25.11.2016

Nitrat und die wahren Brunnenvergifter

Essay von Georg Keckl

Titelbild

Foto: DALIBRI via WikiCommons / CC BY-SA 3.0

Grüne NGOs und Politiker schüren Panik um Nitrat im Trinkwasser. Mit unseriösen Informationen wird die Tierhaltung beschuldigt. Die Rolle des Biogas-Booms wird jedoch verschwiegen.

1982 ließ der Stern in 451 Städten und Dörfern das Wasser aus den Wasserhähnen prüfen 1. Die Orte wurden vom Bremer Umweltinstitut repräsentativ ausgewählt. Der Trinkwasser-Grenzwert lag damals bei 90 Milligramm Nitrat pro Liter. In 13 Kommunen 2 wurde der Grenzwert überschritten, neun davon in Rheinland-Pfalz, was der Stern so kommentierte: „Wo der Wein wächst, ist oft das Trinkwasser schlecht“.

Zwar lagen 90 Prozent der Proben unter 50 Milligramm Nitrat pro Liter, das Ergebnis war trotzdem unerwartet schlecht und löste eine Welle von Katastrophenmeldungen über die Nitrat-Zukunft des deutschen Trinkwassers aus. Wissenschaftler wollten 1982 herausgefunden haben: „Da ticken Zeitbomben in der Erde“; „Die Masse kommt erst noch“; „Der Boden ist voll davon, selbst wenn man das morgen verbietet, wird es noch lange dauern, bis das Zeug in Trinkwasserbrunnen ankommt.“ Der Spiegel titelte im August 1988: „Lebenselement Wasser, vergiftet und vergeudet?“ Die Aufbereitung von Trinkwasser würde bald so aufwendig wie Bierbrauen sein; Landwirte und Hobbygärtner würden mit „gigantischen“ Mengen an Kunstdüngern das Grundwasser „schier ausweglos“ gefährden; „Millionen Tonnen Nitratüberschüsse“ seien auf dem Weg in die Brunnen. Frankfurter Öko-Forscher unterstellten der Wasserwirtschaft, sie gehe "fröhlich in die letzten Reserven".

„Der Nitrat-Grenzwert wird heute überall eingehalten.“

Es war eine Zeit der Untergangsprognosen: Für Böden, Wälder und Grundwasser läutete die deutsche Wissenschaft das Totenglöcklein. Doch nichts davon ist eingetreten. Alles wurde besser. Die Nitratgehalte für Trinkwasser wurden bis Mitte der 1990er Jahre schnell stark abgesenkt. Seit 2010 gibt es bei dem eingeführten Monitoring keine Grenzwertüberschreitungen im deutschen Trinkwasser mehr! Der auf 50 mg/l abgesenkte Nitrat-Grenzwert wird heute überall eingehalten. Vorübergehend betriebene Nitratentfernungsanlagen sind abgeschaltet, nur selten wird belastetes Waser noch mit gering belasteten Wasser verschnitten. Die „sicheren“ Untergangsprognosen haben vor allem den Wissenschaftlern selbst genutzt, ihre Karrieren befördert. Keinem wurde für die teilweise grotesken Fehlleistungen die Pension gekürzt. Immer weniger Nobelpreisträger, dafür umso mehr Bedenkenträger?

Wasser-Fehlprognosen reloaded

Weil das Trinkwasser heute nitratärmer denn je ist, ist mit realen Trinkwasserwerten keine Angstkampagne mehr zu machen. Aber in einigen Biogasgebieten steigen neuerdings die Nitratwerte im Grund- und Trinkwasser wieder an. So kam es zu einer Neuauflage der „Nitrat im Trinkwasser-Kampagne“, die aber tunlichst die Rolle der Biogasanlagen verschweigt und regional steigende Nitratwerte raffiniert verallgemeinert. Sie setzt auf Ängste, es könnte doch noch irgendwann über „nitratverseuchtes“ Grundwasser ganz böse für unser aller Trinkwasser überall kommen. Alle Schlagworte der ersten Nitratkampagne in den 1980er Jahren, wie „Zeitbombe“, „unbezahlbar“, „Flut“, „Brunnenvergiftung“, „Nichtstun der Regierung“, „Krebs“, „Schwangere und Babys“ sind wieder zu lesen. 74 Prozent des deutschen Trinkwassers wird aus Grundwasser gewonnen. 2015 fragten die Grünen im Bundestag, wo denn die höchsten Nitratwerte, diesmal im Grundwasser, gemessen werden. Und wieder führten Brunnen aus Rheinland-Pfalz die Nitrat-Hitliste an, nicht die Viehhaltungsgebiete in Niedersachsen, wie die Kampagnenmacher es einkalkuliert hatten.

Zu den Zahlen im Mainzer Landtag befragt, erklärte die grüne Umwelt- und Landwirtschaftsministerin Ulrike Höfken: „nicht nur Niedersachsen ist von sehr hohen Nitratwerten schwer betroffen, sondern das ist genauso Rheinland-Pfalz.“ Dabei hielt sie die berühmte „Nitratkarte“ hoch, deren rote Gebiete vermeintlich zeigen, wo zu viel Nitrat im Grundwasser sei. Obwohl Rheinland-Pfalz so betroffen ist, wird das Land in der aktuellen Nitratdiskussion von den Kampagnenmachern ebenfalls tunlichst ausgeklammert, denn es gibt in Rheinland-Pfalz weder eine „Massentierhaltung“ noch „agrarindustrielle“ Großbetriebe. Im Vergleich zu Niedersachsen sind in Rheinland-Pfalz die Tierzahlen von der Schwindsucht befallen, seit 1976 schrumpften die Schweinebestände um 76 Prozent, die Rinder um 46 Prozent. Was beide Regionen verbindet, sind regional verbreitete Böden, deren Geologie schnell für Nitrat durchlässig ist. Der Hauptgrund für Nitrat im Grundwasser sind die Böden, was auch Ministerin Höfken in der Analyse des eigenen Ministeriums nachlesen könnte, was sie an anderer Stelle aber auch schon deutlich sagte.

„Der Hauptgrund für Nitrat im Trinkwasser sind die Böden.“

Auf rund der Hälfte der dem Mainzer Landtag präsentierten „Nitratkarte“ gibt es, wie in Rheinland-Pfalz, keine nennenswerte Tierhaltung. Trotzdem verkündet der Co-Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion, Anton Hofreiter, landauf landab das grüne Nitratdogma: „Die Ursache für die großen Mengen von Nitrat im Grundwasser ist schlichtweg, dass zu viele Tiere auf zu wenig Fläche gehalten werden. Das bedeutet, wir müssen endlich raus aus der Massentierhaltung“. Herr Hofreiter braucht keine Tiere, um ihnen trotzdem überall die Schuld am Nitrat im Grundwasser zu geben. Fast alle Hauptmedien, bis auf die FAZ, übernehmen diese Analyse. Selbst wenn Tiere im SWR-Land zwischen Heilbronn und Koblenz Seltenheitswert haben, fehlt beim SWR nie das Güllefass, wenn über das Thema gesendet wird. Der benachbarte HR ist besonders kreativ im Fach Pseudologik: „Immer mehr Tiere produzieren immer mehr Gülle“. Tatsächlich sinken die auf der Viehwaage ermittelten Lebendgewichte der Tierbestände in Deutschland (-33 Prozent seit 1989 und -45 Prozent seit 1913).

Mit dem Nitrat im Grundwasser verhält es sich wie mit dem Eiscremeverzehr und der Anzahl der Todesfälle durch Ertrinken. Es gibt, statistisch an den Zahlen nachweisbar, einen positiven Zusammenhang zwischen einem erhöhten Eiscreme-Verzehr und einer gestiegenen Anzahl Ertrunkener. Durch Eiscreme ertrunken? Nein, der Grund ist ein Dritter, statistisch „Störvariable“ genannt: Das schöne Wetter. Da wird dann mehr Eiscreme gekauft und die Leute gehen öfter Baden. In der Nitratdiskussion übernehmen die nitratdurchlässigen Böden (ca. 20 Prozent aller Böden) die Rolle des schönen Wetters im vorherigen Beispiel, sie erklären das Phänomen Nitrat im Grundwasser. Weder Tiere, noch Großbetriebe, noch Wein oder Mais, sind die Hauptgründe für die Nitrathöhe im Grundwasser, es ist die Durchlässigkeit des Bodens, seine biologische Aktivität, seine Physik und Chemie, die Regen- und Düngermenge sowie deren Verteilung.

Die Nitratgehalte im Grundwasser auf diesen Böden niedrig zu halten, erfordert eine sehr gekonnte, gesplittete Düngung und alle Tricks einer modernen Anbauplanung. Das gelingt momentan nicht mit allen Früchten, die dort gut wachsen. Mit Grünland würde es funktionieren, mit Wein, Mais, Erdbeeren oder Gemüse noch nicht. Diese Früchte lieben leicht erwärmbare Böden. Wein von schweren, nassen, dunklen Böden, wo es nie Nitratprobleme gibt, würde niemand trinken wollen. Lehmbespritzte Erdbeeren aus nitratundurchlässigem Matsch und Moor auch nicht und der Spargel würde in diesen Böden ersticken.

Grüne Brunnenvergifter

Nach dem Schock durch den Bericht im Stern 1982 wurden die Düngegesetze schneller verschärft, durfte nur noch eine begrenzte Menge an Gülle auf die Felder gefahren werden, wurden Ställe nur genehmigt, wenn „Güllenachweisflächen“ oder entsprechende Abnahmeverträge mit der Güllewirtschaft vorgelegt werden konnten, wurden mehr Messstellen eingerichtet. Böden, Flüsse, Seen, Trinkwasser und – mit Verzögerung – Grundwasser, fast überall sinken die Nitratwerte seit dem Maximum in den 1980er Jahren.

Doch dieser erfreuliche Trend wird seit zehn Jahren durch ein Klimaschutzprojekt regional gefährdet. Ab 2004 vermehrte der von den Grünen geforderte „NAWARO-Bonus“ (NAWARO = „Nachwachsender Rohstoff“) Biogasanlagen explosionsartig. Dieser in der Realität besser als „Mais-Bonus“ zu bezeichnende Zuschlag auf den Ökostrom aus Biogasanlagen ließ in einzelnen Gebieten die Nitratwerte wieder steigen. Die knapper und teurer gewordenen Flächen (Pachtpreise) mussten intensiver bewirtschaftet werden. Um den Biogasboom nicht zu gefährden, durfte die Biogasgülle, im Gegensatz zur Tiergülle, administrativ unbehelligt auf die Felder gefahren werden. Insbesondere in viehreichen Regionen mit leichten Böden war eigentlich kein Platz mehr für die Biogasgülle, trotzdem wurden wegen dieser Biogasgülle-Ausnahmeregelung dort oft besonders viele Biogasanlagen gebaut und der Anbau der auf diesen Böden ertragreichsten Frucht, dem Mais, noch weiter ausgedehnt. Die Gewinnaussichten der Silozugflotten und Binnenschiffe, die inzwischen den Dung aus diesen Regionen in vieharme Regionen fahren, sind sehr gut, da dieses Düngeprivileg der Biogasgülle fallen wird.

„Fast alle Standorte mit steigenden Nitratkonzentrationen sind mit einer hohen Biogasdichte verbunden.“

Biogas verwertet nur die energiereichen Methan-Pupser von Fäulnisbakterien, also den Energiegehalt der Pflanze, die Pflanzenmasse kommt als Güllebrei zurück auf das Feld. Bei zum Beispiel Zuckerrüben oder Brotgetreide wird viel stickstoffreiche Pflanzenmasse dauerhaft abtransportiert. Wo Getreide durch Biogasmais ersetzt wird, wird die Nitratgefährdung auf inkontinenten Böden zunehmen. Das war allen Experten, einschließlich dem WWF, klar. Fast alle Standorte mit steigenden Nitratkonzentrationen sind mit einer hohen Biogasdichte verbunden. Heute rufen diejenigen „haltet den Nitratdieb“, deren Gesetz zur „Bioenergieförderung“ die Nitratgehalte auf Nitrat-Problemböden allgemein - und über die Nitrat-Problempflanze Mais im Besonderen - haben ansteigen lassen. Ohne eine kritische Nachfrage der Medien fürchten zu müssen, schieben sie nun der „Massentierhaltung“ die Alleinschuld zu.

Nitratbelastung seit Jahren rückläufig

Ganz einfach, Öko-Planwirtschaftler und praxisferne Vorschriftenkonstrukteure aufgepasst: Die Landwirtschaft löst ihr Nitratproblem seit Jahren sehr erfolgreich über höhere Erträge bei geringerer Stickstoffdüngung! Die Bundesregierung erklärt das im Nitratbericht 2008 so: „Seit der deutschen Wiedervereinigung ist der Stickstoff-Flächenbilanzüberschuss im Durchschnitt der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland von 111 kg/ha N im Jahr 1990 auf 68 kg/ha N im Jahr 2010 gesunken. Hauptgrund für diesen Rückgang ist eine tendenzielle Abnahme des Mineraldüngerabsatzes bei einer gleichzeitig mit dem Anstieg der Erträge pflanzlicher Marktprodukte verbundenen erhöhten Nährstoffabfuhr von den landwirtschaftlichen Flächen.“

50 Prozent des auf deutschen Feldern wirksamen Stickstoffdüngers stammt aus „Künstdüngern“, nur noch 22 Prozent ist Dung aus Ställen, 13 Prozent schon „Biogasgülle“, sieben Prozent kommt aus der Luft, sechs Prozent liefern die stickstoffsammelnden Knöllchenbakterien und der Rest stammt aus Kompost, Klärschlamm und verfaulten Saat- und Pflanzgut. Allein von den Mengen müsste klar sein, dass Tier-Gülle nicht an jedem Nitratüberschuss schuld sein kann. Die kotenden Tiermassen sind in Deutschland seit der Wiedervereinigung rückläufig (-33 Prozent) 3, ebenso der Absatz von Stickstoffdüngern (-21 Prozent). Aus der Statistikersprache ins Deutsche übersetzt: es wird weniger gedüngt! Egal nach welcher Methode und unter welchen Annahmen man die Stickstoffüberschüsse berechnet, schon aus den deutschen Ertragsdaten, den Viehzahlen und dem „Kunstdüngerabsatz“ ist für den Statistiker klar zu schließen: Weniger Stickstoffdüngerverkauf und weniger Vieh bei gleichzeitig gesteigerten Erträgen bedeutet eine höhere Stickstoffabfuhr von den Feldern und damit weniger Reststickstoff, der eventuell ausgewaschen werden kann.

Für jede Ackerfrucht und jedes Tierfutter werden heute „Stickstoffminimierungsstrategien“ erforscht: optimaler Ertrag bei minimalem Input. Bei Zuckerrüben war man in der Hinsicht sehr erfolgreich, bei anderen Früchten noch nicht. Generell sind die Zeiten der reichlichen „Einmaldüngung“ mit „Universal-Blaukorn“ zur Saat vorbei. Jeder Nährstoff wird heute einzeln, oft in Teilgaben, mit komplizierter Technik, abstandsgenau, nach Bodenproben und amtlichen Empfehlungen aus komplizierten Berechnungen dosiert. Eine standortangepasste Düngung bringt die Lösung des Nitrat-Problems, keine laienhaften, bösartigen Pauschalurteile in Hetzkampagnen und Einheits-Düngevorgaben für alle Böden und Früchte, wie das meist gefordert wird. Es ist zum Beispiel ein ökologischer Blödsinn, wenn ein Grünlandbauer nur 170 Kilogramm Stickstoff pro Hektar aus Gülle düngen darf, wenn das Grünland auf seinem Boden (also nicht Ex-Heideböden) selbst bei 500 Kilogramm noch allen Stickstoff verlustfrei in Gräserwachstum umsetzen kann. Der sollte sicherheitshalber 300 Kilogramm aus Gülle düngen dürfen anstatt wie jetzt 170 Kilogramm aus Gülle und 200 aus dem zugekauften Düngersack. Seine „Überschuss“-Gülle muss er über die Güllewirtschaft (Güllebörse) an viehlose Betriebe im Flachland kostspielig abgeben. Das bringt nur den Fuhrunternehmen was und schadet der Klimabilanz.

„Eine standortangepasste Düngung bringt die Lösung des Nitrat-Problems, keine bösartigen Pauschalurteile in Hetzkampagnen.“

In den Nitratberichten 2008 und 2012 der Bundesregierung konnte ein kontinuierlicher Rückgang der Stickstoffüberschüsse auf landwirtschaftlichen Flächen gemeldet werden. Auch das Umwelt-Bundesamt (UBA) meldete 2016: „Der Stickstoff-Überschuss auf landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland lag bis Anfang der 1950er Jahre auf sehr niedrigem Niveau, stieg mit zunehmender Stickstoffdüngung dann kontinuierlich an bis zum Maximum Mitte der 1980er und ist seitdem wieder auf ein Niveau wie ungefähr zu Beginn der 1960er Jahre gesunken“. Damit sinkt, wenn auch mit Zeitverzug, die Auswaschungsgefahr des im Bodenwasser gelösten Nitrat-Salzes in das Grundwasser. Diese „Überschüsse“ sind theoretisch berechnete Werte, es gibt mehrere Berechnungsverfahren. Man kann aber davon ausgehen, dass die bisherigen Bemühungen eine Wirkung zeigen.

Der Vorwurf des „Nichtstuns“ ist bösartige Verleumdung, ebenso die ständigen Unterstellungen, dass Gülle heute noch unreguliert abgekippt würde, es noch keine Flächenbindung der Tierbestände gäbe etc.. Der Dünger wird ständig effektiver genutzt, wie auch das Futter durch die Tiere, was die Stickstoffüberschüsse verringert. Die Dünger-Effizienz ist jedes Jahr anders (Düngung für kalkulierte Erträge konnte wegen Trockenheit, Pflanzenkrankheiten, Sturm, Dauerregen, Schädlingen etc. nicht umgesetzt werden), aber tendenziell wird sie ständig besser. Bei Zuckerrüben ist es zum Beispiel so, dass bei zu hoher Stickstoffdüngung die Prozesse in der Zuckerfabrik durch hohe Eiweißgehalte der Rübenkörper gestört werden. Die Rübenfabriken, Versuchsfeldbetreiber und die Züchter erforschten verschiedene Maßnahmen, wie die Stickstoffdüngermenge ohne Ertragsverluste reduziert werden könnte. Die Fabriken wollen nur den Zuckersaft, das Eiweiß stört hier, darum bekommen Rübenanbauer mit hohen Eiweißgehalten inzwischen Abzüge vom Rübengeld. Heute kann durch vielerlei Verbesserungen eine Tonne Zucker auf einem Praxisbetrieb mit nur acht Kilogramm Stickstoff aus Düngern erzeugt werden, der 1975 noch 25 Kilogramm Stickstoff dafür einsetzte. Über verdoppelte Erträge und viele andere Anbaumaßnahmen sowie Züchtungsfortschritte wurde diese Effizienzsteigerung möglich, sicher nicht durch gesetzliche Planzielvorgaben, wie viele Ökobürokraten heute glauben.

Von Nitrat-Saulus zum Öko-Paulus: die Wasserversorger

Gegen die Berichterstattung im Stern von 1982 wehrten sich die Wasserversorger noch, beim Stern seien „Systemveränderer“ am Werk, die alles übertreiben. Dabei nutzte der Artikel den kommunalen Wasserwerken, es gab schneller und mehr Geld von den Ländern für nötige Brunnensanierungen. Heute sind die Wasserwerker stramm auf Ökokurs. Ihre PR zaubert den Kunden eine heile Grundwasserwelt vor, die von bösen Landwirten bedroht wird. Das „gesunde Grundwasser“ gibt es aber nur am Gebirgsrand, wo das Wasser vom reinen Kalk- oder Granitfelsen springt, im Geröll versickert und über die kurze Ecke fast jungfräulich in der Schotterebene eingesammelt wird.

Für altes Tiefland-Grundwasser ist die Werbung mit der „Reinheit des Tiefenwassers“, als ob da Regenwasserzisternen in der Tiefe wären, eine scheinheilige PR. Das geförderte Rohwasser ist meist eine stinkende, schwermetallverseuchte, perlende Rostbrühe. Das Wasser nimmt die in der Schwemmlanderde natürlich vorkommenden Kohlendioxyd- und Schwefelwasserstoffgase auf, ebenso Mangan und Eisen und andere Stoffe. Das Rohwasser muss aufbereitet werden, dann kann es als „reines Tiefenwasser“ verkauft werden. In ihrer PR verkaufen sich die Wasserversorger auch als Nachhaltigkeitsvorbilder, das sind sie aber meist nicht. Es ist nicht nachhaltig, nur das Grundwasser abzupumpen, die Grundwasserspiegel zu senken, den Wasserkreislauf zu stören. Die Wasserwerke wissen seit mehr als 100 Jahren, wie man nachhaltig im Tiefland bestes Wasser gewinnt: man lässt im Brunnengebiet wieder Wasser versickern und macht so eine Wasser-Kreislaufwirtschaft auf kleinem Gebiet ohne Grundwasserschäden.

„Fluss- und Seewasser ist heute sehr nitratarm.“

Das Wasserwerk Grasdorf der Stadtwerke Hannover liefert nach dem Prinzip seit 1899 ewig nachhaltig Trinkwasser, mit Leinewasser in Versickerungsteichen über den Brunnen. Die nachhaltigste Form der Trinkwassergewinnung ist die aus Uferfiltrat oder aus versickerndem Flusswasser über den Brunnen. Von Basel bis Rotterdam versorgen sich die Städte vom Grundwasserstrom des Rheins nachhaltig mit Kreislauf-Trinkwasser, das ebenfalls aufbereitet wird. Eine große Hilfe ist dabei die weltweit einmalige Erfolgsgeschichte der Säuberung unserer Flüsse. Fluss- und Seewasser ist heute sehr nitratarm. Diese Erfolgsgeschichte passt der grünen Welt nicht in ihre Kampagnen, da ist überall alles noch verdreckt, alles wird noch schlechter oder ist am Sterben. Notfalls erhält man mit trickreichen Normverschärfungen das Geschäftsmodell am Laufen: die Vorsorge-Vorsorge-Vorsorge Grenzwerte werden wieder nicht überall eingehalten! Die deutsche Hausmeister- und Übermüttermentalität wähnt dann, wie von den Kampagnen kalkuliert, den Weltuntergang.

Unsere Flüsse sind inzwischen eher zu toll sauber, fragen sie die Fische und Fischer! Wer hier das Gegenteil behauptet und dabei seine trickreich definierten „biologischem Zustände“ und passend abgesenkten Grenzwerte anführt, will die Öffentlichkeit täuschen. Leider haben diese Täuschungsmanöver bei notorisch umweltleichtgläubigen Medien großen Erfolg. Viele Medienvertreter stellen bei dem Thema ihre persönliche Mission vor Professionalität, sie machen sich mit der vermeintlich guten Sache gemein. Damit laden sie zu weiteren, immer dreister werdenden, Täuschungsmanövern ein.

Kann Bio uns retten?

Im Ort Pflaumheim in Unterfranken kam eine Grundwasser-Messstelle wegen hoher Nitratwerte in die politische Diskussion. Unterfranken hat wenig Vieh, aber viele inkontinente Böden und geringe Niederschläge. Der grüne Landtagsabgeordnete Thomas Mütze empfahl nach einer Meldung des Bayerischen Bauernverbandes zur Problemlösung die Umstellung auf Biolandbau. In Pflaumheim lag der hohe Nitratgehalt der Messstelle an einem undichten Kanalrohr. Als man es sanierte, sank der Nitratgehalt an der Messstelle um 30mg/l. Bei Bio sind die Stickstoff-Überschüsse auf den Feldern etwa halb so hoch wie bei der konventionellen Landwirtschaft, weil bei Bio Stickstoff, wie vor der Erfindung des „Kunstdüngers“ („Haber-Bosch-Verfahren“), sehr knapp ist. Da bei Bio gesamtflächenbezogen etwa die Hälfte der Nährstoffe pro Hektar erzeugt werden, es ist es für die Gesamtnitratbilanz gehupft wie gesprungen, ob bio oder konventionell gewirtschaftet wird.

Der BÖLW (Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft) meldet: "Auf ökologischen Betrieben sind die Stickstoff-Überschüsse meist deutlich geringer als auf konventionellen; bezogen auf die Fläche sind die Sickerraten von Nitrat um bis zu 50 % geringer. Pro Tonne produzierten Ertrags sind die Nitratsickerraten allerdings in beiden Wirtschaftssystemen ähnlich einzustufen. Allerdings ist auch im Öko-Landbau eine umsichtige Bewirtschaftung nötig, um höhere Nitratsickerraten zu vermeiden."

„‚Alles Bio‘ würde mehr Gülle bedeuten.“

Die Bio-Branche lehnt „künstlichen“ Stickstoff aus Glaubensgründen ab (rationale Gründe gibt es nicht) hat dadurch Nachteile, und dämonisiert den Kunstdünger gerne. Es gibt Nitratüberschüsse überall, auch bei Bio. Das ist unvermeidlich, denn man kann die Pflanzen nicht intravenös mit dem nötigen Nitrat ernähren. Es wird gern argumentiert, die Landwirte bringen mehr Stickstoff auf die Felder, als die Pflanzen aufnehmen. Daraus machen dann Scharlatane: „diese Überschüsse gehen alle in Grundwasser“ – völlig falsch. Den Stickstoff „fressen“ nicht nur die Pflanzen, er wird wieder zersetzt oder in den Humus eingelagert, sobald er den Boden erreicht. Nitrat-Salz ist so löslich wie Kochsalz. Wenn die Bodenbakterien, wie unter Grünland und auf einigen Bodenarten allgemein, gut denitrifizieren (Nitrat zersetzen), wird das im Wasser gelöste Nitrat es mit den Regenüberschüssen nicht bis ins Grundwasser schaffen. Man kann Stickstoff nicht selektiv den Pflanzen zuteilen. Will man der Pflanze die Menge zuteilen, die sie braucht, muss man bei der Menge die unvermeidlichen „Verluste“ (zu denen auf bestimmten Böden auch die Auswaschungsverluste in das Grundwasser gehören) mit berücksichtigen! Ziel muss es sein, pro Tonne Erntegut mit möglichst wenig Stickstoff auszukommen.

Auch im „Klimaschutzgutachten“, an dem auch bekannte Ökowissenschaftler mitgearbeitet haben, ist zu lesen: „Anders als häufig vorgeschlagen, sehen die Beiräte aufgrund des derzeitigen Wissensstands im Konsum von Ökoprodukten sowie von frisch zubereiteten und von in der Region erzeugten Lebensmitteln keinen eindeutigen bzw. generellen Beitrag zum Klimaschutz (wohl aber im Verzicht  auf Flugware).“ Ein Überall-Bio würde nur mit wieder stark erhöhen Tierbeständen für die nötige Dungproduktion funktionieren, oder mit einem noch größeren, ineffizienten Flächenbedarf zur Produktion von Kompostpflanzen zur Düngung der Nutzpflanzen. „Alles Bio“ würde mehr Gülle bedeuten, denn auch Biobetriebe haben heute aus arbeitswirtschaftlichen Gründen meist Gülle-Ställe. Es wird aber keine Rückkehr der Ställe in die inzwischen viehlos gewordenen Dörfer geben, das geht schon baurechtlich nicht mehr. Bio fordern ist das eine, einen Bio-Stall vor das Eigenheim gesetzt zu bekommen, das andere.

Faktenfreie Kampagnenrhetorik

Es gibt auch in Rheinland-Pfalz stark nitratinkontinente Böden mit Gemüseanbau und, eigentlich unnatürlich, keinerlei Nitrat im Grundwasser. Hier sind die denitrifizierenden Bakterien auch in der Tiefe noch sehr aktiv und zersetzen das Nitrat sehr schnell. So schreibt das Umweltministerium Rheinland-Pfalz: „Im Gebiet des Eicher Rheinbogens und der Niederterrasse der südlichen Vorderpfalz liegen verbreitet reduzierende Grundwasserverhältnisse vor. Hier kommt es durch das Vorhandensein von organischem Material im Grundwasserleiter zu einem natürlichen, mikrobiellen Nitratabbau. Trotz eines zweifellos stattfindenden Nitrateintrages ist das Grundwasser nitratfrei.

„In der Krumme und im Sediment der Flüsse werden sich die Nitratabbauprozesse niemals erschöpfen.“

Nicht nur organisches Material, sondern auch bestimmte Mineralien, zum Beispiel Pyrit, befördern in tiefen Bodenschichten mancher Böden den bakteriellen Nitratabbau. Der Nachteil dieses Tiefenabbaues ist: das organische Material und das Pyrit wird dabei mit „abgebaut“, erschöpft sich also. Berechnungen, wie lange die Vorräte der Reaktionspartner auf diesen bestimmten Böden noch reichen, zeigen eine Spanne von 20 bis mehreren tausend Jahren. Da wird nun wieder eine Angstkampagne draus: „Die Nitratabbauprozesse in der Tiefe erschöpfen sich, der Weltuntergang naht“. Dass das nur für bestimmte Standorte zutrifft, wird verschwiegen und dass die Hauptabbauprozesse in der Krume davon nicht betroffen sind, auch. Diese speziellen Tiefen-Abbauprozesse, raffiniert „Erschöpfung“ genannt, gibt es seit Jahrmillionen. Aber die hauptsächliche bakterielle Nitratzersetzung setzt ein, sobald „reaktiver Stickstoff“ den Boden erreicht. Den gibt es immer und in alle Ewigkeit, nur auf bestimmten Böden wird im tiefen Untergrund diese Fähigkeit abnehmen, sofern sie denn überhaupt je da war. Denitrifikation ist der größte Rückführer von Nitrat in den nicht-reaktiven Luftstickstoff, gäbe es den nicht, wären schon alle Ozeane mit Nitratsalz gefüllt und die Luft sehr dünn geworden.

Nun kommt wieder die Raffinesse der Kampagnenbetreiber: Man nimmt diese einzelnen Standorte mit Pyrit-Nitratabbau in der Tiefe, die sich irgendwann mal erschöpfen, und stellt es dann so dar, als ob das für die ganzen, weit größeren, Denitrifikationen in der Krume gelten würde. In der Krume und im Sediment der Flüsse etc. werden sich die Nitratabbauprozesse aber niemals erschöpfen, weil da immer organisches Material entsteht und vergeht, ein- und ausgetragen wird, was eine Denitrifikation ermöglicht. Notfalls könnte man auch Kompoststaub mit Bodentiefenlockerern in den Untergrund blasen, die Menschen haben immer Lösungswege für Probleme gefunden, die professionellen Schwarzseher haben selten recht behalten, sich nur produziert und die Entwicklung behindert. Die Wasserwerke könnten sich völlig unabhängig von der Tiefendenitrifikation machen, wenn sie alle Brunnen auf Versickerungsbrunnen umstellen und echt nachhaltig arbeiten würden. Dann kommt nur nitratärmstes Flusswasser von Oben nach in die Brunnen, das auf keinerlei Tiefendenitrifikation spezieller Standorte angewiesen ist.

Wassertester auf Desinformationstour

Der größte See des Landes Sachsen-Anhalt ist der Arendsee. Der See hat keinen natürlichen Zu- und Abfluß, das Wasser steht. Noch zu Zeiten der DDR wurde der See trübe, zu viel Phosphor und Nitrat vermehrten die Algen. Bis heute wird gern verbreitet, das läge an der Düngung der Felder ringsum. Forscher des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) untersuchten viele Hausbrunnen, fanden darin sehr hohe Nitratwerte. Es gibt aber keinerlei Zusammenhang des Nitrats in den Hausbrunnen mit den Feldern ringsum, die sind niedriger. Es wird vermutet, dass die zu DDR-Zeiten etwas marode Kanalisation und viele ehemalige Versitzgruben über den Grundwasserstrom noch immer Nährstoffe in den See schwemmen.

Auch in Westdeutschland waren in kleinen Orten bis in die 1980er Jahre Versitzgruben die übliche Form der „Abwasserreinigung“. Viel Schlamm setzte sich auf dem Grund der Gruben ab. Dann wurde alle Orte an eine Kanalisation angeschlossen, die Versitzgruben verloren ihre Funktion. Viele dieser Gruben haben Grundwasseranschluss. Das Wasser in den Gruben wurde klarer, aus Versitzgruben wurden Gartenbrunnen. Gemüse- und Obstgärten sind meist mit Nährstoffen überversorgt. Schrebergärten ohne Kanalanschluss können zu Nitrat-Hotspots werden. Der Nitratgehalt unter der deutschen Siedlungsfläche ist allgemein höher als der unter der etwa gleichgroßen deutschen Grünlandfläche (Grünland stellt ein Drittel der deutschen Landwirtschaftsfläche).

„Dass für die Werte der Brunnen die Anwohner selbst verantwortlich sein könnten, wird tunlichst verschwiegen.“

Der nordrhein-westfälische Verein VSR Gewässerschutz hat ein Labormobil, fährt damit die Republik ab und misst den Nitratgehalt in den „Hausbrunnen“. Die Ergebnisse werden dann stets so verkauft, also ob das Wasser von den Güllefeldern in die Gärten geschwommen ist. Aber noch folgt das Wasser der Schwerkraft und nicht dem Glauben. Horizontal weite „Querwanderungen“ zu den flachen Brunnen von Feldern sind schwerkrafttechnisch nicht möglich. Dass für die Werte der Brunnen die Anwohner selbst verantwortlich sein könnten, wird tunlichst verschwiegen. Falls es sich um ehemalige Versitzgruben oder ähnliches handelt, würden die mehrere tausend Euro teuren Sanierungskosten den meisten Leuten schnell die Nitratangst nehmen. Die Probenehmer des Vereins werden zu Medienstars, dürfen dort ihre absurden Thesen verbreiten.

Nach einer Einführung des SWR („In manchen Regionen ist die Nitratbelastung des Grundwassers so hoch, dass einige Wasserversorger zu einem Trick greifen, um den Grenzwert einzuhalten.") durfte Harald Gülzow vom VSR zum Beispiel im Vorabendprogramm verbreiten: „Also ein Beispiel ist das Wasserwerk in Guntersblum. Da war das Grundwasser so stark belastet, dass man es nicht mehr als Trinkwasser verkaufen durfte. Die Lösung: Eine Brunnengalerie längs des Rheines. Es wird dann Rheinwasser mit angesaugt und mit dem Grundwasser aus dem Hinterland quasi gemischt und jetzt können sie ihre Grenzwerte wieder einhalten und das Wasser verkaufen." Fragt man beim Wasserwerk in Guntersblum nach, erfährt man, dass die betreffenden Brunnen sehr niedrige Nitratwerte von 6mg/l haben und wegen des Eindringens von Neutralsalzen (Kochsalz und Sulfat) aus der Rheingraben-Hauptstörung ganz abgeschaltet wurden und nur noch als Reservebrunnen vorgehalten werden. Nur Grundwasser abpumpen führt mit der Zeit zu weiten Ansaugbereichen. Das Wasserwerk nutzt nun - ökologisch vorbildlich - nitratarme Brunnen am Rheinufer. Den SWR habe ich auf die falsche Aussage hingewiesen, aber die findet sich weiterhin in der Mediathek des SWR und wird vermutlich noch x-mal wiederholt.

Kampagnen nach NGO-Art

Die Nitrat-im Grundwasser-Kampagne plätscherte so dahin, bis der Slogan: „Keine Gülle ins Trinkwasser“ mehr Schwung in das Thema brachte. Der Slogan wird illustriert von einer fetten Sau mit einem Wasserhahn im After. Die Sau kotet aus dem Wasserhahn in ein von Schmeißfliegen umschwirrtes Trinkwasserglas mit Strohhalm. Spezialist für diese Art von Kampagnen ist heute der Verein „Campact“, der 40 Leute beschäftigt und praktisch alle grünen NGOs als „Kooperationspartner“ auflistet. Campact ist wegen „Förderung der Volks- und Berufsbildung“, „Studentenhilfe“, „allgemeinen Förderung des demokratischen Staatswesens“ und „Förderung des bürgerschaftlichen Engagements“ als gemeinnützig anerkannt.

„Gegenüber Gemüse spielt das Trinkwasser eine unbedeutende Nebenrolle in der Nitrataufnahme.“

Das Magazin Cicero schrieb über Campact: „An die Stelle von Argumenten treten Emotionen und Angstkampagnen. Es wird zugespitzt – und kassiert. Denn Campact ist mittlerweile ein hochprofessionelles Protestunternehmen, das auf dem Markt der politischen Bewegungen seine digitalen Dienstleistungen anbietet.“ Roland Tichy fand diese Worte: „Je falscher und je dramatischer Entwicklungen dargestellt werden, um so lauter klingelt es in ihren Kassen. Der Kampf gegen jede Veränderung ist längst zur zentralen Geschäftsidee verkommen – bei Campact kann man den Protest mieten, sich gegen Bezahlung Kampagnen frei Haus und Straße liefern lassen.“ Das Bild von den Bauern, die ihre dicken Schweine in das Wasserglas der Mitbürger koten lassen, wurde von vielen Medien sinngemäß übernommen, insbesondere von ARD und ZDF. Fast alle Medien wurden bei dem etwas komplizierten Thema zu Mitstreitern der populistischen Vereinfacher und Verdreher. Die Kampagne hat damit alle sechs Stufen der üblichen NGO-Kampagnen, wie ich sie in einem Novo-Essay am Beispiel der Greenpeace-Kampagne um die Shell Tankboje „Brent Spar“ beschrieben habe, erfolgreich durchlaufen:

  1. Problem erfinden: Den „Aufreißer“ lieferte das falsche Argument, Nitrat im Grundwasser sei eine Gesundheitsgefahr oder könnte es eines Tages werden. Selbst das UBA kommt nicht umhin zu verkünden „Trinkwasserbedingt kommt die Blausucht bei Kleinkindern in Deutschland schon lange nicht vor.“ Schon lange heißt, solange man sich erinnern kann, auch nie zu Zeiten viel höherer Nitratwerte im Grundwasser. Zugleich verweist das UBA auf die Nitrat-Grenzwerte von Gemüse, wo sie bis zum Hundertfachen über denen beim Trinkwasser liegen können. Gegenüber Gemüse spielt das Trinkwasser eine unbedeutende Nebenrolle in der Nitrataufnahme. Nitrat ist natürlicher Bestandteil aller Lebensmittel und des Trinkwassers. Niemand käme auf dem Unsinn, Gemüse eine Krebsgefahr anzudichten. Nitrat ist nicht krebserregend, alle Verdächtigungen hierzu sind eine groteske Propaganda auf Grundlage längst widerlegter, unbeweisbarer („könnte sein“) oder überholter Thesen.
  2. Moralgeschichte erzählen: Ablenken von jeder wahren Ursache und stattdessen eine Gut-Böse-Geschichte anbieten mit diesen Zutaten: böse und dumme Bauern; skrupellose Lobbyisten; Alleinschuld der „Massentierhaltung“; Ekel erzeugen mit „Gülle im Glas“.
  3. Maßlos übertreiben: „Zeitbombe“, „Flut“, „Brunnenvergiftung“ etc.
  4. Emotionalisieren mit dramatischen Bildern: Große Güllefässer; Kind trinkt aus Wasserglas.
  5. Medien „einbetten“: Die populistisch verbogene „Gut gegen Böse“-Show ist ideal aufbereitet für schnelle Medien, einer schreibt dann vom anderen ab und so steigt die moralische Entrüstung langsam gegen Unendlich. Weil es irgendwann überall steht, werden die Lügen für wahr gehalten.
  6. Öffentliche Meinung verändern: Niemand interessierte sich mehr für die wahren Fakten, es werden Lynchopfer gefordert. Die Opfer ergreifen eingeschüchtert die Flucht aus der Öffentlichkeit um sich und ihre Karrieren zu schützen. Besondere Leidtragende sind die Kinder der Viehbauern, die teilweise als „Vergifterkinder“ in den Schulen mit den vielen zeitgeistkonformen Lehrern gemobbt werden.

„Die Kinder der Viehbauern werden als ‚Vergifterkinder‘ gemobbt.“

Zweck der Kampagne war, ohne jeden Ursache-Wirkung-Beweis, die „Massentierhaltung“ der konventionellen Landwirtschaft als unverantwortliche, krankmachende Brunnenvergiftung in die Medien zu bringen und für sich selbst als „Retter“ und „Mahner“ zu werben und die Wahlurne und den Klingelbeutel aufzuhalten. Man muss allerdings auch sagen: Dass die Kampagne so erfolgreich werden konnte, lag auch an der mangelhaften Pressearbeit des Bauernverbandes und der Landwirtschaftspolitik sowie an konfliktscheuen oder zum Schweigen gebrachten Experten. Sie schweigen oder sprechen keine verständliche Sprache mehr, wehren sich nicht adäquat, fürchten um Karriere und Pfründe.

Ökoglaube und Machtmissbrauch

Der Ökoeifrigen in der EU-Umweltbehörde stiegen mit einer dreisten Täuschung der Öffentlichkeit in diese Kampagne freudig ein. Sie vermeldeten, in Deutschland seien die Nitratwerte so schlecht wie in Malta,und nun müsse endlich was getan werden. Würden hier maltesische Nitratzustände herrschen, hätte tatsächlich schon lange mehr getan werden müssen, aber der EU-Umweltkommissar hat mit der Meldung die Öffentlichkeit vorsätzlich getäuscht oder die Fundis haben (wie bei dem Bundesratsbeschluss zur Nichtzulassung von Verbrennungsmotoren ab 2030) die Entscheider mal wieder übertölpelt und damit gezeigt, wer eigentlich regiert. In Deutschland wird für den „EU-Nitratbericht“ nur eine geringe Auswahl von hoch belasteten Brunnen ausgewertet, in anderen Ländern hingegen eine flächenrepräsentative Auswahl an Brunnen. Darum enthält jeder deutsche Nitratbericht, der Grundlage für die Einstufung durch die EU ist, die eindringliche Warnung, dass die Werte nicht mit denen anderer Länder vergleichbar sind. Politiker unterliegen zunehmend dem Wahn, sie seien die Träger des Fortschritts, sie müssten nur Planziele vorgeben, dann könnten sie alles bewirken, einschließlich der Aufhebung von Natur- und Marktgesetzen sowie von Forschungsergebnissen.

Wenn auf der Internetseite des Bundesumweltministeriums zu lesen ist „Als Fazit ist festzuhalten, dass die Maßnahmen und Programme im Zuge der Nitratrichtlinie erste Wirkung entfalten. Weitergehende Maßnahmen zur Reduktion der landwirtschaftlichen Nitratemissionen wie zum Beispiel die Verbesserung der Düngeverordnung sind dennoch erforderlich“, so überschätzen sie ihren Beitrag zur Lösung des Problems. Die Landwirtschaft ist selbst hoch motiviert, das Problem zu minimieren, die Politik ist oft ein großer Störfaktor dabei, siehe Biogasanlagen. Politiker sind inzwischen wieder stark einem planwirtschaftlichen Denken verhaftet, sie glauben mehr an Ihre Planziele als die DDR-Plankommission das je tat. Politik und Verwaltung haben hier die fatale Tendenz, sich in Einzelfragen vehement einzumischen, wo es viel klüger wäre, im Hintergrund zu lenken und zu schauen. Die Ökoverwaltung hält sich für eine Art Inquisition, deren Segen in Zukunft alle Menschheitsprojekte brauchen.

„Es geht aus ideologischen Gründen gegen die Tierhaltung und eine Landwirtschaft, die die Welt ernährt.“

Höhere Nitratwerte im Grundwasser sind ein Zeichen für die menschliche Existenz über dem Boden, keine Umweltverschmutzung. Die Folgen sind bei neuen Stoffgleichgewichten ökologisch hervorragend beherrschbar. Hier Verhältnisse wie „ohne Menschen“ haben zu wollen, was das Ziel der Ökobürokraten ist, läuft als Nebenwirkung auf ein Ausrottungsprogramm für die Menschheit hinaus. Die Ökokampagnen verschweigen gerne größere Nebenwirkungen ihrer zentralen Mission, der Weltrettung durch eine andere Landwirtschaft. Ein Hebel dazu ist, die Stickstoffdüngung der konventionellen Landwirtschaft zu verteufeln und zu erschweren. Es geht weder um die Volksgesundheit noch um den Umweltschutz, es geht aus ideologischen Gründen gegen die Tierhaltung und eine Landwirtschaft, die die Welt ernährt, aber von Dogmatikern seit 150 Jahren bekämpft wird. Sollen Milliarden Menschen verhungern damit der Beweis erbracht wird, dass die Ökorezepte im größeren Rahmen nicht funktionieren? Der Sinn und die Vorteile der erhöhten Stickstoffdünung für die Menschheit werden gern verschwiegen nach dem unausgesprochenen Motto: Es gibt eh mehr Menschen auf der Welt als die Umwelt verträgt und die Stickstoffdüngung ist einer der Hauptschuldigen an dieser Misere. Nachhaltig kann die Erde bei unseren Wohlstandansprüchen nur eine Milliarde Menschen ernähren, der Rest ist zu viel, müsste weg oder wir müssten unsere Wohlstandsansprüche radikal reduzieren.

Von den eifernden Umweltaktivisten wissen nur wenige, was die Konsequenz ihrer Forderungen,  ihres Hasses auf die konventionelle Landwirtschaft, wäre. Sie leben in einer eigenen Dogmen-Welt, in der kleine Ökobauern zuerst sich selbst und dann die Welt ernähren können. Bei sieben oder zehn Milliarden Menschen ist das ein sicheres Rezept zur Menschheitsreduzierung. Etwas nicht zu wissen, ist bei den heutigen Infomöglichkeiten keine Entschuldigung für blinde Gefolgschaft. Der schwedische Statistiker Hans Rosling meint im Spiegel zu unrealistischen Ökozielen und der Tragfähigkeit der Erde: „Es ist zum Glück verboten, den Holocaust zu leugnen, ich finde es sollte auch verboten sein, einen neuen Holocaust vorzuschlagen.“ Vielleicht machen diese Worte von Prof. Rosling manchen Idealisten endlich die Dimensionen klar, um die es hier gehen kann, wenn man mit Krawall und Angst einen Herdentrieb auslöst.

Die von keinerlei Praxiswissen getrübte Arroganz der planwirtschaftlichen Ökobürokraten erzeugt viel Wut auf Seiten derer, die unmögliche Aufgaben mal so locker erfüllen sollen. Das geht auf die Dauer nicht gut, das ist bürokratischer Machtmissbrauch! Manche Ökobürokraten führen sich auf, als wären sie neue Obergutsinspektoren und alle anderen ihre dummen, faulen, unwilligen Bediensteten. Gängelnde und überhebliche Politiker wird die schweigende Mehrheit des Volkes abwählen, wenn es Alternativen bekommt.

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