11.04.2016

Reichen-Schelte löst die Krise nicht

Kommentar von Brendan O’Neill

Titelbild

Foto: Carlos Adampol Galindo (CC BY-SA 2.0) / bearbeitet

Mit den Panama Papers wurden viele Off-Shore-Geschäfte aufgedeckt. Die Kritik an einer Gier der Reichen lenkt dabei von den Problemen des zeitgenössischen Kapitalismus ab.

Im Moment fängt nichts besser den oberflächlichen Moralismus unserer Zeit ein – die Bevorzugung einer rituellen Denunzierung „der Bösen“ im Gegensatz zu einer ernsthaften Debatte über die Probleme, die der Menschheit gegenüberstehen – als die Reaktion auf die „Panama Papers“. Diese beispiellose Aufdeckung von Finanztricksereien von 214.000 Rechtsträgern, die vor dem Finanzamt geflohen sind und wahnwitzig hohe Geldsummen in Übersee aufgehäuft haben, eröffnete einen wahren Medienzirkus rund um die Dekadenz der Stinkreichen. All das wird uns als Abrechnung mit den Wohlhabenden präsentiert, als Herausforderung der Architekten des wirtschaftlichen Abstiegs des Westens – aber es nichts dergleichen. Tatsächlich zeigen der überhebliche Moralismus und das Wehklagen der Mittelklasse über die Panama Papers den Mangel an ernsthafter intellektueller Debatte über den westlichen Kapitalismus unserer Tage oder an dessen radikaler Kritik auf.

Zwei Dinge fallen beim Brimborium um die Panama Papers besonders ins Auge. Erstens sind die Enthüllungen nicht gerade überraschend. Die Reichen bunkern ihr Geld in Überseekonten? Was kommt als nächstes – Zeitungsartikel über Bären, die in den Wald scheißen? In unserer jetzigen Zeit werden alle möglichen politischen und diplomatischen Geheimnisse von selbstverliebten Kämpfern für Transparenz aufgedeckt; jetzt aber decken sie offene Geheimnisse auf: mit Trommelwirbel wird hier keine Überraschung, sondern weithin Bekanntes auf die Bühne gezerrt. Zweitens ist es bezeichnend, wie pennälerhaft und emotional die Reaktionen sind. Man ist geradezu besessen von der Habsucht und der Dekadenz der Reichen. Um eine nüchterne Analyse des strukturellen Zerfalls des westlichen Wirtschaftslebens kümmert man sich dagegen nicht. Wir sollen unsere Köpfe schütteln angesichts der Sünden der Reichen, statt unsere Gehirne zu bemühen, um uns mit dem Niedergang der ökonomischen Vitalität zu befassen.

„Man ist geradezu besessen von der Habsucht und der Dekadenz der Reichen.“

Die Schlagzeilen über die Panama Papers sparen dann auch nicht mit ihrer Abscheu vor der Haltung und Moral der Reichen. Eine „gierige globale Elite“ soll uns beherrschen. Die Welt soll von den „Göttern der Habsucht und der Gier“, die „über die politische Landschaft stampfen“ in ein wirtschaftliches Chaos gestürzt worden sein. Die Enthüllungen zeigen offenbar „Gier in gigantischem Ausmaß“ auf. All das passt zu der Art, wie man seit Jahren über die Wirtschaftskrise redet: als Abschwung, der von „korrupten und gierigen“ Leuten herbeigeführt wurde, zumeist von Bankiers, aber auch von anderen Finanztypen und einigen geldgeilen Politikern. Ihr Mangel an moralischer Zurückhaltung – der uns in vielen Artikeln über ihre Boni, ihre schnellen Autos und ihren Champagner-Lebensstil aufgezeigt wurde – hat offenbar die ökonomische und soziale Krise heutzutage ausgelöst. Die Botschaft lautet wieder und wieder, dass unmoralisches Verhalten, dekadentes Verhalten, den ökonomischen Kollaps herbeigeführt habe.

Wenn man nun sagt, dass nur manche die Krise so erklären würden, so wäre das die Untertreibung des bisherigen Jahrtausends. Die Menschheit neigt schon lange dazu, gesellschaftliche Krisen mit Dekadenz zu erklären. Wenn die Gesellschaft einen Wendepunkt erreicht oder sich plötzlich tief in einer Krise wiederfindet, dann hat sie historisch dazu geneigt, ihre Lage durch das Prisma der Übermaßes und der Ausschweifungen zu interpretieren. Vom Bild des Leier zupfenden Nero vor den Flammen Roms im Jahr 64 nach Christus bis zur Legende von der drallen und distanzierten Marie Antoinette, die den nach Brot hungernden Bauern „Dann sollen sie doch Kuchen essen“ zugerufen haben soll: es gibt die Versuchung, politische, ökonomische und moralische Krisen im Zusammenhang mit dem gierigen Gebaren Weniger zu erklären. Die Idee, dass sündiges Verhalten den Untergang der Gesellschaft herbeiführen kann, ist in zweierlei Hinsicht zu eng gefasst. Sie fokussiert sich einerseits vor allem auf die Moral, beziehungsweise deren Mangel, bei den Menschen – zum anderen kann das Ganze als Ablenkung dienen, mit den oftmals großen sozialen und ökonomischen Kräften klarzukommen, die sich aufstauen und die manchmal explodieren und Krisenzeiten auslösen.

„Ein solcher Moralismus kann keine strukturellen Probleme der Wirtschaft erklären.“

Heute erleben wir die Rückkehr der Dekadenz-Erklärung. In den vergangenen fünf Jahren gab es Banker-Schelte und die Jagd auf Bonzen und jetzt geifern die Medien wegen der Panama Papers – all dies verstärkt den Eindruck, dass das gierige Verlangen mancher Leute, ihr grenzenloser Appetit, die Wirtschaft abrutschen lässt. Ein solcher Moralismus kann keine strukturellen Probleme der Wirtschaft erklären, geschweige denn, sich um eine Lösung bemühen. Tatsächlich lenkt er nur davon ab. Der eigentliche Grund, warum so viele Unternehmen und Reiche große Mengen Geld rund um den Globus bunkern, warum sie, wie es ein Bericht von 2014 ausdrückt, auf „Bergen von Geld“ sitzen, lautet, dass es heutzutage einen erheblichen Mangel an Investitionen in das Produktivkapital gibt. Ihre Bargeld-Anhäufung hat weniger mit Gier zu tun als mit der Vorsicht des modernen Kapitalismus, mit seiner Verirrung, seiner Risikoscheu, seiner mangelnden Bereitschaft zu ernsthaften Innovationen oder Investitionen. Diese Bargeldberge einfach als Ergebnis von Gier zu erklären, übersieht die größere strukturelle und intellektuelle Krise des kapitalistischen Systems, die nun die Vermeidung von Risiken und die Zurückhaltung den innovativen Wagnissen der Vergangenheit vorzieht.

Heute ist das Erklärmuster „Krise durch Dekadenz“ schlimmer als jemals zuvor. Jetzt kriegen nicht nur die Reichen oder Abgehobenen für ihre Gier eins auf den Deckel, sondern auch die gewöhnlichen Leute. Man siehe nur, wie unbekümmert die Medien und die Kampagnenindustrie sich von den Bonzen auf ihren Geldbergen abwenden und sich dem Wohlstandssyndrom der normalen Leute widmen oder vor der Gefahr warnen, die von kühlschrankbesitzenden Chinesen oder fleischessenden Indern ausgeht. Diese sogenannte „Gier“ – die manche von uns lieber „Fortschritt“ nennen – soll also unseren Planeten ins Chaos stürzen und die alten Moralsysteme der Zurückhaltung und der Bewahrung zerstören. Wir sind heute alle dekadent, die Gier von uns allen zerreißt die Gesellschaft. Eine radikale Kritik des wirtschaftlichen Abschwungs? Bitte. Diese ritualisierten Verurteilungen habgieriger Personen haben mehr mit dem vor-linken Klerus gemein als mit der einst intellektuellen und wirklich radikalen linken Idee, dass die Wirtschaft verstanden, erklärt und möglicherweise verwandelt werden kann.