07.02.2013

Die Marktwirtschaft als moralisches System

Analyse von Karl Homann

Eine möglichst starke Marktwirtschaft ist das beste bisher bekannte Instrument zur Verwirklichung der Solidarität aller Menschen. Ihre moralische Qualität liegt im Wettbewerbsprinzip.

Die Zustimmung zur Sozialen Marktwirtschaft nimmt in Deutschland laut Umfragen in einem seit Jahrzehnten stabilen Trend ab. Sie liegt gegenwärtig unter fünfzig Prozent. Die Diskussion wird überwiegend in ethischen Kategorien geführt. Das moralische Selbstverständnis der Bürger findet sich durch die globalisierungsbedingte Entwicklung der Wirtschaft mit hohen Unternehmensgewinnen, forciertem Strukturwandel und zum Teil exorbitanter Steigerung der Bezüge der Manager, besonders der Banker, provoziert. Viele Menschen leisten Widerstand gegen den „Neoliberalismus“. Das Fehlverhalten einzelner Manager bestärkt die Menschen in ihrer Ablehnung der Marktwirtschaft, und die Finanz- und Wirtschaftskrise führen sie, in ihrer Meinung unterstützt von einer Reihe von Politikern und anderen Meinungsführern, auf die „Gier“ der beteiligten Akteure zurück.

Infrage steht die moralische Qualität der Marktwirtschaft. Diese ist seit nunmehr 40 Jahren nicht mehr auf dem erforderlichen Niveau diskutiert worden. Die Führungseliten unserer Gesellschaft sind nicht mehr in der Lage, den Menschen plausibel zu machen, dass die Marktwirtschaft ein zutiefst moralisches Unternehmen ist. Versuchen wir daher einen neuen Anlauf.

Das Problem für die Moral in der Marktwirtschaft: Wettbewerb

Zunächst müssen wir uns vor Augen halten, dass unsere abendländisch-christliche Moral vor dem Hintergrund von und unter Bezug auf vormoderne Gesellschaften entstanden und auch theoretisch entwickelt worden ist, dass wir aber heute in modernen Gesellschaften mit völlig anderen Strukturen leben. Die empirischen Bedingungen, unter denen die alten Ideale heute zur Geltung gebracht werden müssen, haben sich grundlegend gewandelt. Sozialisiert wurden wir aber durchweg noch in den vormodernen Moralvorstellungen, die auf die Strukturen moderner Gesellschaften unmittelbar nicht mehr passen. Dieser Widerspruch ist der tiefere Grund dafür, dass viele Menschen, auch die gutwilligen, so große Schwierigkeiten haben, die moralische Qualität der Marktwirtschaft zu begreifen.

Geändert hat sich gegenüber der vormodernen Gesellschaft vieles. So leben wir heute nicht mehr in den überschaubaren Kleingruppen der Vormoderne, sondern in der anonymen Großgesellschaft mit tiefer Arbeitsteilung, langen Produktions(um)wegen und unüberschaubaren wechselseitigen Abhängigkeiten. Ferner haben sich Funktionssysteme wie Recht, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft herausgebildet, deren Leistungsfähigkeit auf der Konzentration auf bestimmte Zusammenhänge unter Abstraktion von anderen Gesichtspunkten und auf einer starken Eigenlogik beruht. Die Folge ist, dass es zum Beispiel keinen Durchgriff etwa der Politik auf die Wirtschaft oder auf die Wissenschaft geben kann.

Eine wesentliche Veränderung und zugleich ein konstitutives Element der modernen Gesellschaft beziehungsweise der modernen Wirtschaft ist der Wettbewerb. Im antiken Griechenland gab es zwar auch schon Wettbewerb – bei olympischen Spielen und bei den alljährlich stattfindenden Theaterwettbewerben in Athen, denen wir die großen antiken Tragödien verdanken. Aber der Wettbewerb in der Wirtschaft wurde aus ethischen Gründen bewusst vermieden, weil dieser in der vormodernen Wirtschaft gefährliche soziale Konflikte heraufbeschworen hätte. Genau dieser Wettbewerb ist in der modernen Wirtschaft – und sogar in anderen Systemen wie der Wissenschaft und der Politik – zum Funktionsimperativ erhoben worden. Ihm verdanken wir unseren Wohlstand, einen Wohlstand in dem weiten Sinn, der nicht nur materielle Dinge umfasst, sondern auch Muße, Gesundheit, eine Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung und vielfältige kulturelle Erfahrungen.

Es lohnt sich, die Logik des Wettbewerbs, die erstmals von dem englischen Philosophen Thomas Hobbes Mitte des 17. Jahrhunderts entwickelt worden ist, genauer zu analysieren. Ich betrachte stellvertretend zwei Gruppen, die Starken und die Schwachen. Unmittelbar einsichtig ist, dass unter Bedingungen des Wettbewerbs die Schwachen, die Armen, alles dransetzen müssen, weiter im Spiel zu bleiben. Nun könnte man meinen, die Starken, die Reichen würden diesem Druck nicht unterliegen. Doch das ist falsch. Denn der heute Starke oder Reiche weiß nicht, ob er nicht morgen oder übermorgen von seinen Konkurrenten überholt und in seiner Existenz bedroht wird. Damit gilt für alle Beteiligten, und zwar auch für solche, die den Wettbewerb eigentlich gar nicht wollen, dieselbe Logik der unablässigen Bemühung um Maximierung der Ressourcen, und zu diesen Ressourcen sind etwa Macht, Geld, Kapital, Wissen, Unterstützung zu zählen. Und da niemand weiß, ob er in Zukunft im Wettbewerb wird bestehen können, muss er sich präventiv um diese Maximierung der Ressourcen bemühen.

Genau dieser Logik der präventiven Maximierung von Ressourcen im Wettbewerb ist unser Wohlstand im genannten weiten Sinn geschuldet. Gewinnmaximierung ist also zunächst kein moralischer Defekt, sondern ein Systemimperativ als Folge des Wettbewerbs. Jetzt können wir das grundlegende Problem für die Moral in der modernen Marktwirtschaft präzise formulieren: Wer unter Bedingungen des Wettbewerbs moralisch motivierte Vor- und Mehrleistungen erbringt, die nicht vom Markt honoriert werden, läuft Gefahr, von seinen weniger moralischen Konkurrenten ausgebeutet zu werden. Im Sprichwort heißt das: „Der Ehrliche ist der Dumme.“

Das Ergebnis: Der Wettbewerb ist erwünscht, weil er „Wohlstand für alle“ schafft. Gleichzeitig setzt dieser Wettbewerb aber dem moralischen Handeln der Einzelnen ganz enge Grenzen, ja, macht es vielleicht sogar unmöglich. Wie kommen wir aus dieser Falle heraus?

Die Lösung des Problems

Es sind bislang drei Grundmodelle entwickelt worden, das Problem der Ausbeutbarkeit der Moral im Wettbewerb zu lösen. Im gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs finden wir Gedanken aus allen drei Modellen wieder. Das aber ist höchst problematisch, weil diese Modelle untereinander inkompatibel sind und weil von den drei Modellen letztlich nur eines praxistauglich ist.

Das erste Modell geht auf Karl Marx zurück und ist von seinen politischen Nachfahren in einem Experiment von welthistorischen Dimensionen ausprobiert worden. Marx hatte genau erkannt, dass die moralisch empörenden Resultate des Kapitalismus in seiner Zeit nicht auf moralische Defizite der Unternehmer wie etwa ihre „Gier“ zurückzuführen sind, sondern auf das System des Wettbewerbs. Es lässt auch dem human oder solidarisch gesinnten Unternehmer keine andere Wahl, als seine Arbeiter auszubeuten, weil er andernfalls von seinen Konkurrenten geschluckt würde. Marx hatte damit die Ursache der sozialen Probleme genau erkannt. Er hat eine Therapie empfohlen, die scheinbar ursachenadäquat war: Abschaffung des Systems des Wettbewerbs aus moralischen Gründen.

Man sollte meinen, dieses Modell gelte seit 1989 als endgültig diskreditiert. Doch weit gefehlt: Unsere Wirtschaft und Gesellschaft kennen zahllose Beschränkungen des Wettbewerbs – praktisch immer aus moralischen oder „sozialen“ Gründen oder Vorwänden. So sollen Gesundheit und Bildung vom Wettbewerb ganz ausgenommen werden. Weitgehend verschont bleiben sollen die Unternehmen im Bereich der so genannten „Daseinsvorsorge“ und die Landwirtschaft. Subventionen und Protektionismus verzerren den Wettbewerb. Auch überzogener Kündigungsschutz und das Berufsbeamtentum von Lehrern und Professoren gehören hierher. Ökonomen sagen, dass über fünfzig Prozent unserer Preise keine Wettbewerbspreise sind. Kurz gesagt: Was die Einschätzung des Systemimperativs Wettbewerb angeht, ist Karl Marx allgegenwärtig.

Dominant im öffentlichen Diskurs ist das zweite Modell zur Lösung des Problems der Ausbeutbarkeit der Moral im Wettbewerb. In den seriöseren Varianten geht es auf Immanuel Kant zurück, genauer: auf eine bestimmte Lesart von Kant. Dieses Modell setzt auf die moralische Aufrüstung des Einzelnen. Sein Kern: Die guten, moralischen Motivationen der einzelnen sollen durch vernünftige Argumentation, durch Erziehung und Vorbilder, durch Appelle und öffentliche Ächtung, durch Beschwörung von Werten und Leitbildern so gestärkt werden, dass jeder seine niederen, egoistischen Motive in den konkreten Entscheidungen des Alltags überwindet. Es geht um Mäßigung, um Tugenden wie zum Beispiel die des ehrbaren Kaufmanns oder des traditionellen Bankiers. Es geht um Maß und Mitte, Bescheidenheit und Gemeinsinn und dergleichen mehr. Und wenn dennoch Zweifel aufkommen, ob man sich in der Realität denn wirklich darauf verlassen könne, dass alle Einzelnen ihrer Verantwortung gerecht werden, dann plädiert etwa Hans Jonas für „eine wohlwollende, wohlinformierte und von der richtigen Einsicht beseelte Tyrannis“.

Der Grund für das Scheitern dieses Modells liegt darin, dass die harte Logik des – heute globalen – Wettbewerbs nicht ernst genommen wird. Der tugendhafte Einzelne kann sich zwei- oder dreimal ausbeuten lassen, aber nicht dauerhaft und systematisch, und das kann auch keine Ethik von ihm verlangen. Eine in diesem Modell argumentierende Ethik ist brauchbar für eine Gesellschaft ohne Wettbewerb, also für die vormoderne Gesellschaft, aber nicht für eine Marktwirtschaft und die sich marktwirtschaftlich organisierende Weltgesellschaft. Der damit verbundene weit verbreitete Moralismus ist eine Krankheit, die sich für die Therapie dieser Krankheit hält.

Praxistauglich ist allein das dritte Modell. Es geht letztlich auf Adam Smith zurück. Seine Kurzfassung lautet: Wettbewerb unter Regeln. Das wichtigste theoretische Instrument in diesem Modell ist die Unterscheidung zwischen Handlungen und Handlungsbedingungen, oder, in der Sprache des Fußballs, zwischen Spielzügen und Spielregeln. Das Problem der Ausbeutbarkeit moralischer Vor- und Mehrleistungen wird dadurch gelöst, dass alle Wettbewerber durch sanktionsbewehrte Regeln, also Handlungsbedingungen, denselben Moralstandards unterworfen werden und wegen der Sanktionen keine Vorteile mehr aus Verstößen gegen diese Standards ziehen können. Sanktionsbewehrte Regeln binden alle gleichermaßen – auch wenn die Schiedsrichter manche Verfehlungen nicht sehen.

Jetzt können Moral und Wettbewerb zugleich realisiert werden: Die Moral wird – grundlegend, nicht ausschließlich – durch die Spielregeln gewährleistet, und der Wettbewerb findet in den Spielzügen statt. Es ist Aufgabe der Politik, ein geeignetes Regelwerk zu setzen, einen geeigneten Ordnungsrahmen. Nur unter einem solchen Regelsystem kann der Einzelne Moral im Alltag praktizieren, ohne Gefahr zu laufen, ausgebeutet zu werden. Anders herum: Individuelle Moral bedarf der Stützung, nicht der Ersetzung durch eine Rahmenordnung. Ohne eine solche Stützung der Moral durch allgemeine Regeln zerstört der Wettbewerb jede individuelle Moral.

Wie sieht nach diesen Überlegungen eine Ethik für die Marktwirtschaft aus? Neben anderen Konstitutiva, die oftmals unseren moralischen Intuitionen, die wir in unserer Sozialisation gemäß den vormodernen Moralvorstellungen erworben haben, diametral zu widersprechen scheinen, kann sich Moral unter Wettbewerbsbedingungen nur mit und in der ökonomischen Anreizlogik realisieren. Eine Moral, die dem Einzelnen keine Anreize zur Befolgung gibt, ihm also keine – nachhaltigen – Vorteile verheißt, kann im Alltag mit Wettbewerb nicht praktiziert werden. Außerdem ist darauf aufmerksam zu machen, dass die Demarkationslinie zwischen unmoralischem und moralischem Handeln nicht entlang der Unterscheidung Egoismus/Altruismus, sondern zwischen individuellem Vorteilsstreben auf Kosten anderer und dem individuellen Vorteilsstreben, bei dem die anderen ebenfalls Vorteile erzielen, verläuft. Dabei fallen diese Vorteile für die anderen über die normalen Austauschprozesse auf Märkten an.

Die moralische Qualität der Marktwirtschaft

Der Maßstab, an dem die Ethik die moralische Qualität von Entscheidungen beziehungsweise Institutionen misst, ist klassischerweise die Eudaimonia, bis ins 18. Jahrhundert übersetzt mit Glückseligkeit. Heute würden wir vom gelingenden Leben für alle Menschen reden. Entscheidungen beziehungsweise Institutionen, die das gelingende Leben aller Menschen fördern, bezeichnen wir als moralisch „gut“, solche, die es behindern oder verhindern, als moralisch „schlecht“ oder als „böse“.

Nach diesem Maßstab beurteilt, ist die Marktwirtschaft als Wirtschaftsordnung beziehungsweise als System moralisch gut, weil sie allen Menschen, die in der Marktwirtschaft leben, die Chance zu einem gelingenden Leben gewährt – und zwar in einem Ausmaß, wie kein anderes Wirtschaftssystem bisher. Die moralische Qualität der Marktwirtschaft liegt also in den Ergebnissen begründet, die sie generiert.

Das betrifft, wie bereits gesagt, nicht nur den materiellen Wohlstand, sondern auch die Freiheit des Einzelnen, seine Gesundheit, die höhere durchschnittliche Lebenserwartung, die Möglichkeiten von Bildung und reichen kulturellen Erfahrungen. Es betrifft im Kern die Wertschöpfung im umfassenden Sinn, die Schaffung von Mehr-Wert im Vergleich zu allen früheren Wirtschaftsformen. Es betrifft die vielfältigen Innovationen des menschlichen Lebens im technischen und sozialen Bereich.

Wirtschaftshistoriker sagen uns, dass das Pro-Kopf-Einkommen bis circa 1800 ziemlich gleich geblieben ist und dass dann ein gewaltiges Wachstum einsetzt, das in nur zwei Jahrhunderten dieses Pro-Kopf-Einkommen trotz dramatischen Bevölkerungswachstums um ein Vielfaches erhöht hat. Es ist heute selbst für Theoretiker, die dem realen Kapitalismus eher kritisch gegenüberstehen, nicht vorstellbar, wie eine Weltbevölkerung von sieben und bald neun Milliarden Menschen ohne Marktwirtschaft zufriedenstellend soll leben können. Dabei spielt die Gesundheitsversorgung neben der Ernährung die bedeutendste Rolle. Wo die Menschen an diesen Wirkungen heute noch nicht teilhaben, liegt das in aller Regel daran, dass sie noch nicht in funktionsfähigen Marktwirtschaften leben.

Dieser Wohlstand wird vom System hervorgebracht: Grundsätzlich zählen alle zu den Gewinnern einer größeren Wertschöpfung durch die bessere Nutzung der Ressourcen. Der Preis ist allerdings, dass es in den einzelnen Wettbewerbshandlungen immer Verlierer gibt. Das ist gewissermaßen die Logik des bekannten Spruchs: Der Zweck heiligt die Mittel. Das Erfolgsgeheimnis der Marktwirtschaft besteht darin, dass sie in gewissem Sinne und in gewissem Ausmaß diesem Prinzip folgt. Damit ist jedoch nicht gesagt, dass der Zweck auch alle Mittel heiligt. Das System bringt gute Ergebnisse für alle nur dann hervor, wenn der Wettbewerb über bestimmte Parameter still gestellt wird, zum Beispiel über Raub, Betrug, Vertragsbruch, Umweltverschmutzung, mangelnden Arbeitsschutz, Diskriminierung, Intransparenz u.a.m., und über andere Parameter wie Qualität, Preis, Innovation von Produkten und Dienstleistungen forciert wird. Diese Unterscheidung zielführend zu etablieren, ist traditionell Aufgabe der Politik.

Dazu gehört, dass sich Unternehmen und einzelne Akteure an die Rahmenordnung halten und bereit sind, sich dem harten und fairen Wettbewerb und seinen Resultaten zu unterwerfen. Das kann im Einzelfall mit beträchtlichen Härten verbunden sein, und die Frage ist, unter welchen Bedingungen die einzelnen einem solchen System zustimmen können. Das ist nur zu erwarten, wenn, um wenigstens drei Dinge zu nennen, erstens die Härten nicht immer dieselben Menschen oder Gruppen treffen, wenn zweitens die jeweiligen Verlierer von der Gesellschaft aufgefangen und schnell wieder integriert werden und wenn drittens alle jungen Menschen durch eine gute Ausbildung die gleiche Chance bekommen, an den Erfolgen des Systems zu partizipieren. Es kann nicht geleugnet werden, dass hier national und international viel zu tun bleibt. Dass etwas getan werden muss, kann man ethisch gut begründen, aber ebenso auch ökonomisch: Menschen haben ein Recht auf Entfaltung ihrer Fähigkeiten – so die ethische Lesart – beziehungsweise liegen Potenziale brach, die sehr viel zum Wohl der Allgemeinheit beitragen könnten – so die ökonomische Lesart. Arme, Gescheiterte werden gemeinhin als Kostenfaktoren betrachtet. Wir sollten sie stattdessen als Vermögen sehen, das zu entwickeln ethisch geboten und ökonomisch eine gute Investition ist.

Menschen als Vermögen: Das ist zugleich der Grundgedanke guter Unternehmensführung. Gerade in anspruchsvollen Produktionen hängt der Erfolg von Unternehmen mehr und mehr davon ab, ob es der Unternehmensleitung gelingt, ihre Mitarbeiter zu motivieren, sie zu engagierten, selbstdenkenden Mitgliedern des Unternehmens zu entwickeln. Sie müssen dafür mit Respekt behandelt werden, in ihrer Würde anerkannt sein und sich als moralische Subjekte wahrgenommen fühlen. Wertschöpfung durch Wertschätzung lautet die Devise. Dies fordern die Ethik und die Ökonomik gleichermaßen, wir sollten diese beiden Sichtweisen nicht gegeneinander ausspielen. Alle gute Ethik hat ein ökonomisches Fundament, und gute Ökonomik hat einen ethischen, einen moralischen Sinn.

War’s das? Der Nobelpreisträger Milton Friedman hat in den sechziger Jahren die These vertreten: „The social responsibility of business is business.“ Und auch Adam Smith wird von Kritikern so interpretiert, dass sich im freien Spiel der Marktkräfte der allgemeine Wohlstand wie von „unsichtbarer Hand“ geleitet von selbst einstellt. Wir wissen heute, dass sich die Aufgaben von Unternehmen nicht in Friedmans „business“ erschöpfen.

Die Soziale Marktwirtschaft

Zunächst ist kurz auf das Verständnis der Sozialen Marktwirtschaft einzugehen. Wie der öffentliche Diskurs immer wieder zeigt, wird unter der Sozialen Marktwirtschaft eine Marktwirtschaft verstanden, die erst durch ethisch begründete Korrekturen moralisch akzeptabel gemacht worden ist, in der dem Wettbewerb und dem Gewinnstreben Grenzen gesetzt sind, um die Betroffenen vor den schmerzlichen Auswirkungen der Marktwirtschaft zu schützen. Bändigung, Zähmung, Domestizierung des Marktes ist die Vorstellung von der Funktion des Sozialen in der Sozialen Marktwirtschaft.

Doch diese Auffassung ist mit schweren Hypotheken belastet. Wer explizit oder auch nur implizit diese Auffassung hegt, transportiert im Umkehrschluss die Auffassung, die Marktwirtschaft als solche sei eigentlich unmoralisch. Die Folge für die Politik: Das Ausmaß der Sittlichkeit wird nicht am Ausmaß der Marktwirtschaft, sondern am Ausmaß der Korrekturen der Marktwirtschaft fest gemacht, und dann gibt es aus moralischen Gründen kein Halten mehr für immer weiter gehende Korrekturen. Politisch gilt die Devise: Je mehr Korrekturen, desto mehr Moral – bis die Marktwirtschaft größenteils oder ganz wegkorrigiert ist.

Auch ich vertrete – aus ethischen und ökonomischen Gründen –  die Auffassung, dass die Soziale Marktwirtschaft die bessere Marktwirtschaft ist. Aber sie muss die bessere Marktwirtschaft sein, indem sie mehr Menschen zu potenten Marktteilnehmern entwickelt, durch das System der sozialen Absicherung diese Menschen mutiger in Sach- und Humankapital investieren lässt und so die Marktwirtschaft erst richtig in Schwung bringt. Diesen Gedanken kann man mit einem Vergleich deutlich machen, der wohl auf den großen österreichischen Ökonomen Joseph A. Schumpeter zurückgeht. Er vergleicht den Sozialstaat mit der Bremse im Auto: Tritt man auf die Bremse, fährt das Auto langsamer und kommt vielleicht sogar zum Stehen. Aber der Sinn eines guten Bremssystems besteht doch darin, im Normalbetrieb schneller fahren zu können als ohne Bremsen.

CSR oder die Verantwortung von Unternehmen

Heute gehen wir im öffentlichen Diskurs davon aus, dass nicht nur natürliche Personen Verantwortung tragen, sondern auch artifizielle Personen, also Organisationen und deren Prototyp, die Unternehmen. Lassen wir die philosophischen Probleme der Verantwortung von Kollektiven einmal beiseite und konzentrieren wir uns auf die Frage, wofür Unternehmen Verantwortung tragen und wo die Grenzen ihrer Verantwortung liegen.

In der öffentlichen Meinung sind Unternehmen in der Marktwirtschaft Gebilde mit der Lizenz zum Geldverdienen, also Organisationen, die mit Privilegien ausgestattet („licence to operate“) sind und deswegen eine moralische Verpflichtung haben, der Gesellschaft etwas zurückzugeben („giving back“). Wer so seine Strategie für eine Rechtfertigung der Marktwirtschaft ansetzt, liegt völlig schief.

Franz Böhm, einer der Väter der Sozialen Marktwirtschaft, hat sich gegen diese Auffassung gewandt und argumentiert, dass Unternehmen eine gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen haben, weil nur sie es sind, die bestimmte Leistungen – nämlich die Versorgung der Bevölkerung mit guten, preiswerten, innovativen Produkten und Dienstleistungen –, zuverlässig und effizient erfüllen können. Unternehmen unterliegen einer, wie er es sagt, „sozialen Auftragszuständigkeit“. Er meinte damit nicht etwa Aktivitäten, die unter dem Label CSR über das Kerngeschäft hinausgehen, sondern er meinte dieses Kerngeschäft selbst. Die grundlegende gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen besteht in der effizienten Erledigung des Kerngeschäfts.

Damit Unternehmen diese Aufgabe für die Gesellschaft erfüllen, müssen sie Anreize bekommen: Das ist der Sinn der – vermeintlichen – „Lizenz“ zum Geldverdienen. Nachhaltige Gewinnmaximierung unter Wettbewerbsbedingungen ist in einer marktwirtschaftlichen Ordnung kein Privileg, für das sich die Unternehmen erkenntlich zu zeigen hätten, sondern ihre sittliche Pflicht, weil dies dem Wohlergehen und der Solidarität aller besser dient als alternative Strategien. Die Unternehmensleitung hat alles zu unternehmen, was dem Ziel der nachhaltigen Gewinnerzielung – und damit dem Gemeinwohl – dient. Franz Ludwig Gehes Vision, Arzneimittel für jedermann verfügbar zu machen, dadurch einen Beitrag zur Volksgesundheit zu leisten und dies durch Gründung und Betreiben eines Unternehmens zu tun, liegt genau auf dieser Linie.  Gehe lebte 1810–1882 und gründete am 1. Mai 1835 die Drogerie- und Farbwarenhandlung Gehe & Comp als Vorläufer des heutigen Celesio-Konzerns.

Die primäre Verantwortung von Unternehmen besteht im Kerngeschäft. Wir sprechen hier von Handlungsverantwortung, von der Verantwortung des Unternehmens für die konkreten Entscheidungen und deren unmittelbare, das heißt vom Unternehmen kontrollierte, Handlungsfolgen. Alles, was darüber hinausgeht, ist nur durch den Bezug zu diesem Ziel, zu dieser Aufgabe, zu rechtfertigen.

In ihrem eigenen Interesse an nachhaltiger Gewinnerzielung im Kerngeschäft muss sich gute Unternehmensführung auch um die Gestaltung eines geeigneten Ordnungsrahmens für unternehmerische Tätigkeit kümmern und sich in die entsprechenden politischen Bemühungen einbringen.

Der nachhaltige Erfolg unternehmerischer Tätigkeit hängt in Zukunft mehr denn je von der Akzeptanz durch die Betroffenen ab. Doch die Betroffenen begreifen die positiven Funktionszusammenhänge der Marktwirtschaft nicht und noch weniger ihre moralische Qualität. Dass Wettbewerb solidarischer ist als Teilen und Privateigentum sozialer als Gemeineigentum, ist für „ökonomische Laien“ kontraintuitiv und ohne weitere Erklärungen nicht zu verstehen. Die ökonomischen Laien, zu denen der Mann auf der Straße ebenso gehört wie der hoch gebildete Kunsthistoriker, unterliegen, wie erste empirische Untersuchungen zeigen, folgenschweren positiven und auch moralischen Fehleinschätzungen. Doch diese ökonomischen Laien bestimmen die öffentliche, vor allem die veröffentlichte Meinung und damit auch die Politik. Das Ergebnis ist die Erosion der Identifikation mit der Marktwirtschaft. In einem solchen Klima wird es für die Unternehmen immer schwieriger, ihr Kerngeschäft erfolgreich zu betreiben und dafür Anerkennung zu finden.

Unternehmen sollten sich in ihrem eigenen Interesse an einem Prozess der Aufklärung und der Kommunikation über die Marktwirtschaft und ihre Moral beteiligen. Ihnen kommt damit neben der Handlungsverantwortung und der Ordnungsverantwortung auch eine Kommunikationsverantwortung zu, der sie nur Genüge leisten können, wenn sie einschlägige Kompetenzen selbst erwerben oder sie einkaufen beziehungsweise unterstützen.

Kompetenz in diesen Fragen ist umso wichtiger, als die Verfechter einer marktwirtschaftlichen Ordnung im öffentlichen Diskurs oftmals Argumente verwenden, die bei genauerer Betrachtung eher das Werk ihrer Gegner beschreiben. In die Fußballsprache übersetzt: Die Verteidiger fabrizieren fortgesetzt Eigentore. Das Verständnis des Sozialen in der Sozialen Marktwirtschaft als Korrektur der Marktwirtschaft ist solch ein klassisches Eigentor. Solche gravierenden Argumentationsfehler tragen nicht gerade zum Vertrauen in die Marktwirtschaft bei.

Die Marktwirtschaft mit einer geeigneten Rahmenordnung ist das beste bisher bekannte Instrument zur Verwirklichung der Solidarität aller Menschen. Sie hat daher eine sittliche, eine moralische Qualität. Sie ist unter den Bedingungen moderner Gesellschaften „der institutionelle – wir können auch sagen politische – Weg der Nächstenliebe“ (Papst Benedikt XVI.).