15.06.2016

Orlando und die Krise des Humanismus

Kommentar von Brendan O’Neill

Titelbild

Foto: Melissa Askew (CC0)

Die Reaktionen auf das Massaker in Orlando zeigen, wie sehr sich der Westen von seinen ideellen Grundlagen entfremdet hat. Um die mörderische Intoleranz zu besiegen, brauchen wir eine Renaissance humanistischer Ideale.

Das Massaker in Orlando erinnert uns daran, dass es böse Menschen gibt, die andere Menschen einfach nur darum niedermähen, weil sie das „Verbrechen“ begingen, schwul zu sein. Es bestätigt sich, welch großes Problem die durch tiefe Intoleranz gegenüber freien oder areligiösen Lebensweisen motivierte islamistische Gewalt für den Westen zu Beginn des 21. Jahrhunderts darstellt. Am tragischsten ist jedoch die tiefe Krise des Humanismus, die sich in westlichen Gesellschaften offenbart. Die Reaktion auf diesen Akt der Barbarei ist durch das Zerbrechen menschlicher Ideale gekennzeichnet, sei es die Idee, dass wir eine Menschheitsfamilie sind, sei es der westliche Grundwert, jedem Einzelnen zuzutrauen, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu leben und über sich selbst zu bestimmen, egal, ob sich andere daran stören könnten. Das Verbrechen in Orlando hat eine schreckliche Wahrheit enthüllt: Wir im Westen verfügen nicht über das moralische Arsenal und den Gemeinschaftsgeist, um der islamistischen Intoleranz standzuhalten.

Es war sehr auffällig, wie schnell sich die Beobachter die Ereignisse in Orlando zu Eigen machten und für ihre jeweilige Agenda instrumentalisierten: entweder auf die traditionelle Art, um rechte oder linke Politikziele zu propagieren oder zum Zweck der neuen Identitätspolitik mit ihrer Obsession für Opfererzählungen. Die Leichname waren noch warm, als die linken Leichenfledderer behaupteten, das Massaker beweise die Dringlichkeit für schärfere Waffenregulierung und Maßnahmen gegen Homophobie. Die rechten Leichenfledderer hingegen instrumentalisierten es für ihre Forderung nach verstärkten Grenzkontrollen und die Einschränkung der Redefreiheit von Islamisten. Quer durch das politische Spektrum nutzen Menschen die blutüberströmten Trümmer des Schwulenclubs als Material für die Konstruktion ihrer politischen Forderungen – ein zutiefst hässliches Spektakel.

„Wir verfügen nicht über das moralische Waffenarsenal und den Gemeinschaftsgeist, um der islamistischen Intoleranz standzuhalten.“

Schlimmer und noch aufschlussreicher war die Reaktion von den Lobbyisten der Identitätspolitik. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit und nicht wenig Narzissmus nutzen schwule Aktivisten und Kommentatoren das Massaker, um ihren wertvollen Opferstatus im Reich der Identitätspolitik zu stützen. Darum wurde die Diskussion im Anschluss an das Massaker schnell zu einem Streit über Begrifflichkeiten. War es ein Hassverbrechen, das im allgemeinen Klima der Homophobie nicht verwundert, oder ein terroristischer Akt gegen Schwule, aber motiviert durch eine fremdländische islamistische Ideologie? Zahlreiche schwule Meinungsführer kämpfen hart für die erste Interpretation, also für das Narrativ des Hassverbrechens aus Homophobie. Manche sprachen so über das Massaker, wie sie auch über die christliche Opposition gegen die Schwulenehe reden. So, als ob der Glaube, nur Mann und Frau könnten einander heiraten, mit einem Massaker an schwulen Partygängern vergleichbar wäre oder er zumindest dazu beitragen könne. Der bei solchen moralischen Analogien mitschwingende Geist der Missbilligung und moralischen Erpressung ist alarmierend.

Es ist ziemlich klar, warum schwule Meinungsführer die Hassverbrechens-Interpretation dem Thema Islamismus vorziehen. Erstens, weil es ihnen erlaubt, die schwierigen politischen Fragen über ISIS und die ideologischen Motive des Attentäters zu vermeiden. Denn diese sind ein moralische Universum weit von den Ansichten eines Bäckers entfernt, der sich weigert, eine Hochzeitstorte für ein schwules Paar zu backen. Zweitens, weil diese Interpretation, ja Ausnutzung des Massakers den schwulen Aktivisten erlaubt, ihren Opferstatus zu festigen. In der Welt der Identitätspolitik ist der Opferstatus das anerkannte Zahlungsmittel. Durch die Demonstration der eigenen Fragilität gewinnt man Anerkennung und moralische Ressourcen. So führt die Identitätspolitik zur Spaltung in Gruppen und verhindert echte zwischenmenschliche Solidarität. Gleichzeitig führt sie auch zu einem Konkurrenzkampf der Opfergruppen untereinander. Schwarze, muslimische, transgender, schwule und andere Gruppierungen werten Statistiken aus oder nutzen relativ seltene Vorkommnisse, um ihren Anspruch auf existenzielle Zerbrechlichkeit zu sichern. Die Instrumentalisierung des Orlando-Massakers für die Opferpolitik der Schwulenbewegung ist nicht weniger zynisch als dessen Missbrauch für eine Anti-Einwanderungspolitik.

„Die Instrumentalisierung des Orlando-Massakers für die Opferpolitik der Schwulenbewegung ist nicht weniger zynisch als dessen Missbrauch für eine Anti-Einwanderungspolitik.“

Dieser politisch korrekte Sektionalismus bringt die Krise des Humanismus auf den Punkt. Man beachte nur, wie von manchen versucht wird, die Medienberichterstattung in eine bestimmte Richtung lenken: Jeder soll sagen, dass ein Schwulenclub angegriffen wurde und nun mehr Stimmen aus der LGBT-Gemeinschaft die Möglichkeit gegeben werden sollte, über das Massaker zu sprechen. Dahinter steckt die Idee, Homosexuelle würden den Anschlag irgendwie stärker fühlen und besser verstehen als Heterosexuelle. So drückte es ein wütender britischer Zeitungskolumnist gegenüber einem Nachrichtensprecher aus, der andeutete, dieses Massaker sei sowohl ein Angriff auf die Schwulen als auch auf den Westen gewesen: „Sie verstehen das nicht, weil Sie nicht schwul sind“.

Hier zeigt sich ein neuer Kommunalismus, der eine klare Trennung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen vorsieht. Nur Schwarze empfinden Empathie für schwarzes Leid, nur Frauen können Frauenverachtung in Frage stellen, nur Schwule können wirklich den Schrecken Orlandos fühlen. Man muss etwas erfahren haben, um es zu kennen: eine besorgniserregende Verneinung des Ideals menschlicher Empathie. Es ist eine explizite Absage an den Universalismus und an die menschliche Solidarität. Wir leben alle nur in unseren ethnisch oder geschlechtlich definierten Blöcken und konkurrieren mit anderen um offizielles Mitleid und bestehen darauf, dass diese anderen unmöglich nachempfinden können, wie wir uns fühlen: die tragische Zerfaserung des Humanismus.

Denken sie einmal darüber nach, wie außergewöhnlich das ist: in weniger als 48 Stunden wurde die westliche Reaktion auf ein schreckliches Massaker an unseren Mitmenschen und demokratischen Mitbürgern mit spalterischen Diskussionen über Begrifflichkeiten und eifersüchtigen Debatten darüber, wem das Massaker gehört, verknüpft. Früher hätten wir auf einen solchen Akt mit menschlicher Empathie reagiert und wir hätten darauf bestanden, dass wir zusammenhalten müssen, um das Recht aller, zu leben wie sie wollen, zu verteidigen. Jetzt kämpfen wir darum, wer das Massaker moralisch für sich reklamieren kann; wir regulieren emotionale Reaktionen.

Auf tragische Weise triumphiert in unserer Ära der Identitätspolitik der Sektionalismus über die Solidarität. Insofern zeigt das Massaker von Orlando nicht nur, wie entschlossen Menschen sind, die ISIS die Treue geschworen haben, unschuldige und freie Bürger des Westens anzugreifen. Es zeigt auch, wie sehr es uns im Westen an moralischen Werten und Menschlichkeit mangelt, die wir brauchen, um uns gegen ISIS zu wehren und seine furchtbare Ideologie zu besiegen. Eine in voneinander separierte Grüppchen aufgespaltene Öffentlichkeit, die die Suche nach gemeinsamen Werte für eine engstirnige Politik persönlicher Erfahrungswelten aufgegeben hat, kann sich nicht wirklich gegen die Bedrohung durch die Intoleranz stellen. Unsere ausgefranste Menschlichkeit ist dieser anti-menschlichen Intoleranz nicht gewachsen. Tatsächlich nährt sie sogar unwissentlich diese Ideologie.

„Jetzt kämpfen wir darum, wer das Massaker moralisch für sich reklamieren kann.“

Auf eine pervers ironische Art und Weise zehren die ISIS-Unterstützer im Westen vom selben Sektionalismus, den wir in Reaktion auf Orlando erlebt haben. Auch sie werden vor allem von einer übersteigerten Wertschätzung ihrer Identität angetrieben: weil sie sich vor allem als Muslime statt als Bürger betrachten und weil sie sich als Opfer sehen, gegen die sich die ganze Welt verschworen hat. Tatsächlich kann Orlando als identitätspolitischer Terrorismus betrachtet werden; eine Reaktion darauf, wie jeder in seine kulturelle, ethnische oder religiöse Schublade gezwängt wird – ein abscheulicher Ausdruck des Grolls, der Abkopplung und des Neids, den ein solcher Prozess unweigerlich hervorruft. Unsere geschwächten Ideale heizen das Verlangen des ISIS an, uns weiter zu schwächen.

Genug. Unsere Antwort auf Orlando sollte eine menschliche sein: eine neue Entschlossenheit zur Verteidigung derjenigen humanistischer Ideale gegen die Mörder und Misanthropen, die sie zerstören wollen. Lasst uns härter als jemals zuvor für den Wert der menschlichen Solidarität kämpfen – und für das größte humanistische Ideal von allen, das am meisten von den Islamisten und den Identitären im Westen des 21. Jahrhunderts bedroht wird: dass Menschen die Freiheit haben sollten, zu denken, zu sagen und zu leben, wie sie wollen, egal, ob sich andere daran stören oder nicht.