28.01.2015

Privatkultur statt politischer Debatte

Essay von Kenan Malik

Der Multikulturalismus als politisches Programm bewirkt das Gegenteil von dem, was er angeblich beabsichtigt. Im Namen der Toleranz werden Individuen in Schubladen gesteckt und nur Reaktionäre als „authentische“ Vertreter einer Gruppe akzeptiert, kritisiert Kenan Malik.

Bevor wir über Multikulturalismus sprechen können, müssen wir zwischen zwei Vorgängen oder Phänomenen unterscheiden, die allzu oft durcheinandergebracht werden. Einerseits Vielfalt als gelebte Erfahrung, andererseits Multikulturalismus als politischer Ansatz, oder vielmehr als politische Maßnahmen, welche diese Vielfalt verwalten sollen.

Die Erfahrung, in einer Gesellschaft weniger isoliert, dynamischer und kosmopolitischer zu leben, ist offensichtlich eine sehr positive Erfahrung. Sie ist ein Argument für kulturelle Vielfalt, Masseneinwanderung, offene Grenzen und unvoreingenommenes Denken. Als politischer Ansatz bedeutet Multikulturalismus jedoch etwas vollkommen anderes. Er bedeutet eine Reihe von Maßnahmen, die durch öffentliche Anerkennung und Bestätigung kultureller Unterschiede Vielfalt verwalten und institutionalisieren sollen.

„Der Multikulturalismus steckt Menschen in bestimmte ethnische und kulturelle Schubladen“

Wir leben in einer Welt, so wird argumentiert, in der es tief verwurzelte Konflikte zwischen Kulturen gibt, die verschiedene Werte verkörpern. Unterschiedliche Völker und Kulturen haben unterschiedliche Werte, Überzeugungen und Wahrheiten. Viele davon sind nicht miteinander vereinbar, aber alle von ihnen sind in ihrem eigenen Kontext legitim. Soziale Gerechtigkeit verlangt nicht nur, dass Individuen als politisch gleichberechtigt behandelt werden, sondern auch, dass ihre kulturellen Überzeugungen als gleichermaßen legitim behandelt werden, ja sogar öffentlich institutionalisiert werden. Die US-amerikanische Wissenschaftlerin Iris Young schrieb dazu: „Gruppen können nicht sozial gleichberechtigt sein, ohne dass ihre spezifischen Erfahrungen und ihre kulturellen und gesellschaftlichen Beiträge öffentliche Anerkennung und Bestätigung finden.“

Schubladen statt Individuen

Das Problem besteht darin, dass dieser Ansatz Menschen in bestimmte ethnische und kulturelle Schubladen steckt. Individuelle Bedürfnisse und Rechte werden über die Schublade definiert, in der sie sich befinden, und es sind die Schubladen, nicht die Individuen, die politische Maßnahmen festlegen. Das ist kein Argument für offene Grenzen und Aufgeschlossenheit, sondern für die Regulierung von Grenzen, seien sie physisch, kulturell oder imaginär.

Die Verschmelzung der Vielfalt als gelebte Erfahrung und des Multikulturalismus als politischer Ansatz hat sich als höchst problematisch erwiesen. Einerseits erlaubt sie vielen Rechten – aber nicht nur diesen –, die Probleme mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt als Ergebnis der Masseneinwanderung und Minderheiten als das Problem darzustellen. Andererseits sehen sich viele traditionelle Liberale und Linke gezwungen, klassische Vorstellungen von Freiheit aufzugeben, um Vielfalt zu verteidigen. Es ist sehr wohl richtig, die gelebte Erfahrung der Vielfalt zu verteidigen – also auch Einwanderung und kulturelle Vielfalt, die damit einhergehen. Das ist besonders wichtig in Zeiten, in denen viele im Namen einer Verteidigung des „Säkularismus“ oder der „Freiheit“ gegen Einwanderung, besonders von Muslimen, argumentieren. Es ist jedoch genauso wichtig, Multikulturalismus als politischen Ansatz zu bekämpfen. Damit sollte man gegen die Institutionalisierung, Bestätigung und Anerkennung kultureller Unterschiede in der Öffentlichkeit streiten.

Die Ironie am Multikulturalismus als politischem Ansatz besteht darin, dass er die Vielfalt als gelebte Erfahrung untergräbt. Wenn wir von „Vielfalt“ sprechen, meinen wir, dass die Welt ein chaotischer Ort voller Konflikte und Auseinandersetzungen ist. Das ist gut so, denn solche Konflikte fördern politisches und kulturelles Engagement. Vielfalt ist wichtig, nicht unbedingt an sich, sondern weil sie uns erlaubt, unseren Horizont zu erweitern, verschiedene Werte, Lebensweisen und Überzeugungen zu vergleichen und beurteilen. So können wir entscheiden, welche besser und welche schlechter sind. Mit anderen Worten: Vielfalt ist wichtig, weil wir mit ihr an einem politischen Dialog teilnehmen können, aus dem eine universellere Sprache des bürgerlichen Daseins entstehen kann. Genau solche Dialoge und Werturteile werden vom Multikulturalismus als politischem Ansatz allzu oft im Namen von „Toleranz“ und „Respekt“ unterdrückt. Genau das, was der Vielfalt einen Wert verleiht – die Zusammenstöße und Konflikte, zu denen sie führt –, ist das, was die Anhänger des Multikulturalismus am meisten fürchten.

Förderung der Rückständigkeit

Man kann von daher bereits eine weitere Ironie am Multikulturalismus erahnen: Seine Anhänger bestehen darauf, dass die Gesellschaft vielfältig ist, und übersehen dabei die Vielfalt innerhalb der Gemeinschaften von Minderheiten. Auf der multikulturellen Karte markieren die Grenzen der Minderheitengruppen zugleich die Grenzen der Vielfalt. Die Minderheitengruppen werden jeweils als klar definierbares, einheitliches, homogenes, authentisches Ganzes behandelt, deren Angehörige alle mit einer Stimme sprechen und eine Weltanschauung teilen. Konflikte innerhalb dieser Minderheitsgruppen werden dabei allzu häufig ignoriert. Die Abweichler und die Vielfalt werden weggespült. Im Ergebnis werden die fortschrittlichsten Stimmen einer Minderheit oftmals nicht beachtet, weil sie nicht als repräsentativ oder authentisch genug wahrgenommen werden. Es sind Konservative, die zu Repräsentanten einer Minderheit auserkoren werden, weil ihre Einstellung als authentisch gilt.

Der dänische Parlamentsabgeordnete Naser Khader berichtet von einem Gespräch mit Toger Seidenfaden, Redakteur von Politiken, einer linken dänischen Zeitung, die den Mohammed-Karikaturen sehr kritisch gegenüberstand. Seidenfaden behauptete, dass die Karikaturen „alle Muslime beleidigen“. Khader antwortete: „Ich bin nicht beleidigt.“ „Aber du bist kein echter Muslim“, war Seidenfadens Antwort.

„Ideologische Konflikte werden zum Streit zwischen Gemeinschaften“

„Du bist kein echter Muslim“. Warum? Weil ein echter Muslim aus Seidenfadens Sicht reaktionär sein muss und die Karikaturen als beleidigend zu empfinden hat. Jeder, der nicht reaktionär oder beleidigt ist, kann laut Definition kein echter Muslim sein. Hier deckt sich linker „Antirassismus“ mit rechten Vorurteilen gegenüber Muslimen. Für viele linke Antirassisten bedeutet die Ablehnung von Vorurteilen die Akzeptanz reaktionärer Ideen als authentisch muslimisch.

Wenn ich Konflikte und Auseinandersetzungen für positiv halte, meine ich damit natürlich nicht jeden einzelnen von ihnen. Streit um Ideen und Werte ist häufig wertvoll und für gesellschaftliche Veränderungen notwendig. Bei dem Versuch, solche Konflikte im Namen von „Toleranz“ und „Respekt“ abzuschwächen, werden diese nicht tatsächlich geschwächt, sondern sie werden von der politischen auf die kulturelle Ebene verschoben. Ideologische Konflikte werden zum Streit zwischen Gemeinschaften. Politische Auseinandersetzungen können Menschen verschiedener Ethnien und Kulturen vereinen, kulturelle Konflikte vermögen nur, sie zu trennen. Politische Auseinandersetzungen sind oftmals nützlich, weil sie an ein gesellschaftliches Problem mit dieser Frage herangehen: Wie müssen wir die Gesellschaft verändern, um dieses Problem zu lösen? Wenn wir zum Beispiel den Rassismus aus politischer Sicht betrachten, müssen wir fragen: Was sind die gesellschaftlichen Ursachen des Rassismus und welche strukturellen Veränderungen sind notwendig, um ihn bekämpfen? Wir mögen unterschiedliche Antworten darauf geben, aber die Debatte ist nützlich. Politische Konflikte sind also die Art von Konflikt, die für gesellschaftliche Veränderungen notwendig ist.

Kulturelle Sonderbehandlung

Der Multikulturalismus macht aus politischen Problemen kulturelle oder religiöse Probleme, wodurch sie weder nützlich noch lösbar sind. Statt die Frage „Was sind die gesellschaftlichen Ursachen des Rassismus und welche strukturellen Veränderungen sind notwendig, um ihn bekämpfen?“ zu stellen, verlangt der Multikulturalismus eine öffentliche Anerkennung der eigenen Gruppenzugehörigkeit, eine öffentliche Bestätigung der „eigenen“ kulturellen Andersartigkeit sowie Respekt und Toleranz für die „eigenen“ kulturellen oder religiösen Überzeugungen. Das Problem des Multikulturalismus besteht also nicht darin, dass er Vielfalt betont, sondern dass er die zugrundeliegenden Vorstellungen von Vielfalt und deren Nutzen zu eng fasst. Folglich wird die Art von Konflikt erzeugt, die weder politisch nützlich noch auflösbar ist.

Der Multikulturalismus ist im Kern die Verwechslung politischer Gleichberechtigung mit kultureller Identität. Eine gleiche kulturelle Identität ist nicht dasselbe wie politische Gleichberechtigung. In der Tat wird dadurch die Möglichkeit einer politischen Gleichberechtigung untergraben. Diese bedarf nämlich einer Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Raum. Im privaten Raum herrscht grundsätzlich Ungleichheit. Der öffentliche Raum muss klar abgesteckt sein und jeder muss ihn als politisch Gleichberechtigter betreten können, egal wie sein kultureller, beruflicher oder ethnischer Hintergrund aussehen mag. Dieser Raum ist eine der bedeutendsten Errungenschaften der Moderne. Die Forderung nach einer öffentlichen Anerkennung individueller oder kultureller Unterschiede lässt die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum verschwimmen und untergräbt somit die Möglichkeit einer echten politischen Gleichberechtigung.

„Wir müssen die neuen reaktionären Auffassungen von Pluralismus und Gleichberechtigung herausfordern“

In einer wirklich pluralistischen Gesellschaft haben Bürger die Freiheit, im Privaten nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben. In der Öffentlichkeit sind sie politisch gleichberechtigt, egal, was sie ethnisch, kulturell oder religiös unterscheiden mag. Doch heute bedeutet „Pluralismus“ das Gegenteil. Die Freiheit, eine bestimmte Religion zu praktizieren, eine bestimmte Sprache zu sprechen und Kultur zu leben, ist kein individuelles Recht mehr, das im Namen der Freiheit zu verteidigen ist, sondern ein öffentliches Gut, das der Staat durchsetzen muss. Zugleich wird das individuelle Recht zu handeln, zu sprechen oder gar zu denken, wie es dem Bürger gefällt, immer mehr seitens des Staates im Namen der „Toleranz“ und des „Respekts“ und um sicherzustellen, dass verschiedene Gruppen nicht „beleidigt“ werden, eingeschränkt. „Gleichberechtigung“ bedeutet nun auch etwas anderes, nämlich nicht länger das Recht, kultureller, ethnischer oder religiöser Unterschiede ungeachtet gleich behandelt zu werden, sondern das Recht, aufgrund dieser Unterschiede anders behandelt zu werden. Das ist ein verhängnisvoller Wandel. Es ist an der Zeit, dass wir diese neuen reaktionären Auffassungen von Pluralismus und Gleichberechtigung herausfordern.