17.09.2021

Rasse abschaffen!

Von Inaya Folarin Iman

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Foto: rawpixel via Pixabay / CC0

Die Identitätspolitik hat das Rassendenken wiederbelebt. Es ist an der Zeit, diese Kategorien konsequent zu überwinden.

Es ist dem Aufkommen der Identitätspolitik und der wachsenden politischen Polarisierung geschuldet, dass die Rassenpolitik in den letzten zehn Jahren im öffentlichen Leben eine immer wichtigere Rolle spielt. Die Themen Rasse und Rassismus dominieren heute den Diskurs in den USA.

Gleichzeitig gibt es aber auch eine wachsende Opposition gegen die Rassenpolitik. Einige Schriftsteller und Denker, wie Kmele Foster oder Thomas Chatterton Williams, versuchen, das Gespräch über Rasse neu auszurichten. Sie wollen sich nicht einfach gegen Rassismus stellen oder die Identitätspolitik kritisieren. Sie wollen den Begriff der Rasse ganz und gar abschaffen. Ihr Schlachtruf lautet: „Schafft Rasse ab!“

Die Abschaffung von Rasse stellt eine Herausforderung sowohl für den Rassismus als auch für zeitgenössische Formen des „Antirassismus“ dar. Sie beruht auf mehreren Kernforderungen. Erstens basiert laut Abolitionisten das soziale Konstrukt der Rasse auf einer Taxonomie, die erfunden wurde, um Rassenhierarchien zu schaffen und zu verstärken. Wenn man also weiterhin die Bedeutung und Existenz von Rassen bejaht, bestehen Rassenhierarchien unweigerlich fort.

Zweitens ist Abolitionisten zufolge das Konzept der „Rasse“ wissenschaftlich und gesellschaftlich unhaltbar. Im Gegensatz zum „Geschlecht“, das die materielle Realität der geteilten Fortpflanzungsfunktion einer bestimmten Art beschreibt, hat der Begriff der Rasse keine solche materielle, biologische Grundlage. Deshalb verschiebt sich seine Bedeutung ständig. Zum Beispiel betrachten sich „gemischtrassige“ Menschen oft als schwarz, und in einer nicht allzu weit zurückliegenden Vergangenheit galten alle Nicht-Weißen als schwarz. Gleichzeitig wurden einige Menschen, die wir heute zweifellos als „weiß“ betrachten (z.B. Iren oder Italiener), einst als nicht vollkommen „weiß“ angesehen.

„Wenn man weiterhin die Bedeutung und Existenz von Rassen bejaht, bestehen Rassenhierarchien unweigerlich fort.“

Und drittens steht für Abolitionisten die Aufrechterhaltung des Rassebegriffs in direktem Gegensatz zu Humanismus und Universalismus. Durch die Einteilung von Menschen in weite rassifizierte Kategorien und die Institutionalisierung dieser Kategorien in Form von Quoten, Programme der „positiven Diskriminierung“, „Räume ausschließlich für Schwarze“ usw. verdinglichen die Identitaristen die Rasse und rassifizieren das gesellschaftliche Leben.

Linke Identitaristen sprechen gerne von menschlichen Eigenschaften als „soziale Konstrukte“. Ihre Verwendung sozialkonstruktivistischer Ideen ist jedoch weniger radikal, als es sich anhört. In Bezug auf die Rasse legen sie nahe, dass die bloße Umkehrung der Rassenhierarchien ausreicht, um soziale Gerechtigkeit zu erreichen. Anstatt also „Weißsein“ zu konstruieren, um Reinheit, Macht und Intelligenz zu konnotieren, versuchen moderne Aktivisten, die Bedeutung umzukehren, so dass es an Schuld, Erniedrigung und Privilegien denken lässt. Gleichermaßen versuchen Aktivisten, den Begriff „Schwarz“ mit neuen Bedeutungen zu versehen, von der Unschuld bis zur moralischen Überlegenheit.

Diese Taktiken stellen den Rassismus jedoch nicht in Frage. Sie bewahren ihn, weil sie den Rassebegriff selbst nicht in Frage stellen. Dies wirft mehrere zusammenhängende Fragen auf. Was bedeutet es, den Rassebegriff in Frage zu stellen? Was bedeutet es für eine Person, wenn sie sich weigert, ihre rassische Bezeichnung zu akzeptieren? Und was bedeutet letztlich die Abschaffung von Rasse in praktischer Hinsicht?

Nun, erstens wird damit anerkannt, dass Rassenessentialismus eine destruktive Idee ist, unabhängig davon, woher im politischen Spektrum er kommt. Dieses Konzept geht davon aus, dass Individuen auf ein rassisches Wesen reduziert werden können, das wiederum bestimmt, wie sie sich verhalten und handeln sollen. Daher müssen wir den Rassebegriff dekonstruieren, ihn de-essentialisieren oder entnaturalisieren und dem „gesunden Menschenverstand“ das Verständnis von Rasse „fremd“ machen. Auf diese Weise wird der Einzelne ein wenig freier, er selbst zu sein, anstatt so zu leben, wie es seine rassische Identität diktiert.

„Durch die Einteilung von Menschen in weite rassifizierte Kategorien und die Institutionalisierung dieser Kategorien verdinglichen die Identitaristen die Rasse und rassifizieren das gesellschaftliche Leben.“

Historisch gesehen wurde sozialer Fortschritt durch genau solche Anfechtungen des Determinismus gewonnen, sei es biologisch oder, in diesem Fall, kulturell. Denken Sie zum Beispiel an die Feministinnen, die die Vorstellungen davon infrage gestellt haben, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Solche Anfechtungen beruhen zum Teil darauf, was Existenzialisten früher als die „transzendentalen“ Elemente unserer Existenz bezeichnet haben – d.h. unsere Existenz geht unserem Wesen voraus. Wir müssen daher nicht durch die Zuschreibungen (oder gar Identitäten) definiert werden, die uns auferlegt werden. Dazu gehören nicht nur die Klassifizierungen von Rassisten, sondern auch die von Anti-Rassisten.

Dies ist nicht einfach. Rasse stellt sich als eine so ewige und allgegenwärtige Identitätskategorie dar, dass sich viele Menschen heute nicht vorstellen können, außerhalb der ihnen von Geburt an zugeschriebenen rassifizierten Kategorien zu existieren, die ihre sozialen Beziehungen bestimmen. Aus diesem Grund stellt die Abschaffung von Rasse eine radikale Herausforderung an den Status quo dar. Sie wirft die Frage auf, welche Möglichkeiten für menschliche Beziehungen jenseits der Rassengrenze bestehen. Wie können wir die Ideologie und das Glaubenssystem von Rasse destabilisieren?

Es ist an der Zeit, dass wir phantasievoll darüber nachdenken, was die Abschaffung von Rasse für uns als Individuen und für die Gesellschaft als Ganzes bedeuten könnte. Die Abschaffung von Rasse bedeutet jedoch nicht, dass wir Rassismus ignorieren sollten. Wir sollten einfach konsequent dagegen argumentieren, dass Rasse ein Sinn gegeben wird – positiv oder negativ.

Letztendlich konfrontiert uns die Abschaffung von Rasse mit großen Fragen darüber, wer wir sind. Ist die Idee der Rassenunterschiede wichtiger als die der universellen Menschlichkeit? Sind „Rasse“ und Rassenessentialismus wichtiger als die individuelle Freiheit? Dies sind die grundlegenden Fragen, denen meine neue Organisation, das Equiano-Projekt 1, nachgehen wird. Es wird ein lebendiges Forum für Debatten und Diskussionen bieten, um frisches Denken in Bezug auf Rasse, Kultur und Politik zu ermöglichen. Auf diese Weise soll es Debatten über die Werte der Freiheit, des Humanismus und des Universalismus erleichtern und diese Werte fördern.

Diejenigen in der identitären Linken, die gegenwärtig das Konzept der „Rasse“ wieder essentialisieren wollen, haben keine positive Vision, die über die Forderung nach Anerkennung vergangener und eingebildeter Missstände hinausgeht. Dies ist eine düstere Vision unserer zukünftigen Möglichkeiten als geeinte Menschheit. Sie kann nur in Frage gestellt werden, wenn wir eine neue kollektive Vision entwickeln, für die das Equiano-Projekt als Katalysator dienen soll.