09.11.2020

Schlecht für Mensch und Umwelt: Die „Farm to Fork“-Strategie der EU

Von Jon Entine

Titelbild

Foto: hpgruesen via Pixabay / CC0

Die EU-Empfehlungen für die Zukunft der Landwirtschaft sind pure Ideologie. Der einseitige Fokus auf „Bio“ könnte den Hunger vergrößern, und dem Umwelt- und Klimaschutz ist damit auch nicht gedient.

Europas Bestreben, dem Klimawandel entgegenzutreten und klimaneutral zu werden, wird durch die Lobbyarbeit der „Agrarindustrie“ konterkariert? Das behaupte nicht hier ich. Diese Behauptung ist die jüngste in einer Reihe von Angriffen auf diejenigen, die sich fragen, ob die „Farm to Fork“ (F2F) Politikvorschläge der Europäischen Union, die zum großen Teil mit der Beteiligung grüner Aktivistengruppen zusammengestellt wurden, eine Chance haben, ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Der jüngste Angriff kommt von der Medienplattform openDemocracy, die am 20. August einen Beitrag unter der Schlagzeile „Wie die Agrarlobby den Grünen Deal in Europa sabotiert“ veröffentlichte. Die Kernaussage: „Big Farming“ schmiedet hinterhältige Allianzen, um die notwendige Rolle der Landwirtschaft bei der „Umwandlung Europas“ in einen „klimaneutralen“ Wirtschaftsblock bis 2050 zu blockieren.

Das sind ernste, weitreichende Anschuldigungen ... und offensichtlich nicht zutreffend. Die meisten europäischen Politiker befürworten das Ziel, die Treibhausgasemissionen in den nächsten drei Jahrzehnten drastisch zu reduzieren. Die Landwirtschaft kann dabei eine Schlüsselrolle spielen.  Aber es stellen sich tiefgreifende Fragen darüber, wie die in der F2F-Politik umrissenen allgemeinen Nachhaltigkeitsziele erreicht werden können, zumal sie eine beträchtliche Steigerung der Nahrungsmittelproduktion bei gleichzeitiger Ausweitung der biologischen Landwirtschaft und einer drastischen Verringerung des Einsatzes synthetischer Pestizide fordert, und das alles ohne einen klaren Plan, wie man mit Pflanzenschädlingen und den Produktivitätsanforderungen zurande kommen will. Die Kluft zwischen Wunsch und Umsetzung ist offensichtlich sehr groß.

Abbildung 1: Die Ziele der „Farm to Fork“-Strategie. (Quelle)

Es ist von entscheidender Bedeutung, dies hinzubekommen, da Europa einen großen Einfluss auf die Weltmärkte ausübt. Es steht zu viel auf dem Spiel, als dass diese ernste Herausforderung zu einem Spielball der Politik werden sollte. Anstatt dass die Kritiker der konventionellen Landwirtschaft vor allem Plattitüden und Breitseiten vorbringen, wäre uns allen mit der Anwendung der Wissenschaft besser gedient als mit Andeutungen und Übertreibungen.

Blick auf die Ernährungsunsicherheit

Beim Lesen des F2F-Dokuments hat mich eine Sache besonders getroffen. Obwohl wir in den Nachrichten gelegentlich Bilder von unterernährten Kindern in fernen Ländern sehen, glauben die meisten Menschen in Europa und den wohlhabenderen Teilen der Welt, dass wir auf dem besten Weg sind, das zu lösen, was für den größten Teil der Menschheitsgeschichte die wichtigste Lebensaufgabe war: genügend Nahrungsmittel für eine immer größer werdende Weltbevölkerung zu produzieren.

„Die Steigerung der Produktion, so sagen die Befürworter einer Agrarwende, sei also selbst eine Verschwendung.“

Man sagt uns, dass wir bereits genug Lebensmittel anbauen, um alle Menschen zu ernähren, aber ein Großteil davon würde verschwendet – allein in Europa jährlich 88 Millionen Tonnen. Die Steigerung der Produktion, so sagen die Befürworter einer Agrarwende, sei also selbst eine Verschwendung. Statt die Nahrungsmittelproduktion zu erhöhen, sollten wir ihrer Meinung nach ein „nachhaltiges Agrarsystem“ schaffen. Diese Behauptung wäre wahr, wenn die Menschen Statistiken essen könnten. Die Befürworter einer Agrarwende haben keinen konkreten Plan, wie wir Lebensmittelreste aus westlichen Haushalten, Restaurants und Lebensmittelgeschäften in unterentwickelte Länder bringen können.

In der realen Welt würde eine Begrenzung der Nahrungsmittelproduktion auf das derzeitige Niveau, wie sie mit der Ausbreitung der ökologischen Landwirtschaft einhergehen würde, funktionieren, wenn die Ernten nie durch Schädlinge auf dem Feld verloren gehen oder im Lager verderben würden, bevor sie auf den Markt kommen. Wenn die beträchtlichen Probleme des globalen Transports und der Verteilung einfach auf magische Weise verschwinden würden, und wir jedem Haus, jeder Farm und jedem Restaurant einen Lebensmittelmonitor zuweisen könnten, um weltweit die Reste einzusammeln, nachdem wir die uns zugewiesene Kalorienzuteilung für den Tag gegessen haben.

Hier der Weckruf: Die Ernährungssicherheit entwickelt sich zum Thema Nummer eins unserer Zeit. Der Grundgedanke von F2F ist, dass die Landwirtschaft in Europa und der Welt abzubringen ist von konventionellen Methoden, die sich auf hochtechnologische Hilfsmittel wie Pestizide, Gentechnik und Schlüsselelemente der Präzisionslandwirtschaft stützen. Doch viele Fachleute, die sich zu denselben Nachhaltigkeitszielen bekennen, sagen, dass diese Empfehlungen in ihrer Gesamtheit ein Rezept für eine Katastrophe sind. Sie werden nicht nur den Hunger vergrößern, sondern auch die Klimaschutzziele gefährden.

„Der Grundgedanke von F2F ist, dass die Landwirtschaft in Europa und der Welt abzubringen ist von konventionellen Methoden, die sich auf hochtechnologische Hilfsmittel wie Pestizide, Gentechnik und Schlüsselelemente der Präzisionslandwirtschaft stützen.“

Es ist an der Zeit, dass wir bei Thema Ernährungsunsicherheit realistisch werden und uns klar machen, wie es in den letzten 90 Jahren gelungen ist, den Hunger in der Welt zu verringern. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und der weltweiten Einführung von Agrartechnologien, einschließlich der genetischen Manipulation von Pflanzen zur Schaffung neuartiger Hybridpflanzen, moderner chemischer Pestizide und synthetischer Düngemittel, hatten alle in Europa – nicht nur die Oberschicht – genug zu essen. Kulturelle Erinnerungen an den Hunger verblassen nach einigen Generationen, doch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Unterernährung in Europa weit verbreitet.

Heute leiden nach Schätzungen der UNO 821 Millionen Menschen an Hunger. Vor COVID ist die Zahl bereits gestiegen, aber die Pandemie hat die Situation noch verschlimmert. Es wird erwartet, dass jeden Monat weitere 10.000 Kinder an Unterernährung sterben werden, da zahlreiche landwirtschaftlichen Betriebe von den Märkten abgeschnitten sind und die Nahrungsmittelhilfe die hungernde Bevölkerung nicht mehr erreicht.

Herausforderungen an Landwirtschaft und Ernährung

Das neuartige Coronavirus erscheint vielleicht wie eine Katastrophe, wie sie nur einmal in einem Jahrhundert vorkommt, aber zahlreiche Lebensmittel- und Landwirtschaftskrisen erschüttern die Welt. Am erschreckendsten ist, dass der Nahe Osten, ein Großteil Indiens und Ostafrika von einer Heuschreckenplage biblischen Ausmaßes heimgesucht werden, die die Ernte vernichtet. Sie bedroht allein in Afrika rund 22 Millionen Menschen mit dem Hungertod. Und nur durch den weit verbreiteten Einsatz von Insektiziden ist es gelungen, sie unter Kontrolle zu bringen.

„Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Unterernährung in Europa weit verbreitet.“

Das ist nur eine der vielen Geißeln, die die Landwirtschaft und die biologische Vielfalt bedrohen. Unzählige andere Pflanzenschädlinge, virale, bakterielle und pilzliche Pflanzenkrankheiten, Dürren und andere Wetterereignisse bedrohen die landwirtschaftliche Produktion. Und das nicht nur in Afrika und Asien. Die Varroa-Milbe, die Honigbienen krank macht und tötet, ist eine invasive Art, die erst in den 1960er Jahren nach Europa kam, bevor sie sich Ende der 1980er Jahre in den Vereinigten Staaten ausbreitete. Der äußerst schädliche Heerwurm, der vor einigen Jahren über den Atlantik nach Afrika gesprungen ist, könnte Europa jeden Augenblick erreichen. Die Heuschrecken ebenfalls.

Hinzu kommt die Tatsache, dass der Klimawandel die Wachstumsbedingungen drastisch verändern könnte, dass Dürren und andere ungünstige Wetterbedingungen zunehmen könnten und dass völlig unerwartete Ereignisse wie COVID immer wieder auftreten werden. Bedenken Sie diese Bedrohungen vor dem Hintergrund, dass wir die Nahrungsmittelproduktion bis 2050 um 70 bis 100 Prozent steigern müssen. Das ist keine bloße Vorhersage, das ist eine Tatsache.

Wir stehen vor zwei Herausforderungen: einer schnell wachsenden Bevölkerung und einer zunehmenden Nachfrage nach mehr und kalorienreicheren Nahrungsmitteln in den Entwicklungsländern Asiens und Afrikas, die heute von 1000 Kalorien pro Tag leben und sich langfristig nicht mit ihren kargen Schalen Reis zufrieden geben werden. Mit anderen Worten, sie werden mehr wie Amerikaner und Europäer essen wollen.

In der Tat können und sollten wir die Verschwendung von Lebensmitteln reduzieren. Aber das ändert nichts daran, dass sowohl die Ernährung als auch die Landwirtschaft nachhaltiger und produktiver gestaltet werden müssen. Wir müssen entscheiden, ob wir das Thema ernsthaft angehen oder ob wir einfach so tun, als ob die vollkommen vorhersehbare Ernährungskrise, wie die nächste Pandemie, nicht kommen wird.

„Afrikaner und Asiaten werden mehr wie Amerikaner und Europäer essen wollen.“

Bio-Mythologie

Womit wir wieder bei Farm to Fork wären. Übergeordnetes Ziel ist es laut F2F, „den Umwelt- und Klima-Fußabdruck des EU-Nahrungsmittelsystems angesichts des Klimawandels und des Verlusts an Biodiversität zu verringern“.

Es handelt sich um ein beeindruckendes Manifest. Mit einem hoch gestecktem Ziel, das von allen gut geheißen wird. Aber bei der Frage, wie es erreicht werden soll, gelangt F2F auf Abwege. Wenn man in die Details geht und sie mit den Augen eines Menschen betrachtet, der sich seit mehr als 30 Jahren mit Fragen der Nachhaltigkeit beschäftigt, ist F2F zutiefst enttäuschend. Die gesamte Strategie basiert letztlich auf der Idee, dass wir die Ernährungssicherheit mit landwirtschaftlichen Methoden angehen können, die trotz ihrer aktuellen Popularität bereits an ihre Grenzen gekommen sind. Besonders frappierend ist der Punkt, dass das wichtigste Instrument zur Umgestaltung der europäischen Landwirtschaft die Förderung der ökologischen Landwirtschaft und Lebensmittel sein soll.

Besonders gravierend ist, dass F2F die Einbeziehung modernster Landwirtschafts- und Lebensmitteltechnologien nicht vorsieht, wie z.B. transgene gentechnisch veränderte Organismen (GVO) und CRISPR-Genbearbeitung, die das einzige bewährte Instrumentarium zur Steigerung der Lebensmittelproduktion bei gleichzeitiger Verringerung des Einsatzes unnötiger Chemikalien bieten.

F2F setzt sich zudem für ein Lebensmittel-Kennzeichnungssystem wie das von Frankreich geförderte Nutri-Score-System ein. Diese Art von „Ampel“-Kennzeichnung soll die Nahrungswahl der Europäer lenken und basiert auf einem umstrittenen Algorithmus, der einige Arten von Lebensmitteln als ungesund darstellt und ihnen ein rotes Etikett aufdrückt, wohingegen er anderen grünes Licht gibt. Einige Ernährungswissenschaftler haben darauf hingewiesen, dass Nutri-Score manchen Lebensmittelkategorien einen Vorteil gegenüber anderen verschafft – zum Beispiel französischen Industrielebensmitteln gegenüber Produkten wie Olivenöl, einem der Bausteine der gesunden mediterranen Ernährung.

„F2F ist voller ‚Lösungen‘, die auf dem Papier großartig klingen, sich aber einer genauen Definition entziehen.“

Und F2F ist voller „Lösungen“, die auf dem Papier großartig klingen, sich aber einer genauen Definition entziehen. Dinge wie die Förderung einer „zirkulären biobasierten Wirtschaft“ und die Entwicklung einer „Aktionspflanze mit integriertem Nährstoffmanagement“. Meistens handelt es sich um Wunschträume und wohltönende Phrasen und die Verteufelung von Technologien, wo  eigentlich Wissenschaft zu Wort kommen sollte. Umweltaktivisten sagen, dass Landwirte in aller Welt  das in Europa, wo die biologische Landwirtschaft fast schon eine Religion ist, eingeführte Modell übernehmen sollten. Aber wie in vielen anderen Fällen ist die Realität hinter der Fassade von umweltpolitischen Allgemeinplätzen nicht so einfach.

In der Tat werden in den Niederlanden (Platz 24 in der globalen Rangliste), Belgien (28), Irland (29), Italien (31), Portugal (36), der Schweiz (41), Deutschland (44) und Frankreich (47) – und damit in fast allen europäischen Ländern – weitaus mehr toxische Pestizide pro Hektar verfügbarer Anbaufläche eingesetzt als in den USA, die auf Platz 59 rangieren. Diese Statistiken sind für viele schockierend, denn es herrscht die weit verbreitete Fehleinschätzung, dass Europa bei der nachhaltigen Landwirtschaft an der Spitze steht, obwohl vielmehr das Gegenteil der Fall zu sein scheint. Lassen Sie uns untersuchen, warum das so ist.

Schreckgespenst synthetische Chemie

Als Teil der aktuellen Nachhaltigkeitsbestrebungen gibt es Forderungen, den Einsatz konventioneller Pestizide um 50 Prozent zu reduzieren, unabhängig von ihrer Wirksamkeit oder Toxizität. Warum? Das ist bislang kaum wissenschaftlich angegangen worden. Jedenfalls kann es nicht um die Besorgnis über Gesundheits- oder Umweltauswirkungen gehen. Viele Menschen, darunter anscheinend auch die Verfasser von F2F, sind sich nicht einmal bewusst, dass in der ökologischen Landwirtschaft Dutzende zugelassener synthetischer Chemikalien und Hunderte von natürlichen Chemikalien verwendet werden.

„Die giftigsten Chemikalien auf der Welt sind natürlich, und mehr als 99 Prozent der Pestizide, die wir essen, sind natürlichen Ursprungs.“

Aber sind synthetische Pestizide, die am häufigsten von konventionellen Landwirten verwendet werden, nicht schädlicher als natürliche? Viele Menschen glauben das, und Umweltverbände haben ihre Spendenaufrufe fast ausschließlich darauf gegründet, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie vor Chemikalien Todesangst haben sollten. Aber die Antwort der Wissenschaft lautet „nein“. Die giftigsten Chemikalien auf der Welt sind natürlich, und mehr als 99 Prozent der Pestizide, die wir essen, sind natürlichen Ursprungs.

Die Wissenschaft hat einen langen Weg zurückgelegt, seit Mitte des letzten Jahrhunderts erstmals synthetische Agrarchemikalien eingeführt wurden. Bereits früh wurden grobschrötige Chemikalien schrittweise aus dem Verkehr gezogen. Funktionell gesehen sind die neueren gezielt darauf ausgerichtet, bestimmte Pflanzenkrankheiten zu verhindern, Unkraut zu vernichten und schädliche Insekten abzutöten oder abzuwehren, ohne die Nützlinge zu schädigen, und das tun sie in den allermeisten Fällen.

Die Gesamttoxizitätswerte pro Hektar auf den US-Farmen beginnen in den 1960er Jahren dramatisch zu sinken und sind mit der Einführung gentechnisch veränderter Nutzpflanzen in den 1990er Jahren erneut gesunken, obwohl der Umfang des Chemikalieneinsatzes in etwa gleich geblieben ist – das liegt vor allem an der Einführung niedrigtoxischer Pestizide wie Glyphosat.

Abbildung 2: Durchschnittliche Qualitätscharakteristika von Pestiziden, auf vier wichtige Anbaukulturen angewandt, 1968-2008. Grün: Persistenz, Blau: Rate, Rot: Toxizität. (Quelle: US-Agrarministerium (USDA))

Eine weitere wichtige Triebfeder war die Einführung von Nutzpflanzen, die daraufhin entwickelt wurden, natürliche Insektizide zu produzieren.  Der Einsatz von Insektiziden auf amerikanischen Farmen ist seit Mitte der 1990er Jahre um mehr als 90 Prozent zurückgegangen, angetrieben durch die Einführung von GVO-Mais, Sojabohnen und Baumwolle, die das insektenabwehrende natürliche Bakterium Bacillus thuringiensis (Bt) produzieren.

Abbildung 3: Bt-Mais-Anteil an Anbaufläche und Insektizid-Einsatz auf US-amerikanischen Maisfeldern. (Quelle: Jennifer Hsaio, 2015)

Und die CRISPR-Genom-Editierung ist im Begriff, die meisten hochgiftigen Chemikalien, und in einigen Fällen auch andere synthetische Chemikalien, nach und nach überflüssig zu machen. Aber die biologische Landwirtschaft lehnt GVO ab, auch die, in denen ein Gen des insektenabwehrenden Bakteriums Bacillus thuringiensis (Bt) eingebaut wurde, das in biologischen Spritzmitteln weit verbreitet ist.

„Der Einsatz von Insektiziden auf amerikanischen Farmen ist seit Mitte der 1990er Jahre um mehr als 90 Prozent zurückgegangen.“

Die nachhaltige GVO-Technologie breitet sich in den Entwicklungsländern aus. Die Auberginenbauern in Bangladesch haben den Einsatz von Insektiziden mit der Einführung von Bt Auberginen um mehr als 75 Prozent reduziert, und Indien ist weltweit führend in der Baumwollproduktion. Der Übergang von alten Anbautechniken zur Verwendung von biotechnologisch erzeugtem Saatgut hat die Gesundheit von Zehntausenden Frauen und Kindern, die einen Großteil der Landwirtschaft betreiben, erheblich verbessert.

All dies ist Teil einer weltweiten Abkehr von der Verwendung toxischer Chemikalien, die durch biotechnologische Innovationen vorangetrieben wird und die sich mit Fortschritten bei der Genbearbeitung, die einige schädliche Chemikalien gänzlich überflüssig machen könnten, enorm beschleunigen wird.

Unterdessen bleibt die Bio-Bewegung der Vergangenheit verhaftet. Sie ist auf eine „Technologie“ fixiert, die ein Jahrhundert alt oder sogar noch älter ist, auch wenn die Folgen für Gesundheit und Umwelt verheerend sein können. Wie etwa bei der Anwendung von Kupfersulfat, das von Biobauern, insbesondere in der Weinindustrie, und einigen konventionellen Landwirten verwendet wird, um den Pilzbefall von Weintrauben zu begrenzen. Es ist hochgiftig.

Leider tötet es auch Nützlinge und ist ein menschliches Karzinogen. Nur durch die starke Lobbyarbeit der europäischen Bio-Industrie, die die „Farm to Fork“-Strategie mitgestaltet hat, konnte verhindert werden, dass Kupfersulfat von der Europäischen Union wegen „besonderer Gefährdung der öffentlichen Gesundheit oder der Umwelt“ verboten wird, so die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit. Soviel zu Europas vorbildlichen ökologischen Anbaumethoden.

„Die Bio-Bewegung ist auf eine ‚Technologie‘ fixiert, die ein Jahrhundert alt oder sogar noch älter ist, auch wenn die Folgen für Gesundheit und Umwelt verheerend sein können.“

Kupfersulfat ist auch weitaus giftiger als das Herbizid Glyphosat, dessen Verwendung in ganz Europa hysterische Reaktionen ausgelöst hat. Glyphosat ist weniger giftig als Salz und wurde von 18 großen globalen Gesundheits- und Umweltschutzorganisationen für sicher befunden, darunter vier aus Europa.

Obwohl Glyphosat ein Viertel der Herbizidmenge ausmacht, die bei Mais eingesetzt wird, macht es nur ein Promille der chronischen Toxizitätsgefahr aus, die mit der Unkrautbekämpfung bei Mais einhergeht. Andersherum betrachtet: Die anderen 74 Prozent der Herbizide machen 99,9 Prozent des Risikos chronischer Toxizität bei der Unkrautbekämpfung von Mais aus. Oder anders ausgedrückt: Wenn man Glyphosat aus dem Bild herausnimmt, könnte das Toxizitätsrisiko bei Mais um 26 Prozent, bei Sojabohnen um 43 Prozent und bei Baumwolle um 45 Prozent steigen. Dennoch wollen grüne Fraktionen es verbieten, was in direktem Widerspruch zu den erklärten Zielen von F2F und dem Green Deal steht.

Wege zu einer nachhaltigen Landwirtschaft

F2F geht das Thema Nachhaltigkeit verkehrt herum an. Anstatt sich ein Ziel zu setzen – eine nachhaltige Landwirtschaft, die zu einer Steigerung der Nahrungsmittelproduktion führt und gleichzeitig weniger Ressourcen erfordert – und herauszufinden, welche Instrumente am besten funktionieren, erhöht F2F oberflächliche Lösungen, die nur scheinbar das bewirken, was sie erreichen sollen. Der ökologische Landbau wird sowohl als europäisches Ziel – F2F schlägt vor, seine Umsetzung innerhalb von zehn Jahren mehr als zu verdreifachen – als auch als globales Modell betrachtet, obwohl er keine greifbaren, die Toxizität reduzierenden Eigenschaften aufweist.

„Der ökologische Landbau wird sowohl als europäisches Ziel als auch als globales Modell betrachtet, obwohl er keine greifbaren, die Toxizität reduzierenden Eigenschaften aufweist.“

Was uns zu den gravierendsten Problemen mit dem „Farm to Fork“-Fantasialand bringt. Was würde passieren, wenn ein Land – sagen wir das Vereinigte Königreich – die biologische Landwirtschaft, das letztendliche Ziel der Green-Deal-Befürworter, gänzlich übernehmen würde? Da auf der Welt fast kein Ackerland mehr zur Verfügung steht, würde die Umstellung auf ökologischen Landbau zu einer Verlagerung der Produktion in die Entwicklungsländer führen, was die Abholzung von Wäldern zur Schaffung von mehr Ackerland zur Folge hätte. Im Wesentlichen würde die EU ihre ökologischen „Externalitäten“, wie Wirtschaftswissenschaftler es nennen, in die ärmsten Regionen der Welt exportieren, und zwar alles wegen ihrer Fixierung auf den ökologischen Landbau.

Genau die obige Frage stellten und beantworteten Forscher in einer aktuellen Studie, die letztes Jahr in der renommierten Zeitschrift Nature Communications veröffentlicht wurde und in der konventionelle und ökologische Landwirtschaft hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Kohlenstoffemissionen verglichen wurden. Die Wissenschaftler heraus, dass die biologische Landwirtschaft bis zu 40 Prozent weniger produktiv ist als die konventionelle Landwirtschaft, etwas was die Biobranche selbst einräumt. Der Übergang von konventioneller Landwirtschaft zu biologischer Landwirtschaft würde zwischen 20 und 70 Prozent mehr Treibhausgase in die Atmosphäre freisetzen als die konventionelle Landwirtschaft.

Nur um die derzeitige Nachfrage nach Lebensmitteln zu befriedigen (es wird erwartet, dass sie in den kommenden Jahren stetig steigen wird) und diese 40-prozentige Lücke zu schließen, müsste Großbritannien nach Ansicht des unabhängigen Forschungsteams seine Lebensmittelimporte drastisch erhöhen. „Dies hat Auswirkungen auf die Umwelt und führt zu potenziell unnötigen Lebensmitteltransporten und Treibhausgasemissionen in unserer Lebensmittelversorgungskette“, meint Philip Jones von der University of Reading, einer der Autoren der bahnbrechenden Studie.

„Der Übergang von konventioneller Landwirtschaft zu biologischer Landwirtschaft würde zwischen 20 und 70 Prozent mehr Treibhausgase in die Atmosphäre freisetzen als die konventionelle Landwirtschaft.“

In einem BBC-Bericht heißt es, das Schließen der Lücke durch Importe „würde aufgrund der deutlich geringeren Produktivität in anderen Ländern die fünffache Menge an Land benötigen, die derzeit in England und Wales für Lebensmittel verwendet wird, und damit 6 Millionen Hektar mehr Land benötigen.“

Bio-Landwirtschaft und Treibhausgase

Die Fragen rund um F2F werden noch beträchtlich größer, wenn man die Treibhausgasemissionen betrachtet. Die wachsende Besorgnis über den Klimawandel – und Schätzungen zufolge stammt ein Drittel der Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft – hat dazu beigetragen, den Markt für Bio-Lebensmittel anzukurbeln, die als weniger umweltbelastend gelten. Viele Wissenschaftler aber widersprechen dieser Auffassung.

Einer der großen frühen Fortschritte der ökologischen Landwirtschaft war die Verwendung von Kompost zur Förderung der Bodengesundheit. Aber es gibt Zielkonflikte hinsichtlich der Nachhaltigkeit. Während des Kompostierungsprozesses wird Methan freigesetzt, ein Treibhausgas, das 30 Mal stärker ist als Kohlendioxid.  Methan wird auch in riesigen Mengen von rülpsenden Kühen freigesetzt, den Hauptproduzenten von organischen Abfällen zur Verwendung als Dünger in Biobetrieben. Der Viehzucht wird bereits vorgeworfen, dass sie in Kohlenstoffäquivalenten gemessen fast 20 Prozent mehr Treibhausgase verursacht als der Autoverkehr. Die Verwendung von organischem Dünger führt außerdem zur Freisetzung von Distickstoffoxid, einem hochwirksamen Treibhausgas.

„Viele konventionelle Landwirte haben auf bodenschonende Anbaumethoden wie Direktsaat und Mulchen umgestellt, was durch den Einsatz von GVO-Kulturen erleichtert wird.“

Bio-Landwirte greifen zudem weit mehr auf die Bodenbearbeitung zurück als ihre konventionellen Kollegen. Viele konventionelle Landwirte haben auf bodenschonende Anbaumethoden wie Direktsaat und Mulchen umgestellt, was durch den Einsatz von GVO-Kulturen erleichtert wird, denn die Bodenbearbeitung trägt zur Bodenerosion und zur Freisetzung von Treibhausgasen bei. Pfluglose Verfahren lassen die Bodenstruktur intakt, wodurch nützliche Mikroorganismen, Pilze und Bakterien geschützt werden. Außerdem wird dadurch Wasser gespart, die Erosion verringert und unnötiger, mit dem Einsatz CO2-emittierender Maschinen einhergehender Arbeitsaufwand vermieden, wie er in der biologischen Landwirtschaft in großem Maßstab üblich ist. Der Einsatz der Direktsaat hat in den letzten zwei Jahrzehnten in den USA im Gleichschritt mit dem Wachstum der GVO-Landwirtschaft stark zugenommen und erstreckt sich mittlerweile auf mehr als 35 Prozent der Anbaufläche.

Eine Studie hat errechnet, dass der Einsatz von Glyphosat-Herbiziden in Verbindung mit GVO-glyphosat-resistentem Mais und Sojabohnen zwischen 1996 und 2013 die Freisetzung von 18,7 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre verhindert hat. Eine 2016 von Forschern der Purdue University durchgeführte Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft um fast 14 Prozent ansteigen würden, wenn es in den Ländern, die GVO jetzt verwenden, ein Verbot von GVO gäbe. Diese Zahlen machen klar, warum die USA bei der Reduzierung giftiger Pestizide so weit vor Europa liegen.

Nachhaltigkeit über Ideologie

Wenn die Befürworter der „Farm to Fork“-Strategie es ernst damit meinen, das Modell der Biolandwirtschaft in den Rest der Welt „exportieren“ zu wollen, müssen sie die Auswirkungen ihrer  mit erhöhten Kohlenstoffemissionen einhergehenden Strategie nüchtern neu bewerten. Boutique- Ideen wie städtische Landwirtschaft und lokale Produktion oder die Rückorientierung der globalen Landwirtschaft auf „natürlichere“, ertragsschwächere, mehr Fläche benötigende und krankheitsanfälligere Anbaumethoden sind die Phantasien einer Wohlstandsgesellschaft. Ökologische Landwirtschaft ist wie ein Impulskauf, und eine solch dürftig gestützte Entscheidungsfindung hat keinen Platz in einem Dokument, das vorgibt, die enormen Herausforderungen, vor denen die Welt steht, ernsthaft anzugehen.

„Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft um fast 14 Prozent ansteigen würden, wenn es in den Ländern, die GVO jetzt verwenden, ein Verbot von GVO gäbe.“

Hierin besteht meine Enttäuschung über die von F2F geförderten Konzepte. Sie gehen nicht auf die wirkliche Komplexität von Ernährung und Landwirtschaft ein; sie entbehren jeder Nuancierung und eines wissenschaftlich fundierten Verständnisses von ökologischen und wirtschaftlichen Kompromissen. Synthetische Chemikalien sind nur ein Teil der Nachhaltigkeitsrechnung. Öko-Verantwortung bedeutet für verschiedene Experten unterschiedliche Dinge. Treibhausgasemissionen? Produktivität pro Hektar? Landnutzung? Arbeitsintensive vs. mechanisierte Landwirtschaft? Diese und andere Faktoren sollten Teil einer komplexen, wertbasierten Bewertung dessen sein, was landwirtschaftliche Nachhaltigkeit ausmacht.

Wir könnten tatsächlich damit beginnen, viele Herausforderungen zu lösen, wenn wir aufhören würden, Methoden zu wählen, die auf oberflächlichen Vorstellungen von Nachhaltigkeit beruhen, und uns stattdessen auf Ergebnisse und Ziele konzentrieren würden. Wollen wir uns tugendhaft fühlen oder tatsächlich reale Probleme lösen? Die moderne Technologie bietet dazu die Lösungen,  und zwar zuallererst: Gen-Editing, das Pflanzen widerstandsfähiger gegen Krankheiten, Dürre und Schädlinge machen kann; stickstoffeffizienter (d.h. sie bräuchten weniger oder keinen chemischen Dünger); sicherer (Erdnüsse ohne die schädlichen Proteine, die töten können; Weizen ohne das Gluten, das für Menschen mit Zöliakie tödlich ist); gesünder (Nutzpflanzen mit herzgesunden Omega-3-Fettsäuren). Die Vorteile sind endlos – wenn wir diese vielversprechende Technologie nicht zu Tode regulieren.  

Es mag nicht opportun sein, dies gerade in Europa zu sagen, aber wir werden weiterhin gezielte chemische Pestizide brauchen. Und zwar eine Menge davon. Ergänzt durch eine neue Reihe von gentechnisch veränderten Produkten, die auf der synthetischen Biologie basieren und wenig bis gar keine toxischen Spuren hinterlassen. Die Toxizität moderner Pestizide ist seit den 1960er Jahren um 98 Prozent gesunken und wird jedes Jahr verringert. Die Toxizität organischer Pestizide ist seit 1960 um null Prozent gesunken. Sollten wir in Zukunft umsichtig und vorsichtig vorgehen? Ja. Aber hören wir hier auf die Wissenschaft und nicht auf chemophobe Panikmache, wenn es um die Ausrichtung der landwirtschaftlichen Produktionsweise geht.

Wir brauchen ein Ernährungssystem, das effizient, produktiv und umweltverträglich ist und nahrhafte Lebensmittel mit einem immer kleiner werdenden ökologischen Fußabdruck liefern kann. Das kann nur geschehen, wenn es auf der Realität und nicht auf Wunschdenken beruht.