01.11.2013

Wenn Pflanzenschutzmittel nicht krank machen

Analyse von Thilo Spahl

Der Kampf gegen das verbreitete Pflanzenschutzmittel Glyphosat setzt auf Desinformation und ist letztlich nur Ausdruck einer tiefen Skepsis gegenüber der modernen Landwirtschaft, die sich der Herausforderung stellt, 7 Milliarden Menschen gut zu ernähren, meint Thilo Spahl

Der grüne Abgeordnete Harald Ebner schafft es, sein politisches Selbstverständnis in einem Satz zusammenzufassen: „Im Bundestag für Schwäbisch Hall / Hohenlohe ... und gegen Agro-Gentechnik“. [1] Folgerichtig hat ihn die Fraktion zum „Sprecher für [sic] Agro-Gentechnik“ ernannt. In dieser Funktion widmet er sich auch dem Kampf gegen das weltweit meistgenutzte Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat. An Mitstreitern mangelt es nicht. Der Wirkstoff steht pars pro toto für die moderne Landwirtschaft und ist somit allen Verfechtern eines alternativen Ackerbaus ein Dorn im Auge. Hintergrund für die aktuelle Diskussion ist die anstehende Neubewertung zur Verlängerung der europäischen Zulassung, die routinemäßig alle zehn Jahre erfolgt. Ebner bringt das Mittel in Zusammenhang mit einer „extremen Zunahme an Missbildungen bei Neugeborenen, Fehlgeburten, Nierenschäden oder auch verschiedenen Krebsarten“ [2] und einem „weltweiten Amphibiensterben“ [3]. In ein ähnliches Horn bläst der BUND mit einem geschmacklosen Internetpropagandavideo zur Thematik. [4] Da erscheint es nur folgerichtig, die Glyphosat-Zulassung zumindest auszusetzen.

„Wenn wir Glyphosat vorsorglich verbieten wollen, weil wir angeblich nicht genug über seine Gefährlichkeit wissen, dann kann daraus nur folgen, dass wir auch alle anderen Stoffe verbieten müssten, über die wir noch weniger wissen.“

Die Frage ist, woher die Behauptungen stammen, die das seit über 30 Jahren eingesetzte Mittel so gefährlich erscheinen lassen. Die ZDF Sendung „Das stille Gift. Wenn Pestizide krank machen“, die am 8. Mai 2013 erstmals gesendet wurde, hat offenbar den Anspruch, uns über die Gefahren aufzuklären. [5] Wir begegnen der behinderten Tochter eines armen argentinischen Tabakbauers. Wir erfahren, dass der Bauer Glyphosat genutzt hat. Ein weiterer Bauer hat einen behinderten Sohn. „Die genaue Zahl der Betroffenen kennt niemand“, heißt es viel- und doch nichtssagend. Wäre es da nicht Aufgabe der Journalisten, herauszufinden, wie sich die Zahl der Behinderungen im Vergleich zu anderen Regionen der Welt verhält. Müsste man nicht auch versuchen, eine Antwort auf die Frage zu finden, warum ein Stoff, der weltweit massiv eingesetzt wird, ausgerechnet in einer kleinen Region Argentiniens bei Kindern armer Tabakbauern zu Geburtsfehlern führt? Was sagt die Wissenschaft? Befragt wird im Film Prof. Andrés Carrasco in Buenos Aires. Er antwortet: „Wenn man nach einem Zusammenhang fragt zwischen Krankheit und Pestiziden, würde ich antworten: Ich brauche keine Gewissheit. Es geht nicht um wissenschaftliche Gewissheiten. […] Wenn wir den Verdacht haben, dass eine Ursache negative Folgen hervorruft, dann muss man diese Ursache erst einmal beseitigen.“ Mit anderen Worten: Wenn einem irgendetwas nicht gefällt, dann muss man nur irgendwo auf der Welt einen Wissenschaftler finden, der sagt, dass es nicht um wissenschaftliche Überprüfung gehe, sondern ein Verdacht genügt. Solchermaßen bekräftigt, wird das Unwissen der Reporter in suggestiven Formulierungen wie der folgenden zum Beweis der Schädlichkeit: „Glyphosat im Boden, Glyphosat im Grundwasser. Niemand weiß, was das für Folgen haben wird.“ Weiß es wirklich niemand? Was ist mit den 1636 Studien, die in der Wissenschaftsdatenbank PubMed zum Stichwort „Glyphosat“ zu finden sind? Enthalten Sie keine Erkenntnisse zur Wirkung der Substanz auf Mensch und Umwelt? Glyphosat ist einer der am besten untersuchten Stoffe der Welt. Wenn wir das Herbizid vorsorglich verbieten wollen, weil wir angeblich nicht genug über seine Gefährlichkeit wissen, dann kann daraus nur folgen, dass wir auch alle anderen Stoffe verbieten müssten, über die wir noch weniger wissen. Eine solche Auslegung des Vorsorgeprinzips ist völlig absurd.

Wenn es um die Alarmierung der Bevölkerung geht, darf neben der Einzelfallbetrachtung (Seht: ein behindertes Kind in einem Tabakanbaugebiet) und dem vermeintlichen Nichtwissen (Seht: ein Professor kann ein Risiko nicht ausschließen) auch die Entdeckung nicht fehlen (Seht: wir haben etwas gefunden). Diese lieferte im Juni der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Form einer Untersuchung, wonach 7 von 10 Deutschen Glyphosat im Urin haben. Getestet hatte die Organisation zwar auch nur 10 Personen, es ist aber durchaus plausibel, dass sich bei vielen von uns die Substanz im Urin findet. Was grundsätzlich ein gutes Zeichen ist. Denn es zeigt, dass die Spuren von Glyphosat, die wir mit der Nahrung aufnehmen, den Körper schnell wieder verlassen und nicht angereichert werden. Grundsätzlich sagt der Nachweis einer Substanz im Körper rein gar nichts darüber aus, ob damit irgendeine Gefahr verbunden ist. Wie immer gilt: Die Dosis macht das Gift. Und die Dosis ist extrem gering. Vergleichen wir es zum Beispiel mit der Gefahr von Tomaten: Diese können bis zu 7 mg des Giftes Solanin pro Kilogramm enthalten. Das ist rund 80-mal weniger als die Dosis von 590 mg pro Kilogramm Körpergewicht, die im Tierversuch 50% der Ratten töten würde (LD 50). Deshalb haben wir keine Bedenken beim Verzehr von Tomaten. Für Glyphosat beträgt die LD 50 bei Ratten rund 5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Es ist somit weit weniger giftig als Solanin (und z.B. auch weniger giftig als Kochsalz mit LD 50 von 3g/kg). Die vom BUND gemessene Belastung bewegte sich aber lediglich in der Größenordnung von 0,0000005 g/kg, also rund 10 Millionen Mal niedriger als der LD50-Wert und damit laut Bundesinstitut für Risikobewertung um „mehr als den Faktor 1000 unter gesundheitlich bedenklichen Konzentrationen.“ [6] Eine solche „Belastung“ ist für den Umweltverband dennoch ein Skandal. Was also tun? „Die Menschen sollen im Supermarkt nachfragen, ob der eine Belastung ausschließen kann“, rät allen Ernstes die „Gentechnik-Expertin“ des BUND, Heike Moldauer, in einem Interview unter der Überschrift „Glyphosat im Urin: ‚Verheerend für menschliche Gesundheit‘“ auf der Website von RTL. [7] Um das Ausmaß der Problematik eindringlich zu veranschaulichen, wurde das eingangs erwähnte Animationsvideo produziert, in dem Tausende Babys wie Kohlköpfe auf dem Feld wachsen und dann mit Glyphosat tot gespritzt werden. [8] Botschaft „Pestizide – hergestellt, um zu töten“. Spendenkonto-Nummer 232, „Stichwort: Gegen Gift, Sparkasse KölnBonn, BLZ 370 501 98.“ Auch eine Art, sein Geld zu verdienen.

„Jeder, der sich zurücksehnt in eine Zeit, in der die Hacke den Goldstandard der Unkrautbekämpfung darstellte und die Lebensmittelerzeugung arbeitsintensiv, beschwerlich, ineffizient und teuer war, der muss Glyphosat einfach hassen.“

Die eigentliche Ursache für den Kampf gegen Glyphosat hat mit der vermeintlichen Gefährlichkeit des Herbizids wenig zu tun. Der große und offenbar unwiderstehliche Anreiz, den Stoff zu verteufeln, besteht darin, dass er sozusagen die Quintessenz der modernen Landwirtschaft ist. Er ist zunächst als Herbizid eben „Gift auf dem Acker“ und als Totalherbizid (das alle Pflanzen tötet) sozusagen ein Supergift. Es gilt Umweltaktivisten zudem als ein Steigbügelhalter der Gentechnik, denn viele der heute genutzten gentechnisch veränderten Sorten basieren darauf, dass sie resistent gegen Glyphosat sind, das somit alles tötet, was auf dem Feld wächst, außer eben dem Getreide. Gerade in der emotional geführten Debatte nicht zu vergessen: Es ist ein Produkt des meistgehassten Agrokonzerns der Welt, Monsanto, der es 1974 auf den Markt brachte. Es ist überdies – und das ist wahrscheinlich das Schlimmste – sowohl ökonomisch auch als ökologisch sehr vorteilhaft:  Mit Glyphosat können Landwirte sehr hartnäckige Unkräuter einfach und kosteneffektiv entfernen, die andernfalls Jahre überdauern können und zu massiven Ernteeinbußen führen. Es ersetzt andere, deutlich weniger umweltverträgliche Herbizide. Es ermöglicht eine pfluglose Bodenbearbeitung, was Energie spart und den Boden vor Erosion schützt. Es ist deshalb auch das am häufigsten verwendete Herbizid der Welt. Seit im Jahr 2000 der Patentschutz ausgelaufen ist, produzieren Dutzende von Herstellern Glyphosat und verkaufen es unter vielen Handelsnamen. Kurz: Jeder, der sich zurücksehnt in eine Zeit, in der die Hacke den Goldstandard der Unkrautbekämpfung darstellte und die Lebensmittelerzeugung arbeitsintensiv, beschwerlich, ineffizient und teuer war, der muss Glyphosat einfach hassen. Harald Ebner gefällt sich darin, den Stoff als „Schmiermittel der Billigfleischproduktion“ [9] zu beschimpfen und offenbart damit, dass er es nicht tolerieren will, dass beispielsweise in China, von wo übrigens mehr als die Hälfte des weltweit hergestellten Glyphosats kommt, Hunderte von Millionen von Menschen sich auch Fleisch und andere hochwertige Nahrungsmittel leisten können wollen.