22.06.2026

Plastik, Plastik, überall

Von Thilo Spahl

Titelbild

Foto: Hans via Pixabay / CC0

Die Menge an Kunststoff in der Umwelt wächst beständig. Ob das für unsere Gesundheit ein Problem ist, darf nach wie vor bezweifelt werden.

Forscher des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung und der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg widmen sich dem Thema Mikroplastik. Unter anderem haben sie herausgefunden, dass Menschen in einer Stadt wie Leipzig ungefähr 2,1 Mikrogramm Plastik pro Tag über die Luft einatmen. In ihrer Arbeit geht es eigentlich nur um die Messung; sie haben Analysemethoden entwickelt, um synthetische Polymere in Aerosolproben nachzuweisen und zu quantifizieren. In der Publikation dazu wird aber auch auf die potenziellen Gesundheitsgefahren verwiesen. Zu diesen gelangen die Autoren, indem sie die von ihnen gemessenen Konzentrationen von Mikroplastik in ein mathematisches Modell zur Risikobewertung von Feinstaub aus der Umwelt-Epidemiologie übertragen.

In der Pressemitteilung hat es das ganz nach oben geschafft. Gleich im ersten Absatz erfahren wir, dass sich durch den Reifenabrieb „das Sterberisiko durch Herzkreislauferkrankungen um 9 Prozent und durch Lungenkrebs um 13 Prozent erhöht“. Vergessen hat man am Ende des Satzes leider das Wort „könnte“. In der Studie selbst sieht die Sache schon anders aus. Hier wird eingeräumt, dass man kein gesichertes Wissen dazu hat: „Obwohl sie in der Umwelt immer häufiger vorkommen, sind die potenziellen Gesundheitsrisiken durch inhalierbare MNPs noch immer unzureichend erforscht“ (MNP steht für Mikro- und Nanoplastik). Die verwendeten Modelle beziehen sich nur allgemein auf Feinstaub und nicht speziell auf MNP, die berechneten Wirkungen sind hypothetisch, ein Kausalzusammenhang ist nicht belegt.

Die Messungen haben also ergeben, dass Menschen, die an einer großen Straße in Leipzig wohnen, 0,7 Milligramm Plastik-Feinstaub pro Jahr einatmen. Sie kommen damit im ganzen Leben gerade einmal auf die Größenordnung von einem Zwanzigstel eines Gramms – wenn sie denn ihr ganzes Leben täglich vier Stunden an dieser Straße verbrächten. Wie gefährlich das ist, oder ob es überhaupt mit einem Gesundheitsrisiko verbunden ist, ist unklar. Die Autoren berichten von Modellrechnungen, die ein „potenziell erhöhtes Mortalitätsrisiko von 5-9 Prozent“ bei Herz-Lungen-Erkrankungen und 8-13 Prozent für Lungenkrebs ergeben. Potenziell, also vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Was tun?

Muss man also etwas unternehmen? Lohnt es sich, etwas zu unternehmen? „Die Bekämpfung der Luftverschmutzung durch Plastikfeinstaub ist wichtig für die Verringerung der Exposition der Menschen (UN-Ziel SDG 3 für nachhaltige Entwicklung: Gesundheit und Wohlergehen), die Integration des Luftqualitätsmanagements in die Stadtplanung (UN-SDG 11: Nachhaltige Städte und Gemeinden) und die Auswirkungen auf die Atmosphäre (UN-SDG 13: Klimaschutz)“, heißt es in der Pressemitteilung. „SDG“ ist die Abkürzung für „sustainable development goal“, also Nachhaltigkeitsziele. Davon gibt es eine ganze Menge. Und alles, was die Autoren sagen, ist, dass sie drei Ziele gefunden haben, wozu eine Verringerung der Konzentration von Plastikfeinstaub in der Luft thematisch einigermaßen passen würde. Die Behauptung, es sei „wichtig“, ist dabei völlig aus der Luft gegriffen. Ist es das wirklich? Und wenn ja, wie wichtig – im Vergleich zu 10.000 anderen Sachen, die man für „Gesundheit und Wohlergehen“ oder für „Nachhaltige Städte und Gemeinden“ oder für den „Klimaschutz“ tun könnte?

„Ich wünsche mir generell, dass auch für die Forschungsförderung bestimmte Grenzwerte auf Basis einer soliden Relevanzermittlung erlassen werden, um Mittelbewilligungen zu steuern."

Wenn man etwas tun wollte, was könnte das dann sein? „Das (sic) der überwiegende Anteil an Mikroplastik aus Reifenabrieb besteht, zeigt, dass hier Handlungsbedarf herrscht und sich das Feinstaubproblem nicht allein durch den Umstieg auf Elektromobilität lösen lässt. Zum Schutz der Gesundheit wäre es wichtig, auch den Reifenabrieb bei der Regulierung der Luftqualität zu berücksichtigen und Grenzwerte für Mikroplastik in der Luft zu erlassen“, fordert Prof. Hartmut Herrmann vom TROPOS, der die Studie geleitet hat. Das ist natürlich schade, dass Elektroautos nicht helfen. (Man vergisst zu erwähnen, dass Elektroautos das Problem vergrößern, da sie aufgrund des höheren Gewichts mehr Reifenabrieb verursachen als vergleichbare Verbrenner.) Man soll also Grenzwerte erlassen. Und was bringt das?

Am Ende der Pressemitteilung erfahren wir, was das eigentliche Interesse der Forscher ist: „Weitere Langzeitstudien sind erforderlich, um die Giftigkeit einzelner Plastikarten zu bestätigen, sichere Grenzwerte festzulegen und Regulierungsstandards zu entwickeln. Bis dahin unterstreichen die Ergebnisse aus Leipzig, wie wichtig es ist, Mikro- und Nanoplastikpartikel in der Luft als neue Schadstoffe zu überwachen und die Methoden zur Bewertung von Gesundheitsrisiken weiter zu verfeinern.“ Mit anderen Worten: Es geht ihnen nicht in erster Linie um Gesundheitsschutz oder irgendwelche Nachhaltigkeitsziele. Man will vielmehr klarstellen, wie bedeutsam die Forschung ist, wie wichtig es ist, die Sache weiter zu untersuchen, und dass man dafür weiter Geld bekommt. Und hierfür ist es das probate Mittel zum Zweck, auf die große Bedeutung der Forschung zur Abwehr von Gefahren für Leib und Leben zu verweisen.

Dass ich auf dieses bei Wissenschaftlern omnipräsente Interesse hinweise, heißt nicht, dass ich weitere Forschung für unnötig hielte. Ich halte die Begründung allerdings für ziemlich dünn und wünsche mir generell, dass auch für die Forschungsförderung bestimmte Grenzwerte auf Basis einer soliden Relevanzermittlung erlassen werden, um Mittelbewilligungen zu steuern. Das Wedeln mit irgendwelchen SDGs sollte dabei ohne Bedeutung sein.

Ungeliebtes Plastik

Es gibt unendlich viele Dinge, die die Wissenschaft untersuchen kann. Warum erfreut sich gerade das Thema „Mikroplastik“ so großer Beliebtheit? Schon allein im Vergleich zu dem ganzen anderen Feinstaub? Wo es doch gerade einmal vier Prozent des Feinstaubs ausmacht. Es liegt wohl daran, dass Plastik Plastik ist. Und bevor das Mikroplastik kam, und später das Nanoplastik, hatten wir schon das Makroplastik, aka Plastikmüll, der bekanntlich die Meere verseucht und bisweilen Tiere verenden lässt – wenn auch nicht die Walkuh namens Timmy. Und schon 1978 hatten wir eine „Jute-statt- Plastik“-Bewegung, die sich seither gut gehalten und vor allem in der EU viele Anhänger hat, weshalb mittlerweile u.a. Plastikwattestäbchen, Einwegbesteck, Einwegteller, Trinkhalme, Rührstäbchen und auch Luftballonstäbe verboten sind.

In unsere Lungen und unserem Magen landen sehr viel unterschiedliche kleine Partikel (Fein- und Feinststaub). Manche stammen aus Abrieb von Reifen, Schuhsohlen, Bremsbelägen, Beschichtungen, andere aus Verbrennungsprozessen, etwa die (drastisch reduzierten) Dieselabgase oder aus den (sich wachsender Beliebtheit erfreuenden) Kaminöfen und Pelletheizungen, wieder andere aus natürlichen Quellen, etwa Pollen oder Meersalz in der Luft oder einfach Staub, bisweilen sogar aus der Sahara. Am besten vertraut sind wir mit den Gefahren von Pollen. Rund 12 Millionen Menschen in Deutschland sind von Gesundheitsbeeinträchtigungen durch Pollen betroffen.

„Jeder durchschnittliche Medienkonsument weiß, dass Mikroplastik sich wohl nicht in der Umwelt, dafür aber umso mehr in Film und Fernsehen, Radio und Zeitung großer Beliebtheit erfreut."

Jeder durchschnittliche Medienkonsument weiß, dass Mikroplastik sich wohl nicht in der Umwelt, dafür aber umso mehr in Film und Fernsehen, Radio und Zeitung großer Beliebtheit erfreut. In unzähligen Beiträgen werden unzählige Fundorte thematisiert – von der Arktis bis zur Plazenta, von der Wüste bis jenseits der Blut-Hirn-Schranke, von der Muttermilch bis zum Weizenbier.

Oder vielleicht auch nicht? Viele Studien, die über das Vorkommen von Mikroplastik im gesamten menschlichen Körper berichten, wurden jüngst in Frage gestellt. „Die Studie über Mikroplastik im Gehirn ist ein Witz“, sagte beispielsweise Dr. Dušan Materić vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig in Bezug auf eine vielbeachtete Arbeit, die auch von den Leipziger Forschern zitiert wird. „Es ist bekannt, dass Fett bei der Untersuchung auf Polyethylen zu falsch-positiven Ergebnissen führt. Das Gehirn besteht zu [etwa] 60 % aus Fett.“ Materić und seine Kollegen vermuteten, dass die zunehmende Fettleibigkeit eine alternative Erklärung für den in der Studie beschriebenen Trend sein könnte.

Die besagte Hirnstudie ist nur eine von vielen, die in Frage gestellt wurden. Auch an dem Nachweis von Mikro- und Nanoplastik in der Halsschlagader oder in den Hoden wird Kritik geäußert. Michael Richardson, Zoologe an der Universität Leiden, benennt das grundsätzliche Problem: „Die Kontamination stellt eine große Herausforderung dar. Kunststofffasern und -fragmente sind überall zu finden: in der Laborluft, in Operationssälen, auf Kleidung und an Geräten. Besonders problematisch ist, dass sich Kunststoffpartikel wahrscheinlich in Einweg-Laborartikeln wie Spritzen, Pipetten und Zentrifugenröhrchen befinden – also genau in den Geräten, die zur Aufbereitung der Gewebeproben verwendet werden.“

Es ist also gar nicht so klar, ob das Zeug nun überall in unserem Körper ist, oder es nur so aussieht, als sei es zu finden. Und selbst wenn die kleinen Partikel in verschiedene Gewebe gelangen könnten und zweifelsfrei detektiert würden, dann bliebe noch immer die wichtigere Frage: Ist es schlecht für uns? Ein Nachweis der Anwesenheit ist nicht gleichbedeutend mit einem Nachweis der Schädlichkeit. Auch Modellrechnungen, die Prozentzahlen zum erhöhten Krebsrisiko ausspucken, sind kein Nachweis.

Gefahr aus dem Wäschetrockner?

Insofern haben die Forscher natürlich recht: Wir brauchen mehr Forschung. Aber nicht irgendwelche Forschung, die wieder und wieder hypothetische Gefahren diskutiert, sondern solche, die wirklich herausfindet, welche Art von Feinstaub in welchen Konzentrationen welche konkreten Gesundheitsrisiken birgt.

Solange man solche Fragen nicht gut beantworten kann, pflegen wir im Grunde einen Aktivismus, der durch Beliebigkeit gekennzeichnet ist. Wie achte ich auf meine Gesundheit? Lieber Grenzwerte für Reifenabrieb festlegen, oder auf Kleider aus Kunstfasern verzichten, insbesondere Fleece-Pullover, die sehr hohe Mengen an Kunststofffasern abgeben? Lieber sein Trinkwasser filtern oder auf Plastikflaschen verzichten? Lieber Tempolimit oder zuhause ab und zu lüften?

„Wir sollten uns nicht zu viele Gedanken machen, solange Vorhandensein und Relevanz möglicher Risiken nicht verlässlich belegt sind."

Die Forscher haben ihre Luftproben an einer Ausfallstraße im Stadtgebiet von Leipzig gesammelt. Da ist es wenig verwunderlich, dass beim gefundenen Plastik der Großteil Reifenabrieb war. Aber wie lange halten sich Menschen an solche Ausfallstraßen auf? Wahrscheinlich seltener als zuhause in einem Innenraum mit Fleece-Pullover und womöglich Kuscheldecke im Winter. Kleidung gibt beim Waschen 10 mg bis >1000 mg Mikrofasern pro kg Textil ab. Das ist 15- bis 15.000-mal so viel, wie ein Mensch an der untersuchten Leipziger Ausfallstraße pro Jahr einatmen würde. Eine aktuelle Studie hat in einer Krankenhauswäscherei 43.575 bis 66.975 Mikroplastikpartikel pro Kubikmeter Luft festgestellt; in Wohnräumen sind es natürlich weniger. Außer man benutzt einen Wäschetrockner. Eine Studie aus Kanada hat ~433.000–562.000 Mikrofasern aus der Abluft in nur 15 Minuten Betrieb festgestellt. Eine andere Studie hat 35–70 mg Fasern pro 3 Trockenvorgänge gemessen. Auch im Vergleich dazu kann man die Partikel in der Luft an der Leipziger Ausfallstraße schon fast als vernachlässigbar einstufen.

Letztlich ist es wahrscheinlich am gesündesten, aus der Tatsache, dass all die Forschung bisher keine Belege für nennenswerte Risiken gefunden hat, bis auf weiteres für das eigene Leben davon auszugehen, dass es keine gibt. Mikro- und Nanoplastik sind zum normalen Bestandteil unserer Umwelt geworden. Wir sollten uns nicht zu viele Gedanken machen, solange Vorhandensein und Relevanz möglicher Risiken nicht verlässlich belegt sind.

Halten wir uns einfach an die Beurteilung des Bundesinstituts für Risikobewertung: „Derzeit liegen noch keine gesicherten Erkenntnisse zur Wirkung von Mikroplastik auf den Menschen vor. Plastikpartikel gelten jedoch als sehr unreaktiv, weshalb akute toxikologische Effekte sehr unwahrscheinlich sind. Über Langzeiteffekte bei chronischer Aufnahme gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse.“

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