28.02.2013

Schlacht um Israel

Essay von Brendan O’Neill

Von einem Staat, der am Streit über die Frage, ob er ein Ventil für westliche Kolonialschuld oder ein Aushängeschild der Aufklärung sei, langsam zerrieben wird. Der Autor fragt ob Sie schon den Israel Test gemacht haben.

Der „Israel-Test“ wird im gleichnamigen Buch von George Gilder als eine Prüfung definiert, die die Haltung einer Person zum israelischen Staat als Maßstab für seine Einstellung zu den wichtigsten Themen unserer Zeit in Politik, Moral und Philosophie ansieht. Für Gilder ist Israel ein „entscheidendes Schlachtfeld im „Kampf für Kapitalismus und Freiheit“ geworden. Wer sich für Modernität und „kapitalistische Kreativität“ einsetzt, wird sicherlich Israel unterstützten, behauptet Gilder, da Israel „eine führende Kraft auf den Gebieten Kultur, Technik und Wissenschaft ist“. Wohingegen diejenigen, die „kapitalistischer Kreativität“ ablehnend gegenüberstehen und sich in der modernen Welt und ihrer vorgeblichen Maßlosigkeit unbehaglich fühlen, wahrscheinlich in Opposition zu Israel treten würden. Diese Leute seien viel wahrscheinlicher Anhänger eines gleichmachenden Egalitarismus. Sie setzen sich für eine heuchlerische „Fairness“ ein und hegen Ressentiments gegenüber dem Fortschritt, behauptet Gilder. Daher sei Israel für sie verdächtig und sogar gefährlich, da es wage „frei, wohlhabend und kapitalistisch zu sein“.

Die gesamte politische Haltung und Weltsicht eines Menschen zu den Kernfragen Freiheit und Fortschritt können demnach allein an der Einstellung gegenüber Israel gemessen werden, einem kleinen, leidgeprüften Staat im Nahen Osten. Die Reaktionen auf die anhaltenden Spannungen im Konflikt zwischen Israel und dem Gazastreifen scheinen dabei zu bestätigen, dass heute so ziemlich jeder seinen eigenen Israeltest macht. Sie mögen diesen Test vielleicht nicht bewusst machen, vielleicht haben sie auch noch nie von dem Test gehört oder davon gelesen, aber westliche Intellektuelle, Politiker und Aktivisten definieren sich tatsächlich immer mehr über ihre Haltung zu Israel. Sie projizieren dabei entweder ihre Sehnsucht, aufklärerische Werte vor dem Verfall zu bewahren (dann sehen sie Israel als Verteidiger dieser Werte), oder die Schuld, die sie auf Grund der westlichen Kolonialgeschichte empfinden (dann betrachten sie Israel als die Reinkarnation dieses Kolonialismus) auf den kleinen Nahoststaat. Von dieser Alternative ausgehend, ergreifen sie entweder für oder gegen Israel Partei.

“Israel steht in Gefahr, unter der Last, die ihm sowohl Feinde als auch Freunde aufladen, zusammenzubrechen”

Die Wandlung Israels hin zu einem Ventil für die Hoffnungen und Sehnsüchte beider Seiten eines „Kulturkampfes“ innerhalb der westlichen Welt ist eine Katastrophe für den Nahen Osten und insbesondere für Israel. Sie lädt dem israelischen Staat schwere historische Lasten auf, die er nicht tragen kann und sollte: zum einen die Last, die Aufklärung vor der „Barbarei“ bewahren zu müssen, und zum anderen eine abstruse Sündenlast für Verbrechen aus der Kolonialzeit, für die Israel nun stellvertretend büßen soll. Auf diese Weise wird der Nahost-Konflikt unausweichlich von einem apokalyptischen Moment durchdrungen, das die Kriege, die dort wieder und wieder um der Selbstverteidigung oder gelegentlich auch der Selbstbehauptung Willen geführt werden, in eine Art letztes Gefecht zwischen Kräften verwandelt, die Gilder in „Barbarei, Neid und Tod“ sowie „Kultur, Kreativität und Leben“ einteilt. Die Beschreibungen der letztjährlichen Gefechte Israels mit der Hamas im Gazastreifen durch den Premier Netanjahu als „große Schlachten zwischen Moderne und Mittelalter“ lassen erahnen, dass die Neudefinition des Nahost-Konflikts durch westliche Beobachter als Kampf um ihre Werte, ihren Glauben und um ihre philosophischen Bedürfnisse auf besorgniserregende Weise von den eigentlichen Akteuren des Konflikts verinnerlicht wurde.

Israel – Der Prügelknabe für die westliche Linke

Die erste Seite der Medaille, die man auch eine große, zynische Projektion auf Israel nennen könnte, ist in Europa die lautere und einflussreichere. Es ist diejenige Seite, die in Israel eine verdorbene Verkörperung von Anschauungen sieht, von denen wir dachten, dass wir sie selbst schon vor langer Zeit abgelegt hätten, nämlich die des Kolonialismus und des Imperialismus, die von nationalistischem Selbstinteresse und der Besessenheit nach territorialer Expansion geprägt sind.

Unter den Leuten, die sich selbst als links, liberal oder progressiv bezeichnen und die distinguierte Ideen von Fairness, sozialer Gerechtigkeit und von einer „globalen Staatengemeinschaft“ vertreten, ist die Feindschaft gegenüber Israel besonders groß. Israelische Militäraktionen bringen dieses politische Lager mehr auf als die eines jeden anderen Staates, inklusive der USA oder Großbritannien. Während die zahllosen amerikanischen und britischen Interventionen, besonders die im Irak, von ihnen höchstens als „Fehler“ oder als „kontraproduktiv“ beschrieben werden, weil sie noch mehr Terrorismus als zuvor hervorgebracht haben, wird die Debatte um Israels Militäraktionen in der hitzigsten Sprache geführt, die man sich vorstellen kann. Diese seien „mörderisch“ und kämen einem „sinnlosen Blutvergießen“ gleich. Sogar Nazivergleiche werden ins Feld geführt. Israels Militarismus hat immer schon große Demonstrationen in den europäischen Hauptstädten von Rom über Berlin nach London hervorgerufen, auf denen Ansammlungen von Islamisten, Linken und angesehenen Akademikern Plakate in die Luft reckten, die Israel Apartheid, Barbarei, Mord usw. vorwerfen.

Die Doppelmoral, die sich in dieser verqueren, ahistorischen Einstellung zu Israels militärischem Handeln verbirgt, wird offensichtlich, wenn man sie in Kontrast zu der Haltung setzt, die etwa bezüglich der Bombardierung Pakistans durch die amerikanische Obamaregierung eingenommen wird. In vielerlei Hinsicht hat Obama den ländlichen Provinzen Pakistans bereits das angetan, was Israel gegenwärtig dem Gazastreifen angetan hat – er hat Bombenangriffe auf Milizionäre veranlasst, die unvermeidlich auch eine große Anzahl unschuldiger Opfer gefordert haben. Israel gab während des letzten Gazakrieges die Zahl von 130 Getöteten bekannt – wovon einige Kämpfer der Hamas waren, andere wiederum nicht. Obamas Drohneneinsätze dagegen sollen in den letzten Jahren eine geschätzte Anzahl von 2600 Menschen das Leben gekostet haben, von denen nur etwa 13 Prozent bewaffnete Milizionäre gewesen sein sollen. Das heißt, dass rund 2200 pakistanische Zivilisten im von Obama genehmigten Drohnenkrieg getötet wurden. Doch weit davon entfernt, irgendwelche Proteste hervorzurufen oder von den üblichen Zeitungen entsprechend sorgenvoll kommentiert zu werden, bleibt Obama ein Held in genau jenem Lager, das immer dann rot sieht, wenn Israel zu den Waffen greift.

Am besten versteht man diese schamlose Doppelmoral als eine Konsequenz aus der Haltung dieser Leute zum Staat Israel. Für sie ist er nämlich nicht einfach nur ein weiterer Staat, der fragwürdige Militäreinsätze bestreitet, wie die USA, Großbritannien oder Frankreich. Er ist vielmehr das Relikt einer Ära, gegen die sich jede progressive Person, die bei klarem Verstand ist, definieren muss: die Ära des Imperialismus und des Kolonialismus. Auf diese Weise wird Israel zu einem Vehikel des westlichen Selbsthasses wegen seiner Verbrechen im Kolonialismus. Doch auch die politische Führung Israels leistet in den ziemlich altbackenen, manchmal sogar aggressiv gehaltenen Reden darüber, jene Völker befrieden zu müssen, die vorgeblich die Existenz und die Werte Israels bedrohen, dieser Sichtweise Vorschub. Auch dadurch ist es so weit gekommen, dass Israel sinnbildlich für einen Kolonialismus steht, der heute von so gut wie jedem westlichen Politiker und Akademiker mit Abscheu betrachtet wird. Dabei ist es erstaunlich zu sehen, wie sehr sich auch solche Staaten hervortun, die selbst Politik mit militärischen Mitteln betreiben. Von allen Seiten wird Israel vorgeworfen, es sei von „einer expansionistischen, gesetzlosen und rassistischen Ideologie“ getrieben und werde von „Kolonialisten“, „Rassisten“ und sogar von „Faschisten“ dominiert.

Es ist dabei wichtig zu verstehen, dass es nicht irgendwelche Radikalen sind, die Israel zum Prügelknaben für alte westliche Sünden ausrufen, sondern die internationalen Eliten. Das anti-israelische Lager kleidet sich gerne in ein radikales Gewand, wenn sich zum Beispiel Israelhasser auf Demonstrationen in eine Traditionslinie mit anti-imperialistischen Bewegungen stellen. Aber die wahre Dämonisierung Israels als Verkörperung vergangener Ideologien kommt aus elitären Kreisen. Besonders die Vereinten Nationen spielen dabei eine zentrale Rolle. Der von der UN ins Leben gerufene Menschenrechtsrat hat Israel in mehr Resolutionen verurteilt als alle anderen Staaten zusammen. 1975 verabschiedete die UN-Generalversammlung die Resolution 3379, die explizit „festlegt, dass Zionismus eine Form von Rassismus“ sei, und verurteilte Israel dafür, Doktrinen von „rassischer Trennung oder Überlegenheit“ und „Kolonialismus“ anzuhängen. Es ist diese stetige, internationale Denunzierung Israels, die radikale Proteste gegen Israel anstachelt. Tatsächlich zitieren die Hetzer gegen Israel, die politisch sehr oft links verortet sind und einen beachtlichen Teil des anti-israelischen Lagers ausmachen, häufig die genannten UN-Resolutionen als Rechtfertigung für ihren unverhältnismäßigen Zorn gegen den Militarismus Israels. Dieses Lager sollte man aber nicht als selbstständige, unabhängige Bewegung gegen den Militarismus selbst verstehen, sondern als eine Art Ableger der internationalen Elite, die Israel als Reinkarnation eines anachronistischen Kolonialismus darstellen möchte.

Genau darin steckt aber die Ironie: Die anti-israelische Einstellung setzt sich mit einem Anti-Kolonialismus und manchmal sogar mit einem Anti-Imperialismus gleich, aber eigentlich verschafft sie dem Westen, besonders über die UN, eine Position, über die er auf ganz neue Weise in das globale Geschehen eingreifen kann. Die Darstellung Israels als eine Art Sündenbock für Kolonialverbrechen ist folglich selbst ein neokolonialistischer Akt, der vom machtpolitischen Bedürfnis des Westens angetrieben wird, im Sinne eines Post-Kolonialismus diplomatische und militärische Hegemonie über sogenannte „Abweichlerstaaten“ wie jene im Nahen Osten zu installieren. Wenn die radikalen Demonstranten Israel als „Schurkenstaat“ beschreiben, als „den wirklichen Schurkenstaat im Nahen Osten“ und wenn mal wieder von den „Irren aus Israel/Zion/Tel Aviv“ die Rede ist, spricht es gewiss einen inneren Instinkt der politischen Führung an, sich dieses entfernten Landes anzunehmen und es zusammen mit den Demonstranten zu schelten und zu bestrafen. Permanent fordern anti-israelische Aktivisten unsere Politiker dazu auf, Sanktionen gegen Israel zu verstärken, Israel als den „wahren Schurkenstaat“ zu brandmarken. Sogar Interventionen, wenn nötig mit militärischen Mitteln, werden als legitimes Mittel betrachtet, um der „Barbarei“ und dem „Blutvergießen“ ein Ende zu setzen. Dies offenbart, dass der moderne Antikolonialismus, das in Mode gekommene Bedauern vergangener Schandtaten, selbst im Stile eines eigenartigen Kolonialismus agiert, der sich in moralischer Überlegenheit und Abscheu gegen ungehorsame Fremde auswirkt – in diesem Fall die Israelis.

Gerade unter Leuten, die sich selbst als links bezeichnen, ist das Gefühl der Entfremdung von der Vergangenheit weit verbreitet, noch mehr ein tiefgehendes Unbehagen gegenüber den Dingen und Ereignissen, die unsere moderne, industrielle Welt hervorgebracht haben. Von der Uminterpretation der Aufklärung über das Unbehagen hinsichtlich der industriellen Revolution bis hin zur Scham über die Ausbeutung und Kolonialisierung der Welt liegt es bei westlichen Intellektuellen und Aktivisten jetzt im Trend, einen Selbsthass zu kultivieren, der sich selbst als eine radikalen Haltung tarnt. In diesem Kontext ist es wichtig zu bemerken, dass sich die Feindschaft gegenüber Israel besonders dort entwickelt, wo Israel hinsichtlich seiner „Tugenden“ als sturer, altmodischer Außenposten von „Freiheit und Kapitalismus“ betrachtet wird.

Inbegriff der Aufklärung?

Die zweite Seite der großen, zynischen Projektion auf Israel ist diejenige, die Israel zu einer Verkörperung der Aufklärung stilisiert, und die, in den Worten Gilders, glaubt, dass „der Israeltest letzten Endes eine Prüfung für unseren eigenen Siegeswillen “gegen die „Kräfte, die sich gegen Kapitalismus und Freiheit wenden“, ist. Während jeder Konflikt, in den Israel involviert ist, von der antiisraelischen Lobby als nazihafte Unternehmung eines wahnsinnigen Kolonialstaates betrachtet wird, sieht die „Israel-gleich-Aufklärung“-Lobby die Konflikte als Teile eines Kulturkampfes, in dem westliche Werte und die Aufklärung davon bedroht werden, von den Gegnern des Fortschritts zermalmt zu werden. Für dieses Lager repräsentiert Israel nur das Beste der westlichen Geschichte und daher steht man entschlossen und vorbehaltlos hinter Israel.

Ein westlicher Journalist beschreibt Israel als „unsere Juden“. Er meint, wenn Israel „hinweggefegt wird“, dann „werden auch wir hinweggefegt, und mit uns die gesamte moderne Welt und ihre Errungenschaften – alles wird zurückgeworfen in den Schmutz dunkler Zeiten, aus dem wir einmal gekrochen sind.“ Offenbar repräsentiert Israel für ihn „die Menschheit“ und die „bloße Zukunft unserer Spezies“. Der amerikanische Schriftsteller Earl Tilford schreibt vom Kontrast zwischen Israel, einem Produkt „der jüdisch-christlichen Kultur, die die Aufklärung hervorbrachte“, und seinen Nachbarstaaten, die besessen sind von einem „mittelalterlichen Ethos … eher an Stammesgesellschaften als an Zivilisation gemahnend, wie der Westen sie kennt“. In seinem Buch The Case for Israel (dt. Plädoyer für Israel) begnügt sich Alan Dershowitz nicht damit, Argumente für ein spezifisches jüdisches Heimatland zu finden, sondern macht Israel stattdessen zu einem Symbol von zivilisatorischer Bedeutung. Israel „verdient zu existieren“, sagt er, „als ein Leuchtturm der Freiheit und Demokratie in einem Meer aus Tyrannei und Hass“.

Einst wurde Israel von Politikern des rechten Flügels, insbesondere von amerikanischen Republikanern, als ein nützlicher, politischer Verbündeter in Übersee gesehen, jetzt wird der Staat immer mehr als kultureller Verbündeter diskutiert, der von geradezu existentieller Bedeutung sei. Während immer mehr Realpolitiker in Washington Israel eher als eine ärgerliche Last betrachten denn als einen nützlichen Freund in der Ferne, argumentiert eine kleine, aber fest entschlossene Gruppe von rechtslastigen Denkern, dass Israel jetzt mehr von Bedeutung für Amerika und die Bewahrung seiner Ideale sei als je zuvor. Ein amerikanischer Autor schreibt, Israel stünde an „vorderster Front im Krieg zwischen Zivilisation und Barbarei“. Er spielt damit auf Eric Hoffers berühmten Artikel in der Los Angeles Times von 1968 an, in dem Hoffer argumentiert, falls „Israel untergehen sollte, wird der Holocaust über uns alle kommen“. Die britische Journalistin Melanie Phillips hat kürzlich behauptet, dass Israel „an vorderster Front gegen eine Tyrannei, die nach uns allen greift“, steht. „Wenn Israel fällt“, sagte sie weiterhin, “dann gehe es dem Rest von uns bald auch so.” Philipps folgert weiter: „Israel befindet sich an vorderster Front zur Verteidigung der Zivilisation. Diejenigen, die die westliche Zivilisation zerstören wollen, müssen die Juden zerstören, deren moralische Vorgaben die Grundsteine jener legten.“

Was wir hier sehen, ist die Verwandlung Israels in eine Stellvertreterarmee für eine Fraktion des westlichen Kulturkampfes, die die Fähigkeit verloren hat, die Werte der Aufklärung mit ihren eigenen Begriffen zu verteidigen, ja die noch nicht einmal dazu in der Lage ist, das Ausgangsproblem antiaufklärerischer Tendenzen zu definieren, es einzugrenzen und es aufzudecken. Egal wie die Münze fällt, anti-israelische Aktivisten projizieren, was der Westen falsch gemacht hat, allein auf Israel, wohingegen pro-israelische Denker nur das projizieren, was sie am Westen für richtig halten. Die einen fordern Verantwortung für vergangene Fehler, die anderen fordern eine Verteidigung der Aufklärung, die Israel verkörpern soll. Hierin liegt der Fehler der Aufklärungsanhänger: Zum einen haben sie es verpasst, auszuarbeiten, was anti-aufklärerisches Denken heutzutage überhaupt bewirkt und zweitens haben sie keinen Weg gefunden, diesem Denken effektiv entgegenzutreten. Ihr eigenes Versagen projizieren sie auf Israel, sodass die tiefgehende Krise des aufklärerischen Denkens in unseren Tagen plötzlich als ein einfacher Fall erscheint, in dem mittelalterliche Barbaren (Islamisten) das Symbol der Aufklärung (Israel) attackieren. Folglich ist es die einzige Aufgabe ernsthafter Aufklärungsfans, Israel zuzujubeln.

Es ist erstaunlich, dass viele der leidenschaftlichen Verteidiger Israels im intellektuellen Diskurs dieselben sind, die in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren ziemlich berechtigte Bedenken gegenüber dem Aufstieg des Relativismus und der Verunglimpfung der Wahrheit geäußert haben. Diese meistens eher konservativen Denker haben auf verschiedene Weise und mit unterschiedlichem Erfolg versucht, intellektuell rückwärtsgewandten Trends entgegenzutreten und lieferten Argumente für Rationalismus, echte Wissenschaft und Exzellenz an Hochschulen und in den Künsten. In Debatten über Erziehung und Bildung, Multikulturalismus, Wissenschaft, Vernunft und Rationalität haben viele, die sich für Israel in die Bresche geworfen haben, zuvor versucht die Flutwelle des Relativismus und des abgestumpften Denkens abzuwehren, die den Westen in den letzten Jahrzehnten überschwemmte.

Aber dies ist und bleibt eine mühselige Aufgabe. Denn im Zeitalter des Relativismus ist es schwer, für Werte wie Freiheit, Gleichheit und Exzellenz einzutreten. Die Aufklärung genießt heute ein fast schon historisch geringes Ansehen. Viele meinen, sie hätte ausgedient. Von manchen wird sie als repressiv betrachtet. Umso schwerer ist es, sie zu verteidigen. Wie viel einfacher ist es da, die Schinderei für die Aufklärung einfach zu externalisieren und sie zu dramatisieren, indem man sie auf eine andere Ebene hebt und einfach auf den Nahen Osten projiziert. In den letzten Jahren, besonders seit 9/11, hat die gemäßigt rechte Fraktion des Kulturkampfes ihre zivilisationsbejahende Haltung auf opportunistische Weise mit dem Krieg gegen den radikalen Islamismus verknüpft, einem Krieg gegen kleine Gruppen von bewaffneten Fanatikern, die man jetzt als die größte Bedrohung für unseren westlichen Lebensstil darstellt. Ihre Anstrengung, die Aufklärung zu verteidigen, erschlaffte in den Neunzigern und wurde wieder angekurbelt durch einen verheerend einfältigen „Krieg gegen den Terror“, der 2001 begann. Letzten Endes sehen sie die islamische Militanz als den großen Feind der Aufklärung und daher ist Israel, als der Staatsfeind Nummer eins aller Islam-Krieger, ihr höchster Verteidiger. Deshalb ist Israels Militarismus, sein gewaltvolles Vorgehen gegen seine Feinde, in gewisser Weise die physische Instandsetzung jeglicher Argumente, die von den immer mehr isolierten Verteidigern der Aufklärung hervorgebracht werden.

Dieses Spiel ist nicht ganz ohne Risiko, weil so die Konflikte im Nahen Osten von einer Dynamik durchdrungen werden, die größer ist als die Sache selbst. Was in Wirklichkeit ein Konflikt um Territorium und Überleben ist, wird zu einer existentiellen Schlacht um die wichtigsten Werte nicht nur unserer Zeit, sondern aller Zeiten stilisiert. Dies hilft nicht, die Gewalt im Nahen Osten zu beenden, sondern intensiviert sie und macht sie noch ein Stück grausamer, weil alle Zweifel und Streitigkeiten, von denen westliche Beobachter und Aktivisten geradezu besessen sind, noch zusätzlich in diesen Konflikt getragen werden.

Israel steht in Gefahr, unter dem Druck, die ihm sowohl Feinde als auch Freunde aufladen, zusammenzubrechen. Die anti-israelische Lobby fällt geschichtlich belastete Urteile gegen Israel, die es nicht verdient und gegen die es sich nicht verteidigen müssen sollte. Und die pro-israelische Lobby erwartet etwas von Israel, das kein Staat dieser Welt leisten kann, nämlich nichts weniger als im Namen der gesamten Menschheit die Werte und die Gedankenwelt der Aufklärung zu bewahren. Es wird höchste Zeit, dass wir uns aus den Angelegenheiten Israels und seiner Nachbarstaaten raushalten, damit sie ihre vielen Probleme und Krisen unter sich lösen können, und dass wir unsere Probleme mit unserer Vergangenheit und unseren Werte bei uns zu Hause lösen, in unseren Diskursen, in unserer Presse und in unseren Universitäten, statt sie einfach auf zynische Weise nach da drüben zu projizieren.