02.11.2015

Wenn der Professor die Doktorandin anmacht

Kommentar von Thilo Spahl

Statt mit einem Nobelpreis wurde der US-amerikanische Astronom Geoffrey Marcy mit einem Misstrauensvotum belohnt. Er soll sich „unangemessen“ verhalten haben. Thilo Spahl sieht durch die Kultur des Misstrauens an Universitäten die Arbeitsatmosphäre vergiftet

Vor wenigen Wochen war Geoffrey Marcy noch als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt [1] worden. Mitte Oktober wurde bekannt gegeben, dass er von seiner Position als Professor für Astrophysik an der University of California, Berkeley, zurücktritt, nachdem eine Mehrzahl der anderen Fakultätsmitglieder ein Misstrauensvotum [2] gegen ihn wegen unangemessenen Verhaltens ausgesprochen hatte. Auch die Doktoranden forderten die Universitätsleitung auf, Marcy zu feuern, und warfen ihr vor [3], Prestige und Drittmittel höher zu bewerten als das Wohlergehen der jungen Wissenschaftler. Nun muss man sich tatsächlich die Frage stellen, ob eine Universität eher danach streben sollte, große wissenschaftliche Leistungen zu fördern, oder sicherzustellen, dass erwachsene Menschen ja keinem Flirtversuch durch andere Erwachsene zum Opfer fallen.

Meg Urry, Präsidentin der American Astronomical Society (AAS), erläutert in einem Artikel für Scientific American [4], warum sie für Menschen wie Geoff Marcy keinen Platz an einer Universität sieht. Sie beschreibt das „typische“ Vergehen wie folgt:

„Eine Frau erklärt auf einer wissenschaftlichen Konferenz ihre Arbeit Kollegen mit ähnlichem Forschungsinteresse. Ein männlicher Wissenschaftler, in der Regel älter, schenkt ihr viel Aufmerksamkeit, und sie ist begeistert über den Ausdruck von Interesse an ihrer Arbeit durch einen renommierten Kollegen. Aber dann fängt es an, gruselig zu werden. Vielleicht gibt es flirtende Bemerkungen, Einladungen zu privaten Treffen, vielleicht eine Diskussion, die aus irgendwelchen Gründen in seinem Hotelzimmer stattfinden soll, oder er erwähnt sein Sexleben und dass es mit seiner Frau nicht mehr so richtig läuft.“

„Auf diese Weise wird der Umgang zwischen den Geschlechtern vergiftet“

Mit anderen Worten: Ein 50-jähriger Mann zeigt einer 30-jährigen Frau, dass er sie attraktiv findet. So etwas darf auf einem US-Campus nicht mehr sein. Warum nicht? Meg Urry erklärt es uns. Die junge Wissenschaftlerin ist nämlich aufgrund dieser Erfahrungen für die Wissenschaft verloren. Sie verbringt den Rest der Konferenz damit, den Mann zu meiden. Sie konzentriert sich nicht mehr auf die Wissenschaft, sondern darauf, „das Zusammentreffen zu überleben.“ Sie redet selbstverständlich auch nicht mehr mit anderen älteren Wissenschaftlern usw. Schließlich hängt sie ihren Job an den Nagel.

Urry erinnert sich offenbar durchaus, dass es früher einmal eine andere Sichtweise gegeben hatte: „Vor zwanzig Jahren hätte man gesagt, wir sollten uns nicht in das Privatleben der Leute einmischen.“ Heute sei das aber nicht mehr so. „Heute haben viele Institutionen zu Recht Regeln, die die Machtungleichheit in diesen Beziehungen anerkennen. Professoren muss es verboten werden, sich privat mit Studentinnen zu treffen. Punkt.“ Und wenn ein Wissenschaftler etwas mit einer jüngeren Wissenschaftlerin anfängt, die ihr Studium bereits abgeschlossen hat, müsse das öffentlich bekannt gegeben werden, um zu verhindern, dass ihr Nachteile entstehen, sollte sie sich später von ihm trennen. Eine Altersangabe, bis zu der dieser Kinderschutz gelten soll, macht Urry nicht. Wahrscheinlich aber so ungefähr bis Mitte 30.

Es mag unter den Professoren einige geben, die jüngere Wissenschaftlerinnen auf unangenehme Art anmachen. Und so etwas kommt natürlich auch in jedem anderen Job vor. Das größere Problem ist aber, dass es immer mehr Menschen gibt, die Wissenschaftlerinnen und Frauen insgesamt in eine unangemessene Opferrolle drängen und ihnen die Fähigkeit absprechen, mit solchen zwischenmenschlichen Problemen fertig zu werden. Urry verweist auf den Ethik-Kodex der astronomischen Gesellschaft, nach dem alle Menschen mit Respekt zu behandeln seien. Offenbar betrachtet sie es nicht als respektlos, erwachsene Frauen wie Kinder zu behandeln, denen nicht zuzutrauen ist, einem Kollegen zu sagen, dass sie nicht mit ihm ins Bett wollen.

Im Fall Marcy geht es um Berührungen in den Jahren 2001 bis 2010, die ihm vier Frauen vorwerfen. Als sexuelle Belästigung betrachtet die American Astronomical Society (wie viele andere Institutionen) in ihren Antibelästigungsregeln [5] praktisch jeden Körperkontakt sowie jede Bemerkung, die irgendetwas mit Sex zu tun hat. Erlaubt ist wenig: „Nicht als sexuelle Belästigung zählen gelegentliche Komplimente sozial akzeptabler Art.“ Und sozial akzeptabel sind diese Komplimente natürlich auch nur, wenn der Adressat sich dadurch nicht belästigt fühlt.

„Die Universität wird als behüteter und bewachter Wohlfühlort neu definiert“

Auf diese Weise wird der Umgang zwischen den Geschlechtern vergiftet und Menschen werden in die Doppelrolle als Opfer und Denunziant gedrängt. Denn natürlich sind alle Fälle von Belästigung der Universitätsverwaltung zu melden. So werden weitere Opfer produziert: die Opfer von mehr oder weniger begründeten Anschuldigungen. Insgesamt eine recht effektive Methode, das Klima zu vergiften und Misstrauen statt einen offenen Umgang miteinander zu kultivieren.

Erschreckenderweise steht Meg Urry mit ihrer Haltung keineswegs allein. In einer Online-Petition [6] haben bisher schon über 3000 Wissenschaftler erklärt, dass sie die Opfer von „Geoff Marcys unangemessenem Verhalten“ unterstützen. Es ist nicht anzunehmen, dass sie alle ausreichende Kenntnis seiner Verfehlungen haben, um sich ein Urteil erlauben zu können. Was sie offenbar eint, ist der Wunsch, den Campus zu einem trostlosen Ort zu machen, an dem allen klar ist, dass jeder Annäherungsversuch an eine Frau und jeder Witz riskantes Verhalten ist, das einen die Karriere kosten kann.

Gleichzeitig wird die Universität als behüteter und bewachter Wohlfühlort neu definiert, an dem Menschen vor den Realitäten des Lebens und damit auch vor Erfahrungen bewahrt werden. Marcy schreibt in seinem Entschuldigungsbrief [7], es sei schwer auszudrücken, wie schmerzhaft es sei, zu erkennen, dass er, wenn auch unbeabsichtigt, eine „Quelle des Stresses“ für Kolleginnen gewesen sei. Wahrscheinlich war es auch schmerzhaft für ihn, zu realisieren, dass die kompetitive Welt der Wissenschaft eine geworden ist, aus der Stress verursachende Frauenliebhaber administrativ entfernt werden.

Da man unter Astronomen, wie es scheint, besonderen Gefahren ausgesetzt ist, laufen auf ihren Veranstaltungen sogenannte „Astronomy Allies“ [8] herum. Sie tragen einen Anstecker („badge of trust“), um erkannt zu werden, und bieten an, sich bei ihnen auszuheulen und auch gleich eine Beschwerde einzureichen. Der Anstecker soll auch ein Signal für die älteren Herren sein. „Er erinnert Menschen, die darüber nachdenken, eine Belästigung zu begehen, dass es immer Menschen gibt, die Leuchtfeuer bereithalten, um die Ecken zu beleuchten, die sie dunkel zu halten hoffen.“

„Es sollte uns nicht wundern, wenn die scherzhaft geforderte Geschlechtertrennung von den Sittenwächtern bald tatsächlich umgesetzt würde“

Wenn Marcy wenigstens Anglist statt Astronom wäre! Dann wäre es ihm erspart geblieben, auch noch dafür verantwortlich gemacht zu werden, dass es in seinem Forschungsgebiet zu wenige Frauen gebe. Sein Harvard Kollege David Charbonneau klagt [9]: „Wir arbeiten so hart daran, Geschlechterparität zu erreichen. Und wenn die prominenteste Person ein regelmäßiger Belästiger ist, wird dadurch eines der nationalen Hauptziele bedroht.“ Vielleicht hat die akademische Astronomie außer z.B. dem Entdecken von Exoplaneten (von den 100 ersten hat Marcy 70 entdeckt) einfach noch zu viele andere Ziele.

Der Fall Marcy ist kein Einzelfall. Wir erinnern uns, dass vor wenigen Monaten der 72 Jahre alte Nobelpreisträger Tim Hunt mit einem harmlosen Witz über Frauen im Labor einen Twittersturm und seinen anschließenden Rausschmiss bewirkte. Stein des Anstoßes war folgende Bemerkung in Hinblick auf Wissenschaftlerinnen: „Drei Dinge geschehen, wenn sie im Labor sind: man verliebt sich in sie, sie verlieben sich in einen, und wenn Sie sie kritisieren, weinen sie. Vielleicht sollten wir getrennte Labore für Jungen und Mädchen haben.“ Das klingt verdammt nach einer Beschreibung der Realität bei Astronomiekonferenzen. Und es sollte uns nicht wundern, wenn die scherzhaft geforderte Geschlechtertrennung von den Sittenwächtern bald tatsächlich umgesetzt würde.