04.07.2020

Corona: In der Allgemeinbevölkerung gab es nie eine ernste Lage

Von Thilo Spahl

Der Kampf gegen Covid-19 ist nach wie vor durch die falsche Strategie gekennzeichnet.

Nach einem knappen halben Jahr haben wir einen besseren Überblick, wer unter welchen Umständen an Covid-19 erkrankt und wer daran stirbt. Eine wichtige Erkenntnis war, dass Ausbrüche in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zu einem Großteil der Todesfälle geführt haben. Das war im Grunde schon recht früh zu sehen. Aber wir haben unsere Strategie dennoch nicht konsequent darauf ausgerichtet, diese zu schützen. Das war ein großer Fehler. Ein allgemeiner Lockdown und allgemeines „Social Distancing“ sind ungeeignet, die Menschen in diesen Einrichtungen adäquat zu schützen. Diese Strategie schadet mehr, als sie nutzt.

Infektion von Kranken und Pflegebedürftigen

Pflegeheime waren in den USA „‚Ground Zero" für Covid-19“, sagt Michael L. Barnett von der Harvard Universität, einer der Autoren einer kürzlich veröffentlichten Studie, 45 Prozent aller Sterbefälle in den USA entfielen auf Pflegeheime. Er schreibt: „Wir stellten enorme Spitzen in der Sterblichkeit aus allen Ursachen fest, die mit der Covid-19-Welle in diesen Einrichtungen im März bis Mai 2020 zusammenfielen. In New York City war die Sterblichkeit während der Spitzenwoche fast zehnmal höher als die Sterblichkeit in der entsprechenden Woche des Jahres 2019. In Detroit war die Sterblichkeit in der Spitzenwoche viermal so hoch wie normal.“

Infektionen, die in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen erfolgen und dort besonders gefährdete Menschen betreffen, bezeichnet man als nosokomiale Infektionen. Verursacht werden sie durch eine Vielzahl von Erregern, darunter auch Coronaviren.

Forscher fassten schon im Frühjahr 2019, also ein Jahr vor Covid-19, ihre Einschätzung der Problematik so zusammen: „Obwohl in der lokalen Gemeinschaft zirkulierende Viren häufige Ursachen für Krankenhausausbrüche sind, wurden größere Ausbrüche durch die von Reisenden aus dem Ausland eingeschleppten Coronaviren verursacht. Ein hohes Maß an klinischem Problembewusstsein und eine rasche Durchsetzung von Maßnahmen zur Infektionskontrolle sind erforderlich, um die Übertragung und Verbreitung zu verhindern.“

Das Problem nosokomialer Infektionen mit Coronaviren ist also nicht neu. „Ausbrüche schwerer Infektionen der Atemwege im Krankenhaus sind zu einem Markenzeichen der MERS-CoV-Infektion geworden“, schrieben die Forscher. Umso unverständlicher ist es, dass man den Fokus in der aktuellen Pandemie nicht auf den Schutz dieser gefährdeten Personengruppen gelegt und stattdessen die Allgemeinbevölkerung in nie dagewesener Weise in Panik versetzt hat.

In vielen schwer betroffenen Gebieten wurden Infektionen durch die Anti-Corona-Maßnahmen sogar aktiv in die Pflegeeinrichtungen getragen. Staaten wie New York, New Jersey und Michigan ordneten an, dass Pflegeheime Patienten mit aktiven COVID-19-Infektionen aufnehmen mussten, die aus Krankenhäusern entlassen wurden. Das geschah offenbar in der Überzeugung, alles tun zu müssen, um Krankenhäuser zu leeren und eine Überlastung zu vermeiden, ging aber auch weiter, nachdem die Krankenhausbelastung ihren Höhepunkt längst überschritten hatten. Noch am 23. April erklärte der Gouverneur von New York, Andrew Cuomo, dass Pflegeheime „kein Recht“ hätten, die Aufnahme älterer Patienten mit aktiven COVID-Infektionen zu verweigern. Erst am 10. Mai – nach dem Tod von fast 3.000 New Yorker Bewohnern von Pflegeheimen und Einrichtungen für betreutes Wohnen – gab Cuomo nach und hob seine Anordnung teilweise auf.

Das gleiche Bild zeigte sich in Großbritannien. Auch hier war die Devise, die „Gesundheitssysteme“ zu retten (nicht die Kranken). Auch hier wurden kranke Alte, ohne zuvor getestet zu werden, aus den Krankenhäusern in die Pflegeheime geschafft, um die Kliniken präventiv zu entlasten. Im wahrsten Sinne des Wortes ohne Rücksicht auf Verluste.

In Deutschland war die Belastung der Kliniken von Anfang an so gering, dass keine vergleichbaren „Entlastungsmaßnahmen“ erfolgten, doch auch hier zeigen die Zahlen des RKI sehr deutlich die Bedeutung der Pflegeeinrichtungen. Von 7657 Todesfällen, für die entsprechende Angaben vorlagen, betrafen 4160 (54 Prozent) Menschen, die in Einrichtungen aller Art untergebracht waren, sowie 73 (1 Prozent), die in Einrichtungen arbeiteten. Erfasst sind hier auch Gefängnisse, Asylbewerberheime und andere Sammelunterkünfte, die Sterbefälle dürften sich aber zum ganz überwiegenden Teil in den Einrichtungen des Gesundheitssystems zugetragen haben. Nur 3418 (45 Prozent) der an oder mit Covid-19 Verstorbenen waren weder in einer Einrichtung untergebracht, noch dort tätig. (Stand: 30.06.2020)

„Durch die falsche Prioritätensetzung hat der Lockdown wahrscheinlich sogar dazu geführt, dass mehr Menschen an Covid-19 starben, als nötig gewesen wäre."

Durch die falsche Prioritätensetzung hat der Lockdown wahrscheinlich sogar dazu geführt, dass mehr Menschen an Covid-19 starben, als nötig gewesen wäre. Hätte man auch nur einen Bruchteil der Hunderten von Milliarden Euro, die die massive Rezession kostet, dafür ausgegeben, die Ausbreitung der Krankheit in Pflegeheimen und Krankenhäusern effektiv zu verhindern, gäbe es heute weniger Covid-Tote, weniger Lockdown-Tote, weniger Armut und weniger Arbeitslosigkeit.

Keine dynamische Ausbreitung in der allgemeinen Bevölkerung

Nicht nur die enorme Rolle der Pflegeeinrichtungen zeigt, dass es nie eine gleichmäßige Ausbreitung gegeben hat, wie es in den Szenarien angenommen wurden, die uns vor Millionen Toten warnten, die zu beklagen sein würden, wenn sich das Virus allmählich in der gesamten Bevölkerung ausbreite.

Der ominöse R-Wert, um den sich lange alles drehte, ist irreführend. Er wurde am Anfang der Epidemie auf etwa drei geschätzt: Im Schnitt stecke jeder Infizierte drei weitere Personen an. Und wenn das so weitergehe, seien wir in Nullkommanichts alle krank und die Intensivstationen überlastet. Wir alle erinnern uns an diese Warnungen vor der exponentiellen Ausbreitung der Krankheit. Frau Merkel hat es sogar eigenhändig vorgerechnet (hier in sehr hübscher TikTok Lip Sync-Interpretation), als es darum ging, eine öffnungsdiskussionsorgienbedingte zweite Welle zu verhindern  und alle Journalisten waren tief beeindruckt von solch profunden naturwissenschaftlichen Einsichten der Kanzlerin.

Erst viel später setzte sich die Erkenntnis durch, dass keineswegs jeder Infizierte zwei oder drei weitere ansteckte, sondern die meisten gar niemanden, und ein paar, die „Superspreader“, ganz viele. 10 Prozent der Infizierten sind für 80 Prozent der Infektionen verantwortlich. Das liegt zum einen daran, dass manche Menschen sehr viel kontaktfreudiger sind als andere. Der Hauptgrund für die Heterogenität des Infektionsgeschehens ist jedoch nicht die Unterschiedlichkeit der Menschen, sondern die Unterschiedlichkeit von Situationen. Es sind nicht „Superspreader“ sondern „superspreading events“, die die Verbreitung bestimmen. Am Anfang waren das Ereignisse wie das Après Ski-Vergnügen in Ischgl, die Karnevalsfeier in Gangelt oder das das Starkbierfest in Mitterteich.

Und danach waren es vor allem Ausbrüche in Heimen und Kliniken. Das wurde eigentlich schon relativ schnell klar. „Krasse Fehler in Spitälern und Altersheimen der Lombardei fordern Hunderte von Toten“, titelte beispielsweise am 9. April die NZZ. Und am 5. April veröffentlichte eine Gruppe sehr erfahrener deutscher Gesundheitsexperten ein Thesenpapier mit Empfehlungen zur besseren Prävention. Darin hieß es u.a.: „SARS-CoV-2/Covid-19 stellt keine homogene, eine ganze  Bevölkerung einheitlich betreffende Epidemie  dar, sondern breitet sich inhomogen über lokal begrenzte Cluster (z.B. Heinsberg, Würzburg, Wolfsburg)   aus, die in Lokalisierung und Ausdehnung nicht vorhersehbar sind (komplexes System).“ Und:  „SARS-CoV-2 kann als nosokomiale Infektion in Krankenhäusern und Pflege- bzw. Betreuungseinrichtungen auf andere Patienten und Mitarbeiter übertragen werden. Dieser Ausbreitungstyp stellt mittlerweile den dominierenden Verbreitungsmodus  dar.“ Die bestehende Strategie wurde von den Autoren kritisiert: „Die allgemeinen Präventionsmaßnahmen  (z.B.  social distancing) sind theoretisch schlecht abgesichert,  ihre Wirksamkeit ist beschränkt und zudem paradox  (je  wirksamer, desto größer ist die Gefahr einer ‚zweiten  Welle') und sie sind hinsichtlich ihrer Kollateralschäden nicht effizient.“ Und: „Insbesondere der Schutz der  Risikogruppen  (v.a. hohes Alter und Multimorbidität) wird durch die  allgemeinen, unspezifischen Präventionsmaßnahmen nicht  verwirklicht,  sondern im Gegenteil ist eine Gefährdung dieser Gruppen durch die eingeschränkte Wirksamkeit dieser Maßnahmen nicht ausgeschlossen.“    

Die gleiche Uneinheitlichkeit wie bei der Ausbreitung zeigte sich bei den Krankheitsverläufen. Keineswegs musste einfach jeder 20ste im Krankenhaus behandelt werden, sondern von den Infizierten in der Allgemeinbevölkerung nur ganz wenige und von denen, die ohnehin schon im Pflegeheim oder einer Klinik waren, ganz viele.

So ergibt sich insgesamt ein Epidemiegeschehen, das hauptsächlich durch schwere Verläufe und Todesfälle innerhalb dieses kleinen Teils der Gesellschaft geprägt war. Die offizielle Strategie zur Beherrschung der Epidemie setzt dagegen bis heute auf größtmögliche Alarmierung und Verhaltensregulierung der Allgemeinbevölkerung. 

Leben mit dem Virus

Noch Anfang März war die allgemeine Auffassung, dass das Virus nicht mehr verschwinden werde und wir uns daran gewöhnen müssen, damit zu leben. Damals wurde man noch nicht von hysterischen Coronajägern (auf Twitter, nicht in der wirklichen Welt) als Massenmörder beschimpft, wenn man das Wort „Herdenimmunität“ in den Mund nahm. Christian Drosten erklärte in seiner sachlichen Art bei der Bundespressekonferenz am 2. März, es sei vollkommen okay, wenn sich 70 Prozent der Bevölkerung ansteckten, solange das nicht zu schnell erfolge: „Das ist etwas ganz Natürliches und gar nicht Schlimmes, wenn es sich über eine Zeit ausdehnt.”

„Es gibt gute Gründe, von einem Ausbrennen der Epidemie bei 20 Prozent Durchseuchung auszugehen."

Mittlerweile wissen wir auch mehr über die Frage der Immunität. Wahrscheinlich sind die 70 Prozent sehr viel zu hoch geschätzt, weil es schon eine erhebliche Grundimmunität in der Bevölkerung gibt. Es gibt gute Gründe, eher von einem Ausbrennen der Epidemie bei 20 Prozent Durchseuchung auszugehen. Schon die hohe Zahl milder oder sogar asymptomatischer Verläufe zeigt, dass viele Menschen über sehr gute Abwehrkräfte gegen das Virus verfügen. Dabei geht es keineswegs nur um das Vorhandensein spezifischer Antikörper gegen SARS-CoV-2 nach durchlebter Erkrankung (die bei milden Verläufen oft schon nach einigen Wochen wieder verschwunden sind), sondern insbesondere auch um T-Zell-vermittelte Immunität sowie eine Reihe weiterer Mechanismen des Immunsystems. Darauf weist u.a. Francois Balloux hin, Direktor am Institut für Genetik des University College London. Es wird zudem angenommen, dass es in erheblichem Maß Kreuzimmunität nach Kontakt mit den verbreiteten anderen Corona-Erkältungsviren gibt. Eine Studie von Forschern der Universität Tübingen zeigte, dass von 185 Probanden, die zuvor nicht mit SARS-CoV-2 infiziert waren, 81 Prozent dennoch eine SARS-CoV-2-spezifische T-Zell-Immunantwort zeigten.

Durch den Lockdown und insbesondere die Schulschließungen haben wir nun dafür gesorgt, dass Kinder sich auch nicht mehr mit den harmlosen Corona-Erkältungsviren anstecken und so ihre Immunkräfte stärken konnten.

Grundimmunität weiter erhöhen

Mittlerweile sind die Kontaktbeschränkungen in Deutschland zwar deutlich gelockert, die Menschen sind aber nach wie vor verunsichert und das freiwillige Social Distancing noch recht ausgeprägt. So vergeben wir vielleicht eine Chance. 

Der Sommer bietet die Chance, die Immunität in der Bevölkerung weiter deutlich zu erhöhen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Infektionen im Freien mit Übertragung relativ geringer Virusmengen bei gleichzeitig relativ hoher Abwehrkraft (durch verbesserten Vitamin D-Status etc.) zu sehr milden und häufig asymptomatischen „Erkrankungen“ führt, von denen der Betroffene kaum etwas merkt, die aber dazu beiträgt, sein Risiko für eine weitere Infektion (im Winter) noch mehr zu verringern.

„Der Sommer bietet die Chance, die Immunität in der Bevölkerung weiter deutlich zu erhöhen."

Wenn es gleichzeitig gelingt, Ausbrüche in Krankenhäuser und Pflegeheimen zu verhindern, kommen wir dem Ziel, dank hoher Grundimmunität in der Bevölkerung in Zukunft ganz gut mit dem Virus leben zu können, einen guten Schritt näher.

Die traurige Realität ist allerdings auch: Alte und kranke Menschen in Pflegeheimen sterben. Und oft ist es eine Infektion, die letztlich dazu führt, dass das Leben (und manchmal kann man auch sagen: das Sterben) endet. In den USA sterben pro Jahr 380.000 der Bewohner solcher Einrichtungen an Infektionen, ohne dass man die Betroffenen gemeinhin als Influenzatote, Norotote, Coronatote, Clostridium difficile-Tote usw. bezeichnet. Man kann die Menschen vor Infektionen schützen, aber letztlich nicht vor dem Sterben. Das mittlere Sterbealter der „Coronatoten“ liegt in Deutschland und den anderen westlichen Ländern jenseits der 80. Das durchschnittliche Sterbealter der Allgemeinbevölkerung liegt in Deutschland bei 79 Jahren. Jedes Jahr sterben hierzulande fast eine Million Menschen. „An und mit“ Covid19 sind bisher weniger als 10.000 gestorben. Es kann also gut sein, dass auch in diesem Jahr rund 99 Prozent der Menschen an anderen Ursachen sterben werden.