02.02.2022

Omikron: Einstieg in die Pandemisierung des Alltags?

Von Matthias Heitmann

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Foto: neelam279 via Pixabay

Wer den Menschen Panik vor einem so ungefährlichen Virus wie Omikron einflößen kann, der wird in Zukunft versuchen, Freiheiten grundsätzlich unter den Vorbehalt der Systemstabilität zu stellen.

Was sind wir, wie lange noch, und wie oft? In einem Moment sind wir gesund, gelten aber im nächsten Moment als krank, wenn wir von Viren als Transportmittel genutzt werden, als ÖVNV sozusagen, als Öffentlicher Viren-Nahverkehr. Ganz gleich ob gesund, geimpft oder entwurmt: Viren unterscheiden nicht nach Genesenenstatus oder Selbstverständnis. Sie kaufen keine Fahrkarte und sie halten sich auch nicht an Fahrpläne oder an Verbotsschilder von Gesundheitspolitikern.

In der Europäischen Union ist man nun also sechs Monate nach der Infektion „geschützt“. In Deutschland, so hat es Corona-King Karl Lauterbach verkündet, gilt man nur noch drei Monate nach der Infektion als „genesen“. Es sei denn, man ist Abgeordneter des Deutschen Bundestages. In diesem elitären Kreise hält der Genesenenstatus weiterhin sechs Monate, wie diese Woche auf Zeit Online zu lesen war. Kein Wunder, dass der Bundestag von Wahl zu Wahl mehr Mitglieder zählt: Macht macht gesund.

Allen Irritationen ob der Länge von Schutzzeiträumen zum Trotz: Welchen konkreten Nutzen soll es bringen, wenn der Bundestag jetzt eine Impfpflicht beschließt? Es ist allgemein bekannt, dass die Impfungen kein Mittel gegen die Verbreitung von Omikron sind. Wir wissen auch, dass die Impfpflicht ohnehin – wenn überhaupt – erst im Sommer kommt. Da ist dann Omikron aber längst vorbei. Gegen was genau sollen wir dann eigentlich im Sommer geimpft werden, und womit?

„Gegen was genau sollen wir dann eigentlich im Sommer geimpft werden, und womit?“

Wir sind erleichtert wegen der leichten Verläufe bei Omikron, und viele sehen dies als Einstieg in den Ausstieg aus der Pandemie. Vorausgesetzt, man ist nicht in Deutschland. Überall sonst atmen die Menschen auf: Israel und Spanien wollen Corona in Zukunft wie eine einfache Grippe behandeln, Dänemark und die Vereinigten Staaten bringen keine neuen Maßnahmen auf den Weg, und das Vereinigte Königreich beendet Maskenpflicht und Quarantänezwang. Auch in Frankreich und in den Niederlanden wird gelockert.

Während die Welt den Öffnungen entgegenfiebert oder sie bereits feiert, bereitet man sich in Deutschland darauf vor, die Impfpflichtdebatte weiterzuführen – und zwar völlig losgelöst von Omikron, denn dieses Virus wird Geschichte sein, wenn die Impfpflicht kommt. Die Debatte wird verlagert – auf pandemische Zeiten jenseits von Corona. Sie wissen, was das bedeutet: Es geht um die Impfpflicht, aber nicht zwingend gegen Corona, sondern gegen alles, was unsere überaus wackeligen Systeme noch alles so ins Wanken bringen könnte – also voraussichtlich als nächstes gegen die Grippe. Dies ist nichts anderes als die Verewigung des Notstands. Schon im November 2020 hatte ich in meinem Podcast „FreiHeitmanns Befreiungsschlag“ eine dahingehende Vermutung geäußert:

„Dass Masken auf Dauer Pflicht werden, daran habe ich keinen Zweifel. Die Steilvorlage hierzu kam direkt aus dem Lager der sogenannten Querdenker und Corona-Leugner. Dort wird ja seit Monaten darauf hingewiesen, dass die eigentliche Gefahr ja gar nicht das Coronavirus ist, sondern die handelsübliche Grippe. In der Grippesaison 2017/2018 sind in Deutschland nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts 25.000 Menschen gestorben.“ („Die Kunst des schlechten Timings“, 19.11.2020)

„Obwohl Omikron schon jetzt kaum mehr gefährlicher ist als eine Grippe, gelingt es der Politik, den Angstlevel hochzuhalten. Der Übergang zur Diskussion über die Grippe ist dann ein leichter.“

Hier zeigt sich, wie naiv und gefährlich die vorschnelle Gleichsetzung von Corona und dem Grippevirus war und ist. Mittlerweile ist die Angstschwelle so niedrig und die Bereitschaft, Beschränkungen hinzunehmen, so groß, dass selbst die erwartbaren Folgen von Grippewellen künftig als Argument genutzt werden können, um die Gesellschaft zumindest partiell lahmzulegen.

Omikron mag der Ausstieg aus der Corona Pandemie sein, ist aber höchstwahrscheinlich auch der Einstieg in die „Pandemisierung des Alltags“. Denn obwohl Omikron schon jetzt kaum mehr gefährlicher ist als eine Grippe, gelingt es der Politik, den Angstlevel hochzuhalten. Der Übergang zur Diskussion über die Grippe ist dann ein leichter. Denn wer will sich schon vorwerfen lassen, deren Opfer unter den Teppich kehren zu wollen? Und wer weiß, wann demnächst wieder Grippeviren Teile der Gesellschaft im Winter flachlegen, wie sie es schon immer taten?

Es ist einfach zu behaupten, die deutsche Politik habe jede Logik verloren. Wahrscheinlich ist aber genau diese Annahme ein Irrtum. Wer den Menschen eine solche Panik vor einem so ungefährlichen Virus wie Omikron einflößen kann, der wird diese Fähigkeit künftig auch anderweitig nutzen und versuchen, Freiheiten grundsätzlich unter den Vorbehalt der Systemstabilität zu stellen.

Es ist schon verrückt: Früher dachte man, Systeme wie das Gesundheitssystem seien dafür da, um Menschen ihr Leben zu ermöglichen. Heute gilt es als selbstverständlich, dass wir unser Leben so zu führen haben, dass die Systeme überleben. So wird aus der menschlichen Gesellschaft ein Ameisenhaufen – wenngleich ein gesunder… Da bin ich doch lieber maßnahmenkritisch, gesundheitsgefährdet und gefährlich frei.