15.08.2022

Nicht in Ordnung, aber auch nicht so schlimm

Von Kolja Zydatiss

Titelbild

Foto: Amrei-Marie via Wikimedia / CC BY-SA 4.0

Auch der jüngste Attentatsversuch auf den Schriftsteller Salman Rushdie könnte wieder zu genau dem kulturellen und moralischen Relativismus einladen, mit dem viele im Westen inzwischen gesegnet sind.

Der britische Romancier Salman Rushdie hat einen Mordanschlag auf ihn, verübt bei einem öffentlichen Auftritt im US-Bundesstaat New York, mit schweren Verletzungen überlebt, und zuerst einmal sei festgehalten: Über die Motivlage wissen wir noch sehr wenig. Der Tatverdächtige, die Polizei nennt ihn Hadi M., könnte ein Trump-Anhänger sein, der ein Problem mit indischstämmigen Menschen hat, ein radikaler Tierschützer (vielleicht trug Rushdie Kleidungsstücke aus Leder), vielleicht war es eine Beziehungstat, womöglich haben wir es auch einfach mit einem Verrückten zu tun.

Komplett auszuschließen ist auch nicht, dass der Täter im Namen des sogenannten Islamismus handelte, wobei dieser Begriff natürlich hochproblematisch ist – die amtierende Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung Ferda Ataman etwa setzt ihn stets in Anführungszeichen und die Neuen Deutschen Medienmacher*innen meinen: „Islamismus ist nicht verboten & kein Synonym für Extremist oder Terrorist.“ Die vom Staat für gut befundene und üppig geförderte Organisation mit Genderstern empfiehlt, statt von „Islamisten“ lieber von „Terrorverdächtigen“ zu sprechen. Dass der Islam bei dieser Reformsemantik wie Tau in der Morgensonne verschwindet, wird reiner Zufall sein.

„Der Tatverdächtige könnte ein Trump-Anhänger sein, ein radikaler Tierschützer, vielleicht war es eine Beziehungstat, womöglich haben wir es auch einfach mit einem Verrückten zu tun.“

Zudem sei festgehalten: Einen Menschen umzubringen, oder dies auch nur zu versuchen, ist natürlich nicht in Ordnung. GeradewiralsDeutsche™ haben diese moralische Lehre in den Dekaden seit dem Zweiten Weltkrieg komplett verinnerlicht, so sehr, dass viele von uns radikalpazifistische Sanftmut selbst von einem Volk erwarten, über das gerade eine mordende, folternde, plündernde und vergewaltigende Invasionsarmee herzieht. „Nie wieder Krieg!“ – wenn der Angegriffene sich immer sofort ergibt, ist das ein beinahe realistisches Ziel. Willkommen im Zeitalter der Ultrablitzkriege!

Aber wenn schon gekämpft werden muss, dann ist allerspätestens bei den sogenannten „schweren“ Waffen eine Grenze zu ziehen. Die gehören nicht in die Hände des besagten Volkes, das knappe zwei Flugstunden von uns entfernt lebt, meinen unsere Intellektuellen wie Jürgen Habermas, Richard David Precht, Margot Käßmann und Ulrike Guérot. Und die sind gut, weil links, beziehungsweise letztere war es, bis sie vor kurzem die falschen, also rechte, Ansichten zum Umgang mit der Coronapandemie entwickelte.

Unsere Intellektuellen betonen allerdings bisweilen auch, dass Gewalt nicht immer gleich Gewalt ist. Exemplarisch sei hier der Moraltheologe Eugen Drewermann angeführt. Für den Paderborner (gut, weil 2005 aus einer progressiven Motivation heraus aus der Katholischen Kirche ausgetreten) ist der islamistische Terror nicht nur „die Waffe der Ohnmächtigen“, sondern sogar ein Zeichen von enttäuschter Liebe und ein Flehen nach Zugehörigkeit.

„Gewiss, die Redefreiheit ist ein hohes Gut, mehr oder weniger, aber Redefreiheit heißt nicht Freiheit von Konsequenzen.“

Drewermann sagte diese verständnisvollen Worte im Zusammenhang mit den Terroranschlägen von 11. September 2001 – da wurden immerhin rund 3000 unschuldige Menschen getötet. Wenn es uns vor diesem Hintergrund gelingen kann, unsere westliche, eurozentristische Perspektive für einen Moment aufzugeben, und eine Meile in den Schuhen des geschundenen globalen Südens zu gehen, müsste es eine Leichtigkeit für uns sein, nicht überzureagieren, auf ein bisschen Gemesser am Oberkörper eines dezidiert islamkritischen Schriftstellers.

Und ja, Rushdies Verächtlichmachung des Propheten Mohammed in seinem bekanntesten Werk „Die satanischen Verse“ (1988) ist problematisch. Das erkannte zum Beispiel auch der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter (gut, weil links). Im März 1989 schrieb er unter der Überschrift „Rushdies Buch ist eine Beleidigung“ in der New York Times unter anderem:

„Es ist unsere Pflicht, die Morddrohung zu verurteilen, das Leben des Autors zu schützen und das westliche Recht auf Veröffentlichung und Verbreitung zu achten. Gleichzeitig sollten wir sensibel sein für die Besorgnis und die Wut, die selbst unter den gemäßigteren Moslems herrscht. Ayatollah Khomeinis Angebot des Paradieses für Rushdies Mörder hat dazu geführt, dass sich Schriftsteller und Staatsvertreter in westlichen Ländern fast ausschließlich mit den Rechten des Autors beschäftigen. Obwohl Rushdies Freiheiten nach dem Ersten Verfassungszusatz wichtig sind, neigen wir dazu, ihn und sein Buch zu fördern, ohne anzuerkennen, dass es eine direkte Beleidigung für die Millionen von Moslems ist, deren heiliger Glaube verletzt wurde […].“

„Auch People of Color können ‚gefährliche‘, weil ‚westliche‘ Ideen und Ideologien verinnerlicht haben.“

Gewiss, die Redefreiheit ist ein hohes Gut, mehr oder weniger, aber Redefreiheit heißt nicht Freiheit von Konsequenzen. Das haben, in diesen oder ähnlichen Worten, zum Beispiel Claus Kleber, Lamya Kaddor, Margarete Stokowski und Angela Merkel festgestellt, alles wichtige Leute, die gut, weil links sind, oder zumindest nicht rechts.

Und bevor jetzt irgendein Schlauberger darauf verweist, dass Salman Rushdie doch indisch-muslimischer Herkunft ist, njet towarischi, so einfach ist das nicht. Auch People of Color können „gefährliche“, weil „westliche“ Ideen und Ideologien verinnerlicht haben. Das lernen wir in einem aktuellen Artikel von Julia Neumann, Libanon-Korrespondentin der guten, weil linken taz, über die feministische Aktivistin Masih Alinejad. Letztere kommt aus dem Iran, lebt aber inzwischen im amerikanischen Exil, von wo aus sie iranische Frauen ermutigt, den Hidschab abzulegen und davon ein Video ins Netz zu stellen, weshalb die käseweiße, deutsche Julia ihr eine Art falsches Bewusstsein attestiert. Übrigens war auch Alinejad bereits Ziel eines Attentatsplans, er wurde vom FBI vereitelt.

Sie sehen: Moralischer und kultureller Relativismus ist doch gar nicht so schwer. Und wer nach wie vor ihm fremdelt, sei beruhigt: Wir alle werden in Zukunft wohl noch viele Gelegenheiten zum Üben haben.

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