27.04.2015

Keine Nulltoleranz der Intoleranz

Interview mit Adrian Hart

Ohne Augenmaß wird vermeintlichem Rassismus der Kampf angesagt. Antirassismuskampagnen erhalten den Rassismus künstlich am Leben. Das beklagt der britische Autor Adrian Hart, früher selbst in antirassistischen Gruppen aktiv, im Interview mit Marco Visscher

Marco Visscher: Haben wir in Fußballstadien ein Rassismusproblem?

Adrian Hart: Selbstverständlich gibt es in Stadien einige, die sich daneben benehmen. Das tun sie auch samstagabends in der Kneipe. Ein Fußballspiel ist doch ein typischer Anlass, sich mal gehen lassen zu lassen. Irgendein Idiot, der was Rassistisches grölt, ist immer dabei. Und was passiert dann in so einem Fall? Ein paar Leute aus dem Fanblock drehen sich um und rufen ihm zu: „He, halt mal den Mund“. Unter Fans finden wir einen guten Selbstreinigungsmechanismus. Verglichen mit vor dreißig Jahren ist Rassismus sowohl in Fußballstadien als auch außerhalb zu einer absoluten Rarität geworden.

 


Sprechchöre beim Fußball können aber auch furchteinflößend wirken.

Freilich. Aber es sollte doch klar sein, dass die allermeisten Gesänge dieser Art grober und humoristischer Natur sind. Sie kommen vielleicht heftig rüber, aber man sollte sie nun wirklich nicht wörtlich nehmen. Fußballfans haben nun einmal einen seltsamen Humor, den elitäre Figuren aus Politik und Medien nicht verstehen. In diesen Kreisen hält man alle Fans für Hohlköpfe mit Vorstellungen aus dem 17. Jahrhundert. Die Antirassismuspolitik, die den europäischen Fußball quält, sehe ich als Anzeichen für übertriebene Nulltoleranz.

 

„Die Antirassismuspolitik im europäischen Fußball sehe ich als Anzeichen für übertriebene Nulltoleranz“


Was haben Sie an Intoleranz gegenüber rassistischen Äußerungen auszusetzen? Sie sind doch auch gegen Rassismus?

Natürlich lehne ich Rassismus in jeder Form ab. Deshalb begrüße ich aber noch lange nicht jede Form von Antirassismus. Nulltoleranz blendet den Kontext völlig aus. Wörter stehen dann für sich selbst. Wenn jemand sich durch die Verwendung des Wortes „Nigger“ – zur Klarheit: Ich bin nicht der Meinung, dass man dieses Wort gebrauchen sollte – beleidigt fühlt, ist man nach britischer Gesetzgebung automatisch schuldig. Auch wenn man das Wort ironisch verwendet hat und sogar, wenn man nur wörtlich zitiert! Jeder Gebrauch eines rassistischen Begriffs gilt als Rassismus. Fans von Tottenham Hotspur hat man verhaftet, weil sie sich als Yid [Jude] bezeichnen – obwohl sie das stolzerfüllt tun. 1

Nulltoleranz klingt nach Härte, zeugt aber von verblüffender Schlichtheit. Die Neigung, den Kontext außer Acht zu lassen, gehört meiner Meinung nach zu einem umfassenderen Trend, die Bevölkerung – vor allem die weniger Gebildeten – als Prolls zu betrachten. Wir normalen Menschen können, so unkultiviert und unzivilisiert wie wir sind, aus dieser Sicht nur noch durch Regeln, Gesetze und Beaufsichtigung im Zaum gehalten werden.

 


Ihre Auffassungen stehen in einem Spannungsverhältnis zu Ihrer Vergangenheit als Aktivist gegen Rassismus. Vor ein paar Jahren haben Sie noch an einem Aufklärungsfilm über Rassismus für Grundschulen mitgewirkt.

Ja, ich habe Workshops gefilmt, bei denen Kindern beigebracht wurde, Rassismus zu erkennen und zu melden. Dabei passierte etwas, womit die Verantwortlichen nicht gerechnet hatten: Jedes Mal, wenn sie einer Klasse erläutert haben, dass es um Rasse und Hautfarbe ging, stießen sie auf überraschte Blicke. „Häh? Wir haben immer gehört, dass es nicht um Äußerlichkeiten geht, sondern darum, was innen drin ist.“ Die Verantwortlichen mussten das dann bestätigten, um danach aber umständlich zu erklären, dass sehr wohl Unterschiede bestehen, dass Rassismus überall hervortritt und dunkle Hautfarbe alle möglichen negativen Reaktionen hervorruft usw.

 


Wurden Sie während des Projektes Zeuge rassistischer Vorfällen auf den Schulhöfen?

Keineswegs. Ich bin auf eine große Vielfalt gestoßen. Und die ganzen Kinder haben normal miteinander gespielt. Kinder sind „farbenblind“. Von ihnen könnten Erwachsene noch eine Menge darüber lernen, was es heißt, ohne Rassismus miteinander umzugehen. Diese Selbstverständlichkeit weicht erst, wenn man ihnen erzählt, dass Rassismus schlecht ist. So konfrontiert man sie mit einem Begriff, den sie überhaupt nicht gekannt haben. Das gilt jedenfalls für die heutige Generation: ethnisch gemischter denn je, mehr Chancengleichheit und Möglichkeiten als je zuvor. Es ist nicht alles perfekt, Rassismus gibt es immer noch, wir sind aber auf einem guten Weg.

 

„Rassismus wird durch Antirassisten am Leben erhalten“


Jedes Jahr erfolgen an die 40.000 Rassismus-Beschwerden in britischen Schulen. Das klingt alles andere als perfekt.

Ach, wissen Sie, was da typischerweise vorgefallen ist? Ein farbiger Junge musste sich „Schokoriegel“ oder ähnliches rufen lassen. Ich habe eine große Stichprobe dieser Beschwerden analysiert und festgestellt, dass sie zumeist alltägliche Beleidigungen unter Kindern betreffen, die zu „Rassenfragen“ aufgeblasen werden. Und was müssen die Lehrer dann tun? Sie müssen zwei siebenjährige Dreikäsehochs, die ihren Streit schon lange vergessen haben, zu sich kommen lassen, um mit ihnen ihre Rassenunterschiede durchzugehen. So wird Rassismus durch Antirassisten aufrechterhalten.


Man könnte auch behaupten: Ohne diese Politik hätte man mehr Rassismus.

Das behaupten in erster Linie die für diese Politik und diese Kampagnen Verantwortlichen. Sie müssen ihre Arbeit ja irgendwie rechtfertigen und weisen dabei gerne auf Einzelfälle hin, die nur „die Spitze des Eisbergs“ seien. Es gibt aber gar keinen Eisberg! Sie wollen mit ihren Regeln und Eingriffen den Anfängen des Rassismus wehren – es fehlt aber der Rassismus, dessen es sich zu erwehren gälte. Eher läuft es darauf hinaus, dass sie damit den Rassismus erst anheizen.


Vielleicht ist den Opfern von Rassismus daran gelegen, dass rassistische Auslassungen auf klare Ablehnung stoßen.

Was die betreffenden Minderheiten damit erreichen, ist sehr fraglich. Eine strenge Antirassismuspolitik reduziert den Menschen auf ein zurückgebliebenes Herdentier, das die Absicht hinter bestimmten Äußerungen nicht zu erkennen vermag. Eine solche Politik verstärkt die Vorstellung, dass wir Menschen im Kern schwach sind und ständig Gefahr laufen, emotionale Schäden davonzutragen, weil jemand irgendein Wort benutzt, das als rassistisch gilt. Die Antirassisten schaffen so eine Kultur, in der man sich sofort als Opfer fühlt, wenn man eine hässliche Bemerkung an den Kopf geworfen bekommt. Eine Kultur, in der man sich an den Schutzmann oder den Therapeuten wenden muss, wenn man auf dem falschen Fuß erwischt wird. Eine Kultur, in der man schon gar nicht selbst nachdenken oder selbst handeln soll, wenn man beleidigt wird. Ich bezweifle stark, dass uns das weiterbringt.


Eine Schaffnerin der belgischen Eisenbahn hat im letzten Jahr zwei afrikanische Fahrgäste sehr rassistisch behandelt. Wie soll man da reagieren?

Natürlich gibt es noch ein paar Schwachköpfe, die sich rassistisch äußern, aber dann kriegen die eben Kontra. Was in dem Fall übrigens passiert sein soll, soweit ich weiß. Und so gehört sich das auch. Wir müssen den moralischen Mut entwickeln, Rassismus selbst zu bekämpfen, wenn wir ihm begegnen. So macht man das bei untauglichen Ideen und Überzeugungen.

„Die moderne Antirassismuspolitik bedeutet einen Frontalangriff auf die Meinungsfreiheit“


Sie waren in Ihrer Studienzeit selbst als Antirassismusaktivist tätig.

Ja, das war damals von ganz anderer Bedeutung als heute. Das waren andere Zeiten. Es gab viel mehr rassistische Morde und ihnen wurde weit weniger mediale Aufmerksamkeit und öffentliche Abscheu zuteil als heutzutage.


Worin liegt der größte Unterschied zwischen damals und heute?

Man konnte niemandem vertrauen. Rassismus herrschte beim Nachbarn, der Polizei, beim Lehrer, den Journalisten, bei allen. Unsere Losung lautete: „Fighting racism: it’s up to us.“ Wir mussten selbst handeln. Wie sich die Zeiten geändert haben: Heute liegt die Rassismusbekämpfung bei allen möglichen staatlichen Einrichtungen und subventionierten Lobbyisten, die offenbar viel aufgeklärter und zivilisierter sind als wir selbst, der Pöbel. Durch ihre Politik verstärken sie noch die Rassenidentität. Also stoßen wir uns nicht mehr spontan an Beleidigungen, sondern suchen aktiv nach ihnen, um dadurch Anerkennung für unsere schwache Position zu erzwingen. So bildet die moderne Antirassismuspolitik einen Frontalangriff auf die Meinungsfreiheit.


Darüber können Sie sich offenbar aufregen.

Ja, denn hier geht es um unsere Freiheit, nicht ständig vom Staat vorgeschrieben zu bekommen, was wir sagen dürfen und was nicht. Man arbeitet an einer Orwell’schen Gesellschaft voller braver Bürger. Da lebe ich doch lieber in einer Welt, in der auch ich ab und zu beleidigt werde.