten bedroht. Wie der Soziologe Ian Craib argumentierte, stellt diese „Schwierigkeit, Depressionen, Verzweiflung und Konflikte – mit einem Wort: Enttäuschungen – als Teil des Lebens zu akzeptieren” eine erhebliche „Hemmung des Selbst” dar.11

Ein Beispiel für diesen bedauerlichen Trend ist die derzeitige Tendenz, Einsamkeit als psychisches Gesundheitsproblem neu zu definieren. Einige Experten gehen sogar so weit, zu berechnen, dass Einsamkeit die Sterblichkeit um 26 Prozent erhöhen könnte.Sie behaupten, dass Einsamkeit und Verletzlichkeit eng miteinander verbunden sind und dass beide die Ursachen für Gesundheitsprobleme sind. Diese Ausrichtung auf Verletzlichkeit hat zu einer Neuinterpretation jeder Form von Leid geführt: Angst, existenzielle Schmerzen, Enttäuschung werden nun durch die Brille der psychischen Gesundheit betrachtet. Das Ergebnis dieses Trends ist die Abwertung des Ideals menschlicher Handlungsfähigkeit, was zu einem Verlust des Glaubens an die Fähigkeit der Menschheit führt, mit den Problemen umzugehen, mit denen sie konfrontiert ist.

„Die sinkenden Erwartungen der Gesellschaft an das menschliche Subjekt haben zu einer Haltung der Passivität und des Fatalismus gegenüber der Zukunft geführt."

Der tiefgreifende kulturelle Wandel, der zur Kultivierung der Verletzlichkeit geführt hat, strebt nach einer Transformation des menschlichen Subjekts, das einst als autonomer, widerstandsfähiger Akteur verstanden wurde, der in der Lage ist, mit Unsicherheit umzugehen, Urteilsvermögen auszuüben und die Welt zu beeinflussen. Diese Sichtweise auf das menschliche Subjekt ist einer Sichtweise gewichen, die es zunehmend auf ein fragiles, vulnerables Individuum reduziert. Die sinkenden Erwartungen der Gesellschaft an das menschliche Subjekt haben zu einer Haltung der Passivität und des Fatalismus gegenüber der Zukunft geführt. Im Ergebnis schränkt der Einfluss des Ethos der Verletzlichkeit den moralischen und politischen Raum für die Ausübung von Handlungsfähigkeit ein.

Warum ist es also wichtig, dem Einfluss des Ethos der Verletzlichkeit entgegenzuwirken? Eine Gesellschaft, die das Vertrauen in die Fähigkeit der Menschheit verliert, Einfluss auf ihr Schicksal zu nehmen, verwandelt ihre Menschen in eine desorientierte Masse, die Angst hat, Verantwortung für die Zukunft ihrer Gemeinschaft zu übernehmen. Das Regime der Vulnerabilität stellt eine kulturelle Falle dar, die das Streben nach moralischer Unabhängigkeit schwächt. Die einzigen Nutznießer der Aufrechterhaltung dieser Falle sind die Mitglieder und Unterstützer des psychogesundheitlich-indstriellen Komplexes, denen die Möglichkeit gegeben wird, unsere Seele zu kolonisieren.

Letztendlich hängt die Zukunft der demokratischen Entscheidungsfindung durch einzelne Bürger davon ab, dass wir uns gegen die lähmenden Folgen der Unterordnung menschlicher Ambitionen unter das Ethos der Verletzlichkeit wehren und dagegen aufbegehren.

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