01.01.2009

Steckt Afrika in einer „malthusianischen Falle“?

Analyse von Daniel Ben-Ami

Der sinkende Lebensstandard in Afrika sei eine zwingende Folge seines Bevölkerungswachstums, argumentiert der Ökonom Gregory Clark. Damit unterschlägt er, dass Unterentwicklung ein durch Menschen verursachtes Problem ist. Die Misere in Afrika hat keine „natürlichen“ Ursachen; sie ist sozialen Lösungen zugänglich.

Obwohl es sich beim Buch A Farewell to Alms um eine ernst zu nehmende Arbeit auf dem Gebiet der Wirtschaftsgeschichte handelt, bezieht es sich in einer Art und Weise auf heutige Entwicklungen der Weltwirtschaft, die kritikwürdig ist. Die zentrale Aussage des Buches ist schnell erzählt: Der Autor Gregory Clark, Wirtschaftsprofessor an der University of California, führt aus, dass die Menschheit bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einer, wie er es nennt, „malthusianischen Falle“ gesteckt habe. Als dann in Großbritannien die industrielle Revolution einsetzte, habe dies große Teile der Weltwirtschaft verändert. Dies habe aber zu einer „großen Divergenz“ im Verhältnis von reichen zu armen Ländern geführt. Vorher seien die wohlhabenderen Länder vier Mal so reich gewesen wie die „zurückgebliebenen“ – danach fünfzig Mal.

Das Verdienst des Buches liegt darin, dass es die grundlegenden Unterschiede unserer heutigen Gesellschaften zur vorindustriellen Epoche herausarbeitet. So war das, was man heute als eine Tugend betrachtet, damals, unter anderen ökonomischen Vorzeichen, eine unverzeihliche Sünde. Hygiene etwa genoss in jener Zeit keine Wertschätzung; Gewalt und Kindstötungen waren in dieser Ära erwünscht. Denn in einer stagnierenden Wirtschaft bedeutete das Wachstum der Bevölkerung zwangsläufig mehr Armut. Wie konnte sich Großbritannien diesen Gesetzmäßigkeiten schließlich entziehen? Clark führt die Existenz von Eigentumsrechten als eine der Bedingungen an, unter denen sich die industrielle Revolution entfalten konnte. Hinzu kommt: Die Reichen im vorindustriellen Großbritannien waren überaus fruchtbar und die Überlebensrate ihrer Kinder verhältnismäßig hoch. Da jedoch damals, gemäß der malthusianischen Logik, nur eine begrenzte Zahl von Menschen reich werden konnte, erlitten die Kinder aus den oberen Ständen einen sozialen Abstieg. Als Folge entwickelten sich in der Gesellschaft die Werte einer arbeitsamen Mittelschicht; die Fähigkeiten des Rechnens, Lesens und Schreibens genossen immer mehr Achtung, was den Nährboden für die industrielle Revolution schuf.

An diesem Punkt könnten wir in eine ausführlichere Debatte über die wahren Ursachen der industriellen Revolution einsteigen. Doch möchte ich lieber auf den Umstand eingehen, dass Clark sich von problematischen Gesichtspunkten treiben lässt, die viel mit unserer heutigen Zeit zu tun haben. Zur Erörterung der Gegenwart zieht Clark sein malthusianisches Modell auf eine Weise heran, die ich für nicht gerechtfertigt halte. Am Anfang des Buches schreibt er: „Obwohl sich das Buch auf Wirtschaftsgeschichte konzentriert, hat es ebenfalls Bedeutung für die heutige Wirtschaftspolitik. Der vorliegende Text zeigt im Einzelnen, wie heutige Ökonomen samt ihrer Institutionen, der Weltbank oder des Internationalen Währungsfonds, eine falsche Vorstellung über vorindustrielle Gesellschaften sowie die Ursachen modernen Wirtschaftswachstums haben. Diese Fantasien liegen heutigen Politiken zur Behebung der Wirtschaftsschwäche armer Länder zugrunde; sie kommen vom Washingtoner Konsens.“ 1 Tatsächlich wenden weder Weltbank noch IWF Zeit dafür auf, Gesellschaften von vor 1800 zu studieren. Ihre Rolle besteht darin, die gegenwärtige Weltwirtschaft zu stabilisieren. Clark greift Akademiker wie Robert W. Fogel und Douglass C. North an, da sie die Bedeutung des freien Marktes, des Privateigentums oder der niedrigen Besteuerung für die wirtschaftliche Entwicklung betonen. Dies ist insofern problematisch, als dass das Verhältnis zwischen gegenwärtiger Politik und ökonomischer Historie nicht annähernd so eng ist, wie Clark meint. Aus der Vergangenheit lassen sich Rückschlüsse darauf, wie man Entwicklungshilfe heutzutage organisieren sollte, nicht ableiten. Im Verlauf des Buches wird klar, dass Clark annimmt, heutige verarmte Länder ähnelten denen der vorindustriellen Ära. An anderer Stelle äußert er sich hierzu noch eindeutiger:

„Weite Teile Afrikas sind immer noch in ihrer malthusianischen Vergangenheit gefangen. Der materielle Konsum ist sogar unter die Werte der vorindustriellen Zeit gefallen, gerade weil Afrika an den Errungenschaften der Medizin und Hygiene beteiligt worden ist. Einer Reihe von Ländern, etwa Malawi oder Tansania, würde es besser gehen, stünden sie in keinerlei Kontakt mit der industrialisierten Welt und setzten stattdessen ihren vorindustriellen Lebensstil fort ... Moderne Medizin, Flugzeuge, Benzin, Computer – der ganze technische Überfluss der letzten 200 Jahre – haben zu dem niedrigsten Lebensstandard geführt, den es jemals gab. Moderne Medizin hat das Existenzminimum weit unter die Steinzeit gedrückt.“ 2 Nach Ansicht von Clark sind Malawi und Tansania also noch heute in der Logik einer den Gesetzmäßigkeiten von Malthus unterliegenden Gesellschaft verhaftet. Ihre Ökonomien stagnieren, deshalb senken alle Maßnahmen, die zur Erhöhung der Bevölkerungszahl beitragen, wie etwa die Einführung moderner medizinischer Behandlungsmethoden, den Lebensstandard. Es gibt mehr Menschen, die um einen stabilen Lebensstandard konkurrieren. Um diese These zu belegen, zeigt Clark auf, dass Nahrungsmittel wie Mehl, Kartoffeln oder Rindfleisch heute in Malawi weniger verfügbar sind als in England zu Beginn des 19. Jahrhunderts. 3

Die Zahlen, die Clark anführt, mögen korrekt sein. Und doch besteht zwischen vorindustriellen Gesellschaften und armen Staaten der Gegenwart ein entscheidender Unterschied, den Clark unterschlägt: Heute ermöglichen ein bereits existierender Weltmarkt und der technische Fortschritt es den Entwicklungsländern, ihren Lebensstandard immens zu steigern. Die heutige Armut hat gänzlich andere Ursachen als jene in den Jahrhunderten zuvor. Da gibt es zum einen die Ungleichheit, die im gegenwärtigen Marktsystem tief eingebettet zu sein scheint. Obwohl der Markt auf vielen Gebieten zu einem hohen Wirtschaftswachstum beigetragen hat, so hat er sich auch als krisenanfällig erwiesen. Hinzu kommt, dass sich unser Horizont in Bezug auf die Frage, was Entwicklung ist und was wir leisten können, dramatisch verengt hat. Die Idee, wonach Gesellschaften von Industrialisierung und Verstädterung profitieren, ist außer Mode gekommen. Die heutige Orthodoxie in Entwicklungsfragen will bestenfalls einen höchst bescheidenen Rückgang der Armut bewirken. Die Ursachen der heutigen Armut liegen zum Teil darin begründet, dass wir aufgehört haben, überhaupt an die Möglichkeit von Entwicklung zu glauben.  Zum anderen haben die Verwerfungen des Marktsystems ihren Anteil an der Misere. Der Rückblick auf vorindustrielle Gesellschaften trägt zur Klärung unserer heutigen Missstände jedenfalls wenig bei. 4