14.11.2021

Auf dem Weg in die präventive Quarantäne

Von Matthias Heitmann

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Foto: neelam279 via Pixabay

Anstelle des Impfstatus das Corona-Testergebnis zu berücksichtigen, ist sinnvoll. Doch anstatt den Kurswechsel kenntlich zu machen und die darin liegenden Chancen aufzuzeigen, setzt die Politik weiter auf Angstmache.

Der amtierende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ließ am Freitag auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit RKI-Chef Dr. Lothar Wieler durchblicken, dass künftig Geimpfte und Genesene möglicherweise zusätzlich einen negativen Corona-Test vorlegen müssten (2G+), um ihre Freiheiten zu behalten. Ob jemand geimpft ist oder nicht, soll also nicht mehr das entscheidende Kriterium dafür sein, ob jemand an Veranstaltungen etc. teilnehmen kann oder nicht. Was vorrangig zählt ist, ob jemand positiv getestet ist oder nicht.

Die Unterscheidung von Geimpften und Genesenen von Ungeimpften dürfte künftig also wohl an Bedeutung verlieren. Denn im Falle eines positiven Tests werden sie ja auch gleichbehandelt. Dies hingegen nach einem negativen Test nicht zu tun, wäre rechtlich und auch medizinisch schwer zu begründen. Dies würde ja auch bedeuten, dass ein negativ getesteter Ungeimpfter für seine Umwelt eine größere Gefahr darstellt als ein negativ getesteter Geimpfter und damit also das Kriterium „negativ“ letztlich keines ist. Anders formuliert: Jens Spahn schösse sich somit kurz vor dem Ende seiner Amtszeit selbst ins Knie.

Genau genommen hat Spahn am Freitag „G“ für irrelevant erklärt – freilich, ohne dies explizit zuzugeben. Es sollte für die Teilnahme am gesellschaftlichen und beruflichen Leben keine Rolle mehr spielen. Geimpfte, Genese und Ungeimpfte sind gleich zu behandeln. Punkt. Nur das macht Sinn: Denn wenn einer die Grippe hat, wird auch nicht danach unterschieden, ob er geimpft war oder nicht. Dass dieser so schädlichen Aufspaltung der Gesellschaft in Geimpfte / Genesene auf der einen (guten) Seite und Ungeimpfte auf der anderen (verantwortungslosen) Seite so langsam der argumentative Boden wegbröselt, ist eine gute Nachricht.

„Wenn einer die Grippe hat, wird auch nicht danach unterschieden, ob er geimpft war oder nicht.“

Jedoch drückt sich die Politik erneut vor einem wichtigen Eingeständnis, das die ganze Debatte in eine neue Richtung lenken könnte: nämlich, dass man mit einer Impfung eben nicht andere Menschen vor einer Infektion schützt, sondern höchstens sich selbst vor einer schweren Erkrankung. Das will man so klar aber nicht formulieren, da somit das bisher geltende soziale Druckargument für das Impfen auf den Müllhaufen wandern würde. Dieses Eingeständnis wäre aber dringend nötig, um die Diskussion zu beruhigen und zu versachlichen.

Doch genau daran scheint die Politik nicht interessiert zu sein. Stattdessen erweckt sie nun also den Eindruck, dass es angebracht sei, einmal mehr die Freiheit aller einzuschränken, da ja alle Menschen potenzielle Virenschleudern seien – egal ob geimpft, genesen oder ungeimpft. Anstatt also eine Lanze für das schnelle, unkomplizierte und kostenfreie Testen zu brechen, das nicht zuletzt auch die Gesellschaft offen und kulturell wie wirtschaftlich am Laufen halten würde, lugt nun bereits der nächste Lockdown für Alle um die Ecke – begründet mit dem scheinheiligen Argument, man müsse ja Geimpfte wie Ungeimpfte beschützen.

Anstatt an den gesunden Egoismus des Einzelnen zu appellieren („Impfen schützt Dich!“) und endlich den sozial-moralischen Druck zu reduzieren, der die Fronten immer weiter verhärtet, suggeriert man nun lieber, dass auch das Impfen keine Basis für die Wiederherstellung der individuellen wie auch gesellschaftlichen Freiheit darstellt. So wird der eigentlich sinnvolle Abschied vom „G“ in eine noch schlimmere Richtung verkehrt: Die Gesellschaft bewegt sich in Richtung einer „präventiven Quarantäne für alle“ zum Schutz vor den Risiken der Freiheit!