13.11.2014

Share Economy: Teile und besitze

Kommentar von Thilo Spahl

Das Teilen per App wird immer beliebter und soll angeblich die postmaterialistische, postkapitalistische Gesellschaft einläuten. Geteilt wird in der Marktwirtschaft schon immer, führt Thilo Spahl aus. Freiheit und Autonomie sind aber eng mit Privateigentum verknüpft

Die Botschaft, die Rachel Botsman bereitwillig mit jedem teilt, lautet: „Wir stehen am Beginn einer kollaborativen Revolution.“
1 Dafür darf sie sich Vordenkerin einer neuen Bewegung nennen. Gemeint ist gemeinschaftlicher Konsum in einer Kultur des Teilens, der Sharing Economy. Auch der amerikanische Ökonom und Zukunftsgeschichtenerzähler Jeremy Rifkin sieht ein neues Wirtschaftssystem der „Kollaborativen Commons“ mittelfristig den Kapitalismus ablösen. In einer Welt gemeinschaftlicher Produktion und gemeinschaftlichen Nutzens soll Eigentum seine Bedeutung verlieren.

Angefangen hat es mit dem Carsharing. Und immerhin: Car2Go hat mittlerweile über eine halbe Million Nutzer, DriveNow rund 300.000. Offenbar haben wir es mit einer aufstrebenden Branche zu tun. Aber rechtfertigt das schon den Traum von der Überwindung des Kapitalismus und Aufbau einer klassenlosen, nachhaltigen Gesellschaft, in der wir alle „Prosumer“ werden, ominöse Mischwesen aus Produzent und Konsument, die sich gegenseitig geben, was sie brauchen?

Worauf kann man zwecks Übergang in eine Gesellschaft des Teilens noch verzichten, außer aufs eigene Auto? Wo kann man sich der Last des Besitzens entledigen? Bohrmaschine? Kein Problem, borge ich mir beim Nachbarn. Fahrrad? Kann man leihen – außer man ist Radfahrer. Smartphone? Gott bewahre, antworten die Freunde der Shareconomy, ist ja der „Enabler“ der ganzen Bewegung. Waschmaschine? Oh ja, ich damals in den 1980er-Jahren: immer mit dem Wäschekorb mit der U-Bahn zum Waschsalon in der Wiener Straße – lustige Zeit. Aber sieht das der heutige Student auch noch so? Geschirrspüler? Eher unpraktisch. Schreibtisch, Fotoapparat, Fernseher, Badewanne? Was soll die Fragerei!

Wie wäre es mit der ganzen Küche? Ist die nicht dem Auto vergleichbar? In den meisten Singlehaushalten wird seltener als einmal pro Tag gekocht. Den Rest der Zeit steht sie einfach ungenutzt rum. Sie nimmt keinen Platz auf der Straße weg, aber doch eine Menge Wohnraum. Viel Einsparpotenzial, das noch weitgehend unentdeckt scheint. Ein Blick auf Kitchen Share 2 enttäuscht. Man setzt sich für „Nachhaltigkeit, Gleichheit und Selbstgenügsamkeit“ in Portland (Oregon) ein. Über das Tauschen von Rezepten und Warmhalteplatten scheint die Initiative aber nicht hinauszugehen. Weiter ist da schon Freddy Leck in Berlin ̶  mit seinem Waschsalon noch Überbleibsel der alten Teilwirtschaft und mit einer Mietküche zugleich Vorreiter der neuen. 3

„Die wahre Shareconomy kennen wir unter dem Namen Marktwirtschaft“

Warum fällt es so schwer, etwas zum habituellen Teilen zu finden? Aus einem einfachen Grund: Wo das Teilen Sinn macht, ist es längst üblich. Ich besitze kein Schwimmbad, keine Kläranlage, keinen Zug, kein Flugzeug, keine Straße, kein Hotelzimmer, kein Stahlwerk, kein MS Office (sondern nur eine Nutzungslizenz) und keinen Supermarkt. Den teile ich mir lieber mit vielen anderen Menschen aus meiner Umgebung. Das funktioniert sogar ohne App sehr gut. Ich besitze auch kein eigenes Kraftwerk, obwohl immer mehr Menschen der seltsamen Meinung sind, sie müssten ihren Strom jeder für sich selbst auf dem eigenen Dach erzeugen, damit dann anschließend jeder mit jedem teilen kann.

Die wahre Shareconomy ist viel älter als das die modische Idee des kollaborativen Konsums. Wir kennen sie unter dem Namen Marktwirtschaft, die auf der revolutionären Idee der Arbeitsteilung basiert. Sie ermöglicht, dass wir über sehr vieles verfügen, ohne es selbst herstellen zu müssen. Wir greifen in unserem alltäglichen Leben auf die Fähigkeiten von Millionen von Menschen zurück, die Abertausende Produkte erzeugen und Dienstleistungen erbringen, die wir nutzen und gelegentlich auch besitzen.

Der Gedanken der Ökonomie des Teilens erfreut sich aus zwei Gründen großer Beliebtheit. Erstens, weil sich das Ganze prima mittels Internet und Apps organisieren lässt. Zweitens passt es gut zum ökologischen Zeitgeist. Die US-Zimmervermittlung Airbnb, die sich selbst als Vorreiter der Collaborative Consumption bezeichnet, nennt als Ziel eine „nachhaltigere Nutzung bestehender Ressourcen und die Wandlung zu einer Gesellschaft, die sich nicht länger durch Besitz, sondern vielmehr durch Zugang definiert.“ 4

„Die Ausdehnung der Shareconomy geht mit einer Ausdehnung von Besitz einher.“

Doch mit postmaterialistischen Wertvorstellungen und Ressourcenschonung hat die Teilerei denkbar wenig zu tun. Was ist denn die Voraussetzung dafür, dass heute Airbnb eine tolle Alternative zum Hotel darstellt? Es ist die wachsende Menge an Wohnraum, der von seinen Besitzern nicht dauerhaft benötigt wird, entweder in Form der durch eigenen Urlaub nicht ausgelasteten, eigenen Ferienwohnung oder in Form nicht genutzter Zimmer in der eigenen Wohnung, die heute viel größer ist als früher, oder in Form der zwei Wohnungen von nicht fest zusammenlebenden Paaren.

Die Ausdehnung der Shareconomy geht also mit einer Ausdehnung von Besitz einher. Das ist sogar beim Auto bisher nicht anders. Auch wenn wir seit Jahren lesen, immer mehr Menschen in Deutschland verzichteten aufs eigene Auto, nimmt die Zahl der PKWs davon unbeeindruckt beständig zu. Auf deutschen Straßen waren am 1. Januar 2014 43,9 Millionen Privatfahrzeuge unterwegs, rund 420.000 mehr als im Jahr zuvor. 5 Car2Go und DriveNow sind in erster Linie Alternativen zu U-Bahn oder Taxi und dienen oft zur Überbrückung der Zeit bis zur Anschaffung des eigenen Autos.

Auch mit der Hoffnung auf Entkommerzialisierung des alltäglichen Lebens sollten wir die neue Form der digital vermittelten Kultur des Teilens nicht verbinden. Dass eher das Gegenteil geschieht, wird einem spätestens klar, wenn in Zukunft der Kontoauszug zeigt, wie im Moment der Rückgabe der Bohrmaschine an den Nachbarn 2 Euro 50 von meinem auf sein Konto gewandert sind.

„Mit dem Verzicht aufs Auto geht auch der Verlust von Privatsphäre und Freiheit einher.“

Es mag sein, dass sich zu den vielen gemeinschaftlich genutzten Verkehrsmitteln in Großstädten mehr und mehr auch das Auto gesellt. Carsharing ist eine feine Sache. Es hat Vorteile und ist informationstechnisch kein Problem mehr. Insbesondere die Einführung fahrerloser Fahrzeuge wird hier wahrscheinlich zu einem weiteren Anstieg führen. Denn solche Vehikel werden, insbesondere wenn sie schlicht und funktional gestaltet sind, eher als eine Art individualisierter ÖPNV wahrgenommen. Doch aufgepasst: Mit dem bisweilen gerühmten Verzicht aufs Statussymbol Auto geht auch der Verlust von Privatsphäre und Freiheit einher.

Besitz gibt mir die Freiheit, tun und lassen zu können, was ich will. Das Werben fürs Teilen ist somit auch ein Angriff aufs Private. Das gilt für die Wohnung und auch für das Auto als mobiler, individuell gestaltbarer Privatraum. Außerhalb von Großstädten hat das Auto nach wie vor sehr viel mit Freiheit zu tun. Wenn ein junger Mensch das 18. Lebensjahr vollendet, ist es nicht das Wahlrecht, das ihm neue Perspektiven ermöglicht, sondern vor allem der Führerschein. Mit dem kann er in einem Mietwagen fahren, aber echte Verfügungsgewalt über die neue Freiheit erlangt er nur durchs eigene Auto, das den räumlichen und zeitlichen Aktionsradius beträchtlich ausdehnt. Mit dem Auto startet man ins neue Leben. Man fährt hin, wo man will, und man muss sich nicht mit dem letzten Bus auf den Heimweg machen. Oft kommt es vor der eigenen Wohnung und dient auch als Wegbereiter für den nächsten Akt der Befreiung, den Auszug aus dem Elternhaus.

Eine Revolution sind sie also nicht, die Ausleihportale und -apps, aber doch ganz schön. Sie führen uns nicht in eine neue postkapitalistische Ökonomie, beleben aber vielleicht das Zwischenmenschliche in der Singlegesellschaft ein wenig, indem sie viele unkomplizierte Begegnungsmöglichkeiten hervorbringen. So mag die Ökonomie des Teilens durch die gemeinsam getrunkene Tasse Kaffee beim Holen und Zurückgeben von Bohrmaschine oder Entsafter manch einsamer Seele einen nicht virtuellen, kurzen Moment des Glücks verschaffen. Vielleicht läuten die neuen Plattformen wie whyown.it, foodsharing.de, autonetzer.de oder leihdirwas.de ja nicht das Ende des Kapitalismus ein, dafür aber das Ende von parship.de oder FriendScout24?