01.07.2008

Halluzinationen eines Imperiums

Rezension von Philip Cunliffe

In seiner eindringlichen Analyse Der falsche Krieg: Islamisten, Terroristen und die Irrtümer des Westens zeigt Oliver Roy auf, dass der Nahe Osten nicht von einer imperialistischen, sondern von einer chaotischen Politik beherrscht wird.

Nach der Vertreibung der Taliban aus Kabul und dem Sieg über das Regime von Saddam Hussein im Irak wurde offen über die Renaissance des amerikanischen Imperialismus debattiert. Bücherregale bogen sich unter dem Gewicht der Kommentare, in denen in finsteren Analysen die Pläne der Neokonservativen für eine ewige Weltherrschaft beschrieben wurden. Heute sieht alles ganz anders aus. Amerikas militärische Außen- und Sicherheitspolitik im Nahen Osten liegt in Trümmern. Olivier Roy, Professor an der École des Hautes Études für Sozialwissenschaften in Paris und wahrscheinlich der scharfsinnigste westliche Analyst des Islamismus und der Nahostpolitik, befasst sich mit diesem Thema in seinem neuen Buch Der falsche Krieg: Islamisten, Terroristen und die Irrtümer des Westens.

Roy beschreibt, wie die amerikanische Außenpolitik im Zuge des Antiterrorkrieges in ein widersprüchliches Durcheinander zerfallen ist. Weit davon entfernt, Drehscheibe eines neuen amerikanischen Imperiums zu werden, hat die Invasion im Irak dort ein Regime etabliert, das enge Bindungen zum Iran, dem designierten Feind Amerikas, unterhält. Die kurdischen Guerillakämpfer im Nordirak bringen die Türken gegen die amerikanische Unterstützung der kurdischen Autonomie im Irak auf. Amerikanische Alliierte wie Saudi-Arabien und Pakistan unterstützen amerikanische Gegner im Irak und in Afghanistan. Amerikas Unterstützung äthiopischer Truppen in Somalia hat die bekämpften Islamisten zu nationalen Verteidigern Somalias aufgewertet. Auch in Palästina und im Libanon sind heute Islamisten die bestimmenden politischen Kräfte. Und Osama bin Laden und Mullah Omar sind weiterhin auf freiem Fuß. Die amerikanische Herrschaft im Nahen Osten scheint eine Halluzination einer Linken zu sein, die angesichts der Entwicklungen noch ratloser wirkt als die Neokonservativen in Washington.

Wie Roy aufzeigt, hat die momentane Situation im Nahen Osten nichts mit der Stärke der Taliban oder des Terrornetzwerks al Qaida zu tun. Anstatt Verschwörungstheorien auszuhecken, zeigt Roy vielmehr, dass Amerikas zusammenhanglose Kriegsanstrengungen die logische Konsequenz der desorientierten westlichen Politik darstellen. Roys Argumentation zufolge ist es aufgrund der schwammigen Globalisierungsrhetorik nahezu unmöglich, eine Hierarchie von Bedrohungen zu etablieren und folglich strategische Prioritäten zu setzen. Das Globalisierungsgerede hat auch Europa verwirrt, wo Strategien und Außenpolitik zur bloßen Verwaltung sozialer Probleme verkommen sind. Einerseits werden innerstaatliche Probleme mit der Integration von muslimischen Bevölkerungsgruppen so behandelt, als ob es sich hier um ein globales Problem der Kompatibilität westlicher Werte mit dem Islam handelt. Andererseits wird der Nahe Osten zu einer Bühne der nichtssagenden europäischen Vorstellungen von Staatsbürgerschaft und Multikulturalismus.

Im Hinblick auf den Irak zeigt Roy auf, dass die Katastrophe von einer einflussreichen Interventions- und Demokratisierungsdoktrin untermauert wird. Sie basiert auf dem grundlegenden Misstrauen gegenüber bestehenden Regierungen, der Stärkung lokaler zivilgesellschaftlicher Gruppen sowie der Förderung von Frauen- und Gender-Themen. Diese Ideen, die von allen führenden zwischenstaatlichen und nichtstaatlichen Entwicklungsinstitutionen mitgetragen werden, beziehen sich auch auf einflussreiche linke Theorien über die „Pflicht zur Intervention“ in anderen Gesellschaften zur Durchsetzung von Demokratie. Bestehende Regierungen werden so zur Unterwerfung gezwungen (mit Bomben, wenn nötig), um dann schnell neue politische Institutionen aufzubauen, ohne sich viele Gedanken über deren Legitimität oder Verwurzelung in den betreffenden Gesellschaften zu machen. So kommt es zu komischen und gleichzeitig tragischen Ergebnissen: Roy führt das Beispiel eines afghanischen Dorf-Komitees an, das dazu gezwungen wurde, Gender-Richtlinien zu erfüllen, die selbst einen skandinavischen Sozialdemokraten erblassen lassen würden.

Spielerisch erledigt Roy einen Mythos nach dem anderen. So zeigt er auf, dass die Öl-Lobby in Bezug auf die Irakinvasion relativ ruhig geblieben war. Tatsächlich haben die Ölfirmen kein Interesse daran, die Ölfelder direkt zu kontrollieren. Solange kein einzelnes Land die Ölzufuhr monopolisiert, halten sich die Energieunternehmen gerne an den Markt, um Preise festzulegen und die Förderung zu regulieren. Roy weist zudem darauf hin, dass der zivile Wiederaufbausektor und Dienstleistungsgesellschaften den Krieg befürwortet hatten. Im Gegensatz zu Ölfirmen arbeiten sie mit kurzfristigen Verträgen, die keine langfristige Strategie benötigen. Außerdem werden sie vom Steuerzahler bezahlt (was bedeutet, dass sie keine stabilen Beziehungen zu den dortigen Regierungen herstellen müssen).

Roy will in seinem Buch vor allem auch die Idee eines monolithischen Islam infrage stellen. Sollte der Irak in irgendeiner existenzfähigen, einheitlichen Form überleben, wird er ein schiitisch dominierter Staat sein, was dem religiösen Schisma zwischen Schiiten und Sunniten eine nachhaltige geopolitische Bedeutung in der Region geben wird. Roy geht noch weiter, indem er aufzeigt, dass die Rhetorik des globalen Krieges gegen den Terror vier unterschiedliche Sphären der islamischen Politik zusammenwürfelt: al-Qaida-Style-Terroristen, echte Islamisten (jene, die islamische politische Institutionen bilden wollen), Fundamentalisten, die unter Scharia-Gesetzen leben wollen, sowie kulturelle Konservative, die eine kommunale Autonomie im Zeichen des Multikulturalismus vertreten. Keine davon stellt eine existenzielle Bedrohung dar.

Die Gewalt der al Qaida hat weder eine strategische Orientierung noch bleibende Institutionen, geschweige denn politische Wurzeln. Auch wenn die islamischen Bewegungen eine große politische Zugkraft haben, kommen sie dennoch an ihre Grenzen: Das Versagen von islamischen Regimes wie dem Iran, dem Sudan oder Afghanistan bedeutet, dass sie ständig über das Ziel einer islamistischen Agenda hinausschießen müssen, um das politische Momentum zu behalten. So argumentiert Roy, dass die Palästinenser, die im Jahr 2006 die Hamas wählten, dies nicht taten, um Israel zu zerstören oder unter der Scharia leben zu wollen; ihre Wahl war – wie auch die Wahl Ahmadineschads im Iran ein Jahr zuvor – ein Protest gegen die korrupte Vorgängerregierung. Die Unfähigkeit westlicher Staaten, zwischen verschiedenen Typen von islamischer Politik zu unterscheiden, führt zu Handlungsunfähigkeit, da es schlicht unmöglich ist, zeitgleich al Qaida, die Taliban, die Hisbollah, die Hamas, Syrien, den Iran sowie radikale City-Imame im Westen zu bekämpfen.

Die einzige Schwachstelle von Roys Buch besteht darin, dass es in seiner Argumentation nicht weit genug geht. Roy macht darauf aufmerksam, dass nicht der Islam die treibende Kraft für die politische und soziale Entwicklung im Nahen Osten ist, sondern tiefer liegende Strömungen nationaler Rivalitäten und staatliche Modernisierungsprozesse in armen und traditionellen Gesellschaften. Diese Schwerpunktsetzung bietet ein entscheidendes wissenschaftliches Gegengewicht zu den unsinnigen Darstellungen des Nahen Ostens als Hexenkessel des Fanatismus. Dennoch handelt Roy Fragen des politischen Bewusstseins und der Ideologie zu schnell mit dem Verweis auf tiefere soziale Trends und strukturelle Widersprüche regionaler Geopolitik ab. Sozialer und politischer Wandel wird weiterhin in Form einer religiös-inspirierten Ideologie ausgedrückt. Für manche scheint Religion der einzig mögliche Oppositionsdiskurs zu sein.

Es ist Roys Ziel, in die politische Diskussion mit Argumenten für eine erfolgreiche westliche Diplomatie zu intervenieren. So argumentiert er dafür, islamistische politische Bewegungen wie die Hisbollah und die Hamas ernst zu nehmen und als rationale Gesprächspartner und legitime Repräsentanten zu behandeln. Mit der Setzung von strategischen Prioritäten könnten sich die westlichen Staaten auf ihre wahren Feinde wie al Qaida konzentrieren. Wie aber bereits mehrfach in Novo und in Sp!ked argumentiert, spiegelt die verwirrte und reaktionäre Ideologie von al Qaida die moralisierende Selbstgerechtigkeit und anwidernde Ethik wieder, die den politischen Diskurs des Westens dominiert (siehe hierzu den Artikel „Ist Osama ein Umweltschützer?“ von Brendan O’Neill in: Novo93). Roy versteht es, die Irrationalität beider Ideen offenzulegen. Jedoch versäumt er es, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.